mini|Judenpogrom in Straßburg (Émile Schweitzer, 1894) Beim Judenpogrom in Straßburg am 14. Februar 1349 (Valentinstag) wurden in gewaltsamen Ausschreitungen die Juden in der Stadt Straßburg getötet. Der Chronist Fritsche Closener sprach von etwa zweitausend Opfern.

Seit dem Frühjahr 1348 kam es – beginnend in Frankreich – zu Pogromen an Juden in europäischen Städten. Über Savoyen griffen sie dann bis November desselben Jahres auf deutschsprachiges Gebiet über.Kalendarium dazu bei Alfred Haverkamp 1981, S. 35–38. Im Januar 1349 wurden in Basel und Freiburg Juden lebendig verbrannt. Am 14. Februar wurde die gesamte jüdische Gemeinde in Straßburg ermordet.

Dieses tragische Pogrom ist eng mit dem Aufstand der Zünfte verbunden, der sich fünf Tage zuvor ereignete. Nachdem 1332 eine blutige Auseinandersetzung der vorherrschenden Adelsgeschlechter der Müllenheim und der Zorn stattfand, haben andere die Macht übernommen, darunter die inzwischen einflussreichen adeligen Stettmeister (Bürgermeister) Jakob Sturm von Sturmeck und Conrad Kuntz von Winterthur. Auf den Posten des damals neu geschaffenen bürgerlichen Ammeisters (Ratssprecher) war jetzt Peter Schwaber gewählt worden, der den Juden der Stadt Schutz garantierte. Die Zünfte, denen ein großer Teil der Bevölkerung half, lehnten sich insbesondere gegen Schwaber auf und hielten seine Macht für zu großDer Chronist Fritsche Closener schreibt dazu: „sü woltent den gewalt minren und glichern.“ (Closener, S. 128, Z. 14f) und seine Politik zu „judenschonend“.Drei Chronisten schildern ausführlich die Geschehnisse in Straßburg: 1. Closener; 2. Twinger von Königshofen; 3. Mathias von Neuenburg.

Einzelheiten Der Judenhass in der Bevölkerung Judenhass war in der damaligen Gesellschaft tief verwurzelt und fand vor allem in religiösen Ressentiments (Hostienschändung, Ritualmord, Christusmord, Weltverschwörung u. a.) Ausdruck.

Viele Juden hatten als Kreditgeber eine wichtige Position in der städtischen Wirtschaft, wurden dafür aber im Volk schlecht angesehen.„[Die Juden seien] also hochtragenden můtes, daz sü niemanne woltent vorgeben, und wer mit in hette zů dunde, der kunde kume mit in uberein kummen.“ (Closener, S. 127, Z. 7–9). Dabei waren die Juden wirtschaftlich durch enorme Abgaben und Steuern belastet, die ihnen vor allem für die Gewährung von Schutz abverlangt wurden. Formal gehörten die Juden zwar noch zur Kammer des Königs, die Rechte hatte dieser faktisch jedoch schon längst an die Stadt abgegeben (die Bestätigung der betreffenden städtischen Rechte durch Karl IV. erfolgte bereits 1347.S. Haverkamp 1981, S. 69, ohne Angabe der Quelle.) Straßburg nahm also den größten Teil der jüdischen Steuern ein, hatte dafür aber den Schutz der Juden zu übernehmen (die genauen Steuerleistungen regelten Verträge, z. B. der Trostbrief des Jahres 1338, als Reaktion auf die antijüdische Armlederbewegung im Elsass ausgestellt). Um die Forderungen der Stadt bewältigen zu können, mussten die Juden entsprechend wirtschaften und förderten damit wieder den Hass vonseiten der Bevölkerung und vor allem vonseiten der Schuldner.Dilcher, S. 24.

Vor dem Hintergrund der drohenden Pest wurde im Volk den Juden die Schuld am Schwarzen Tod durch Brunnenvergiftung vorgeworfen und offen ihre Verbrennung gefordert.„Des murmelte daz volk gemeinliche, und sprochent man solt sü verburnen.“ (Closener, S. 127, Z. 12).

Die Judenschutzpolitik der Regierung Im Gegensatz zum Großteil der Bevölkerung hielten der Rat und die Meister an der Politik des Judenschutzes fest und versuchten, das Volk zu beruhigen und einen unkontrollierten Pogrom zu verhindern.

