mini|Dieter Hildebrandt, ein Altmeister des deutschen Kabaretts (2007)

Das Kabarett (Deutschland: [], []; Österreich: []; Schweiz: [])nach adaba:, Österreichisches Aussprachewörterbuch / Österreichische Aussprachedatenbank www.aussprache.at;Duden Band 1. Dudenverlag, 21Mannheim u. a. 1979; S. 388; Wahrig. Deutsches Wörterbuch. Wissen Media, Gütersloh/München 2002, S. 703; Österreichisches Wörterbuch. Österreichischer Bundesverlag 35Wien 1979; S. 215. ist eine Form der Kleinkunst, in der darstellende Kunst (schauspielerische Szenen, Monologe, Dialoge, Pantomime), Lyrik (Gedichte, Balladen) oder Musik oft in Form der Satire oder Polemik miteinander verbunden werden.Kabarett. In: Der Brockhaus multimedial. Mannheim 2008 (CD-ROM). Kabarett ist in seiner Motivation gesellschaftskritisch, komisch-unterhaltend oder (auch) künstlerisch-ästhetisch.Benedikt Vogel: Fiktionskulisse. Poetik und Geschichte des Kabaretts. Paderborn, München 1993, S. 46.

Etymologie Das Wort Kabarett stammt vom französischen cabaret (Schänke oder Kneipe) und wurde später zu Kabarett [] eingedeutscht. Das Wort Cabaret selbst wird international und historisch oft gleichbedeutend mit Revue verwendet. In der Schweiz und in Österreich hat sich wie bei vergleichbaren Begriffen die französische Aussprache [] erhalten. Zuweilen wird auf die Bedeutung des Wortes Kabarett als einer drehbaren Speiseplatte mit kleinen Fächern oder Schüsselchen hingewiesen.

Abgrenzung zu Comedy und Stand-up-Comedy Die Grenzen zwischen Kabarett zu Comedy und Stand-up-Comedy sind bisweilen fließend; so können Künstler wie zum Beispiel Michael Mittermeier, Django Asül, Josef Hader, Alfred Dorfer oder auch Dieter Nuhr immer wieder nur schwer eindeutig dem Kabarett oder der Comedy zugeordnet werden. Grundsätzlich steht im Kabarett eher eine pointierte Kritik öffentlicher Ereignisse oder Personen aus Politik und Gesellschaft durch den Kabarettisten im Mittelpunkt, während bei Comedy und Stand-up-Comedy oft eher die komische Schilderung von Konflikten mit der eigenen Umwelt im Vordergrund steht. Dabei fußt der Effekt des Kabaretts, mehr noch als bei Comedy und Stand-up, auf dem Spiel mit dem Wissen des Zuschauers.Zitat: „Kabarett ist Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums“, aus: Jürgen Henningsen: Die Theorie des Kabaretts. Düsseldorf 1967, S. 9.

Formen Die Verbindung vom Schauspiel mit seinen epischen und dramatischen Elementen, Lyrik und Musik kann sehr unterschiedliche Kabarettformen hervorbringen. Häufige Stilelemente sind die Satire und Parodie, die sich dann in einem Sketch ausdrücken, sowie Sarkasmus und Ironie.

Eine Kabarettveranstaltung ist zuweilen in Nummern (Sketches, Lieder, Parodien, Schmähreden) aufgeteilt, die durch Conférencen verbunden werden. Dieses Nummernkabarett wurde in Österreich u. a. von Josef Hader und Alfred Dorfer zu einer zwanglosen poetischen Erzählung weiterentwickelt. Eine Sonderform stellt das Vortragskabarett dar, wobei hier alle Stilelemente eines konventionellen Bühnenvortrags (Beamer, Overheadprojektor, Flipchart usw.) mit schauspielerischen Elementen (Kostüm, Maske, Gesang usw.) verbunden werden.

Kabarett findet traditionell auf einer Bühne vor Publikum und seit den 1960er Jahren in Hörfunk und Fernsehen statt. Beispiele aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind Scheibenwischer, Mitternachtsspitzen und Neues aus der Anstalt sowie dessen Nachfolge-Sendung Die Anstalt.

