Persistent Genital Arousal Disorder (PGAD; dt.: ‚andauernde genitale Erregungsstörung‘), früher als Persistent Sexual Arousal Syndrome (PSAS) bekannt oder auf Deutsch als persistierende genitale Erregung bezeichnet, ist der Name für ein Syndrom, bei dem die Betroffenen an körperlichen Symptomen leiden, die einer sexuellen Dauererregung ähneln ohne hierbei psychisch sexuell erregt zu sein. Die Symptome variieren und können etwa in ein Völle- und Druckgefühl, einem Kribbeln, Pochen und Pulsieren sowie Schmerzen im Intimbereich bestehen.Robyn A. Jackowich, Évéline Poirier, Caroline F. Pukall: Predictors of Psychosocial and Functional Outcomes in Persistent Genital Arousal Disorder/Genito-Pelvic Dysesthesia: Application of the Fear-Avoidance Model, In: The Journal of Pain, Band 25 Ausgabe 1, S. 238–249, Januar 2024 Die Erkrankung kann mit ungewollten Orgasmen einhergehen, muss dies jedoch nicht.Ryann Connell: . In: The Mainichi Daily News. 16. November 2006 Sie ist überwiegend bei Frauen dokumentiert, kann jedoch auch Männer betreffen.Rajkumar Kamatchi, Andrew Ashley-Smith: Persistent genital arousal disorder in a male: a case report and analysis of the cause. In: BJMP. Nummer 6, 2013, a605 Häufig wird sie aufgrund von Unkenntnis als psychosomatisch fehldiagnostiziert.

Das Syndrom wurde 2001 erstmals detailliert beschriebenS. R. Leiblum, S. G. Nathan: Persistent sexual arousal syndrome: a newly discovered pattern of female sexuality. In: J. Sex. Marital Ther. Nr. 27 (4), 2001, S. 365–380. PMID 11441520. und ist noch relativ unerforscht – es gibt weder Medikamente noch andere Therapien, die das Syndrom heilen könnten.D. Goldmeier, S. R. Leiblum: Persistent genital arousal in women -- a new syndrome entity. In: Int J STD AIDS. Nr. 17 (4), April 2006, S. 215–216. PMID 16595040 Bestimmte Medikamente können scheinbar die Symptome mildern, andere Arzneimittel können bisweilen die Symptome aber auch auslösen.S. R. Leiblum, D. Goldmeier: Persistent genital arousal disorder in women: case reports of association with anti-depressant usage and withdrawal. In: Sex Marital Ther. Nr. 34 (2), März/April 2008, S. 150–159. PMID 18224549W. W. Finger, M. Lund, M. A. Slagle: Medications that may contribute to sexual disorders. A guide to assessment and treatment in family practice. In: J Fam Pract. Nr. 44 (1), Januar 1997, S. 33–43. PMID 9010369 Bei mehreren Frauen und Männern traten laut einer kleinen Studie PGAD-Symptome auf, nachdem sie ihre Antidepressiva absetzten.

Begriff Der erste bekannte medizinische Fallbericht wurde im Jahr 1989 durch Jack G. Modell verfasst, der über eine Frau berichtete, bei der es im Zusammenhang mit dem Antidepressivum Fluoxetin zu Klitorisschwellungen und Orgasmen kam.Jack G. Modell: Repeated observations of yawning, clitoral engorgement, and orgasm associated with fluoxetine administration, In: Journal of Clinical Psychopharmacology, 1989, Ausgabe 9, S. 5–63 Eine systematische Darstellung erfolgte indes erst im Jahr 2001 durch die Psychiaterin Sandra R. Leiblum und die Sexualtherapeutin Sharon G. Nathan in der Arbeit Persistent sexual arousal syndrome: a newly discovered pattern of female sexuality.

Durch diese Schrift wurde die Bezeichnung „Persistent sexual arousal syndrome“ (PSAS) geprägt. Im Jahr 2006 nannte Leiblum die Krankheit in „Persistent genital arousal disorder“ (PGAD) um. Sie wollte damit dem Umstand Rechnung tragen, dass die Symptome sich von realer sexueller Erregung unterscheiden.Richard Balon, Robert Taylor Segraves: Clinical Manual of Sexual Disorders. American Psychiatric Pub. S 193. ISBN 978-1-58562-905-3. Weitere Begriffe sind „Restless Genital Syndrome“ (ReGS) und „Persistent Genital Vasocongestion Disorder“ (PGVD).Bret S. Stetka, Camila Henriques De Aquino: What Is Restless Genital Syndrome?. Medscape