Taktische Maßnahmen Der Rat versuchte zunächst, das Gerücht von der Brunnenvergiftung zu entkräften, indem er ein Gerichtsverfahren gegen einige Juden anstrengte und sie foltern ließ.Closener, S. 127, Z. 16f. Obwohl wie erwartet kein Geständnis der Angeklagten erfolgte,Closener, S. 127, Z. 15f; Neuenburg, S. 267, Z. 4–6, mit anderer Tendenz. ließ man sie aufs Rad flechten. Des Weiteren sperrte man das jüdische Wohnviertel und ließ es von bewaffneten Wachen schützen.Closener, S. 127, Z. 17–24. Die Meister wollten den Rechtsweg gegenüber den Juden einhalten, was in einer Situation, in der sie selbst angefeindet wurden, sicher auch der Selbsterhaltung und Machtsicherung diente.Haverkamp 1977: „In dieser Furcht [vor Aufständen] drückt sich zweifellos auch die Labilität der Herrschaftsverhältnisse in den damals noch weit überwiegend patrizisch beherrschten größeren deutschen Städten aus.“ (S. 82f) Ein Pogrom konnte sich leicht zu einem unkontrollierbaren Volksaufstand ausweiten, wie es ein Jahrzehnt vorher die Armlederbewegung schon gelehrt hatte. Dass die Gefahr eines Aufruhrs nun für akut gehalten wurde, beweist ein Brief des Kölner Stadtrats vom 12. Januar 1349 an die Straßburger Führung, der warnt, dass in anderen Städten solche Zusammenrottungen des einfachen Volkes schon zu vielerlei Übel und Verwüstung geführt hätten.Haverkamp 1981, S. 66 (s. dort Anm. 156). Darüber hinaus konnten die Unruhen den Gegnern die Möglichkeit geben, die Macht zu ergreifen. Die Bürger selbst waren ja auf ähnliche Weise an die politische Führungsposition des Ammeisters gekommen, als sie den offen ausgebrochenen Streit zwischen den Adelsfamilien der Zorn und Müllenheim ausgenutzt hatten.Vgl. Closener, S. 122f.

Die Schutzpflicht gegenüber den Juden Als faktischer Judenherr hatte die Stadt die Pflicht, ihre Juden zu schützen, zumal diese dafür beträchtliche Summen als Gegenleistung erbrachten. Darauf wies auch Peter Swarber hin: Die Stadt habe sich bezahlen lassen und dafür eine befristete Sicherheitsgarantie – mit Brief und Siegel – gegeben. Das solle die Stadt den Juden gegenüber auch einhalten.„men hette gůt genomen von den Juden und hette sü getrœstet uf ein zil und hette in des besigelte briefe geben, das solte in die stat ouch halten.“ (Twinger v. Königshofen, S. 761, Z. 4–6). So konnte und wollte er einer Ermordung der Juden nicht zustimmen, worin ihn die Angst vor negativen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt sicherlich noch bestärkte. Eine Schwächung der Stadt bedeutete auch eine Schwächung des bürgerlichen Patriziats, das für die Betreibung des Fernhandels auf geregelte politische Verhältnisse und eine gesunde städtische Wirtschaft angewiesen war.Dollinger zufolge sind die Bürger „im wesentlichen Kaufleute und vor allem große Handelsherren“ (Dollinger, S. 198), denen es darauf ankommt, „die Geschäfte zu fördern und in Friedenszeiten den Wohlstand der Stadt zu sichern, der die Grundlage ihres eigenen Wohlstandes bildet“ (ebd., S. 200). Gerade den Juden fiel dabei eine wichtige Rolle zu: Bei größeren Investitionen war man von ihren Krediten abhängig, sie sorgten durch ihre überregionale Tätigkeit als Bankiers für eine positive Handelsbilanz Straßburgs und füllten überdies mit ihren Steuerleistungen die Stadtkasse.Nach Battenberg verbietet die Kirche den Christen die Zinsnahme und so fällt den Juden die Aufgabe zu, „das Kreditbedürfnis der mittelalterlichen Gesellschaft“ zu befriedigen (Battenberg, S. 134f). Zum Zinsverbot siehe und , die sich beide auf Darlehen an Arme beziehen, sowie die allgemein gehaltenen Stellen und Es gab also genügend Gründe, am Judenschutz festzuhalten.

Der Umsturz Die Motivation der Stettmeister blieb den übrigen Straßburgern wohl verborgen, ihnen schien im Gegenteil eine andere Ursache viel wahrscheinlicher: Man munkelte, die Meister hätten sich von den Juden bestechen lassen, dass sie sie so vehement gegen den Willen der Allgemeinheit schützten.„[Sie] sprochent under einander, die drige meister hettent gůt genomen von den Juden, das sü sü also fristetent wider aller mengliches wille.“ (Twinger von Königshofen, S. 761, Z. 10f.) Deshalb galt es nun zunächst die Meister zu entmachten, um dann den Volkswillen durchsetzen zu können.