Geschichte Anfang der 1880er Jahre wurde in Paris mit dem cabaret artistique von Rodolphe Salis das erste Kabarett eröffnet. Am 18. November 1881 erhielt es den Namen Le Chat Noir und es sollte Es wurde schnell auch zu einer Stätte, in der die Artisten, damit waren im Paris des 19. Jahrhunderts sämtliche Künstler gemeint, ihre Nummern ausprobierten und sich gegenseitig vorführten, bevor sie dem Publikum vorgestellt wurden.

Deutschland mini|hochkant|Lisa Fitz, 2009

Zwanzig Jahre später mietete Ernst von Wolzogen in Berlin in der Alexanderstraße 4 die Sezessionsbühne und eröffnete am 18. Januar 1901 die Kleinkunstbühne Überbrettl, die jedoch bereits mit Ende der Spielzeit 1902/03 in Liquidation ging.Frank Eberhardt: Das »Bunte Theater« in der Köpenicker Straße (= Berlinische Monatsschrift. Heft 8/2000).

Etwa zur selben Zeit bildete sich in München die Gruppe Elf Scharfrichter, die ihr Kabarett nach einer Europatournee und anschließender Auflösung der Gruppe 1904 nach Wien brachten. Hier gab es allerdings schon seit 1901 das Kabarett von Felix Salten.

Einer der ersten Kabarettstars in Deutschland war Otto Reutter, dessen Couplets inzwischen 100 Jahre überdauert haben. Die strenge Theaterzensur im Kaiserreich sorgte dafür, dass im Kabarett des beginnenden 20. Jahrhunderts jegliche Form der öffentlichen Kritik verboten war. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Zensur auf Theater und Kabarettprogramme aufgehoben, und die Kabarettisten konnten ab 1919 auf die aktuellen politischen Entwicklungen und die soziale Situation der Menschen eingehen. In dieser Zeit blühte das deutsche Kabarett erstmals auf und brachte neben Otto Reutter, der bis 1931 sein Alterswerk schuf, so unterschiedliche Künstler wie Claire Waldoff, Werner Finck (1929–1935 beim Kabarett Die Katakombe), Hans Deppe, Isa Vermehren, Rudolf Platte, Ivo Veit oder Karl Valentin (auch Direktor des Münchener Kabaretts Wien-München) hervor. Für das Kabarett schrieben damals angesehene Autoren wie Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Klaus Mann verfasste für das Kabarett seiner Schwester Erika Mann, Die Pfeffermühle, Couplets und Texte. mini|hochkant|Eingang zum academixer-Keller in Leipzig

Ab der Machtübernahme der NSDAP wurden diese geistvolle Zeitkritik bekämpft und die Akteure verfolgt, mit schwerwiegenden Folgen für das Kabarett in Deutschland: Finck zum Beispiel wurde 1935 verhaftet und im KZ Esterwegen interniert, Tucholsky starb Ende desselben Jahres an einer Überdosis Tabletten. Max Ehrlich wurde am 1. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Viele der deutschsprachigen Kabarettisten begaben sich ins Exil in die Schweiz, nach Frankreich, Skandinavien oder in die USA. Die Folge war, dass es in Deutschland selbst nur noch das staatlich kontrollierte Kabarett gab, das immer stärker zu einer Bühne für volksdeutsche Witzeerzähler verkam oder das Publikum zum Durchhalten aufforderte. Zeit- oder Systemkritik selbst starb jedoch nicht aus, konnte aber nur noch unter der Hand in privatem Kreis erfolgen. mini|hochkant|Urban Priol, 2025

