mini|Autorenbild des Dioskurides aus dem Kodex Medicina antiqua (um 1250) fol. 133 recto mini|Linke Titelblattseite einer arabischen Abschrift von De materia medica Pedanios Dioskurides (, und Pedianus Anazarbeus Dioscorides) aus Anazarbos bei Tarsos in der römischen Provinz Kilikien (heute Landschaft in Kleinasien), kurz meist Dioskurides, war ein griechischer Arzt im Römischen Reich, der im 1. Jahrhundert in der Epoche des Kaisers Nero (54–68) lebte und sein Werk in griechischer Sprache verfasste. Dioskurides ist einer der bekanntesten Ärzte der Antike und gilt mit seinem drogenkundlichen Werk Über Arzneistoffe (De materia medica) als Pionier der Pharmakologie. Bis ins 17. Jahrhundert galt seine aus fünf Büchern bestehende Materia Medica als Standardwerk der Pharmazie sowie der Pflanzen- und Arzneidrogenkunde.

Leben und Werk Zur Person und zum Leben des Dioskurides, einem Zeitgenossen des älteren Plinius, ist nur wenig bekannt. Hinweise darauf ergeben sich aus der Vorrede seiner Materia medica („Über Arzneistoffe“)John Scarborough, Vivian Nutton: The preface of Dioscorides’ De materia medica: Introduction, translation, commentary. In: Transactions and studies of the College of Physicians of Philadelphia. Band 4, 1982, Nr. 3, S. 187–227. sowie Erwähnungen bei Erotianos, wahrscheinlich Vespasian sowie später bei Galenos (ca. 129 bis 216) und in einigen byzantinischen Texten.John Scarborough: Dioscorides of Anazarbus for Moderns. In: Pharmacy in History, Band 49 (2007), S. 76–80 ()John Scarborough: Dioscorides. In: Roger S. Bagnall et al. (Hrsg.): The Encyclopedia of Ancient History. Wiley, 2012. S. 2137–2138 ()

Demnach wurde Dioskurides wahrscheinlich während der Regierungszeit von Tiberius oder Caligula in Anazarbus geboren und in Tarsos ausgebildet, womöglich vom Arzt Lekanios Areios von Tarsos,; John Marion Riddle: Dioscorides on Pharmacy and Medicine. 1985, S. 7. dem Dioskurides später seine Materia medica widmete. Tarsos war damals ein bedeutendes Zentrum botanisch-pharmakologischer Forschung im Römischen Reich.

Aus der kurzen Bemerkung, er habe das Leben eines Soldaten bzw. ein soldatenähnliches Leben geführt (in der griechischen Quelle: oistha gar hemin stratiotikon ton bion, Vorrede 4), wurde in der frühen Forschung versucht, eine ganze Biografie zu rekonstruieren. Bis heute ist unklar, ob Dioskurides jemals als Militärarzt (unter Claudius und Nero) tätig war und falls ja, für wie lange und ob als Soldat oder Zivilist. Den Stand der Forschung fasste 1982 eine Diskussion zwischen den Medizinhistorikern John Scarborough und Vivian Nutton einerseits und John M. Riddle andererseits zusammen. Riddle argumentiert, dass die von Dioskurides beschriebenen Pflanzenhabitate nicht mit den damaligen Standorten der römischen Truppen korrelieren und sich in der Materia medica verhältnismäßig wenige Mittel für die Behandlung von Wunden finden würden, dafür aber zahlreiche für Menstruationsbeschwerden. Scarborough und Nutton hingegen gehen davon aus, dass Dioskurides zumindest kurz, wohl als Zivilist, für die Armee im Osten des Reiches tätig war. Unstrittig ist hingegen, dass Dioskurides weitgereist war, vermutet werden Besuche in griechischsprachigen Gemeinschaften in Ägypten, Syrien, Palästina, Asia minor, Sizilien, Norditalien und dem südlichen Gallien.

Für die Datierung wird die Erwähnung eines Laecanius Bassus in der Vorrede herangezogen. Traditionell wird hier vom Konsul des Jahres 64 ausgegangen, die jüngere Forschung tendiert hingegen zu dessen Adoptivsohn, der 78/79 oder 80/81 Prokonsul der Provinz Asia war.Andrew Dalby: Dioscorides extended: the Synonyma Plantarum Barbara. In: Mesas luso-brasileiras: alimentação, saúde & cultura. Band 1 (2018), S. 21–35 () Eine etwas spätere Datierung würde erklären, warum Plinius das Werk des Dioskurides nicht berücksichtigte. Plinius starb im Jahr 79 während des großen Vesuvausbruchs.

