mini|Georg Baselitz fotografiert von Erling Mandelmann
Georg Baselitz (* 23. Januar 1938 in Deutschbaselitz bei Kamenz als Hans-Georg Bruno Kern; † 30. April 2026) war ein deutsch-österreichischer Maler, Bildhauer und Grafiker. International bekannt wurde er in den 1970er Jahren mit figurativen expressiven Gemälden.
Baselitz’ künstlerische Einflüsse ergaben sich aus einer Vielzahl von Inspirationen, wie Illustrationen der Sowjetzeit, manieristische Druckgrafiken und afrikanische Skulpturen. Die Zerstörung und das Leid des Zweiten Weltkriegs haben ihn nachhaltig beeinflusst. Das Thema der Zerstörung kehrt, nebst weiteren autobiografischen Gegebenheiten, in vielen seiner Arbeiten wieder. Ordnungen und Konventionen der Wahrnehmung mithilfe seiner Malerei zu stören, waren ein wichtiges Leitmotiv in seinen Arbeiten. Ab 1969 malte er seine Motive so, dass sie auf dem Kopf stehen, was ihm zum Durchbruch verhalf und seine Werke unverkennbar macht.
Leben mini|In der 1931 erbauten Schule von Deutschbaselitz, wo sein Vater Lehrer war, wurde Baselitz 1938 geboren. Die inzwischen umrahmten Fenster markieren die ehemalige Lehrerwohnung.
Georg Baselitz wurde 1938 in Deutschbaselitz als zweites Kind eines Lehrerehepaares geboren.Birgit Grimm: Wie Georg Baselitz die Familie auf Trab hielt. In: sz-online.de. 23. Januar 2018, abgerufen am 23. Januar 2018. Nach Schule und Abitur in seiner Oberlausitzer Heimat begann er 1956 ein Studium der Malerei an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee bei Herbert Behrens-Hangeler und Walter Womacka. Bereits hier zeigte sich seine individuelle Persönlichkeit, die so gar nicht den sozialistischen Vorstellungen der DDR entsprach. Dies führte nach zwei Semestern wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ zum Verweis von der Hochschule.
Er setzte daraufhin sein Studium 1957 an der West-Berliner Hochschule der bildenden Künste bei Hann Trier fort und floh 1958 aus der DDR in den Westteil der Stadt. Hier setzte er sich verstärkt mit den Theorien von Wassily Kandinsky, Ernst Wilhelm Nay und Kasimir Malewitsch auseinander. Er reiste nach Paris und Amsterdam und beschäftigte sich mit Antonin Artaud, Jean Dubuffet und der Kunst von „Geisteskranken“ (Sammlung Prinzhorn).
1961 nahm er den Künstlernamen Georg Baselitz an, angelehnt an seinen Geburtsort. Gemeinsam mit seinem Kollegen Eugen Schönebeck gestaltete er eine Ausstellung in Berlin und veröffentlichte das (später so genannte) 1. Pandämonische Manifest. 1962 veröffentlichten die beiden das eigentliche Pandämonium (2. Pandämonisches Manifest).Georg Baselitz: Pandämonisches Manifest I + II. 1961/1962, abgedruckt in: Harald Szeemann (Hrsg.): Georg Baselitz. Kunsthaus Zürich, 1990, S. 214–217. Aber auch in der Bundesrepublik entsprachen seine Werke nicht den gesellschaftlichen Werten und Normen, was 1963 zum Eklat führte. Seine Bilder Die große Nacht im Eimer und Der nackte Mann auf seiner ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Werner & Katz waren Gegenstand eines gezielt inszenierten Skandals, der erst nachträglich zur Beschlagnahme durch die Staatsanwaltschaft führte, die ein mit dem Galeristen befreundeter Kunstkritiker initiiert haben soll.Vgl. Julia Voss: Am Ende der Schlachten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 21. Mai 2013, S. 31. Gegen Voss’ Darstellung spricht die Meldung der dpa, die am Folgetag der Eröffnung, am 2. Oktober 1963, erschienen war. Vgl. Sahra Wessel: Skandal um jeden Preis? (1), Der Streit um die Ausstellung von Georg Baselitz 1963. In: Kunststreit – Am Rande der Zensur. 13. Januar 2017 (online).
