mini|Willem de Kooning in seinem Atelier, 1961 rahmenlos

Willem de Kooning (* 24. April 1904 in Rotterdam; † 19. März 1997 in East Hampton, Long Island, New York) war ein niederländischer, seit 1926 US-amerikanischer Maler. Er war einer der bedeutendsten Vertreter des abstrakten Expressionismus und gilt neben Jackson Pollock als Wegbereiter des Action Paintings.

Leben und Werk Kindheit und Jugend mini|Gedenktafel an der Fassade des Geburtshauses von Willem de Kooning in Rotterdam Willem de Kooning war das jüngste der fünf Kinder und zugleich der einzige Sohn von Leendert de Kooning, einem Weinhändler und Getränkefabrikanten, und Cornelia Nobel, einer Barfrau aus dem Norden von Rotterdam. Seine Geschwister waren die 1899 geborene älteste Schwester Maria Cornelia, die 1901 geborenen und noch im selben Jahr verstorbenen Zwillinge Cornelia und Adriana, sowie die 1902 geborene und ein Jahr später verstorbene zweite Cornelia. Die Eltern trennten sich, als Willem gerade zwei Jahre alt war, und ließen sich anderthalb Jahre später, 1907, scheiden. Der Junge lebte die ersten drei Jahre beim Vater, anschließend bei der Mutter und dem Stiefvater. Zu seiner Mutter Cornelia, genannt Cora, die in einer Hafenkneipe arbeitete und häufig wechselnde Männerbekanntschaften pflegte, die sie mit nach Hause brachte, entwickelte der junge Willem eine frühe Hassliebe, die maßgeblich auf sein ambivalentes Frauenbild im Werk, wie im Leben, reflektierte: Cora galt als besitzergreifend, starrköpfig, manipulativ und in der Liebe verschlingend: Eigenschaften, die sich später bei dem erwachsenen Willem de Kooning wiederfanden.

Gestalterlehre Im Jahr 1916 begann de Kooning eine Lehre in dem Atelier der Gebrüder Gidding bei dem Grafiker Jaap Gidding (1887–1955), der ihm 1920 eine Anstellung als Innenausstatter bei Bernard Romein, dem Chefdekorateur des Rotterdamer Warenhaus Cohn & Donay verschaffte. Beeinflusst von den neuartigen Malereien der gerade gegründeten De-Stijl-Künstlergruppe um Piet Mondrian begann er nebenbei, bis 1924, Abendkurse an der Rotterdamer Academie voor Beeldende Kunsten en Technische Wetenschappen (der heutigen Willem de Kooning Academie) zu nehmen, wo er schließlich als Meisterschüler von Johannes Gerardus Heijberg (1869–1952; Heyberg) mit klassischen Maltechniken vertraut gemacht wurde.

Kunststudium Um 1924/25 begab er sich mit seinen Freunden Wim Klop und Benno Randolfi auf eine Studienreise nach Belgien, wo er unter anderem die Königliche Akademie der Schönen Künste in Brüssel besuchte und Studien am Museum der Schönen Künste in Antwerpen betrieb. Zu dieser Zeit befasste er sich sowohl mit den aktuellen zeitgenössischen Kunstbewegungen in Deutschland und Paris als auch mit der Architektur Frank Lloyd Wrights. Er war fasziniert von der rasant wachsenden „Neuen Welt“, die ihm nicht so beengt und voller Möglichkeiten erschien. Nach zwei vergeblichen Versuchen schiffte er sich am 18. Juli 1926 in Belgien illegal mit Hilfe eines Bekannten namens Leo Cohan auf dem britischen Frachter „SS Shelley“ in die USA ein. De Kooning versteckte sich während der Überfahrt im Maschinenraum des Schiffs.

De Kooning erklärte später, 1960, in einem Interview dem englischen Kunstkritiker David Sylvester, „seine spontane Entscheidung in die Vereinigten Staaten auszuwandern, sei weniger mit dem Ziel verbunden gewesen, ein bekannter Künstler zu werden, als mit der einfachen Tatsache, dass man dort mit harter Arbeit gutes Geld verdienen konnte.“David Sylvester: Interviews with American Artists.Yale University Press 2001, ISBN 0-300-09204-0

Amerika, Freundschaft mit Arshile Gorky Am 15. August 1926 kam de Kooning in Newport News, Virginia an. Auf der Weiterfahrt nach Boston erwarb er seine Einreisepapiere und ließ sich zunächst in Hoboken, New Jersey, nieder, wo er Gelegenheitsarbeiten als Maler und Anstreicher und Zimmermann erledigte. 1927 zog de Kooning nach New York, wo er die nächsten acht Jahre als Gebrauchsgrafiker, Innendekorateur, Schildermaler für Ladenbeschriftungen oder als Fassadenmaler für Nachtclubs arbeitet. 1929/30 lernte er den Kunstkritiker John Graham, den Galeristen Sidney Janis und die Künstler Stuart Davis, David Smith und Arshile Gorky kennen. Gorky, mit dem de Kooning ein gemeinsames Atelier anmietete, wurde bald Mentor und schließlich einer seiner engsten Künstlerfreunde.

