Blue Velvet ( für „Blauer Samt“; Alternativtitel: Blue Velvet – Verbotene Blicke) ist ein US-amerikanischer surrealistischer Thriller aus dem Jahr 1986. Regie führte David Lynch, der auch das Drehbuch verfasste. Erzählt wird die Geschichte des Collegestudenten Jeffrey Beaumont, der unter die Oberfläche einer idyllischen US-amerikanischen Kleinstadt geführt und dort mit Gewalt, Korruption und sadomasochistischen Sexualpraktiken konfrontiert wird.
Der Film stieß nach seiner Veröffentlichung auf positive Resonanz, löste aber auch Kontroversen bis hin zu Demonstrationen aus. Heute hat der Film Kultstatus erreicht.
Handlung Weil sein Vater eine Wirbelkörperfraktur erlitten hat, lässt sich der junge Jeffrey Beaumont für einige Wochen vom College beurlauben und kehrt in seinen Heimatort zurück, die friedliche Kleinstadt Lumberton in North Carolina. Blumen blühen vor strahlend weißen Gartenzäunen, der Feuerwehrmann winkt fröhlich im Vorüberfahren.
Auf dem Rückweg vom Krankenhaus, wo Jeffrey seinen Vater besuchte, findet der Student auf einer Wiese ein abgeschnittenes menschliches Ohr. Er übergibt es bei der örtlichen Polizei an Detective John Williams. Dieser möchte ihm wegen der noch laufenden Ermittlungen nichts über den Stand der Erkenntnisse verraten und bittet ihn, über die Angelegenheit zu schweigen. Jeffrey beschließt daraufhin aus jugendlicher Neugier, dem Fall auf eigene Faust nachzugehen.
Sandy, die Tochter von John Williams, bringt ihn auf die Spur der Nachtclub-Sängerin Dorothy Vallens. Jeffrey verkleidet sich als Kammerjäger und wird von Dorothy eingelassen. Während sie von einem Besucher in einem gelben Sakko abgelenkt wird, findet Jeffrey einen Zweitschlüssel zu der Wohnung und nimmt ihn an sich. Später verschafft er sich mit dem Zweitschlüssel Zutritt zu Dorothys Wohnung und versteckt sich im Wandschrank, als sie unerwartet zurückkehrt. Sie entdeckt ihn, bedroht ihn mit einem großen Messer und will mit ihm schlafen, treibt ihn jedoch wieder zurück in den Wandschrank, als es an der Tür klopft. Im Schrank wird er Zeuge, wie Frank Booth an Dorothy ein sexualisiertes Ritual vollzieht, und erfährt, dass Frank Dorothys Ehemann und Kind entführt hat und gefangen hält. Das Ohr, das Jeffrey gefunden hat, stammt von Dorothys Mann.
Jeffrey beschließt, mehr über die Entführer von Dorothys Familie herauszufinden. Er beschattet Frank und dessen Handlanger und macht Fotos von ihnen. Auch der Mann mit dem gelben Sakko taucht wieder auf. In der Nähe geschieht ein Mord an einem Drogendealer, an dem Franks Komplizen schuld zu sein scheinen. Jeffrey geht zu Dorothy und schläft mit ihr. Es stellt sich heraus, dass sie masochistische Bedürfnisse hat. Als er zur Tür hinaustritt, trifft er auf Frank und seine Begleiter. Sie zwingen ihn und Dorothy, in ihr Auto zu steigen. Sie kommen an einem Etablissement vorbei, wo im Nebenraum Dorothy offenbar ihren entführten Sohn kurz besucht. Frank und seine ebenso unberechenbaren Kameraden schüchtern die beiden vollkommen ein. Am Ende der Fahrt schlägt Frank Jeffrey zusammen und lässt ihn irgendwo außerhalb von Lumberton liegen.
Als Jeffrey am folgenden Tag erwacht, geht er zu Sandys Vater, dem Polizisten, um ihm von seinen Erlebnissen zu berichten und ihm die Fotos von Frank und seinen Männern zu zeigen. Der Mann, der stets ein gelbes Jackett trägt, entpuppt sich als ein Kollege des Polizeiinspektors. Später geht er mit Sandy zu einer Party, wo sie sich ihre Liebe gestehen. Nach der Party verfolgt Sandys ehemaliger Freund das Paar und hält sie bei Jeffreys Haus an. Als er Jeffrey zur Rede stellen will, sehen sie Dorothy nackt, verletzt und weinend im Garten vor dem Haus stehen. Jeffrey und Sandy fahren Dorothy zum Haus von Sandys Eltern und rufen dort den Krankenwagen.