Im Frühjahr 1965 war Baselitz Stipendiat der Villa Romana in Florenz. 1969 malte er mit Der Wald auf dem Kopf sein erstes Bild in konsequenter Motivumkehr. Dem folgte 1970 in der Kölner Galerie Franz Dahlem die erste Ausstellung, in der ausschließlich „kopfstehende“ Bilder zu sehen waren.
mini|Georg Baselitz fotografiert von Lothar Wolleh, 1971 Baselitz heiratete 1962 Johanna Elke Kretzschmar. Die Söhne Daniel Blau und Anton Kern sind Galeristen. 1971 zog er nach Forst an der Weinstraße. 1975 kaufte er das Schloss Derneburg südlich von Hildesheim und ließ 1995 ein großes Ateliergebäude im Schlosspark errichten. Er lebte dort bis 2006 mit seiner Familie. Dann zog er nach Buch, einem Ortsteil von Inning am Ammersee in Oberbayern.Anja Lösel: Ein Schloss für Öl. In: Stern. 1. September 2009, abgerufen am 2. Juni 2015. Ab 2013 wohnte Baselitz in Salzburg. Hier erhielt er im Mai 2015 für außerordentliche Leistungen für die österreichische Kunst und seine Großzügigkeit gegenüber Österreichs Museen gemeinsam mit seiner Ehefrau die österreichische Staatsbürgerschaft.Maler Georg Baselitz jetzt Österreicher. In: orf.at, 27. Mai 2015, abgerufen am 27. Mai 2015.
Im Juli 2015 plante Baselitz aus Protest gegen die geplante Verschärfung des deutschen Kulturgutschutzgesetzes, seine Leihgaben aus deutschen Museen zurückzuziehen. Der Novellierung wurde zu diesem Zeitpunkt vorgeworfen, Museumssammlungen in ihrer Gesamtheit unter Ausfuhrschutz zu stellen. In: faz.net. 17. Juli 2015, abgerufen am 18. Juli 2015. Dazu kam es nicht. In der kunsthistorischen Rezeption wurden seine Aussagen kontrovers diskutiert: Insbesondere seine Position, Frauen könnten nicht malen, wurde in der Öffentlichkeit kritisiert.
Georg Baselitz starb im April 2026 im Alter von 88 Jahren.
Künstlerisches Schaffen Überblick mini|hochkant|Georg Baselitz: BDM-Gruppe (2012), vor dem Carmen-Würth-Forum bzw. dem Museum Würth 2 in Künzelsau
Baselitz erklärte in einem Interview: „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen. Ich war gezwungen, alles in Frage zu stellen, musste erneut ‚naiv‘ sein, neu anfangen.“Jürgen Kanold: In: swp.de. 30. August 2016, abgerufen am 12. Februar 2018.Aus einem Interview, 1995. In: „Muss gotisch tanzen.“ Georg Baselitz im Gespräch mit Donald Kuspit. In: Georg Baselitz. Gesammelte Schriften und Interviews. Hrsg. von Detlev Gretenkort. München 2011, S. 266. Das Thema der Zerstörung kehrt, nebst weiteren autobiografischen Gegebenheiten, in vielen seiner Arbeiten wieder. Ordnungen und Konventionen der Wahrnehmung mithilfe seiner Malerei zu stören, waren ein wichtiges Leitmotiv in Baselitz’ Arbeiten.
Er prägte mit seinen Werken die moderne Malerei ab 1960. Mit teils obszönen Darstellungen, vor allem Anfang der 1960er Jahre, wirkte er stark provokativ, allerdings erst, nachdem er 1957 die Kunsthochschule Berlin-Weißensee wegen „sozio-politischer Unreife“ verlassen musste, weil er nicht wie angeordnet zum Praxiseinsatz in einem Kombinat fuhr, sondern lieber Bilder nach Picasso malte. Sein Bild Die große Nacht im Eimer (1962/1963; Museum Ludwig, Köln), das einen Jungen beim Masturbieren darstellt, ist sein bekanntestes Werk dieser Zeit.
Heldenbilder Baselitz entwickelte während seines Florenz-Aufenthalts 1965 die Werkgruppe der Helden bzw. Neuen Typen, die bereits im darauffolgenden Jahr in Berlin mit dem Werk Die großen Freunde In: kulturelles-erbe-koeln.de, abgerufen am 20. Januar 2018 (mit Abbildung). (Museum Ludwig, Köln) ihren Abschluss fand. Innerhalb eines Jahres entstanden rund 60 Gemälde, 130 Zeichnungen und 38 Druckgrafiken. Die Gemälde dieser Werkgruppe sind von einer groben Malweise und kräftigem Farbauftrag geprägt und zu einem großen Teil im Format 162 × 130 cm ausgeführt. Sie zeigen eine meist in einer kargen Landschaft stehende monumentale Figur, verletzt und teilweise entblößt. Zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich die Heldenbilder mit männlichem Heldentum auseinander: Diese Figuren beziehen sich im übertragenen Sinne auf ein Bild eines Mannes, der ohne Nationalität und ohne Ortszugehörigkeit die illusorischen und größenwahnsinnigen Ideale des Dritten Reiches und der DDR durch seine desolate, kaputte und zerlumpte Erscheinung über den Haufen wirft. Damit fanden auch Baselitz’ eigene Biografie und Lebenswelt – zwischen Kommunismus im Osten und Konsumdenken im Westen – ihren Weg ins Bild.
