mini|William Henry Fox Talbot, Daguerreotypie von Antoine Claudet (1844) mini|Titelseite des ersten Teils von The Pencil of Nature (1844) William Henry Fox Talbot (* 11. Februar 1800 in Melbury, Grafschaft Dorset, England; † 17. September 1877 in Lacock Abbey, Grafschaft Wiltshire, England) war ein britischer Fotopionier.
Seine nachhaltigste Leistung erreichte er auf dem Gebiet der Fotografie. Hier entwickelte er das Prinzip des Negativ-Positiv-Verfahrens, das die Vervielfältigung eines fotografischen Bildes durch Abzüge vom Negativ ermöglichte. Es wurde zur Grundlage aller wesentlichen fotografischen Prozesse seit etwa 1860 – zuvor dominierte die zeitgleich mit Talbots Entdeckungen entstandene Daguerreotypie.
Leben mini|Miss Horatia Feilding, Halbschwester Talbots, frühe Kalotypie (um 1842) mini|Constance Fox Talbot, die Frau von William Henry Fox Talbot, die er 1832 heiratete, circa 1840 William Henry Fox Talbot war das einzige Kind des Armeeoffiziers William Davenport Talbot (1764–1800) aus Lacock Abbey, und dessen Frau Elisabeth Theresa (1773–1846), das älteste Kind von Henry Thomas Fox-Strangways, 2. Earl of Ilchester (1747–1802) und Mary Theresa († 1790). Er war erst fünf Monate alt, als sein Vater hoch verschuldet starb. So lebten Mutter und Sohn einige Jahre lang unter sehr bescheidenen Bedingungen. 1804 heiratete seine Mutter den Navy-Offizier Charles Feilding (1780–1837), der zwei Töchter, Caroline Augusta und Henrietta Horatia Maria (1810–1851), in die Ehe einbrachte.
Nachdem er anfänglich zu Hause unterrichtet wurde, besuchte er ab 1811 die Harrow School. Am 17. Juni 1817Ward, Harry Marshall. In: John Archibald Venn (Hrsg.): Alumni Cantabrigienses. A Biographical List of All Known Students, Graduates and Holders of Office at the University of Cambridge, from the Earliest Times to 1900. Teil 2: From 1752 to 1900, Band 6: Square – Zupitza. Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 107 (online). wurde er als „Pensioner“ für ein Studium am Trinity College in Cambridge zugelassen. 1819 wurde er „Scholar“. 1820 gewann Talbot den Porson Prize für eine griechische Verskomposition. Ein Jahr später graduierte er als zwöftbester seines Jahrgangs als Bachelor of Arts (B.A.). 1825 beendete Talbot sein Studium der Klassischen Literatur und der Mathematik als Master of Arts (M.A.).
In der Zeitschrift Annales de mathématiques pures et appliquées veröffentlichte Talbot von 1822 bis 1823 sechs Beiträge zur Mathematik.
1824 war Talbot in München zufällig mit dem britischen Astronomen John Herschel zusammengetroffen. Das war die Grundlage einer Freundschaft und Zusammenarbeit, die vermutlich wesentlich dazu beigetragen hat, dass Talbot sich intensiv mit der Erforschung des Lichts und optischer Phänomene auseinandersetzte. Herschel machte ihn 1826 mit David Brewster bekannt, der ebenfalls über das Licht forschte. Brewster zeigte großes Interesse an Talbots Arbeit, veröffentlichte dessen Artikel in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Edinburgh journal of science (ab 1832 The London and Edinburgh philosophical magazine and journal of science mit herausgegeben von Richard Taylor (1781–1858) und Richard Phillips). Der erste Beitrag darin erschien 1826 unter dem Titel Some experiments on coloured flames (Einige Versuche über gefärbte Flammen). Er blieb ihm lebenslang freundschaftlich verbunden.
Am 20. Dezember 1832 heiratete Talbot Constance Mundy (1811–1880) aus Markeaton (Derbyshire). Fast gleichzeitig wurde er als Kandidat der „Whigs“ (der Reformpartei) ins Parlament gewählt. Als Politiker engagierte er sich nicht auffallend; er besuchte die Sitzungen regelmäßig, ergriff aber selten das Wort.