Ursachen Die Krankheit kann durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden. Als ein Auslöser gilt das An- oder Absetzen von serotonerg oder dopaminerg wirkenden Psychopharmaka wie Antidepressiva. Eine weitere Ursache können Zysten, insbesondere Tarlov-Zysten, darstellen.Barry R. Komisaruk, Huey-Jen Lee: Prevalence of sacral spinal (Tarlov) cysts in persistent genital arousal disorder, In: The Journal of Sexual Medicine, August 2012Frank Feigenbaum, Kaitlynn Boone: Persistent Genital Arousal Disorder Caused by Spinal Meningeal Cysts in the Sacrum: Successful Neurosurgical Treatment, In: Obstetrics and Gynecology, Oktober 2015 Auch Nervenverletzungen durch Unfälle oder Operationen,Anamaria Parus, Meena Kanhai, John M. Tramont: Persistent Genital Arousal Disorder After Motor Vehicle Accident: A Case Report, In: Women's Health Reports (New Rochelle), September 2020 Hormonveränderungen in den Wechseljahren sowie sensorische Polyneuropathien werden als Ursache diskutiert. In anderen Fällen wurden ein lumbosakraler Bandscheibenvorfall sowie eine okkulte Spina bifiada vermutet.Gyn-Depesche: PGAD: ein Fall für den Neurologen, Ausgabe 3/2020 Bei einer Patientin konnte eine Fehlpositionierung des Iliosakralgelenk (Kreuzdarmbeingelenk) als Ursache festgestellt und durch Repositionierung behoben werden.Yunxu Zhang, Li Su, Hong Ge, Qiang Wang: Persistent Genital Arousal Disorder/Genito-Pelvic Dysesthesia caused by Sacroiliac Joint Dysfunction, In: Sexual Medicine, Band 10, Ausgabe 5, Oktober 2022 Einige Mediziner vertreten die These, dass die Erkrankung häufig auf eine Small-Fiber-Neuropathie des Nervus pudendus zurückzuführen ist.Robyn A. Jackowich, Caroline F. Pukall: Persistent Genital Arousal Disorder: a Biopsychosocial Framework, In: Current Sexual Health Reports, Band 12, S. 127–135, 6. August 2020Marcel D. Waldinger, Pieter L. Venema, Ad P. G. Van Gils, Govert J. de Lint, Dave H. Schweitzer: Stronger evidence for small fiber sensory neuropathy in restless genital syndrome: two case reports in males, In: The Journal of Sexual Medicine, veröffentlicht am 18. Oktober 2010Marcel D. Waldinger, Dave H. Schweitzer: Restless Genital Syndrome (ReGS) Should Be Distinguished From Spontaneous Orgasms: A Case Report of Cannabis-Induced Spontaneous Orgasm, In: The Journal of Sex and Marital Therapy, 9. Oktober 2017

Symptome Die Symptome der Krankheit sind nicht einheitlich und können nach Person und Geschlecht variieren. Als ein Symptom gilt ein Völle- und Druckgefühl im Intimbereich, das bei den Betroffenen den Eindruck erweckt zur Toilette oder sich selbst befriedigen zu müssen. Als weitere Symptome werden ein Kribbeln, Pochen, Pulsieren und Brennen genannt. 80,6 Prozent der Betroffenen beschreiben ihre Symptome zudem als schmerzhaft.

Die Erkrankung kann mit ungewollten Orgasmen einhergehen, muss dies jedoch nicht. In einer Umfrage gaben zudem 70 Prozent der Erkrankten an, dass ihre Symptome in andere Körperregionen wie Beine, Gesäß oder Bauch ausstrahlen würden. 61 Prozent der Befragten gaben eine Ausstrahlungswirkung in die Beine an, weshalb ein Zusammenhang zum Restless-Legs-Syndrom vermutet wird. Die Krankheit wird zudem mit einer überaktiven Blase in Verbindung gebracht.Marcel D. Waldinger, Dave H. Schweitzer: Persistent Genital Arousal Disorder in 18 Dutch Women: Part II—A Syndrome Clustered with Restless Legs and Overactive Bladder, In: The Journal of Sexual Medicine, Band 6, Ausgabe 2, Februar 2009, S. 482–497

Betroffene hatten häufiger als der Durchschnitt Bein- oder Beckenvarizen. Als weitere mögliche Merkmale werden Rötung von Gesicht und Hals, erhöhter Blutdruck, anormal hohe Herzfrequenz, flache, schnelle Atmung, Muskelzucken im ganzen Körper, verschwommenes oder fleckiges Sehen sowie Schmerzen in Vagina und Penis genannt.Tim Jewell: Persistent Genital Arousal Disorder (PGAD) Explained, In: Healthline, veröffentlicht am 16. Mai 2017

Zu den im Zusammenhang mit PGAD genannten Symptomen speziell bei Frauen zählen Kribbeln in der Klitoris, Schwellung der Genitalien, Lubrikation, Orgasmen bei Kontraktionen in der Vagina, Kribbeln in der Vagina, Schmerzen in der Klitoris und Schmerzen der primären Geschlechtsorgane. Bei vielen Betroffenen ist der Zustand der sexuellen Erregung dauerhaft. Bei anderen treten die Beschwerden hingegen nur periodisch auf.

