Sexuelle Orientierung, auch Sexualorientierung oder Geschlechtspartner-Orientierung, erfasst die nachhaltigen Interessen einer Person bezüglich des Geschlechts beziehungsweise der Geschlechtsidentität (Gender) von potentiellen Partnern auf der Basis etwa von Reproduktionsinteresse, Emotion, romantischer Liebe, Sexualität und Zuneigung. Von sexuellem Verhalten unterscheidet sich die Orientierung durch den Bezug auf Gefühle und Selbstkonzept. Darauf basierendes sexuelles Verhalten kann stattfinden, muss aber nicht. Zwischen zwei Extremen herrscht eine stufenlose Vielfalt.American Psychological Association: Sexual Orientation & Homosexuality. In: APA.org. 2008, abgerufen am 10. Juni 2021 (englisch).

Für dasselbe Themengebiet wurden und werden auch die Bezeichnungen Geschlechtsneigung, sexuelle Veranlagung, sexuelle Ausrichtung, sexuelle Neigung verwendet oder Sexualpräferenz oder sexuelle Identität, die aber meist weitreichendere oder teilweise andere Definitionen enthalten.

Kategorien und Abgrenzung

Kategorien bezüglich der geschlechtlichen Präferenz Die bekanntesten sexuellen Orientierungen, die sich auf die geschlechtliche Präferenz beziehen, sind: Heterosexualität – ausschließlich oder überwiegend Menschen des anderen Geschlechts sind von Interesse Homosexualität – ausschließlich oder überwiegend Menschen des gleichen Geschlechts sind von Interesse Bisexualität (von der lateinischen Vorsilbe bi- „zwei“) – Anziehung zu Menschen des eigenen und zu Menschen anderen Geschlechts

Weitere Kategorien sind: Polysexualität – Menschen verschiedenen, aber nicht allen sozialen oder körperlichen Geschlechts, können von Interesse sein. Pansexualität – Menschen jeglichen sozialen oder körperlichen Geschlechts können von Interesse sein. Bei der Pansexualität liegt der Fokus auf dem Charakter eines Menschen, während das Geschlecht als Egalität empfunden wird. Omnisexualität – Menschen jeglichen sozialen oder körperlichen Geschlechts können von Interesse sein. Bei der Omnisexualität ist anders als bei der Pansexualität das individuelle Geschlecht für die Anziehung relevant.

Kategorien bezüglich der Ausprägung der Präferenz Einige Kategorien, die die sexuelle Orientierung über die geschlechtliche Präferenz hinaus definieren können, sind: Asexualität – Menschen sind unabhängig von deren Geschlecht in sexueller Hinsicht für asexuelle Personen nicht oder nur wenig von Interesse. Im Gegensatz zu den anderen sexuellen Orientierungen trifft der Begriff der Asexualität aber keine Aussage über die gefühlsmäßige Ausrichtung oder die romantische Orientierung. Abrosexualität – Menschen, deren Sexualität sich in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen ändern kann Autosexualität – Menschen, die sexuelle Erfahrungen überwiegend bis ausschließlich mit sich selbst präferieren.

Bedeutungen der Kategorien Für eine Einteilung sind die überwiegenden und zeitlich anhaltenden Interessen von Bedeutung. Die Kategorien alleine können im allgemeinen Sprachgebrauch folgende verschiedene Bedeutungen haben:Erwin J. Haeberle: Bisexualitäten – Geschichte und Dimensionen eines modernen wissenschaftlichen Problems. In: E. J. Haeberle, R. Gindorf: Bisexualitäten – Ideologie und Praxis des Sexualkontaktes mit beiden Geschlechtern. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1994, S. 1–39.

ein Verhalten (etwa situationsgebundene Homosexualität im Gefängnis, Jugenderlebnisse) ein Zustand („homosexuell sein“), eine Persönlichkeitseigenschaft, eine Wesensart eine soziale Rolle (verschiedene Art und Weisen, wie Menschen in der Gesellschaft etwa als „Bisexuelle“ leben)

Ein Homosexueller, Bisexueller oder Heterosexueller ist also entweder jemand, der ein bestimmtes Verhalten zeigt, oder jemand, der sich in einem bestimmten Zustand befindet, oder jemand, der eine bestimmte soziale Rolle spielt. Heute gibt es in den meisten westlichen Ländern die Tendenz, alle drei Bedeutungen zu bündeln. Verhalten, Zustand und soziale Rolle sind demnach verschiedene Aspekte des gleichen Phänomens, der sexuellen Orientierung.