Die Familie unternahm die damals üblichen Bildungsreisen auf dem europäischen Kontinent, aus denen sich für Talbot nützliche persönliche Kontakte ergaben, aber auch erste Anstöße für seine späteren Arbeiten auf dem Gebiet der Fotografie. Während die anderen Mitglieder der Reisegruppe in Italien mehr oder weniger geläufig Skizzen der Sehenswürdigkeiten anfertigten, sah Talbot sich außerstande, etwas Brauchbares zustande zu bringen, obwohl er eine Camera lucida als Zeichenhilfe benutzt hatte. Später erinnerte er sich, dass er damals begann, „nachzudenken über die unnachahmliche Schönheit der Bilder, von der Natur gemalt, welche durch die Glaslinse der Camera auf das Papier in ihrem Brennpunkt geworfen wird […] ich verfolgte die Idee […] wie reizvoll es wäre […] diese natürlichen Bilder haltbar zu machen und auf dem Papier festzuhalten“.The Correspondence of William Henry Fox Talbot Project in der Universität Glasgow
Talbot starb nach längerer Krankheit am 17. September 1877 in seinem Arbeitszimmer in Lacock Abbey und wurde in Lacock beerdigt.
Fotografie Schattenzeichnung, Glasklischeedruck, Photogene Zeichnung In den Jahren nach 1834 gelangen Talbot die Entdeckungen, die ihm einen Platz in der Geschichte der Fotografie sicherten. Während der Parlamentspause im Oktober 1833 hielt er sich mit seiner Frau und seinen beiden Halbschwestern am Comer See auf. Wieder scheiterte er bei seinen Versuchen, die Schönheiten der Umgebung mit dem Zeichenstift wiederzugeben, dieses Mal mit Hilfe einer „Camera lucida“: „Wenn das Auge sich von dem Prisma löste – in dem alles schön ausgesehen hatte – fand ich, dass der treulose Stift auf dem Papier nur traurige Spuren hinterlassen hatte“.Einleitung zu The Pencil of Nature 1844. Erst im Frühjahr 1834 fand er auf Lacock Abbey Zeit, sich seinem besonderen Problem zu widmen. Er präparierte normales Schreibpapier mit verschiedenen Lösungen von Natriumchlorid und Silbernitrat und machte es auf diese Weise lichtempfindlich, legte undurchsichtige Objekte darauf und setzte es der Sonne aus. Die belichteten Partien verfärbten sich dunkel, die übrigen blieben hell. Die so entstandenen Fotogramme nannte er sciagraphs (Schattenzeichnungen).
Während eines Aufenthalts in Genf setzte Talbot im Herbst 1834 seine Versuche fort. Seine Papiere waren noch nicht lichtempfindlich genug, um in einer Kamera verwendet zu werden. Er bat daher einen befreundeten Künstler, in eine lichtdicht beschichtete Glasplatte eine Zeichnung zu ritzen, kopierte dieses Negativ mehrfach auf seine lichtempfindlichen Blätter und begründete so eine grafische Technik, die später cliché-verre genannt wurde. Im Sommer 1835 experimentierte Talbot mit verschiedenen Chemikalien, um Papierbeschichtungen zu entwickeln, die zur Verwendung in einer Kamera geeignet waren. Ihm wurde klar, dass er die Negative, die er dabei erhielt, beliebig oft wieder auf lichtempfindliches Papier kopieren könnte, um tonwertrichtige Bilder zu bekommen. Überall auf seinem Anwesen platzierte er Versuchskameras für lange Belichtungszeiten – grob gearbeitete Kistchen, nur fünf bis acht Zentimeter groß, die von seiner Frau Constance „Mausefallen“ genannt wurden. Das früheste erhaltene Papiernegativ stammt vom August 1835, eine kleine Aufnahme des Erkerfensters von Lacock Abbey. Nur seine Familie wusste zu diesem Zeitpunkt von seinen Entdeckungen, für eine Veröffentlichung schien es ihm noch zu früh.
