Der Papageitaucher (Fratercula arctica) – auch Papageientaucher oder Puffin genannt – ist eine Vogelart aus der Familie der Alkenvögel (Alcidae). Die Art brütet in Erdhöhlen an und auf Klippen oder an deren Fuß im Nordatlantik sowie im westlichen Nordpolarmeer. Aufgrund der gebietsweise stark schrumpfenden Populationen stuft die IUCN den Papageitaucher seit 2015 als Vulnerable (gefährdet) ein.Factsheet auf BirdLife International
Merkmale Altvögel mini|Porträtfoto Mit einer Körperlänge von 28 bis 34 cm und einer Flügelspannweite von 50 bis 60 cm ist der Papageitaucher etwa so groß wie eine Haustaube. Männchen sind etwas größer und schwerer als Weibchen; so hatten auf der Insel Skomer vor Wales gefangene Männchen im Mittel eine Flügellänge von 159,9 mm und wogen im Mittel 391 g, Weibchen erreichten eine Flügellänge von 158,9 mm und ein Gewicht von 361 g.R. E. Ashcroft: Breeding biology and survival of Puffins. Unpublished Ph.D. thesis, University Oxford 1976. zit. in: Urs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 8/II, Charadriiformes (3. Teil) Schnepfen-, Möwen- und Alkenvögel. Aula, Wiesbaden, 1999. ISBN 3-923527-00-4: S. 1234–1235. Wie bei vielen Vertretern der Familie sind Brustband, Oberkopf, Rücken sowie die Oberseite der Flügel schwarz und die Unterseite des Rumpfes weiß. Eine diffus dunkelgraue Zone zieht sich seitlich vom hinteren Flügelansatz bis zum Beinansatz. Im Prachtkleid sind die Kopfseiten großflächig scharf abgesetzt weiß mit einem grauen Anflug. Dieses weiße Feld läuft zum Hinterkopf hin spitz aus. Unter dem Auge befindet sich ein rotes, wulstförmiges Hautgebilde, von dem sich eine feine, unbefiederte Linie fast gerade bis in die hintere Spitze des weißen Feldes zieht.
Der im Profil etwa dreieckige Schnabel ist extrem hoch, aber sehr schmal. Er zeigt im basalen Teil eine Umhüllung aus mehreren ornamentalen Horngebilden, die im Schlichtkleid fehlen. Der First und die distale Hälfte sind leuchtend hellrot und zeigen Querwülste und am Grund gelbliche Furchen; die Schnabelspitze ist oft ebenfalls gelblich. Die proximalen (basalen) Teile von Unter- und Oberschnabel sind grauviolett, diese Färbung ist durch einen gelben oder gelborangen Wulst von der distalen Rotfärbung abgesetzt. An der Basis des Oberschnabels befindet sich eine breite gelblich-violette Hornspange. Die Schnabelwülste sind vergrößert und gelborange. Das längliche Nasenloch befindet sich an der basalen Unterkante des Oberschnabels.
Die Iris ist variabel braun, graubraun oder weißlich. Die Beine sind leuchtend rot. In Europa ist die Art durch die weißen Kopfseiten und den großen, dreifarbigen Schnabel unverkennbar. mini|Fliegender Papageitaucher
Die kräftigen Farben des Schnabels sind im Schlichtkleid blass, ebenso wie die orangefarbenen Beine, die dann gelblich blass sind. Die Kopfseiten sind im Schlichtkleid grau. Die große, hornige Schnabelscheide wird zur Mauser abgeworfen und danach erneuert.
Ein Papageitaucher lebt in Freiheit etwa 20 Jahre. Das älteste bekannte Individuum wurde 36 Jahre alt. Die Altersbestimmung ist für die Forscher deshalb schwierig, weil Beringungen nach Jahren in Höhlen und im Salzwasser kaum lesbar sind.Audubon Project Puffin
Jungvögel und Nestlinge Jungvögel haben einen kleineren, dunkelgrauen Schnabel mit rötlichen Streifen und dunkelgrauer Augenregion. Nestlinge haben anfangs um die Augen kurze, hellgraue Dunen, die später länger und schwärzlich braun werden. Die Dunen auf der Körperoberseite sind dunkel- bis schwarzbraun mit grauen Basen. Der Bauch ist weiß. Bereits bei den Nestlingen ist der Schnabel auffallend seitlich abgeflacht und gewinkelt. Bei frisch geschlüpften Nestlingen ist er zunächst dunkel rötlichgrau. Kurz bevor die Nestlinge flügge werden, sind sowohl Ober- und Unterschnabel rötlichbraun mit einer dunkleren Basis. Der Schnabelwinkel ist gelb. Beine und Zehen sind gräulich Rosa. Die Schwimmhäute sind bei den Nestlingen zunächst fleischfarben. Sie werden mit zunehmendem Alter dunkler und gehen in Grau über. Die Iris ist bei den Nestlingen schwärzlich braun.Harrison et al., S. 174.