Selten wird folgende Einteilung verwendet: Androphilie – überwiegend Männer sind von Interesse Pansexualität/Bisexualität Gynäkophilie – überwiegend Frauen sind von Interesse

Dies kann vor allem bei der Beschreibung von inter- und transgeschlechtlichen Menschen sowie dritten Geschlechtern anderer Kulturen Vorteile bieten, wo die anderen Begriffe manchmal Verwirrung stiften.Beispiel: Nancy H. Bartlett, Paul L. Vasey: A Retrospective Study of Childhood Gender-Atypical Behavior in Samoan Faʻafafine. In: Archives of Sexual Behavior. Band 35, Nummer 6, Dezember 2006, doi:10.1007/s10508-006-9055-1, S. 659–666.

Asexualität

Asexualität wird oftmals zu den sexuellen Orientierungen hinzugerechnet, auch wenn der Begriff sich nur auf die aktive Sexualität selbst bezieht, nicht auf die romantische Attraktion (welche bei anderen Sexualitäten übereinstimmt). Hierbei wird oft das Split Attraction Model verwendet, um zu erklären, dass die sexuelle Attraktion nicht unbedingt mit der Ausrichtung der emotionalen oder romantischen Anziehung oder dem Verhalten im Hinblick auf den Austausch von Zärtlichkeiten übereinstimmt. Kinsey verwendete neben seiner siebenstufigen Skala auch eine Kategorie X für jene, die weder von Männern noch von Frauen sexuell erregt oder angezogen werden. Aktuell (Stand 2023) finden international und auch im deutschsprachigen Raum Forschungen zur Asexualität statt.Nadine Schlag: Asexualität. Eine diskursive Annäherung. In: Michaela Katzer, Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.): Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Praxisorientierte Zugänge. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016, ISBN 978-3-8379-6799-9, S. 209–224.Andrzej Profus: Unsichtbares sichtbar machen. Asexualität als sexuelle Orientierung. In: Michaela Katzer, Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.): Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Praxisorientierte Zugänge. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016, ISBN 978-3-8379-6799-9, S. 225–242.

Bisexualität

Je nach Methode und deren Verwendung gibt es unterschiedliche Kriterien für diese Kategorie. Durch die multidimensionale Betrachtungsweise hat sich auch die Auffassung von Bisexualität verändert, ist aber noch immer sehr unterschiedlich. Früher wurde sie sowohl bei Laien als auch in der wissenschaftlichen Literatur als eine Durchgangsphase gesehen oder als eine Verleugnung der eigenen Homosexualität betrachtet.Kim Ritter, Heinz-Jürgen Voß: Being Bi. Bisexualität zwischen Unsichtbarkeit und Chic. Wallstein-Verlag, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3402-1.Kim Ritter: Jenseits der Monosexualität: Selbstetikettierung und Anerkennungskonflikte bisexueller Menschen. Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, ISBN 978-3-8379-2945-4. Heute gilt sie als eigene sexuelle Orientierung.Jeremy Jabbour et al.: Robust evidence for bisexual orientation among men. In: PNAS. Online-Vorabveröffentlichung vom 20. Juli 2020, doi:10.1073/pnas.2003631117. Betrachtet man bisexuelle Männer und Frauen, ist die Richtung der sexuellen Empfindungen in jüngeren Jahren weniger prädikativ für die spätere sexuelle Orientierung im Gegensatz zu hetero- oder homosexuellen Männern und Frauen.

Fritz Klein definierte verschiedene Arten von Bisexualität und konzentrierte sich dabei vor allem auf das Erleben: transitionale (als Übergangsphase zur Homo- oder Heterosexualität) historische (als vergangene sexuelle Orientierung) sequentielle (Phasen mit ausschließlich heterosexuellen Beziehungen weichen Phasen mit ausschließlich homosexuellen Beziehungen) gleichzeitige (homo- und heterosexuelle Beziehungen werden parallel geführt)