Sein Hauptwerk , lateinisch , verfasste Dioskurides aufgrund von Autopsie und unter Heranziehung umfangreicher älterer, heute größtenteils verlorener Literatur in griechischer Sprache. Das Werk ist unterteilt in fünf Bücher, die bereits Galenos nach Vollständigkeit und Gründlichkeit als maßgebliches Handbuch anerkannte. Daneben sind unter dem Namen Dioskurides noch mehrere weitere Werke überliefert, die heute großteils als Pseudepigraphie betrachtet werden.

Die dem Areios von Tarsos gewidmete, 60 bis 78Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 9. entstandene, „“ umfasst ca. 1000 Arzneimittel (813 pflanzlichen, 101 tierischen und 102 mineralischen Ursprungs) und bietet 4740 medizinische Anwendungen. Das lateinisch De materia medica genannte Werk gliedert sich in fünf Hauptteile („Bücher“): Aromatische Kräuter oder Gewürze, Öle, Salben; Pflanzensäfte, Gummis, Harze und Früchte von Bäumen und Sträuchern Tiere, Teile von Tieren, tierische Produkte (darunter Honig, Milch und Fett), Getreide, Topfkräuter und Gemüse sowie „mit einer Schärfe begabte“ Kräuter Wurzeln, Säfte, Kräuter und Samen, „die sowohl dem gewöhnlichen als auch dem arzneilichen Gebrauch dienen“ vorher nicht genannte Wurzeln und Kräuter, Schwämme und Pilze Weinsorten, Mineralien und andere anorganische Substanzen wie Erze, Steine und Erden.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 39.Ulrich Stoll: Dioskurides, Pedanios, 1. Jh. n. Chr. 2005, S. 309–312 (‚De materia medica‘ – Inhalt und Aufbau).

Anders als die zuvor übliche alphabetisch oder nach äußerlichen Merkmalen geordnete Behandlung des gesamten Arzneistoffs verwendet Dioskurides erstmals eine Systematik nach der qualitativen Verwandtschaft, der medizinischen Wirksamkeit bzw. pharmakologischen Wirkung der einzelnen Arzneimittel, wobei auch tiermedizinische, (distanzierend zitiert) magische und nichtmedizinische (vor allem den Haushalts- und Kosmetikbereich betreffende) Verwendungen nicht fehlen.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. S. 38–51. Vorbildcharakter für spätere Kräuterbücher (etwa das von RufinusLynn Thorndike, Francis S. Benjamin Jr. (Hrsg.): The herbal of Rufinus [= Liber De virtutibus herbarum …], edited from the unique manuscript. Chicago 1945; anastatische Nachdrucke ebenda 1946 und 1949 (= [nur die Nachdrucke] Corpus of mediaeval scientific texts. Band 1).) bis in die frühe Neuzeit hatte mehr noch Dioskurides’ Methode der Pflanzenbeschreibung: der Name der Pflanze und Synonyme, Herkunft, botanische Beschreibung, medizinische Eigenschaften, (noch im 20. Jahrhundert gültigeVarro E. Tyler, L.R. Brady, J.E. Robbers: Pharmacognosy. 8. Auflage. Philadelphia 1981.) Zeitpunkte der Ernte, Zubereitung und Anwendung, gegebenenfalls auch Hinweise auf Lagerung, Aufdeckung von Verfälschungen usw. Bereits die älteste und zugleich wichtigste überlieferte Dioskurides-Handschrift, der prachtvoll illustrierte „Wiener Dioskurides“ (Cod. med. gr. 1, ÖNB) von 512/3 n. Chr., bietet zudem (ebenso wie spätere Handschriften) kunsthistorisch wichtige Abbildungen der besprochenen Heilpflanzen. Strittig ist aber, ob Dioskurides selbst seinem Werk schon Illustrationen beigab, ein Verfahren, das auf Krateuas (ca. 100 v. Chr.) – neben dem Verfasser eines nicht erhaltenen Werkes De materia medicus Sextius Niger (ca. 30 n. Chr.), Hauptquelle von Dioskurides – zurückgeht und den Erfolg des Dioskurides in MittelalterVgl. auch John M. Riddle: Dioskurides im Mittelalter. In: Lexikon des Mittelalters. Band 3, 1986, Sp. 1095–1097. und Renaissance entscheidend mitbestimmte. Unabhängig davon wirft die moderne Identifikation der von Dioskurides beschriebenen Pflanzen erhebliche Probleme auf.

