mini|hochkant|Annegret Soltau (2026) Annegret Soltau (* 16. Januar 1946 in Lüneburg) ist eine deutsche Künstlerin, die mit den Mitteln der Fotografie und der Body Art eine eigenständige, radikal feministische Bildsprache entwickelt hat. Berühmt wurde sie durch ihre Fotovernähungen, bei denen sie großformatige Aktfotos von sich selbst zerrissen, collagiert und mit Fäden fixiert hat.
Leben und Werk Ihre Kindheit verbrachte Annegret Soltau bei ihrer Großmutter in Elbstorf, Samtgemeinde Elbmarsch. Ausgebildet wurde sie als Malerin und Grafikerin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und der Akademie der bildenden Künste Wien (1967–1972) bei Hans Thiemann, David Hockney, Rudolf Hausner und Allen Jones. Seit 1973 lebt sie in Darmstadt.
Die erste Einzelausstellung mit Radierungen und Zeichnungen hatte die Künstlerin 1974 in Darmstadt, wo sie 1975/76 ihre Performance permanente Demonstration zeigte, in der sie sich mit schwarzem Faden „bezeichnete“ (umschnürte) und mehrere Personen miteinander verband (Ver-Bindungen): „Mein zentrales Anliegen ist, körperliche Prozesse in meine Bilder miteinzubeziehen, um Körper und Geist als gleichwertig zu verbinden“ (Annegret Soltau). So wurde für die Künstlerin ihr Körper zu einer Art Rohmaterial für ihre Arbeit. „Mittels der Video-Aufzeichnung beobachtete sie ihren eigenen Körper während des gesamten Zeitraums der Schwangerschaft und zeigte dabei äußerliche Veränderungen und gleichzeitig innere Zustände auf“ (…) (von H. Friedel: Das neue Selbstportrait im Katalog Videokunst in Deutschland 1963–1982. Hatje, Stuttgart 1982).
Annegret Soltau entwickelte ab 1975 die Fotoübernähung und Fotovernähung, in der sie erstmals den realen (haptischen) Faden mit fotografischem Material verbindet. Sie arbeitet mit dem Abbild ihrer eigenen Person und nahen Verwandten: „Ich nehme mich selbst zum Modell, weil ich mit mir am weitesten gehen kann.“
„Für ihre eigenwilligen Bildwerke, die sich in zahlreichen renommierten Sammlungen befinden, hat sie im Jahr 2000 den Wilhelm-Loth-Preis der Stadt Darmstadt erhalten.(…) In größter Beharrlichkeit und Radikalität setzt Annegret Soltau sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit dem Bild ihrer Selbst auseinander. In ihren sinnlich greifbaren Fotoübernähungen und -vernähungen spinnt sie mit schonungslosen Nadelstichen Fäden über fotografische Selbstporträts, reißt Innenwelten auf und verschließt wiederum die so entstandenen Verletzungen mit Nadel und Faden. Auch wenn im Fokus ihrer Arbeit zu Beginn vor allem sie selbst steht, umfasst ihre Arbeit die Geschichte des Menschen insgesamt. Ihre Themen scheinen ebenso archaisch wie frappierend aktuell: Das Bild des Körpers, Gewalt, Schwangerschaft und Geburt, Generationenfolgen und die Suche nach den eigenen Wurzeln. Dabei ist ein Œuvre entstanden, das durch seine kontrastierenden Facetten besticht, seine Drastik und zugleich Intimität.(…) (Aus dem Einladungstext des Instituts Mathildenhöhe Darmstadt)“
Annegret Soltau ist Mitglied der Darmstädter Sezession, der Fotografischen Akademie in Leinfelden und im Deutschen Künstlerbund.kuenstlerbund.de: Mitglieder "S" / Annegret Soltau (abgerufen am 7. März 2016)
Sie unterrichtete neben ihrer künstlerischen Arbeit an mehreren Hochschulen und Akademien, so an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach am Main, der Fachhochschule Bielefeld, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der Hochschule Darmstadt und an der Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg.