Lautäußerungen Die tiefen Rufe des Papageitauchers klingen wie „orr…o-o“ oder „arr…ha-ha“, sind in der Tonhöhe fallend oder steigend und ähneln so dem Knarren einer rostigen Türangel. Sie werden gelegentlich einzeln, meist aber mit kurzen Pausen dreimal hintereinander geäußert. Papageitaucher rufen häufig auf dem Wasser, aber auch in der Kolonie und in den Bruthöhlen.
Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet des Papageitauchers(orange = Brutareale) mini|Papageitaucher auf einer Klippe in Skellig Michael, County Kerry, Irland Brutareal Das Brutareal der Art umfasst die Küsten und vor allem Inseln des nördlichen Atlantiks sowie des westlichen Polarmeeres. In der Nearktis brütet der Papageitaucher an der Atlantikküste Nordamerikas von Labrador bis Maine sowie auf Grönland. Die südlichsten Brutkolonien im Westatlantik finden sich im Golf von Maine etwa beim 43. nördlichen Breitengrad, die nördlichste findet sich auf Coburg Island in der Baffin Bay etwa in Höhe des 79. nördlichen Breitengrads.Gaston et al., S. 284.
mini|Papageitaucher einer Brutkolonie auf Mykines mini|Papageitaucher (Puffins) auf Staffa
In Europa brütet die Art auf Island, Jan Mayen, Spitzbergen, der Bäreninsel und Nowaja Semlja, entlang der Murmanküste bis Süd-Norwegen, auf den Färöer-Inseln, in Großbritannien und Irland sowie lokal an der Küste Schwedens und der Bretagne. Im Ostatlantik befinden sich die Brutkolonien damit zwischen dem 50. und dem 80. nördlichen Breitengrad. Bis 1830 war die Art noch Brutvogel auf Helgoland.Bauer et al., Band 1, S. 560.
Zur Brutzeit werden die Oberkanten oder Hänge grasbewachsener, steiler Klippen oder Geröll- oder Blockschutthalden an deren Fuß aufgesucht. Die besiedelten Klippenbereiche weisen meist eine mindestens 20 cm dicke, grabfähige Substratschicht auf, in der sich Höhlen befinden oder in der selbst Höhlen gegraben werden können. Außerhalb der Brutzeit sind Papageitaucher noch stärker an das offene Meer gebunden als die anderen europäischen Lummen und der Tordalk.
Wanderungen Außerhalb der Brutzeit, also von Ende August bis Anfang April, leben Papageitaucher ausschließlich pelagisch auf dem offenen Meer. Die Zugstrategien scheinen individuell und je nach Herkunft der Population sehr unterschiedlich zu sein; die Tiere sind Stand-, Strich- oder Zugvögel. Um mehr Details über die Aufenthalte von Papageitauchern zu erfahren, werden ihnen von Forschern sogenannte „geolocator“ an der Beringung angebracht. Diese winzigen Geräte zeichnen die Standortbestimmung auf, die im darauffolgenden Jahr, wenn der Vogel wieder aufgefunden wird, ausgelesen werden kann.
Papageitaucher verteilen sich offenbar weiträumig einzeln oder in kleinen Gruppen über den Atlantik, Konzentrationen in bestimmten Meeresregionen sind nicht bekannt. Da außerdem fast alle Wiederfunde beringter Vögel angeschwemmte und damit kranke oder tote Individuen betreffen, sind die Winterquartiere vieler Populationen bisher unbekannt. Insgesamt umfasst das Winterquartier offenbar den gesamten nördlichen Atlantik nach Süden bis Nordafrika, aber auch das westliche Mittelmeer.