Jeffrey begibt sich ein weiteres Mal in Dorothys Wohnung und findet dort den zu Tode gefolterten Ehemann von Dorothy und den schwer verletzten Polizisten im gelben Jackett vor. Als er gehen will, sieht er Frank kommen. Mit der Waffe des Polizisten versteckt er sich erneut im Wandschrank und erschießt Frank, als der ihn entdeckt. Danach kehrt wieder Ruhe in Jeffreys Leben ein. Er hat eine Beziehung mit Sandy, und Dorothy ist wieder mit ihrem Kind vereint.
Entstehungsgeschichte „Es begann mit dem Lied Blue Velvet von Bobby Vinton, das 1964 herauskam. Durch das Lied kam ich auf die Idee mit dem Geheimnis, das sich hinter der Fassade einer ruhigen Kleinstadt verbarg“, erinnert sich David Lynch, dem anschließend immer mehr Einfälle kamen, aus welchen sich ein Rahmen für eine Geschichte bildete.Deutsche DVD: Blue Velvet, Specials – Dokumentation Mysteries of Love Vintons Popsong kletterte damals auf Platz eins der US-Charts und wurde sein international bekanntestes Stück.
Allerdings dauerte es eine gewisse Zeit, bis die Story tragfähig war, und Lynch schrieb über mehrere Jahre hinweg vier Drehbuchentwürfe. Noch vor den Arbeiten zu seinem Spielfilmerstling Eraserhead Anfang der 1970er Jahre gelang ihm schließlich eine – aus seiner Sicht – filmreife Version.Donlon: David Lynch, S. 72. Der junge Regisseur fand jedoch keinen Produzenten, der sich bereit zeigte, in diese abstruse Geschichte zu investieren.Neumann: Blue Velvet. In: Enzyklopädie des phantastischen Films. Band 1 (Filme A-B), S. 5. mini|hochkant|David Lynch, Autor und Regisseur (1990).
So lag das Projekt auf Eis. Lynch inszenierte zunächst Der Elefantenmensch und den Science-Fiction-Film Der Wüstenplanet, der von dem Produzenten Dino De Laurentiis finanziert wurde. De Laurentiis hatte sich mit Lynch während der gemeinsamen Arbeit gut verstanden und ermöglichte ihm schließlich die Realisierung von Blue Velvet, nicht zuletzt, weil er in der Story die Gelegenheit witterte, an den Publikumserfolg ebenso existentiell tiefsinniger Filme wie The Outsider (1983) oder Rumble Fish (1983) von Francis Ford Coppola anzuknüpfen.Neumann: Blue Velvet. In: Enzyklopädie des phantastischen Films. Band 1 (Filme A-B), S. 6.
Die Dreharbeiten sollten im Januar 1985 beginnen. Doch bald merkte man, dass nicht genug Geld vorhanden war, weshalb De Laurentiis Lynch vorschlug, sein Honorar und das Budget zu kürzen. Im Gegenzug überließ er ihm die künstlerische Kontrolle.Fischer: David Lynch – Die dunkle Seite der Seele, S. 109. Lynch akzeptierte und bekam so die ihm wichtige künstlerische Freiheit, das Recht auf den Endschnitt und die Zusage, dass sich die Produzenten nicht mehr einmischen würden.Rodley: Lynch über Lynch, S. 183.