Die Jahre der Depression, Beginn der künstlerischen Laufbahn Spätestens ab 1934 hatte de Kooning, der bislang nur gelegentlich an Wochenenden malte, sämtliche Vorbehalte gegen eine freie künstlerische Laufbahn aufgegeben. Begünstigt durch die von Franklin D. Roosevelt initiierten Künstler-Hilfsprogramme, die als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme während der Great Depression gedacht waren, konnte er am WPA-Federal-Art-Project teilnehmen und sich dabei ausschließlich der künstlerischen Malerei widmen. Für das WPA-Federal-Art-Project entstanden zahlreiche Entwürfe für Wandmalereien, die jedoch teilweise nie realisiert wurden, denn bereits im Juli 1937 musste de Kooning das Projekt wegen seiner fehlenden US-Staatsbürgerschaft wieder verlassen (de Kooning erhielt seine Einbürgerungsurkunde erst 1962). „Doch dieses eine Jahr“, so de Kooning, „hatte ich ein derart phantastisches Gefühl, dass ich zu einer neuen Einstellung kam. Ich beschloss, zu malen und Jobs nur noch nebenbei zu machen.“zitiert aus Horst Richter: Malerei der 1960er Jahre. DuMont, Köln 1990, S. 90, ISBN 3-7701-2272-0 Im selben Jahr wurde de Kooning damit beauftragt, einen Teil des Wandbilds Medicine für die Hall of Pharmacy der Weltausstellung 1939 in New York auszuführen, wodurch erstmals Kunstkritiker auf den neuen Künstler aufmerksam wurden, dessen Bilder sich in ihrer Unruhe so völlig von der bis dato vertrauten, sachlichen Figürlichkeit des ausgehenden Amerikanischen Realismus unterschieden.

Elaine, Black Paintings Ebenfalls 1937 begegnete er an der American Artists School der 14 Jahre jüngeren Kunststudentin Elaine Fried, mit der bald eine ebenso leidenschaftliche wie wechselhafte Partnerschaft beginnen sollte, die von einer lebenslangen Obsession aus Alkoholismus, Geldnot, Liebesaffären, Streitereien und Trennungen durchzogen war. 1939 zog Elaine in sein New Yorker Studio; die beiden heirateten am 9. Dezember 1943. Zu dieser Zeit arbeitete de Kooning an seiner ersten Serie mit Porträtmalereien von stehenden oder sitzenden Männern wie Two Men Standing, Man und Seated Figure (Classic Male), die er teilweise mit Selbstporträts kombinierte wie in Portrait with Imaginary Brother (alle um 1938–39). Zu dieser Zeit orientierten sich de Koonings Arbeiten noch sehr an Gorkys surrealistischer Bildsprache und besaßen den postkubistischen Einfluss Picassos. Das änderte sich erst, als de Kooning Bekanntschaft mit dem sechs Jahre jüngeren Maler Franz Kline machte, der ebenfalls unter der figürlich-kubistischen Prägung des Amerikanischen Realismus begonnen hatte und nun zu einer monochromen Dynamik gefunden hatte. Der früh verstorbene Franz Kline zählte zu den engsten Künstlerfreunden de Koonings. Klines Einfluss zeigt sich in de Koonings kalligrafischen schwarzen Bildern dieser Zeit. (vgl. → Black Paintings).

Woman Chaim Soutine Woman in Pink , um 1924 Öl auf Leinwand, 73 × 54,3 cm Saint Louis Art Museum

