Die Progress Film GmbH (Eigenschreibweise: PROGRESS) ist einer der ältesten und größten deutschen Filmauswerter. Als Monopolverleih brachte er alle in- und ausländischen (soweit die Zensur in der DDR sie zuließ) Filme in der DDR in die Kinos. 1990 wurde Progress in eine GmbH umgewandelt und der Treuhandanstalt, später der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben, unterstellt. Nach dem Mauerfall und der Aufhebung der Strukturen des staatlichen Filmwesens der DDR erhielt Progress zusätzlich die TV- und Videorechte der bisher herausgebrachten Titel zur Auswertung. Neu war auch die Auswertung im internationalen Bereich, die vom früheren DEFA-Außenhandel übernommen wurde.
Seit April 2019 verwahrt, digitalisiert und erschließt Progress in Zusammenarbeit mit der DEFA-Stiftung den kompletten Bestand der DEFA sowie eine wachsende Anzahl von Kollektionen weiterer internationaler Archive und stellt diese auf einer historisch kuratierten Plattform Progress Film (Eigenschreibweise: PROGRESS.film) der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Geschichte
In der DDR (1950–1990)
miniatur|hochkant|rechts|Progress-Programmheft bei der Premiere des Films „Unzertrennliche Freunde“ im Leipziger Kino Capitol am 12. Dezember 1953
1950 – im selben Jahr, in dem sich in West-Berlin auf Initiative des amerikanischen Filmoffiziers Oscar Martay zum ersten Mal der Gründungsausschuss der Berlinale traf – wurde am 1. August in Ost-Berlin die Progress Film-Vertrieb GmbH als deutsch-sowjetisches Unternehmen gegründet.
Zum deutschen Direktor wurde Rudolf Bernstein, zum sowjetischen Direktor Georgri Nikolajewitsch Nikolajew, der spätere Direktor der sowjetischen Filmproduktion Lenfilm, ernannt. Vorgänger war der sowjetische Verleihbetrieb Sovexportfilm, der ab 1948 mit dem neu gegründeten DEFA-Filmvertrieb zusammenarbeitete. Tatsächlich fand die Zusammenlegung dieser beiden Vertriebe unter dem Dach Progress am 13. Juli 1950 statt, als offizieller Gründungstag gilt jedoch der 1. August 1950.
Als Logo fungierte ein großes Filmstreifen-P in einem Kreis. Der Monopolverleih garantierte die Übernahme aller produzierten DEFA-Filme zu einem Fixpreis. Der Firmensitz befand sich in der Jägerstraße 32 (Berlin-Mitte), im Gebäude des DEFA-Studios für Wochenschau und Dokumentarfilme.
Nachdem am 1. Juli 1955 Sovexport als Gesellschafter ausschied, wurde der Progress Film-Vertrieb in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt. Er wurde in der Folge zum Progress Film-Verleih und blieb dies auch über die Zeit der Privatisierung nach dem Mauerfall 1989 hinaus.
Als Monopolverleih steuerte der Progress Film-Verleih in der DDR die Kinoauswertung sämtlicher in- und ausländischer Filme unter politischer Kontrolle der SED. Das zentralistisch organisierte Kinowesen war von der Parteiführung als Instrument politischer Erziehung konzipiert. Forschungen zeigen jedoch, dass das starke Interesse des Publikums an Unterhaltungsfilmen sowie das Engagement vieler Kinobeschäftigter für publikumswirksame Programme dazu beitrugen, dass diese politische Steuerung nur begrenzt wirksam war und sich der Kinoalltag in vieler Hinsicht dem der Bundesrepublik annäherte. Während der gesamten Existenz der DDR wurden an den Kinokassen rund 5,7 Milliarden Eintrittskarten verkauft. Insgesamt standen dem Publikum etwa 5.000 verschiedene Filme zur Auswahl. Die Kinobesuche stellten damit fortlaufend Entscheidungen für einzelne Filme dar, durch die das Publikum auch unter autokratischen Bedingungen einen gewissen Einfluss auf Filmauswertung und Programmgestaltung ausübte. Zwischen den 1950er- und den 1980er-Jahren vervierfachte sich die Zahl der jährlich gezeigten Filme von durchschnittlich 249 auf 1.044. Dieser Anstieg beruhte sowohl auf der Zunahme neu eingesetzter Filme – von etwa 96 auf rund 140 pro Jahr – als auch auf der zunehmenden Wiederaufführung bereits gezeigter Titel.