In den nächsten drei Jahren verfolgte Talbot andere wissenschaftliche Projekte, so schrieb er ein Buch über Altertumsforschung („Hermes, or Classical and Antiquarian Research“). Erst im November 1838 begann er wieder mit fotografischen Experimenten und bereitete sich in aller Ruhe darauf vor, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Im Januar 1839 traf aus Paris die Nachricht ein, Louis Jacques Mandé Daguerre sei es gelungen, die Bilder der camera obscura haltbar zu machen. Details waren noch nicht bekannt, aber Talbot musste jetzt um die Anerkennung seiner Erfindung fürchten. Eilig bemühte er sich darum, seine Methode öffentlich vorzustellen, obwohl sie noch nicht sehr leistungsfähig war. Seine Schrift Some account of the art of photogenic drawing, or the process by which natural objects may be made to delineate themselves without the aid of the artist’s pencil (Ein Bericht über die Kunst der Photogenen Zeichnung oder der Prozess, durch welchen natürliche Gegenstände sich selbst abbilden, ohne Hilfe durch den Stift eines Künstlers) wurde am 31. Januar 1839Some account of the art of photogenic drawing, or the process by which natural objects may be made to delineate themselves without the aid of the artist’s pencil. In: Abstracts of the papers printed in the Philosophical transactions of the Royal Society of London. Band 4, 1843, S. 120–121 (doi:10.1098/rspl.1837.0051, ). vor der Royal Society verlesen. Drei Wochen später erklärte Talbot selbst dort seine Arbeitsweise. Die Technik hatte nun auch einen neuen Namen: Photogene Zeichnung.
Sieben Monate danach wurde deutlich, dass Daguerre ein völlig anderes Verfahren benutzte. Die Frage der Priorität an der Erfindung der Fotografie schien dennoch entschieden. Daguerre konnte einzelne, sehr eindrucksvolle Resultate vorweisen und wurde durch die französische Regierung und die Öffentlichkeit seines Landes nachdrücklich unterstützt, man betrachtete die Weitergabe der Erfindung als Geschenk Frankreichs an die Welt. Talbot dagegen bekam keine offizielle Unterstützung, die „Royal Society“ lehnte es sogar ab, seine Arbeit über die Fotografie in ihren regelmäßigen Veröffentlichungen zu berücksichtigen.
Kalotypie mini|Tafel XIV aus „The Pencil of Nature“, 1844 Seine Freunde David Brewster und John Herschel veranlassten Talbot, trotz der frustrierenden Erfahrungen intensiv weiter zu arbeiten. Herschel machte eigene Experimente und entdeckte eine Möglichkeit, die verwendeten Silbersalze nach dem Entwickeln an weiterer Reaktion zu hindern – er nannte den Vorgang „Fixieren“, sowohl Talbot als auch Daguerre wendeten ihn an. Herschel prägte auch die Begriffe „Photographie“, „Positiv“ und „Negativ“ für Talbots Arbeiten. Der Sommer 1840 war für englische Verhältnisse ungewöhnlich lang und sonnig, so machte Talbot wesentliche Fortschritte. Bisher benötigte er für ein brauchbares Papiernegativ Belichtungszeiten von etwa einer Stunde. Nun fand er heraus, dass auch eine kurze Belichtung in der Größenordnung von ein bis drei Minuten in seinen Papieren eine ausreichende, wenn auch zunächst unsichtbare Veränderung verursachte. Mit Hilfe eines chemischen Entwicklers konnte er daraus ein vollwertiges Negativ machen. Die Aufnahme erfolgte auf Jodsilberpapier, wurde in Gallussäure und Silbernitrat entwickelt, in Natriumthiosulfat fixiert, durch Baden in Wachs transparent gemacht und schließlich wiederum auf Jodsilberpapier zum Positiv umkopiert. Dieses verbesserte Verfahren nannte Talbot „Calotype Photogenic Drawing“, es wurde bekannt als Kalotypie (kalos = altgriechisch „schön“) oder Talbotypie.