Willem de Kooning Pink Angels , um 1945 Öl und Zeichenkohle auf Leinwand, 132 × 101 cm Frederick R. Weisman Foundation, Los Angeles (externe Weblinks, bitte Urheberrechte beachten) Die zeitgleiche Liaison mit Elaine dürfte darüber hinaus seine erste Serie mit Woman-Bildern wechselseitig beeinflusst, wie begünstigt haben: Elaine arbeitete zu der Zeit an ähnlichen Sujets. Um 1939/1940 vermischen sich de Koonings figürliche Arbeiten mit der amöbenartigen Formensprache Joan Mirós. Bis Mitte der 1940er Jahre änderte sich de Koonings Bildsprache kontinuierlich: Serien und die Auseinandersetzung mit der Abstraktion und der ständig wechselnden Anordnung von menschlichen Figuren im „Auflösungsprozess“ sollten bald den Schwerpunkt seiner Arbeiten bilden, wobei ihm unter anderem Picassos Monumentalwerke Les Demoiselles d’Avignon (1907) und Guernica (1937) als Vorlage gedient haben dürften. Die „Nichtvollendung“ des einzelnen Bildes erhob er dabei zum seriellen Prinzip, welches er von 1947 bis 1949 in seinem zweiten Woman-Zyklus umsetzen sollte. Das Werk Pink Angels (um 1945), als künstlerische Hommage an Chaim Soutines Woman in Pink von 1924, ist ein charakteristisches Tafelbild de Koonings aus dieser Phase.

Jackson Pollock und die erste Generation der „New York School“ Um 1942 begegnete Willem de Kooning Jackson Pollock und dessen späterer Frau Lee Krasner in dem New Yorker Künstlertreff The Club an der 39. Straße, der neben der Cedars Tavern die „erste Generation“ der New York School vereinigte. Zum Club gehörten neben de Koonings Lebensgefährtin Elaine und Malerfreunden wie Arshile Gorky, Stuart Davis, Barnett Newman, Mark Rothko oder Clyfford Still auch die Literaten John Ashbery, Barbara Guest, Kenneth Koch oder Frank O’Hara.

Im selben Jahr kam es zu der Gruppenausstellung American and French Paintings in der Mc Millen Gallery, bei der neben de Kooning und Pollock, Stuart Davis und Lee Krasner die Europäer Georges Braque, Pablo Picasso und der Fauvist Henri Matisse im Vergleich gezeigt wurden. Mit dem cholerischen Jackson Pollock verband de Kooning eine unter Alkoholexzessen besiegelte Freundschaft, die Ende der 1940er Jahre in Rivalität endete. 1948 hatte de Kooning seine erste zwar hoch gelobte, kommerziell allerdings wenig erfolgreiche Einzelausstellung in der Charles Egan Gallery in New York; das Museum of Modern Art (MoMA) kaufte das monochrome Werk Painting (1948)  an. Im selben Jahr verübte sein Künstlerfreund Arshile Gorky Selbstmord, und de Kooning unterbrach kurzfristig die Malerei. Auf Einladung von Josef Albers begann er Bildende Kunst am Black Mountain College in North Carolina zu unterrichten, wo er den Musiker John Cage kennenlernte. Finanziell am Boden, malte de Kooning Ende der 1940er Jahre schließlich mit billigen Lackfarben.

Gestik und Aktion, Internationaler Erfolg Trotz aller künstlerischer Konkurrenz inspirierten sich de Kooning und Pollock gegenseitig und „prosperierten“ sogar in der Materialsprache voneinander: Während Pollock auf de Koonings schwarze Heizkörperfarben zurückgriff und zunehmend die Farbigkeit in seinem Werk reduzierte, wagte sich de Kooning mit Bildern wie Attic (1949) und Excavation (1950) erstmals an Großformate im Stile Pollocks und sprengte die von Kubismus und Surrealismus vorgegebenen Malgründe. Die gestische Malerei entwickelte de Kooning indes selbst und geht nicht auf Pollocks aktionistisches Dripping zurück. De Koonings Arbeiten dieser Zeit verweisen in ihrer Tradition eher auf den deutschen informellen Maler Hans Hofmann. Der ebenso angesehene wie umstrittene Kunstkritiker Clement Greenberg sah in ihnen überschwänglich „die wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts“, und so verwunderte es nicht, dass beide von dem Gründungsdirektor des MoMA, Alfred H. Barr, im Juni 1950 als die Protagonisten des Action Paintings auserkoren wurden, den entscheidenden Beitrag zur modernen amerikanischen Kunst auf der 25. Biennale von Venedig 1950 zu leisten. De Kooning schickte das Werk Excavation zur Biennale, das im Anschluss vom Art Institute of Chicago angekauft wurde. Zum 60. Jubiläum der amerikanischen Malerei erhielt der Künstler zusätzlich zum Kaufpreis des Bildes die mit 2000 US-Dollar dotierte Logan Medal. Die Biennale bedeutete den internationalen Durchbruch für de Kooning und markierte zugleich einen weiteren Wendepunkt in seinem Œuvre. 1951 folgte de Koonings Teilnahme an der vielbeachteten 9th Street Art Exhibition („The Ninth Street Show“), die den Beginn der New Yorker Avantgarde der Nachkriegszeit markierte.

„More Women“, Radikalisierung der Bildsprache