Ab 1945 sorgten die Besatzungsmächte dafür, den Deutschen die Gräuel der nationalsozialistischen Herrschaft näher zu bringen. Zur Umerziehung gehörte auch das kulturelle Leben. So halfen die Kulturoffiziere der Militärregierungen dabei, Theater und Kabarett in Gang, neue und bisher verbotene Stücke auf die Bühne zu bringen. Fast vergessen ist, dass es unmittelbar nach 1945 auch in der sowjetischen Besatzungszone eine relativ freie Kabarettszene gegeben hat, so in Leipzig das von Ferdinand May 1945 gegründete Literarische Kabarett (ab 1947 Die Rampe). Erst Mitte der 1950er Jahre wurden die freien Kabaretts durch das propagandistische Kabarett ersetzt. Im Westen wurden schnell Themen wie die Bundesregierung des damaligen Kanzlers Konrad Adenauer, der Kalte Krieg und später die Auswüchse des Wirtschaftswunders auf diversen Kabarettbühnen angeprangert, darunter die Tol(l)eranten in Mainz (mit Hanns Dieter Hüsch), das Kom(m)ödchen in Düsseldorf (mit Kay und Lore Lorentz), Die Schaubude in München (1945–1948 mit Ursula Herking, Bum Krüger, Hellmuth Krüger, Monika Greving, Karl Schönböck, Bruno Hübner) - der ein paar Jahre nach der Schließung die Kleine Freiheit und noch später die Münchner Lach- und Schießgesellschaft (mit Dieter Hildebrandt, Klaus Havenstein, Achim Strietzel, Ursula Herking, Hans Jürgen Diedrich und Sammy Drechsel) folgten - sowie Die Stachelschweine in Berlin (mit Rolf Ulrich, Inge Wolffberg, Günter Pfitzmann, Jo Herbst, Wolfgang Gruner, Achim Strietzel).

Die vielfältigen Probleme der ständig gefährdeten Insel der Freiheit West-Berlin wurden vorwiegend in Günter Neumanns (1913–1972) Kabarett Die Insulaner glossiert.

Die Programme dieser Kabarettisten der 1950er Jahre wurden durch die Entdeckung der Satire als kabarettistisches Stilmittel erstmals große Publikumserfolge, die sich auch im jungen deutschen Fernsehen fortsetzten. 1953 wurde in Berlin-Ost Die Distel als erstes staatliches Kabarett der DDR eröffnet – zensiert, aber mit listig verhüllten DDR-Sticheleien. Weitere ostdeutsche Kabaretts wie die Kneifzange und die Leipziger Pfeffermühle folgten, hatten aber beim Wortwitz stets auf die besonderen Gäste im Publikum zu achten, die man, so Peter Ensikat, sofort daran erkannte, Das DDR-Kabarett war alsbald in die staatlichen Theater-Strukturen eingebunden und musste den „scharfen Grat zwischen Anpassung und verschlüsselter Kritik“ begehen, wo es „zuweilen virtuos die Quadratur des Kreises seilzutanzen“ hatte, wie Volker Kühn als „graue Eminenz des Kabaretts“Katinka Strassberger: Bayern 2, radioThema, 29. November 2013. und ausgewiesener Kenner seiner Geschichte feststellte.Volker Kühn (Hrsg.): Hierzulande – Kleinkunststücke 5, ab 1970. Quadriga 1994, ISBN 3-88679-165-3, S. 237.

In den 1960er Jahren waren es in Westdeutschland vor allem Kabarettisten wie Wolfgang Neuss (Das jüngste Gerücht, Neuss Deutschland (eine Zeitung), Die Villon Show, Asyl im Domizil), Heinz Erhardt (Noch’n Gedicht) oder Werner Finck (Kabarett Nebelhorn in Zürich), die neben den großen Kabarett-Ensembles aus Düsseldorf, München und Berlin dem Zeitgeist ihren Wortwitz entgegensetzten. Ende der 1960er Jahre spaltete die Studentenbewegung Teile des Kabaretts in Deutschland. Künstler wie Hanns Dieter Hüsch wurden ausgepfiffen, weil die Studenten in ihnen Teile des Establishments sahen. Die erstmals 1966 bei den Wühlmäusen zu sehende kabarettistische Großform (Autor dieses Programms war Heio Müller) wurde von weiteren Kabaretts aufgegriffen.

mini|hochkant|Volkmar Staub (links) und Florian Schroeder (rechts) während einer Kabarettaufführung