mini|alt=|Rekonstruierter Innenraum des Zeltheiligtums (Mischkan) nach den Anweisungen der Tora, Modell von Michael Osnis. Die Einrichtung des Hechal im Zweiten Tempel ist damit praktisch identisch: vorne der Altar für das Weihrauchopfer, dahinter der Siebenarmige Leuchter (Menora) und der aufgrund der gestapelten Brote turmartig wirkende Schaubrottisch. Im Hintergrund der Vorhang des Allerheiligsten (hebräisch ).

Der Jerusalemer Tempel () befand sich auf dem Tempelberg in Jerusalem.

Begrifflichkeit Mit dem Begriff werden zwei Heiligtümer aus unterschiedlichen Zeiten bezeichnet, die beide heute nicht mehr vorhanden sind:

Erster Tempel oder Salomonischer Tempel: Hauptheiligtum des Königreichs Juda, zerstört bei der Eroberung Jerusalems 587/586 v. Chr. durch die Neubabylonier. Damit verlor die JHWH-Religion ihren Mittelpunkt. Große Teile der Bevölkerung wurden ins babylonische Exil deportiert. Zweiter Tempel: Hauptheiligtum der aus dem Exil zurückgekehrten Judäer, erbaut unter dem persischen Statthalter Serubbabel um 515 v. Chr., mehrfach umgebaut und unter Herodes dem Großen stark erweitert und neu konzipiert (Herodianischer Tempel); bei der Eroberung Jerusalems durch römische Truppen im Jahr 70 n. Chr. geplündert, in Brand gesetzt und zerstört.Nach Ernst Axel Knauf: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin/Boston 2021, ISBN 978-3-11-014543-4, S. 2, kann die Geschichte in drei Abschnitte eingeteilt und zeitlich zugeordnet werden: „Geschichte I“ ist die „Geschichte des Ersten Tempels“ (bis 587 v. Chr.), die „Geschichte II“ die „Geschichte des Zweiten Tempels“ (520 v. Chr. bis 70 n. Chr.), das historische Intervall, die „Lücke zwischen 587 und 520 v. Chr.“ bezeichnet er als die Zeit, in der JHWH „tempellos, unbehaust“ im Exil verweilte. Knauf ordnete den Abschnitt „Geschichte I“ dem Tanach zu, mit Ausnahme von Haggai, Sacharja, Buch der Psalmen, Buch Esra und Buch Nehemia, Buch Ester, Buch Daniel. Der Abschnitt „Geschichte II“ sei die wesentliche Epoche der Umgestaltung des Tanachs gewesen. Siehe hierzu auch Richard Elliott Friedman: Wer schrieb die Bibel? So entstand das Alte Testament. Anaconda, Köln 2007, ISBN 978-3-86647-144-3, S. 292–299.

Das Aussehen sowie die Einrichtung beider Tempel werden in antiken Schriftquellen beschrieben. Ihre Auslegung ist Thema der Bibelwissenschaft (Altes Testament) und der Judaistik.

Die Umfassungsmauern der herodianischen Tempelplattform (nicht das eigentliche Tempelgebäude) sind teilweise in den heutigen Umfassungsmauern erhalten. Ein Mauerabschnitt im Westen ist als Klagemauer bekannt und gilt heute als wichtigste heilige Stätte des Judentums. Diese Mauer hatte, während der Tempel bestand, noch keine besondere religiöse Relevanz.

Auf dem Tempelberg selbst stehen heute der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee, die nach den heiligen Stätten in Mekka und Medina bedeutendsten Heiligtümer für Muslime.

In der Erwartung auf den kommenden Messias () ist unter anderem eine Bedingung in der jüdischen Religion, dass der „jüdische Tempel in Jerusalem“ („Dritter Tempel“) wieder aufgebaut worden ist ().

Der Tempel war in der Zeit seines Bestehens der zentrale Ort jüdischer Religiosität. Das Opfer (hebräisch „sich nähern“)Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel. 4. völlig neu überarbeitete Auflage, (= Band 8 Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg), Winter, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-8253-6850-0, S. 137. oder das Opfern als Ritual war mit seinen Institutionen, seinen logistischen Versorgungssystemen und Priestern etc. fester und fundamentaler Bestandteil des religiösen Handelns.Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 219, 77–115.