Werke Zeichnungen und Radierungen 1971–1974, neben Selbstdarstellungen porträtierte sie u. a. Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof sowie die Schriftstellerinnen Ingeborg Bachmann und Karin Struck permanente Demonstration Performance 1975/76 Selbst Serie von Fotoübernähungen, 1975. schwanger Video-Performance und Fotocollagen 1977–80, (Katalog schwanger, Text: Gislind Nabakowski, Frankfurter Kunstverein 1983) Mutter-Glück 1978–86, Fotovernähungen, Text: Klaus Gallwitz, Portfolio: Edition Barbara Gross, München 1980 Grima – mit Kind und Tier Fotovernähungen 1986–96 (Katalog „Grima“, Selk 1988 und „Fragmente des Ichs“, Mainz 1991) generativ Serie von Fotovernähungen mit Tochter, Mutter und Großmutter, 1993–2005, (Katalog Heilung, Städt. Galerie, Schwäbisch Hall 1994 und Katalog „ich selbst“ Institut Mathildenhöhe, Darmstadt 2006) Kali-Tochter lebensgroße Tochter-Bilder gedoppelt, 2000, (Katalog Mutiere ich oder verwandle ich mich? Hessisches Landesmuseum Darmstadt) N.Y.FACES – chirurgischeOperationen I-XXIII 2001–2002 (eine Serie entstanden nach dem Attentat am 11. September 2001 auf das ursprüngliche World Trade Center in New York City) Vatersuche I-XXXXXXIX 2003–2007, in dieser Arbeit dokumentiert die vaterlos bei ihrer Großmutter aufgewachsene Künstlerin die Suche nach ihrem im Zweiten Weltkrieg verschollenen Vater transgenerativ – VaterMutterTochterSohn 2004–2008, eine Fortführung der Arbeit generativ – mit Tochter, Mutter und Großmutter, in denen Soltau mit Fotos von ihrem Mann und ihrem Sohn auch die männliche Linie der Familie in ihre Vernähungen aufnimmt personal identity ab 2003 (work in progress), eine biografische Spurensuche in Selbstporträts mit eingenähten Original-Dokumenten und alltäglich genutzter Chipkarte. In dieser Serie hinterfragt die Künstlerin den Umgang mit der eigenen Identität im digitalen Informationszeitalter. KörperÖffnungen ab 2011. Die Bilder (Vernähungen) zeigen Teile des weiblichen Körpers zwischen dem Außen und dem Innen und manifestieren sich als Körper-Inseln. Covid-19, 2020–21
Ausstellungen (Auswahl) 2006: Annegret Soltau – ich selbst, Ausstellungsgebäude der Darmstädter Künstlerkolonie 2007: WACK! Art and the Feminist Revolution, Museum of Contemporary Art (MOCA), Los Angeles (Ausstellungsbeteiligung) 2008: P, S. 1 Contemporary Art Center (MoMA PS1), New York City (Ausstellungsbeteiligung) 2011: Annegret Soltau „Generativ“, „Goldhalle“ des Hessischen Rundfunks, Frankfurt am Main (zeitweise zensiert) 2014: Annegret Soltau. Einheit und Trennung. Frauenmuseum Bonn, abgerufen am 22. Juli 2014. 2015: Feministische Avantgarde der 1970er Jahre, Werke aus der Sammlung VERBUND, Kunsthalle Hamburg; Gender in Art, Museum für Gegenwartskunst Krakau, Krakau, Polen 2015/2016: Rabenmütter – Zwischen Kraft und Krise: Mütterbilder von 1900 bis heute, Lentos Kunstmuseum Linz 2016: Priére de Toucher – Der Tastsinn der Kunst, Museum Tinguely, Basel 2017: Woman. Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund, MUMOK, WienInternetseite MUMOK, Wien 2018: Silberglanz – von der Kunst des Alters, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover 2017/2018 Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe;Internetseite ZKM 2018/2019 Dům umění, Brünn, TschechienVerbund KunstsammlungInternetseite Dum umeni 2017/2018: Die Kraft des Alters, Österreichische Galerie Belvedere, Wien 2020: Annegret Soltau: SPINNE, Richard Saltoun Gallery, London 2020: Annegret Soltau / Elvira Bach, Museum Bensheim 2021: MOTHER!, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Dänemark 2021: Female Sensibility, Lentos Kunstmuseum Linz 2021: MUTTER!, Kunsthalle Mannheim 2021: Annegret Soltau: KörperSPRACHE, Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main 2021: Frauenkörper, Kurpfälzisches Museum Heidelberg 2021/2022: From Abramovic to Warhol, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk (Präsentation neuer Werke aus der Sammlung) 2021/2023: New Arrivals – from Salvador Dali to Jenny Saville, Scottish National Gallery of Modern Art 2022: Heroines–Heldinnen, Museum of Contemporary Art Vojvodina, Novi Sad, Serbien 2022: REBELDES – Laboratorio Experimental de