mini|hochkant|Fanny Hensel, Ölgemälde von Moritz Daniel Oppenheim aus dem Jahr 1842 mini|April aus dem Klavierzyklus Das Jahr, komponiert von Fanny Hensel (1841), Vignette von Wilhelm Hensel Fanny Hensel (* 14. November 1805 in Hamburg als Fanny Zippora Mendelssohn, getauft Fanny Cäcilie Mendelssohn Bartholdy; † 14. Mai 1847 in Berlin) war eine deutsche Komponistin der Romantik sowie Pianistin, Dirigentin und Konzertorganisatorin.
Ihr kompositorisches Werk, von dem bisher nur ein kleiner Teil veröffentlicht ist, umfasst über 460 Werke und wurde – mit wenigen Ausnahmen – 1964 aus Familienbesitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz überreicht. Eine musikalische Karriere und Veröffentlichungen zu Lebzeiten waren ihr von der Familie weitgehend untersagt worden.
Dennoch entfaltete sie ein vielfältiges musikalisches Schaffen: In ihren Sonntagsmusiken in Berlin schuf sie einen halböffentlichen Raum, in dem ihre eigenen Werke erklangen, in dem sie auch solistisch auftrat oder größere Werke dirigierte. Ihre lebenslange und früh einsetzende kompositorische Tätigkeit brachte eine Fülle an Liedern, Klavierstücken, kammermusikalischen Werken, geistlichen Kantaten sowie weitere Werke mit Orchester hervor. Viele ihrer Kompositionen entstanden im Austausch mit ihrem Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy.
Fanny Hensels kompositorisches Œuvre wird erst seit den 1980er Jahren erforscht; ihr 150. Todestag 1997 sowie ihr 200. Geburtstag 2005 waren Anlass für zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Publikationen und Veranstaltungen sowie CD-Einspielungen.Vgl. Monika Schwarz-Danuser: Fanny Hensel. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenteil. Band 11. Bärenreiter, Kassel 2004, Sp. 1534–1540, hier Sp. 1535 f., 1538. Cornelia Bartsch: Fanny Hensel. In: Beatrix Borchard, Nina Noeske (Hrsg.): MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen. Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003 ff. Stand vom 22. März 2010; abgerufen am 21. Juni 2022.
Leben mini|hochkant|Fanny Mendelssohn Bartholdy im Jahr ihrer Eheschließung (1829), idealisierende Porträt-Zeichnung ihres Verlobten Wilhelm HenselVgl. Peter Schleuning: Fanny Hensel geborene Mendelssohn. Musikerin der Romantik. Böhlau, Köln u. a. 2007, S. 120 f.
Familie Fanny Mendelssohn wurde am 14. November 1805 als Tochter von Abraham Mendelssohn (1776–1835) und seiner Ehefrau Lea geb. Salomon (1777–1842) in Hamburg geboren. Sie war die ältere Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847), der Sängerin Rebecka Dirichlet (1811–1858) und von Paul Mendelssohn-Bartholdy (1812–1874). Väterlicherseits war sie Enkelin des berühmten jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn. Mütterlicherseits entstammte sie einer Musikerfamilie. Ihre Mutter Lea Mendelssohn war die Enkelin des Unternehmers Daniel Itzig. Die Frauen der Familie Itzig konzertierten als Pianistinnen, waren Mitglieder der Sing-Akademie zu Berlin und mit Ludwig van Beethoven bekannt. So erhielt Fannys Großmutter Bella Salomon, geb. Itzig, Klavierunterricht durch den Bach-Schüler Johann Philipp Kirnberger und gab dieses Wissen an ihre Tochter Lea weiter. Die Großtante Sara Levy, geb. Itzig, war Lieblingsschülerin Wilhelm Friedemann Bachs und trat als Cembalistin in den Konzerten der Sing-Akademie auf. Sie besaß eine sehr umfangreiche Notensammlung und veranstaltete in Berlin um 1800 musikalische Salons.Vgl. Martina Bick: Musikerinnen der Familie Mendelssohn (= Reihe Jüdische Miniaturen, Band 202). Hentrich & Hentrich, Berlin 2017.