Nach dem 11. Plenum der SED im Dezember 1965 wurden zwölf DEFA-Filme verboten oder nicht fertiggestellt und in den sogenannten „Giftschrank“ verbannt – ein staatliches Archiv, das Filme für die Öffentlichkeit unsichtbar machte. Einige dieser Filme waren kurzzeitig in den Kinos zu sehen, wurden aber schnell abgesetzt. Die meisten konnten erst nach dem Ende der DDR wieder öffentlich gezeigt werden.
Nach dem Mauerfall (seit 1990)
1997 übergab die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) den Progress Film-Verleih in die Hände der Tellux Beteiligungsgesellschaft mbH, einer Mehrheitsbeteiligung einiger süddeutscher Bistümer, die zum 1. Januar 2001 alleiniger Anteilseigner wurde. Icestorm Entertainment übernahm im April 2011 Progress von Tellux und verantwortet die weltweite Vermarktung von DVDs und Blu-rays von bisher mehr als 500 Titeln aus dem Progress-Repertoire. Der bis dahin zu Progress gehörende exklusive weltweite Kinoverleih des DEFA-Filmstocks wurde von der DEFA-Stiftung zum 1. Oktober 2013 auf die Stiftung Deutsche Kinemathek (SDK) übertragen.z. Z. nicht verfügbar: ; aber auch hier: https://www.jungewelt.de/artikel/204245.neuer-defa-verleih.html
2019 wurde Progress von der Leipziger Produktionsfirma LOOKSfilm übernommen und firmiert seither als Progress Film GmbH. Seit dem 1. April 2019 wird über die Plattform Progress Film (Eigenschreibweise: PROGRESS.film) das komplette Filmerbe der DDR in enger Zusammenarbeit mit der DEFA-Stiftung international zugänglich gemacht. Das Unternehmen verwahrt, digitalisiert und erschließt darüber hinaus historische Film- und Fernsehbestände sowie weitere Archivkollektionen aus unterschiedlichen internationalen Provenienzen, darunter auch Bestände aus Regionen, die in internationalen Filmarchiven bislang seltener vertreten sind, etwa aus Vietnam oder der Ukraine.
Die Plattform Progress Film ermöglicht die Recherche, Lizenzierung und Nutzung von Archivmaterialien aus Film und Fernsehen – darunter mehr als 18.000 Filme. Ergänzend veranstaltet das Unternehmen mit dem „PROGRESS Summit“, der erstmals 2023 stattfand, ein Branchentreffen zur Zukunft der Nutzung historischen audiovisuellen Materials.
Geschäftsbereiche Filmverleih Der Geschäftsbereich knüpft an die historische Rolle von Progress als Monopolverleih in der DDR an. Mit dem Ende der DEFA in den 1990er Jahren kamen keine neuen Produktionen mehr in das Repertoire des Progress Filmverleihs. Seit der Übernahme durch LOOKSfilm im Jahr 2019 übernimmt Progress die Kinoauswertung aktueller internationaler Produktionen, die regelmäßig um neue Filme ergänzt werden.
Im aktuellen Verleihprogramm stehen unter anderem die Filme Luftkrieg – Die Naturgeschichte der Zerstörung (2022) und Zwei Staatsanwälte (Deux procureurs) von Sergei Loznitsa sowie Balconettes (2024), die bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt wurden. Zum Programm gehören zudem Dokumentarfilme wie Merkel – Macht der Freiheit (2022) und Hannah Arendt: Denken ist gefährlich (2025) sowie Spielfilme wie Fancy Dance (2023) mit Lily Gladstone und Kingdom – Die Zeit, die zählt (2024).
Archive Das Filmarchiv umfasst historisches Film- und Bildmaterial aus aller Welt. Die digitale Plattform bietet durchsuchbare Transkriptionen, umfangreiche Metadaten (z. B. Provenienz, Jahr, Personen, Orte), sowie die Möglichkeit, Ansichtsmaterial herunterzuladen und Lizenzen online zu erwerben.
Summit Der History Summit ist ein Geschichtsfilm-Branchentreffen für Personen, Medien und Institutionen, die sich historischen Filmen und Serien widmen. Der Summit fand zum ersten Mal im Oktober 2023 in Halle (Saale) statt.
Filmmuseum Das digitale Filmmuseum ist eine Streaming- und Recherche-Plattform mit über 18.000 Filmen aus den Jahren 1907 bis 2018. Gezeigt werden Spielfilme, Dokumentationen, Animationsfilme, Interviews, Wochenschauen, Zeitzeugenberichte und B-Roll-Material, ergänzt durch Kontextinformationen und historische Hintergründe.