Isländische Vögel im ersten Lebensjahr wurden beispielsweise bisher ausschließlich an den Küsten Neufundlands gefunden, ziehen also offenbar nach Südwesten, weil die Winter dort mild sind. In Nordschottland beringte Vögel wurden überwiegend im nördlichen Atlantik und in der Nordsee wiedergefunden, die weitesten Wiederfundentfernungen betrafen Funde vor Neufundland, aus Südgrönland, Island, Sardinien, sowie Süd-Marokko und Algerien.Urs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 8/II, Charadriiformes (3. Teil) Schnepfen-, Möwen- und Alkenvögel. Aula, Wiesbaden, 1999. ISBN 3-923527-00-4: S. 1240–1241. Die Populationen, die im Westatlantik brüten, verbleiben offenbar ganzjährig in der Region ihres Brutareals und überwintern in der Region von der Neufundlandbank bis zur Georges Bank südlich von Nova Scotia. Papageitaucher, die im Nordosten der Britischen Inseln brüten, halten sich im Winterhalbjahr überwiegend in der Nordsee auf. Brutvögel der westlichen Britischen Inseln dagegen überwintern in der Bucht von Biscaya bis zum Mittelmeer. Auch auf den Kanarischen Inseln ist der Papageitaucher ein seltener, wenn auch nicht ungewöhnlicher Gast. Im Januar 2023 wurden auffällig viele stark geschwächte Exemplare auf der Kanareninsel Fuerteventura gefunden.Ungewöhnlich viele völlig erschöpfte Papageitaucher auf Fuerteventura aufgetaucht. In: fuerteventurazeitung.de. 24. Januar 2023, abgerufen am 24. Januar 2023.
Ernährung mini|Adultes Tier mit Fischen im Schnabel Hauptnahrung adulter Papageitaucher ist Fisch, im Winterhalbjahr können aber auch Vielborster und Krebstiere eine bedeutende Rolle bei der Ernährung spielen. Der Nahrungsbedarf adulter Vögel liegt bei etwa 80 bis 100 Gramm pro Tag. Bauer et al., S. 560. Im größten Teil des Verbreitungsgebietes bilden Fische die fast ausschließliche Nestlingsnahrung. Erbeutet werden die häufigen, tagsüber erreichbaren Schwarmfische, dies sind vor allem Sandaale (Ammodytidae), Sprotte, Lodde und Atlantischer Hering; seltener verschiedene Dorschartige, vor allem Pollack, Kabeljau, Wittling, Ciliata sp. und Gaidropsarus sp. Im Nordpolarmeer werden Vielborster und Krebstiere auch regelmäßig an die Nestlinge verfüttert.
Nahrung suchen die Vögel tauchend, unter Wasser bewegen sie sich mit den Flügeln vorwärts (flügeltauchend). Papageitaucher tragen die gefangenen Fische quer im Schnabel. Sie werden mit der Zunge gegen den Oberschnabel gedrückt, bis die ganze Schnabellänge mit Fisch gefüllt ist. Während der Brutzeit liegen die Nahrungsgründe der Papageitaucher in der Regel in Gewässern der Kontinentalschelfe und nicht mehr als zehn Kilometer von der Brutkolonie entfernt. Für Brutkolonien auf Neufundland wurden aber auch vereinzelt Papageitaucher nachgewiesen, die die Fische aus einer Entfernung von siebzig Kilometern herantrugen.Gaston et al., S. 286. Papageitaucher können bis zu siebzig Meter tief tauchen, finden jedoch gewöhnlich ihre Nahrung in geringeren Gewässertiefen. Bei zehn Papageitauchern, die vor der Küste Neufundlands über einen Zeitraum von 17 Tagen genauer untersucht wurden, wurden maximale Tauchtiefen von 40 bis 68 Meter, bei zehn Papageitauchern vor der norwegischen Küste dagegen maximale Tauchtiefen von 10 bis 45 Meter festgestellt.Gaston et al., S. 287. Bei Papageitauchern, die vor der schottischen Isle of May beobachtet wurden, waren die Tauchgänge in 80 % der Fälle kürzer als 39 Sekunden. Das Maximum betrug 115 Sekunden. Die Pausen zwischen den Tauchgängen sind in 95 % der Fälle kürzer als 20 Sekunden.S. Wanless, J. A. Morris and M. P. Harris (1988): Diving behaviour of guillemot Uria aalge, puffin Fratercula arctica and razorbill Alca torda as shown by radio-telemetry. In: Journal of Zoology Band 216, S. 73–81, .
Fortpflanzung Papageitaucher brüten bevorzugt in sehr dichten Kolonien, so wurden auf Sule Skerry, eine der Orkney-Inseln, mindestens 47.000 besetzte Höhlen auf 5 ha, auf der norwegischen Insel Røst 352.000 Brutpaare auf 90 ha festgestellt. mini|Papageitaucher vor Bruthöhlen mini|Rufende Papageitaucher in einer Kolonie
Balz und Höhlenbau