Die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachte Fanny in ihrer Geburtsstadt Hamburg. Im Jahr 1811 zog die Familie nach Berlin zurück, um den Repressionen der französischen Besatzung unter Marschall Louis-Nicolas Davout zu entgehen. Die jüdische Familie Mendelssohn ließ ihre Kinder am 21. März 1816 von Johann Jakob StägemannStägemann war Lutheraner. Geboren in Berlin und getauft am 15. Mai 1760 (Kirchenbuch St. Petri Berlin, Taufen 1759–1770, S. 44), gestorben in Berlin am 20. März 1820 (Kirchenbuch Jerusalemkirche, Bestattungen 1820–1821, S. 22, Nr. 125)., einem der lutherischen Prediger der Berliner Jerusalem- und Neuen Kirchengemeinde,Die beiden Kirchen der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde waren sogenannte Simultankirchen, die sowohl von einer deutsch-reformierten als auch einer lutherischen Gemeinde genutzt wurde. in einer Haustaufe evangelisch-lutherischEintrag im Taufbuch der Jerusalemkirche 1816 auf S. 24: „heilige Taufe zur christlichen Religion u. lutherischen Confession“. – Die vielfach in der Literatur und auf Internetseiten wiederholte Behauptung, Felix Mendelssohn und seine Geschwister seien am 21. März 1816 reformiert getauft worden, stimmt nicht. Die Behauptungen beruhten wohl auf der Fehlannahme, die beiden Kirchen der Jerusalems- und Neue Kirchengemeinde seien ausschließlich von einer deutsch-reformierten Gemeinde genutzt worden. Es handelte sich hingegen um Simultankirchen mit einer reformierten und einer lutherischen Gemeinde. Prediger Stegemann/Stägemann hat viele Jahre lang jüdische Familien lutherisch getauft. taufen. Dabei wurde Fannys zweiter Vorname Zippora in Cäcilie geändert und ihrem Familiennamen wurde der Zusatz Bartholdy beigefügt, den die Eltern später ebenfalls annahmen. Am 23. Februar 1823 erhielt die Familie die offizielle behördliche Genehmigung, ihrem Nachnamen Mendelssohn den Namen Bartholdy anzufügen.Vgl. Peter Schleuning: Fanny Hensel geborene Mendelssohn. Musikerin der Romantik. Böhlau, Köln u. a. 2007, S. 42–47, 85.
Musikalischer Werdegang Fanny erhielt ihren ersten Klavierunterricht von ihrer Mutter Lea Mendelssohn, die in der Berliner Bach-Tradition ausgebildet worden war,Eva Weissweiler: Fanny Mendelssohn, Italienisches Tagebuch. Druck- und Verlagsgesellschaft, Darmstadt, ISBN 3-630-61607-0, Vorwort, S. 5–29. und vermutlich auch von Franz Lauska (1813).Bezüglich des Unterrichts bei Lauska gibt es widersprüchliche Quellenaussagen, vgl. hierzu Cornelia Bartsch: Fanny Hensel, geborene Mendelssohn Bartholdy. Musik als Korrespondenz. Furore Verlag, Kassel 2007, S. 100. Im Jahr 1818 konnte sie mit 13 Jahren dem Vater zum Geburtstag bereits alle 24 Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier Johann Sebastian Bachs auswendig vortragen. Daneben erhielten Fanny und Felix ab 1819 Theorie- und Kompositionsunterricht bei Carl Friedrich Zelter, der ihnen insbesondere die Musik Beethovens sowie die kontrapunktische Kunst Johann Sebastian Bachs vermittelte.Vgl. Ute Büchter-Römer: Fanny Mendelssohn-Hensel. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2018, S. 25 f. Lea Mendelssohn führte außerdem die Tradition ihrer eigenen Mutter Bella Salomon weiter und inszenierte mit ihren Kindern für Geburtstags- und Familienfeiern kleine Musik- und Theaterstücke, stellte „lebende Bilder“ oder ließ Gedichte vortragen. Angeleitet von Fanny führten die Geschwister auch in eigener Regie ihre eigenen Kompositionen bzw. einstudierte Werke für ihre Eltern auf.Vgl. Martina Bick: Musikerinnen der Familie Mendelssohn (= Reihe Jüdische Miniaturen, Band 202). Hentrich & Hentrich, Berlin 2017, S. 39. Die ersten bekannten Kompositionen der Geschwister waren zwei Liedvertonungen, die sie ihrem Vater zum Geburtstag am 10. Dezember 1819 schenkten. 1820 begannen beide Geschwister ihre Kompositionsalben. mini|205x205px|Sing-Akademie Berlin, Ludwig Eduard Lütke, vor 1850 Während eines Aufenthaltes der Familie in Paris studierten die Geschwister eine kurze Zeit bei der Pianistin und Beethoven-Schülerin Marie Bigot de Morogues und anschließend, wieder in Berlin, von 1816 bis 1821 bei Ludwig Berger.Ute Büchter-Römer: Fanny Mendelssohn-Hensel. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2018, S. 25 f. Am 1. Oktober 1820 traten beide zusammen mit ihrer Schwester Rebecka in die von Carl Friedrich Zelter geleitete Sing-Akademie zu Berlin ein. Ende des Jahres 1824 erhielten sie einige Wochen Klavierunterricht bei dem Virtuosen Ignaz Moscheles anlässlich dessen Berlinbesuchs.