Im Rahmen einer Studie mit 52 Probanden konnte bei PGAD-Betroffenen durch funktionelle Magnetresonanztomographie eine Veränderungen der Gehirnaktivität im Ruhezustand nachgewiesen werden.Eleni Dalkeranidis, Franziska Maxi Lisa Marie Kümpers, Christopher Sinke, Tillmann H C Krüger: Investigating brain activity at rest in patients with persistent genital arousal disorder (PGAD) using functional magnetic resonance imaging, In: Scientific Reports, veröffentlicht am 11. Februar 2025

Diagnostik Aktuell besteht in der Wissenschaft kein Konsens für einheitliche Diagnosekriterien. Die PGAD-Entdecker Sandra R. Leiblum und Sharon G. Nathan stellten 2001 zunächst folgende Definition auf:

die Genitalien sind anhaltend erregt die Erregung bleibt nach dem Orgasmus bestehen oder erfordert mehrere Orgasmen, um nachzulassen die Erregung hat nichts mit sexuellem Verlangen zu tun die Erregung wird sowohl durch sexuelle als auch durch nicht-sexuelle Reize ausgelöst die Symptome sind aufdringlich und unerwünscht

Seit diesem Zeitpunkt haben Autoren anhand klinischer Beobachtungen diverse Kriterien hinzugefügt und entfernt, wobei bisher kein Konsens über eine endgültige Formulierung hergestellt werden konnte.Kevin M Klifto, A. Lee Dellon: Persistent Genital Arousal Disorder: Review of Pertinent Peripheral Nerves, In: Sexual Medicine Reviews, Band 8 Ausgabe 2, S. 265–273, April 2020 Zu den hinzugefügten Kriterien gehören:

das Vorhandensein von Symptomen seit mindestens sechs Monaten das Gefühl kurz vor dem Orgasmus zu stehen ein beeinträchtigter Orgasmus bestimmte Situationen, die die Symptome verschlimmern damit verbundene Schwierigkeiten des psychosozialen Wohlbefindens komorbide Erkrankungen

Der Mediziner Damien Mascret stellte 2007 speziell bezogen auf Frauen, die deutlich häufiger als Männer betroffen sind, folgendes Alternativmodell auf:Damien Mascret: Le syndrome d’excitation génitale persistante. In: Le Généraliste. Nr. 24131 vom 6. Januar 2007. Die sexuelle Erregung der Genitalien und Klitoris hält über einen Zeitraum von mehreren Stunden oder Tagen an. Die sexuelle Erregung kommt nicht von einem echten Verlangen nach Sex. Die sexuelle Erregung verschwindet nicht nach einem Orgasmus, sondern erfordert in der Regel mehr Orgasmen. Das Gefühl der sexuellen Erregung ist aufdringlich und unerwünscht. Die sexuelle Erregung der Genitalien und Klitoris ist zumindest mäßig schmerzhaft. Laut einer kleineren Studie mit zehn Teilnehmern diagnostizierten nur 20 Prozent der konsultierten Ärzte die von den Patienten geschilderten Symptome korrekterweise als PGAD.Anne Louise Oaklander, Saurabh Sharma, Katie Kessler, Bruce H. Price: Persistent genital arousal disorder: a special sense neuropathy, In: Pain reports, Band 5, Ausgabe 1, veröffentlicht am 7. Januar 2020

Behandlung Aktuell existieren keine konsensualen Leitlinien zur Behandlung von PGAD. Empfohlen wird eine sexualmedizinische, psychiatrische und somatische Ausschlussdiagnostik, die auch Bildaufnahmen von Becken sowie Neuroachse umfassen sollte, um etwaige Auffälligkeiten von Nervenwurzeln oder des Nervus pudendus zu finden.Uwe Hartmann (Herausgeber), Tillmann Krüger (Herausgeber), Viola Kürbitz (Herausgeber), Christian Neuhof: Sexualmedizin für die Praxis: Sexualberatung und Kurzinterventionen bei sexuellen Störungen. Springer, Berlin/Heidelberg 2022, S. 37–365.