Die Heldenbilder wurden fast vollständig vereint, 2016 in einer Ausstellung im Frankfurter Städel Museum gezeigt. Weitere Stationen der Ausstellung waren das Moderna Museet in Stockholm (2016/2017), Palazzo delle Esposizioni in Rom (2017) und das Guggenheim-Museum Bilbao (2017).
Frakturbilder Mitte der 1960er Jahre fing Baselitz an, die Bildmotive in Streifen zu zergliedern und neu zusammenzufügen, seine sogenannten Frakturbilder. Dies führte unter anderem 1969 zur Motivumkehr mit seinem Bild Der Wald auf dem Kopf.
Bilder, die „auf dem Kopf stehen“ Mit diesen „auf dem Kopf“ stehenden Bildern wurde Baselitz ab Mitte der 1970er Jahre weltweit berühmt. Seine Werke hingen und hängen bei fast allen namhaften internationalen Ausstellungen und Museen. Wie auch in seinen früheren Werken wollte er dem Betrachter die Eigenständigkeit der Malerei gegenüber der herkömmlichen Wirklichkeit vor Augen führen. Mit dem Umdrehen seiner Darstellungen nahm er dem Bild seinen konventionell gedachten Inhalt, machte also den Bildgegenstand gegenstandslos und damit abstrakt. Durch das Auf-den-Kopf-Stellen seiner Werke konnte er den Betrachter direkt mit der Organisation von Farbe und Form auf der Bildfläche konfrontieren, unabgelenkt vom persönlichen Inhalt des Bildes. Auf diese Weise inhaltsleer geschaffen, sind Baselitz’ Bilder nicht interpretier-, sondern lediglich betrachtbar. Der Künstler zählte Pablo Picasso, Alberto Giacometti, Joseph Beuys und auch die expressionistischen Maler der Künstler-Vereinigung Brücke zu seinen Vorbildern.
Hierbei ist bedeutsam, dass Baselitz bereits die Komposition des Bildes auf dem Kopf stehend anlegte und dieses dann ebenso malerisch ausführte. Ab den 1990er Jahren malte Baselitz auf loser, auf dem Boden liegender Leinwand und so finden sich auch Spuren von Farbtöpfen oder Schuhabdrücke in den Bildern. Da es aufgrund der Größe der Formate schwierig für Baselitz war, alle Bereiche der Leinwand bei der Arbeit gleichmäßig zu erreichen, lief er einfach darüber.
„Russenbilder“ Zwischen 1998 und 2005 erstellte er mehr als 60 Russenbilder. Er verfremdete etliche ihm aus der Jugendzeit in der DDR bekannten Bilder des sozialistischen Realismus. Sie wurden 2007/2008 in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt.
Druckgrafisches Werk Ab 1964 begleiteten druckgrafische Arbeiten Baselitz’ malerisches und zeichnerisches Werk. Er begann mit Radierungen, 1966 kamen ein- oder mehrfarbige Holzschnitte hinzu und ab 1977 fertigte er auch großformatige Linolschnitte an. Es sind zuweilen Bildmotive seiner Gemälde und Zeichnungen, die der Künstler innerhalb der verschiedenen grafischen Medien aufgriff, um sie einer grafischen „Codierung“ oder „Verschlüsselung“ zu unterziehen. Georg Baselitz besaß eine umfangreiche Sammlung von Druckgrafik des 16. Jahrhunderts.
Bühnenbild Baselitz debütierte 1993 als Bühnenbildner für Harrison Birtwistles Oper Punch and Judy an De Nederlandse Opera in Amsterdam, 2013 folgte das Bühnenbild zu György Ligetis „Le Grand Macabre“ für die Chemnitzer Oper, die Kostüme entwarf John Bock. Für die Opernfestspiele 2018 der Bayerischen Staatsoper in München entwarf Baselitz die Ausstattung für Richard Wagners Parsifal. oder Dafür erhielt er den Negativpreis „Ärgernis des Jahres“ der Kritikerumfrage der Opernwelt.
Skulpturen