Bei der Besetzung der Charaktere hatte Lynch drei bestimmte Schauspieler im Kopf: Helen Mirren oder Hanna Schygulla als Dorothy Vallens und Val Kilmer als Jeffrey Beaumont. Als Schygulla nach der Lektüre des Skripts jedoch ablehnte und Lynch auf einem Empfang in New York die Bekanntschaft mit Isabella Rossellini machte, bat er sie, die Rolle anzunehmen. Sie las das Drehbuch in einer Nacht durch und teilte ihm sogleich mit, dass sie die Rolle gerne übernehmen werde. So war Helen Mirren aus dem Spiel. Kilmer lehnte ähnlich wie Schygulla das Drehbuch wegen „pornographischer Szenen“ ab. Lynch entschied sich am Ende für Kyle MacLachlan, mit dem er bereits in Dune – Der Wüstenplanet gearbeitet hatte. Lynch im Nachhinein: „Ich finde ihn perfekt für die Jeffrey-Rolle, weil er etwas Unschuldiges an sich hat. Er ist außerdem neugierig.“
Die Dreharbeiten begannen am 10. Februar 1986 und dauerten bis zum 22. April 1986. Gedreht wurde in dem Studiokomplex von Dino De Laurentiis’ Produktionsfirma in Wilmington, North Carolina. „Es existierte maximal eine Soundstage, und er [De Laurentiis] ließ in Windeseile neue bauen“, erinnert sich Lynch in einem Interview. „Ein Betonfundament, vier Wände hochgezogen und ’n Deckel drauf. (…) Als Sound Stages konnte man sie wirklich nicht bezeichnen. Doch wir bekamen eine, die für Blue Velvet gar nicht so schlecht war. Dinos Firma wollte an die Börse, wir waren die kleinste Produktion, daher brauchten sie uns keine Beachtung zu schenken. Wir fühlten uns völlig frei.“Rodley: Lynch über Lynch, S. 182. Die Produktionskosten beliefen sich am Ende auf sechs Millionen US-Dollar.
Insgesamt wurden deutlich mehr Szenen gedreht, als schließlich in den fertigen Film aufgenommen wurden. 2011 wurde der größte Teil der Szenen, die nicht in der Postproduktion herausgeschnitten wurden, in einem Lager in Seattle entdeckt. 2014 wurden sie erstmals auf der Bluray-Ausgabe zum 25. Geburtstag des Films veröffentlicht. Die insgesamt 51 Minuten enthalten unter anderem Szenen von Jeffrey an der Universität und wie er auch dort voyeuristischen Handlungen nachgeht. Ein größerer Teil der aufgefundenen Szenen zeigt Jeffrey und Sandy innerhalb ihrer Familien, auch Sandys Freund Mike, der im fertigen Film nur kurz auftaucht, hat mehrere Szenen.
Inszenierung Farben David Lynch spielt in Blue Velvet sehr stark mit Farben, vor allem mit Blau, Rot und Weiß. Der dunkelblaue Samtvorhang am Anfang des Films gibt den Blick auf eine idyllische Kleinstadt frei, indem er einen strahlend blauen Himmel, einen allzu weißen Gartenzaun und prachtvolle rote Rosen zeigt. Diese drei Farben finden sich auch in der Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika, und der Schluss liegt nahe: Diese Kleinstadt steht möglicherweise für viele amerikanische Kleinstädte bzw. das ganze Land.Seeßlen: David Lynch und seine Filme, S. 80. Dieses Farbendreieck zieht sich durch den gesamten Film, wirkt und funktioniert aber am besten am Anfang und am Ende: „das Rot der Rosen vor dem Haus, des Blutes, der Lippen der Frau; das Blau des Himmels, des samtenen Vorhangs, der Nacht, der Augenlider von Dorothy; das Weiße des Gartenzauns, der Kleidung Sandys, des Lichts.“ Auch stehen Sandy und ihre hellen Farbvariationen für das Unschuldige, das Reine. Ein weiterer Farbaspekt dieser Postkartenidylle ist die Tatsache, dass mit dem Gelb einiger Rosen eine Art Warnsignal entsteht. Wie eine Ampel, die den Weg für ein Hinabtauchen unter die Oberfläche dieser vermeintlichen Idylle freigibt: rot, gelb, grün.Seeßlen: David Lynch und seine Filme, S. 82.
Zu Beginn des Films ist Jeffreys Umgebung weitgehend „blaufrei“, so fährt er zum Beispiel ein rotes Auto mit weißen Sitzen, als er Sandy von der Schule abholt. Spätestens in dieser Szene wird klar, dass „in ihm das Blau noch fehlt, die Erfahrung der Nacht“.Seeßlen: David Lynch und seine Filme, S. 81. Dorothy aber ist von Anfang an mit Blau assoziiert, und wenn sie sich schließlich mit ihrem samtenen, blauen Morgenmantel Jeffrey nähert, hat die Konfrontation des Collegestudenten mit der „Unterwelt und Sexualität“ begonnen. Der Filmtitel Blue Velvet kann deshalb auch als Metapher verstanden werden: „Velvet ist ein Begriff für Geld und Reichtum; blue velvet meint das Geld, das in der Nacht gemacht wird, das Geld, das mit Leidenschaft und Sexualität verdient wird.“
Symbolik Neben den Farben lädt Lynch in Blue Velvet auch andere Dinge symbolisch auf.