Kollektionen Insgesamt umfasst der Bestand von Progress 20 Kollektionen, darunter elf Bestände der DEFA sowie weitere internationale Provenienzen, vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
DEFA-Bestände Zum Bestand von Progress zählt das vollständige DEFA-Filmerbe (z. B. Die Mörder sind unter uns, Die Legende von Paul und Paula, Spur der Steine, Jakob der Lügner, die DEFA-Indianerfilme mit Gojko Mitić), osteuropäische Filmkunstklassiker (wie Panzerkreuzer Potemkin, Solaris, Stalker), ausgezeichnete Kinderfilme sowie Dokumentarfilme (u. a. Die Kinder von Golzow) und Periodika und Wochenschauen zur Zeitgeschichte (Der Augenzeuge). Das DEFA-Repertoire umschließt mehr als 12.000 Filme aus neun Jahrzehnten.
DEFA-Produktionen Animation
Das DEFA-Studio für Trickfilme produzierte zwischen 1955 und 1992 rund 950 Kino-Animationsfilme für Kinder und Erwachsene. Darunter befinden sich sowohl Märchen- und Kinderbuchverfilmungen als auch Filme mit politisch-ideologischen sowie sozialkritischen Inhalten.
Dokumentation
Im Zeitraum von 1946 bis 1992 produzierte die DEFA etwa 2000 Dokumentarfilme. Diese dienten der sozialistischen Propaganda, thematisierten jedoch ab den 1960er Jahren auch zunehmend Gesellschaftskonflikte. Auch die Ereignisse vor, während und nach der Wiedervereinigung wurden von Filmschaffenden in Dokumentationen festgehalten.
Spielfilm
Von 1946 bis 1992 entstanden etwa 730 Spielfilme verschiedenster Genres bei der DEFA, von denen einige bis heute ihren Kultstatus gehalten haben. Die Kollektion umfasst auch sogenannte Kellerfilme: Regimekritische Filme oder solche, deren Mitwirkende die DDR verließen und die daraufhin bis zur Wiedervereinigung zensiert oder verboten waren.
Wochenschau „Der Augenzeuge“
Die Kinowochenschau der DDR „Der Augenzeuge“ diente zwischen 1946 und 1980 in über 2.000 Ausgaben sowohl als Informations- als auch Propagandamedium und beinhaltet zahlreiche Beiträge aus aller Welt zu wichtigen Themen, Ereignissen und Persönlichkeiten dieser Zeit.
Weitere DEFA-Kollektionen Blickpunkt
Die Kollektion umfasst Sendungen und Rohmaterial des Fernsehmagazins „Blickpunkt – Berichte aus den neuen Bundesländern“. Das Magazin zeigt die politischen sowie gesellschaftlichen Umbrüche und Entwicklungen in den neuen Bundesländern von 1990 bis 2005.
Cintec Die Kollektion besteht aus Filmmaterial der ehemaligen Cintec Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft mbH. Die rund 2200 Stunden Material entstanden zwischen 1985 und 2005 und beinhalten Aufnahmen zum Fall und Abriss der Berliner Mauer, zur Währungsunion, zu Prozessen gegen DDR-Politiker sowie zahlreiche Zeitzeugengespräche.
Wydoks Die Kollektion umfasst circa 100 Stunden Videomaterial des Vereins Wydoks e. V. und des Berliner Musikers Alexander „Aljoscha“ Rompe. Das zwischen 1990 und 1992 entstandene Material zeigt Konzertmitschnitte der DDR-Punkband Feeling B sowie Interviews und Aufnahmen von Demonstrationen. Es dokumentiert die alternative Musik- und Kulturszene im gesellschaftlichen Umbruch der frühen 1990er Jahre und die Berliner Hausbesetzerszene. Mehrere Musiker der DDR-Punkband gehören seit der Auflösung von Feeling B Anfang 1994 der Band Rammstein an.
Zeitzeugen-Archiv Thomas Grimm Die Kollektion Zeitzeugen-Archiv Thomas Grimm aus dem DEFA-Bestand umfasst rund 1.700 zwischen 1989 und 2009 geführte Interviews des Filmemachers Thomas Grimm mit über 1.000 Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Sport.
DDR Fernseharchiv des DFF Die Kollektion des Deutschen Fernsehfunks (DFF) enthält einen Teilebestand der Spielfilme, Serien, Dokumentar- und Animationsfilme von 1959 bis 1991. Zu den bekannten Formaten zählen Polizeiruf 110, Das unsichtbare Visier, Der Staatsanwalt hat das Wort und Spuk unterm Riesenrad.
B-Roll