Die Arzneimittelkunde des Dioskurides (in alten, unter anderem italienischen Texten auch Diascorides oder Dyascorides geschriebenVgl. Gustav Ineichen: El libro Agregà de Serapiom. Volgarizzamento di frater Jacobus Philippus de Padua. Edito per la prima volta (= Civiltà veneziana. Fonti e testi. Ser. 3: Lettere, musica e teatro. Band 1, ). 2 Bände (Teil 1: Testo, Teil 2: Illustrationi Libguistiche). Istituto per la collaborazione culturale, Venedig/Rom 1962–1966. Zugleich Habilitationsschrift Zürich 1963, passim.Vgl. etwa Johannes Gottfried Mayer: Das ›Leipziger Drogenkompendium‹ (Leipzig, Universitätsbibliothek, Cod. 1224) und seine Quellen ›Circa instans‹, ›Aggregator‹ (Pseudo-Serapion), ›Macer floridus‹ (bzw. ›Älterer deutscher Macer‹), ›Liber graduum‹ (Constantin) und ›Liber iste‹. In: Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil zum 65. Geburtstag (= Texte und Wissen. Band 3). Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-1851-6, S. 207–263, hier: S. 225–261, passim.), in zahllosen, immer wieder neuen Bearbeitungen, Paraphrasen und Übersetzungen (lateinisch, syrisch, arabisch, englisch, hebräisch, türkisch und mehr) verbreitet, behauptete für über 1600 Jahre uneingeschränkt ihre autoritative Geltung in Abendland und Orient auf dem Gebiet der Pharmazie, der Pflanzen- und Drogenkunde und ist als eines der einflussreichsten Werke in der Geschichte der Medizin und Pharmakologie überhaupt zu betrachten. Die Verbreitung der durch Carl von Linné begründeten Taxonomie im 18. Jahrhundert und der Aufstieg der organischen Chemie im 19. Jahrhundert verdrängte seine Nutzung auch aus der Alltagspraxis von Kräuterkunde, pharmazeutischer Herstellung und Anwendung.

Rezeption Überlieferung und Rezeption der Materia medica sind hochkomplex und immer noch Gegenstand der Forschung. Insbesondere die lateinische Tradition gilt weiterhin als wichtiges Forschungsdesiderat.Iolanda Ventura: Auf der Suche nach einem Phantom. In: Romance Philology, Band 71 (2017), S. 697–728 ()

Griechische Tradition Die Materia medica wurde bereits im frühen 2. Jahrhundert bearbeitet, Galen (griechisch Galenos) erwähnt die Redaktion eines sonst unbekannten Johannes (Ioannis medici).Max Wellmann: Pedanii Dioscuridis Anazarbei De materia medica libri quinque. Band 2. S. V–XXVI (Praefatio) Als besonders guter Repräsentant der Fassung in fünf Büchern gilt die Handschrift Paris grec 2179 aus dem 9. Jahrhundert.Grec 2179 in der Bibliothèque nationale de France. Die Umarbeitung in ein alphabetisches KräuterbuchVgl. auch John M. Riddle: Dioskurides im Mittelalter. In: Lexikon des Mittelalters. Band 3 (1986), Sp. 1095–1097, hier: Sp. 1096, und Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 11 und 13. mit 400 bis 450 Kapiteln fand wahrscheinlich im 3. Jahrhundert statt und wurde prominent von Oreibasios benutzt. Diese Redaktion repräsentieren die berühmten Handschriften Wien (um 512, Cod.med.gr. 1, genannt Wiener Dioskurides) und Neapel (um 600).

Die ältesten bekannten Textzeugen sind Papyrus-Fragmente aus dem 2. Jahrhundert (P. Mich. inv. 3On Materia Medica, 2.76.2; 76.7–18 als Teil der Ausstellung The Art and Science of Healing: From Antiquity to the Renaissance. Kelsey Museum of Archaeology, University of Michigan Library. und P. Tebt. II 679Brighten Your Winter Day with Images from “Botanical Icons”. Blog der University of Chicago Press, 25. Januar 2024.) und aus der Zeit um 400 (Johnson PapyrusJohnson Papyrus in der Library of Congress.).