Der Aufruhr der Handwerker Durch die Schilderungen der Chronisten ergibt sich ein detailliertes Bild von den Vorgängen um die Absetzung der Meister. Am Montag, dem 9. Februar, kamen die Handwerker vor dem Münster zusammen und eröffneten den Stettmeistern vor versammelter Menge, dass sie sie nicht mehr in ihrem Amt lassen wollten, weil sie zu viel Macht hätten.„[Sie] sprochent do offenlich zu den meistern, sü woltent sü nüt me zu meistern haben, wand irs gewaltes were zu vil.“ (Closener, S. 128, Z. 13f.) Diese Aktion war allem Anschein nach unter den Zünften abgesprochen, denn sie trugen ihre Zunftbanner mit sich und traten zünftisch geordnet auf.Closener, S. 128, Z. 8f. Die Meister versuchten ihrerseits, die Handwerker zur Auflösung der Versammlung zu bewegen, allerdings ohne nachhaltigen Erfolg, sie machten aber auch keine Anstalten, der Forderung der Aufrührer nachzukommen.Ausführlicher als bei Closener, Twinger v. Königshofen, S. 761, Z. 15–28. Die Handwerker entschlossen sich nach einer eingehenden Beratung, an der neben Vertretern der Zünfte auch die Vornehmsten der Ritter, der Dienstleute und der BürgerVgl. Closener, S. 128, Z. 23 teilnahmen, zu einem neuen Anlauf. Jetzt wurde den Meistern endgültig klar, dass niemand mehr hinter ihnen stand, so dass sie ihre Ämter aufgaben. Neuer Ammeister wurde „Betscholt der metziger“.Twinger von Königshofen, S. 763, Z. 3f. Damit hatten die Zünfte ihre Ziele erreicht: Das letzte Hindernis auf dem Weg zu der von ihnen geforderten Judenvernichtung war beseitigt und eine größere Mitwirkungsmöglichkeit in der Stadtpolitik war verwirklicht.Closener, S. 128, Z. 24 – S. 129, Z. 19.

Die Hintermänner des Umsturzes Die 1332 von der Macht verdrängten Adelsfamilien der Zorn und der Müllenheim versuchten ihre alte Stellung zurückzugewinnen, doch dazu mussten sie mit den Zünften koalieren.Vgl. Graus, S. 176. Sie bewaffneten sich gleichzeitig mit den Handwerkern, als diese vor das Münster gingen,Twinger von Königshofen, S. 761, Z. 12–15. sie waren an den Beratungen während des Aufstandes beteiligt und Adelige waren es auch, die die Forderungen im Namen der Handwerker an die Stettmeister stellten.Twinger von Königshofen, S. 761, Z. 34 – S. 762, Z. 15; nach Haverkamp war der Groshans Marx Ritter, Claus Lappe ein Zorn (Haverkamp 1981, S. 64). Die Adligen kooperierten aber nicht nur mit den Zünften, sondern auch mit dem Straßburger Bischof. Dies beweist das Treffen, das einen Tag vor dem Umsturz stattgefunden hatte und bei dem es um die „Judenangelegenheit“ gegangen war.Neuenburg, S. 267, Z. 14–16. Es hatte bei diesem Treffen nur darum gehen können, auf welche Weise man sich der Juden entledigte, denn dass man sich ihrer entledigte, war schon knapp einen Monat vorher beschlossen worden. Damals waren der Straßburger Bischof, Vertreter der drei Städte Straßburg, Freiburg und Basel und elsässische Herrschaftsträger in Benfeld zusammengekommen, um das Verhalten gegenüber den Juden abzusprechen (die Teilnehmer hatten sich 1345 in einem Landfriedensbündnis zusammengeschlossen, gerichtet gegen jede Art von AufruhrSiehe Haverkamp 1977, S. 82; das Benfelder Treffen bei Twinger von Königshofen, S. 760.). Um dieses Engagement des Bischofs und des elsässischen Landadels wusste auch Peter Swarber, weshalb er warnt: Wenn der Bischof und der höhere Adel sich ihnen gegenüber in der „Judenangelegenheit“ durchsetzten, so würden sie nicht ruhen, bis ihnen dies auch in allen anderen Fällen gelänge.„Si episcopus et barones in hoc eis prevaluerint, nisi et in aliis prevaleant, non quiescent.“ (Neuenburg, S. 266, Z. 7f.). Swarber warnt also vor einer Gefährdung der städtischen Unabhängigkeit. Doch konnte er damit niemand von der judenfeindlichen Einstellung abbringen.

Das Resultat des Umsturzes