Bezeichnungen In der Hebräischen Bibel und weiteren antiken Texte existieren keine „einheitlichen Eigenbezeichnungen“ für den Jerusalemer Tempel, sondern es werden unterschiedliche Bezeichnungen verwendet, je nach literarischem, kultischem oder theologischen Kontext.Der Begriff „Tempel“ geht auf die ältere lateinische Form zurück, die ursprünglich einen rituellen, durch Beobachtung und Abgrenzung bestimmten Bezirk bezeichnete, insbesondere im auguralen Kontext der römischen Religionspraxis. Daraus entwickelte sich , das im klassischen Latein sowohl den sakralen Raum als auch das zugehörige Gebäude bezeichnen konnte. In der sich der Spätantike anschließenden karolingischen Christianisierung wurde der Ausdruck in den Wortschatz des Althochdeutschen übernommen. Bereits in den althochdeutschen Tatian-Übersetzungen, die um 830 entstanden, ist „tempal“ als Übersetzung von belegt (so „ingangenti in gotes tempal“ für „“, Tat. 2,3). Über das Mittelhochdeutsche („tëmpel“) entwickelte sich der Begriff zum neuhochdeutschen Tempel (maskulin), vermutlich unter Einfluss der französischen Form „temple“. Vielmehr begegnet dem Leser eine Vielzahl von Benennungen, die unterschiedliche theologische Akzente widerspiegeln. Am häufigsten wird der Tempel als „Haus JHWHs“ () bezeichnet, womit seine Funktion als Ort der göttlichen Gegenwart hervorgehoben wird (; ). Eng damit verbunden ist die verkürzte Bezeichnung „das Haus“ (), die insbesondere in spätbiblischen Texten als eine gewissermaßen „eigennamehafte Kurzform“ fungiert ().

Daneben erscheint der Begriff (),Strong H1964 – – hekal Hebräisch – Tempel; Palas. Elberfelder Übersetzung auf csv-bibel.de. der ursprünglich einen königlichen Palast bezeichnete und im Tempelkontext vor allem den inneren Sakralraum meint (; ). Eine stärker kultisch-theologische Perspektive eröffnet die Bezeichnung („Heiligtum“), die den Tempel als geheiligten Ort versteht und zugleich an das mobile Heiligtum der Wüstenzeit anknüpft (). In nachexilischenZeit nach dem Exil, circa 586–332 v. Chr., entspricht der Eisenzeit IIC, Low Chronology in modifizierte Fassung, nach Israel Finkelstein. Texten wird der Tempel zudem als „Haus Gottes“ () bezeichnet, was die universale Dimension der Gottheit betont (; ).Yaakov Ariel: Tempel. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. First-online 1 Oktober 2016, Brill, Leiden, https://doi.org/10.1163/2468-2845_ejgk_COM_0914

In der frühjüdischen Literatur der Zweiten-Tempel-Zeit treten neben den hebräischen Benennungen auch griechische Begriffe wie („das Heilige“) oder („Tempel“) auf, insbesondere in der Septuaginta und bei Flavius Josephus, diese stellen jedoch keine kultinternen Eigenbezeichnungen dar, sondern reflektieren eine hellenistische Außenperspektive.

Nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. setzt im rabbinischen Judentum eine terminologische Konsolidierung ein. Die vorherrschende Bezeichnung lautet nun „Haus des Heiligtums“ (), die in Mischna, Tosefta und Talmud nahezu ausschließlich verwendet wird (m. Middot 1,1; b. Joma 2a). Häufig begegnet auch die verkürzte Form („das Heiligtum“), die den Tempel als sakralen Bezugspunkt der Erinnerung und der Halacha markiert. Eine spätere, stärker systematisch-theologische Benennung ist „Haus der Erwählung“ (), die insbesondere bei Maimonides begegnet und die einzigartige göttliche Erwählung des Tempelortes betont (Mischne Tora, Hilchot Beit ha-Bechirah 1,1).