M. W. Ross führte noch weitere Kategorisierungen von Bisexualität ein und bezog somit auch das Verhalten mehr ein: abwehrende (um Homosexualität abzuschwächen oder zu verheimlichen) verheiratete (wenn jede und jeder in einer Gesellschaft heiraten muss) rituelle (wenn homo- und heterosexuelle Beziehungen kulturelle Normen sind) equal (wenn die sexuelle Orientierung bedeutungslos ist, weil das Geschlecht keine Rolle in der Sexualität spielt, nahestehend zur Pansexualität) latino (wenn die sexuelle Rollenaufteilung beim Analverkehr strikt ist) experimentelle (nur wenige homosexuelle Kontakte) sekundäre (wenn keine heterosexuellen Möglichkeiten da sind, etwa im Gefängnis) technische (wenn etwa lesbische Frauen sich Männern prostituieren)

In der alltäglichen Verwendung des Begriffs und in der Selbstidentifikation bewegt es sich zwischen jedem, der sich mit beiden Geschlechtern Sex vorstellen kann, und jenen, die vollinhaltliche Beziehungen mit beiden Geschlechtern leben wollen. Letztere bezeichnen sich öfter und dauerhafter als bisexuell. Im Englischen gibt es für Menschen, die sich nicht als bisexuell identifizieren, aber ein gewisses Interesse an einer Beziehung oder sexueller Aktivität fühlen oder zeigen, den Begriff bi-curious (auch bicurious geschrieben; dt. ‚bineugierig‘). Der Begriff impliziert zwar, dass man keine oder nur wenig sexuelle Erfahrung hat, wird aber öfters auch später in der Selbstbeschreibung weiterverwendet, wenn man sich durch die anderen Begriffe nicht adäquat beschrieben fühlt.

In Untersuchungen werden auch mehr als zufällige Bisexuelle oft der Gruppe der Homosexuellen zugeschlagen, primär wegen der meist kleinen Stichprobengröße. Und trotz der Anmerkung Kinseys aus dem Jahre 1948 und der geänderten Auffassung stellte Sell noch 1997 die dominante Forschungsperspektive fest, die Menschen als 100 % heterosexuell oder 100 % homosexuell klassifiziert. Dies zeigt sich bis heute in der Mainstream-Meinung der westlichen Kultur.Stephen M. Horowitz, David L. Weis, Molly T. Laflin: . In: Journal of Sex Research. August 2001, bei findarticles.com Im Prinzip findet sich dies auch in einer bestimmten Sichtweise wieder, die nur heterosexuelle Menschen und heterosexuelle Menschen mit einem homosexuellen Problem wahrnehmen.Kim Ritter, Heinz-Jürgen Voß: Being Bi. Bisexualität zwischen Unsichtbarkeit und Chic. Wallstein-Verlag, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3402-1, S. 29–34. In einer aktuellen Untersuchung hat sich die Soziologin Kim Ritter mit den spezifischen Diskriminierungserfahrungen bisexueller Menschen befasst. Diese würden nicht einfach durch Homophobie abgedeckt, sondern trügen darüber hinausgehende Diskriminierungs-Elemente.

Pädophilie/Pädosexualität

In der Fachwelt wird aus verschiedenen Gründen öfter darüber diskutiert, ob echte Pädophilie – bei der das primäre sexuelle Interesse Personen gilt, die noch nicht die Pubertät erreicht haben – im engeren Sinn (nicht Machtinteressen, Sadismus oder Ersatzhandlungen) als sexuelle Orientierung, Ausrichtung, Präferenz oder Neigung anzusehen ist.

Als Lösungsansatz teilen Ahlers, Schaefer und Beier 2005 die menschliche Sexualität auf die folgenden drei Komponenten auf.Ahlers, Schaefer, Beier: Spektrum der Sexualstörungen und ihre Klassifizierbarkeit in DSM-IV und ICD-10. In: Sexuologie. 12 (3/4), 2005, S. 145. Diese Aufteilung wird schon diskutiert, hat sich aber noch nicht durchgesetzt. sexuelle Orientierung: Sie bezieht sich auf das Geschlecht, also männlich oder weiblich, und es gibt Heterosexualität, Bisexualität und Homosexualität. sexuelle Ausrichtung: Sie bezieht sich auf das Alter der bevorzugten Sexualpartner und es wird unterschieden nach Interesse am kindlichen, jugendlichen und erwachsenen Körper. sexuelle Neigung: Sie bezieht sich auf die Sexualpraktiken, also die Art und Weise, wie jemand seine Sexualität auslebt oder ausleben möchte. Die Bandbreite der sexuellen Neigungen ist groß und kann zum Beispiel Sadismus, Masochismus, Voyeurismus, Exhibitionismus oder Fetischismus umfassen.