practicas artisticas feministas, Museo de la Memoria y los Derechos Humanos, Santiago, Chile 2022: A Feminist Avant-Garde, Les Recontres d’Arles, Frankreich 2022: Venedigsche Sterne, Bündner Kunstmuseum, Chur 2022: An Alternative History of Photography, works from the Solander Collection, London 2022: Action, Gesture, Performance: Feminism, the Body and Abstraction, Whitechapel Art Gallery, London 2022: HIER BIN ICH – Künstlerinnenselbstportrait, Kunsthalle Emden 2022/2023: MATTER, NON MATTER, ANTI-MATTER. Past Exhibition as Digital Experience, ZKM / Centre Pompidou, Paris 2023: Kochen, Putzen, Sorgen. Josef Albers Museum, Bottrop 2024: Stadt der Fotografinnen. Frankfurt 1844 – 2024. Historisches Museum, Frankfurt am Main 2024: 20 Jahre SAMMLUNG VERBUND, Albertina, Wien 2024: ACTS OF CREATION: ON ART AND MOTHERHOOD, Arnolfini, Bristol 2024/2025: GROW IT, SHOW IT. Haare im Blick von Diane Arbus bis TikTok, Museum Folkwang, Essen 2024: 4-3-2-1 DARMSTADT, Institut Mathildenhöhe Darmstadt 2025: Motherhood. Annegret Soltau, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 2025 THE STORY THAT NEVER ENDS. THE ZKM COLLECTION: ZKM, Karlsruhe 2025: Unzensiert. Annegret Soltau – eine Retrospektive, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am Main 2026: Annegret Soltau VATERSUCHE, Kunstforum der TU Darmstadt, Darmstadt 2026: Unzensiert. Eine Retrospektive, Francisco Carolinum, Linz
Auszeichnungen 1986/87: Villa Massimo Stipendiatin, Rom 1999: Maria Sibylla Merian-Preis, Hessen 2000: Wilhelm-Loth-Preis, Darmstadt 2011: Marielies-Hess-Kunstpreis, Frankfurt am Main 2016: Johann-Heinrich-Merck-Ehrung, Darmstadt
Schriften mit Bernadette Baumann: Begegnung. MS-Edition, Darmstadt 1977, ISBN 3-921982-13-8. Von innen nach außen. Merck, Darmstadt 1996. Pubertät – Tochterbilder. Edition Fotohof, Salzburg 1997, ISBN 3-901756-04-3. mit Karin Struck: Annäherungen an Ingeborg Bachmann. Liebig, Darmstadt 2003, ISBN 3-87390-172-2. Annegret Soltau Institut Mathildenhöhe, Darmstadt 2006, ISBN 3-935062-06-0. personal identity. Documents & Cards in Lifetime. SIT, Darmstadt 2007. self performing 1973–2010. Galerie Merkle, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-9807594-4-1. ich selbst. Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-87390-355-5. Annegret Soltau. Vatersuche. Hrsg. Museum Goch. Text: Stephan Mann / Francesco Colli, Verlag: edition clandestin, Biel 2024, ISBN 978-3-907262-69-6.
Literatur Karin Struck: Die liebenswerte Greisin. Erzählung. Graphiken von Annegret Soltau, bibliophile Ausgabe, 500 nummerierte u. von K. Struck u. A. Soltau signierte Ex., Pfaffenweiler Presse, 1977, ISBN 3-921365-09-0. Kunstverein Darmstadt: Deutsche Radierer der Gegenwart. Athenäum, Königstein 1982, ISBN 3-7610-8121-9, S. 156 f. Renate Berger: Zwischen Leben und Tod. Zur Mutterimago bei Niki de St. Phalle, Ulrike Rosenbach, Mary Kelly und Annegret Soltau. In: Renate Möhrmann (Hrsg.): Die Mutter als ästhetische Figur. Metzler, Stuttgart/Weimar 1996, ISBN 3-476-01302-2. Kunsthalle Emden: Der Akt in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Wienand, Köln 2002, ISBN 3-935414-09-9. Cornelia Kemp (Hrsg.): Das zweite Gesicht. Prestel, München 2002, ISBN 3-7913-2648-1. Friedhelm Hütte (Hrsg.): Mehr als das Auge fassen kann. Verlag Deutsche Bank Kunst, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-938833-02-5, S. 128 f. Charlotte Martin: „... denn Kunst meint ja immer ein Sich-Preisgeben.“ Drei Künstlerinnen-Portrait. Justus-von-Liebig-Verlag, Darmstadt 2006, ISBN 3-87390-206-0, S. 33–58. Cornelia Butler, Lisa Mark (Hrsg.): WACK!Art and the Feminist Revolution. The Museum Contemporary Art, Los Angeles 2007, ISBN 978-0-914357-99-5. Gabriele Schor (Hrsg.): DONNA: Avanguardia Feminista negli anni ’70 dalla Sammlung Verbund di Vienna. Mondadori Electa, Mailand 2010, ISBN 978-88-370-7414-2. Franziska Nori, Barbara Dawson (Hrsg.): Francis Bacon e la condizione esistenziale nell’arte contemporanea. Hatje Cantz, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3465-3. Baldur Greiner: Annegret Soltau: Ich war total suchend. Weststadt-Verlag, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-940179-17-3.