Gottes Schöpfung und der Tempel Die frühesten Schöpfungsaussagen in der Verbindung zum Tempel findet sich im Tanach nicht in der systematisch aufgebauten, priesterschriftlichen Erzählung von , sondern in den sogenannten KultpsalmenKultpsalmen sind Psalmen, etwa , , , die im Kontext des israelitischen Tempelkults entstanden sind und „Gottes Königsherrschaft“, seine Präsenz im Tempel und seine kosmische Macht liturgisch vergegenwärtigen. Im Horizont altorientalischer Schöpfungsvorstellungen entfalten sie dabei mythische Theologeme, in denen JHWH als der Schöpfer erscheint, der die Welt durch Überwindung des Chaos, Gründung der Erde und Stiftung von Ordnung geschaffen hat., die liturgisch geprägte Theologeme zur Schöpfung enthalten.Thomas Wagner: Gottes Herrlichkeit. Bedeutung und Verwendung des Begriffs kābôd im Alten Testament (VT.S 151). Brill, Leiden 2012, S. 297–306; zitiert aus Andreas Schüle: Gottes Schöpfung. S. 421–436, In: Walter Dietrich (Hrsg.) In diesen poetischen Texten tritt JHWH in der Metapher des „königlichen Schöpfers“ und „universalen Herrschers“ auf. So betont , dass „Erde“ und „Erdkreis“ JHWH gehören, da er sie „über den Meeren gegründet“ habe – ein Motiv, das auf einen Schöpfungsakt verweist, der durch Überwindung chaotischer Wassermächte gekennzeichnet ist. Auch unterstreicht Gottes „Besitzanspruch“: „Mein ist der Erdkreis und was ihn erfüllt.“ In wird dieser Anspruch weitergeführt: „Himmel und Erde“ gehören JHWH, da er sie gegründet () hat. Im Unterschied zur priesterlichen Schöpfungserzählung von , in der der Kosmos durch das „göttliche Wort“ in einer siebentägigen Ordnung entsteht, stellen die Psalmen die Schöpfung als souveränen Gründungsakt dar, der Gottes kosmische Macht und seine Herrschaft legitimiert. Diese liturgischen Theologeme fügen sich in ein im Alten Orient verbreitetes, mythologisch strukturiertes Weltbild ein. Die Erde erscheint als „flache Scheibe“, die auf den „Urozeanen“ ruht (vgl. , ) und durch göttliche „Fundamente“ im „Urgrund“ stabilisiert ist (). In ihrer Mitte erhebt sich ein „heiliger Berg“vergleiche Höhenheiligtum, auf dem der Tempel JHWHs thront – das Zentrum des Kosmos. Horizontal ist der Kosmos als System konzentrischer Kreise gedacht, die vom Tempel als Mittelpunkt ausgehen. Von der Sphäre des Chaosin späteren Texten Tohuwabohu am Rand führt diese Ordnung zur göttlichen Nähe in der Mitte. Vertikal stellt der Tempel zugleich die Verbindung zwischen Himmel und Erde dar – eine „axis mundi“vergleiche Buch der Jubiläen 8:12Daniel Sperber: Jerusalem: Axis Mundi. Jerusalem ans Eretz Israel 12-13, 2020, S. 7–90 (cris.biu.ac.il, S. 19). –, an deren Schnittpunkt JHWH im Tempel wohnt und gleichzeitig über den Himmeln thront (, ). Im Unterschied zur priesterschriftlichen Schöpfungserzählung von , in der die Welt durch das „göttliche Wort“ in zeitlich geordneter Abfolge entsteht, offenbaren die Psalmen eine Schöpfungstheologie, in der die kosmische Ordnung sakral-zentriert und kultisch fundiert ist. Die Schöpfung wird nicht nur als Gründungsakt gedacht, sondern als räumlich strukturierte Welt, deren Mitte der Tempel als Ort göttlicher Präsenz und kosmischer Ordnung bildet.Andreas Schüle: Gottes Schöpfung. S. 421–436, In: Walter Dietrich (Hrsg.): Die Welt der hebräischen Bibel. Umfeld, Inhalte, Grundthemen. 2. Auflg., Kohlhammer Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-039323-3, S. 423–424

Zeltheiligtum (Mischkan, Stiftshütte)

mini|Rekonstruiertes Modell der Stiftshütte in Israel, (Timna Nationalpark). Originalgetreu nachgebaut mit einem Brandopferaltar vor dem Zelt. mini|Grundriss des Mischkan (Kultgeräte von links nach rechts bzw. von West nach Ost): die Bundeslade () mit der Kapporet (), hinter dem Vorhang, Parochet (), der Räucheraltar, der Schaubrottisch und der Leuchter vor dem Vorhang, die Maße sind in Ellen angegeben. Im 2. Buch Mose ( und ) ist die Konstruktion eines zerlegbaren und transportablen Zeltheiligtums, in dem die Bundeslade aufbewahrt wurde, detailliert beschrieben. Es wird „Zelt der Begegnung“ () genannt.

Die Tora unterscheidet bei der Konzeption dieses Heiligtums zwei Zonen:

den Vorhof mit Becken und Brandopferaltar; den mit Räucheraltar, Leuchter und Schaubrottisch eingerichteten Innenraum, dies ist der „Arbeitsplatz des Hohenpriesters“.