Anders als ihrem Bruder Felix gestattete es der Vater der kompositorisch und pianistisch ebenfalls hochbegabten Tochter nicht, ihr Talent zu ihrem Beruf zu machen. In einem Brief vom 16. Juli 1820 schrieb Abraham Mendelssohn seiner 15-jährigen Tochter:Digitalisat des Briefes, das Zitat befindet sich auf der 3. Seite (Digitalisierte Sammlungen, Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz)
Ihr Lehrer Zelter schrieb an Goethe am 18. Februar 1831 über ihre Fähigkeiten als Pianistin ganz dem damaligen Zeitgeist entsprechend, sie spiele „wie ein Mann“, was damals das höchste Lob für eine Frau war. Als Fanny Hensel sich später um die Veröffentlichung ihrer Kompositionen Gedanken machte, sprachen sich Vater und Bruder gegen eine Drucklegung aus. Diese Haltung beruhte auf der Einstellung der bürgerlich-akademischen Kreise, dass es für eine Frau von ihrem Stand nicht schicklich sei, Geld zu verdienen. Konzertiert werden durfte zwar, jedoch nicht in der Öffentlichkeit und nicht für Geld.Vgl. Marian Wilson Kimber: „The ‚Suppression‘ of Fanny Mendelssohn: Rethinking Feminist Biography“. In: 19th-Century Music, Vol. 26, No. 2 (2002), S. 113–129, hier S. 118. Wie wichtig Fanny Hensel aber eine Öffentlichkeit für die eigene Kompositionstätigkeit war, legt folgendes Zitat nahe, das sie im März 1838 an ihren Bruder schrieb:
Zwar stand Felix Mendelssohn Bartholdy einer Drucklegung ihrer Werke skeptisch gegenüber und verwies seine Schwester auf die für diese Zeit im Bürgertum übliche Rolle der Hausfrau und Mutter. Auch betonte er, dass zu einer Autorschaft „eine Reihe von Werken“ gehöre und nicht vereinzelte veröffentlichte Kompositionen.Cornelia Bartsch: Fanny Hensel, geborene Mendelssohn Bartholdy. Musik als Korrespondenz. Furore Verlag, Kassel 2007, S. 15 f. Jedoch geht aus seinem Brief an die Mutter Lea Mendelssohn vom 24. Juni 1837 auch hervor, dass er seine Schwester im Falle einer Veröffentlichung unterstützen würde und dass Lea Mendelssohn ihre Tochter in diesem Schritt offenbar ermutigen wollte.Vgl. Marian Wilson Kimber: „The ‚Suppression‘ of Fanny Mendelssohn: Rethinking Feminist Biography“. In: 19th-Century Music, 2002, Vol. 26, No. 2, S. 113–129, hier S. 115 f. Unter anderem heißt es in diesem Brief: „Wenn sich Fanny aus eignem Antriebe oder [Wilhelm] Hensel zu Gefallen dazu entschließt, bin ich, wie gesagt, bereit ihr behülflich zu sein, soviel ich nur vermag, aber ermuntern zu etwas daß ich für nicht recht halte, das kann ich nicht.“Die betreffende Briefstelle wurde aufgrund der Länge (ca. eine halbe Seite) hier nicht vollständig wiedergegeben, siehe Felix Mendelssohn Bartholdy. Sämtliche Briefe, Band 5 (Juli 1836 bis Januar 1838), hrsg. u. kommentiert von Uta Wald unter Mitarbeit von Thomas Kuba, Kassel u. a. 2012, S. 291–293, hier S. 292 f.
Auch wenn Fanny Hensels Ausbildung durch ihre Familie und Lehrer nicht auf eine professionelle Karriere in der Öffentlichkeit abzielte, so entfaltete sie doch eine lebenslange, überaus produktive Kompositionstätigkeit. Die halböffentlichen Sonntagsmusiken ermöglichten ihr einen Wirkungskreis, in dem sie als Musikerin vielfältig tätig werden konnte. Hier dirigierte sie größere Werke und führte ihre eigenen Kompositionen auf.Cornelia Bartsch: Fanny Hensel. In: Beatrix Borchard, Nina Noeske (Hrsg.): MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen. Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003 ff. Stand vom 22. März 2010 (Abschnitt Biografie); abgerufen am 21. Juni 2022.
Sonntagsmusiken mini|Fanny Hensels Musikzimmer, Leipziger Straße 3, Berlin, Deckfarbenbild von Julius Helfft, 1849