mini|Grube König (1864), die wohl älteste Industriephotographie des Saarlandes
Neunkirchen () (im örtlichen Dialekt „Neinkeije“) ist eine saarländische Kreisstadt an der Blies, etwa 20 km nordöstlich der Landeshauptstadt Saarbrücken gelegen. Mit Einwohnern (Stand: ) ist Neunkirchen nach Saarbrücken die zweitgrößte Stadt des Saarlandes. Sie ist Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises im Osten des Saarlands und beherbergt auch große Teile der Kreisverwaltung; der Landrat hat seinen Sitz allerdings in Ottweiler.Überblick über den Landkreis Neunkirchen auf landkreis-neunkirchen.de
Sprachliches Der Name der Stadt wird auf der ersten Silbe betont. Die Einwohner der Stadt heißen Neunkircher. In ihrer rheinfränkischen Mundart nennen die Neunkircher ihre Stadt „Neinkeije“ und sich selbst „Neinkeijer“. Der ältere Namenszusatz „(Saar)“ oder „/Saar“ steht als Kurzbezeichnung für die Lage im ehemaligen Saargebiet und bedeutet nicht „an der Saar“. Aktuell verwendet die Stadt den Namenszusatz „Kreisstadt Neunkirchen“. Im deutschen Sprachraum gibt es noch viele weitere Orte namens Neunkirchen, darunter beispielsweise das 35 km entfernte, ebenfalls im Saarland gelegene Neunkirchen/Nahe, das 42 km entfernte Neunkirchen am Potzberg oder das 30 km entfernte Neunkirchen bei Saargemünd, ebenso wie das knapp außerhalb der westlichen Landesgrenze des Saarlandes gelegene französische Neunkirchen-lès-Bouzonville. Der Name geht – wie der Name aller gleichnamigen Orte – zurück auf eine Dativform „bei der neuen Kirche“, mittelhochdeutsch „ze der niuwen kirchen“.Henning Kaufmann: Die Namen der rheinischen Städte, Fink, München 1973, S. IV.
Geschichte
mini|links|Blick auf den Neunkircher Markt (Stummplatz, Saarpark-Center) Bereits in vorgeschichtlicher Zeit wurde im Stadtteil Heinitz auf dem Riedberg im Flöz Tauentzien Kännelkohle/Gagat abgebaut, so in der Hallstattzeit (700–450 v. Chr.) und Römerzeit (3. Jhd. n. Chr.). Dieser deutschlandweit älteste Steinkohlenbergbau ist heute noch an einem Pingenzug und dem Gedenkstein „An der Keltengrube“ unweit der Straße von Elversberg nach Heinitz erkennbar. Der Stadtteil Wiebelskirchen wurde im Jahr 765 zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt. „Wiebelskirchen“ ist damit im Saarland die älteste nachgewiesene christliche Ortsbezeichnung. Die erste urkundliche Nennung Neunkirchens stammt aus dem Jahre 1281. Fast das gesamte Stadtgebiet gehörte zum Fürstentum Nassau-Saarbrücken. Das Fürstenhaus errichtete in der waldreichen Gegend nacheinander zwei Schlösser, die heute verschwunden sind. Das ab 1575 errichtete Renaissanceschloss am Oberen Markt wurde 1752 abgetragen; der im gleichen Jahr begonnene Neubau Schloss Jägersberg wurde während der Koalitionskriege ruiniert.
mini|hochkant|Eisengießer-Denkmal am Hüttenberg. Künstler: Fritz Claus mini|Graffito „Hüttenarbeiter“. Künstler: Hendrik Beikirch 1593 wurde im Bliestal das Neunkircher Eisenwerk errichtet, das die Geschicke des Ortes maßgeblich prägte. Johann Wolfgang von Goethe, der 1770 Neunkirchen als Student bereiste, beschreibt in Dichtung und Wahrheit die malerische Lage des Ortes, das Schloss Jägersberg und die Eisenverhüttung.
Die Industrialisierung Neunkirchens war eng verbunden mit der Montanunternehmerfamilie Stumm. Am 22. März 1806 übernahmen die Gebrüder Stumm das Neunkircher Eisenwerk. In der Frühzeit der Industrialisierung wurden ab 1820 durch die Grube König Steinkohlevorkommen erschlossen, die gemeinsam mit den im nahen Lothringen gefundenen Eisenerzen (Minette) zur Entstehung einer bedeutenden Eisenindustrie am Standort Neunkirchen führten. Unter Carl Ferdinand von Stumm-Halberg stieg das Unternehmen zu einem Marktführer der eisenschaffenden Industrie auf.
Die Familie Stumm verwaltete ihren Besitz lange Zeit als von Neunkirchen abgetrennte eigene Gemeinde Niederneunkirchen. Während der Selbstständigkeit Niederneunkirchens wurde Neunkirchen auch Oberneunkirchen genannt. Obwohl die Einwohnerzahl beider Gemeinden auf über 20.000 anstieg und es aus Seiten der Bevölkerung Bestrebungen gab, Stadtrechte zu erhalten, konnte die Familie Stumm dies lange verhindern. Erst nach dem Tod von Karl Ferdinand Stumm gelang es: Durch Vertrag vom 19. Dezember 1921 schlossen sich die vier Gemeinden Kohlhof, Neunkirchen, Niederneunkirchen und Wellesweiler zu einer Gemeinde zusammen, der vier Tage später mit Wirkung vom 1. April 1922 Stadtrechte verliehen wurden.
Obwohl Neunkirchen eine große Arbeiterbevölkerung hatte, konnten Sozialdemokratie und sozialistische Bewegung hier bis 1918 kaum Fuß fassen. Im Eisenwerk wurden beispielsweise keine Sozialdemokraten beschäftigt. Jedoch kam es in der Novemberrevolution 1918 zur Bildung eines Arbeiterrates. Die Rote Fahne wurde auf dem Rathaus gehisst, und der Rat übernahm zeitweise die Macht in der Stadt, kümmerte sich jedoch im weiteren Verlauf vor allem um die Lebensmittelversorgung.Fabian Trinkaus: Krisenhafter Umbruch und Organisationsverhältnisse – Der Erste Weltkrieg und die europäische Arbeiterbewegung am Beispiel der Hüttenstädte Neunkirchen/Saar und Düdelingen/Luxemburg, in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2012.
Während des Völkerbund-Mandats über das Saargebiet (1920–1935) bestand in Neunkirchen eine Domanialschule., Vortragsmanuskript vom 22. Juni 1993.
Am 10. Februar 1933 explodierte ein Gasometer nahe beim Eisenwerk. 68 Menschen starben und 190 wurden verletzt. Auf dem Hauptfriedhof Scheib wurde für die Opfer ein Sondergrabfeld angelegt. Viele Häuser wurden unbewohnbar, ein neues Schulhaus wurde fast völlig zerstört. Es gab bald Sonderbriefmarken, mit denen für die Opfer gesammelt wurde, das Rote Kreuz half beim Bau einer Siedlung am heutigen Storchenplatz für die beim Unglück obdachlos Gewordenen.
Am 15. März 1945 wurden bei einem Bombenangriff große Teile der Innenstadt zerstört. Heute stammen noch etwa ein Drittel der Gebäude der Stadt von vor 1945.https://www.zensus2011.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Aufsaetze_Archiv/2015_12_NI_GWZ_endgueltig.pdf?__blob=publicationFile&v=2 mini|links|DDR-Staatsratsvorsitzender Honecker und Oberbürgermeister Neuber 1987 beim Besuch in Neunkirchen Der Niedergang der Schwerindustrie in den siebziger Jahren traf Neunkirchen schwer. Bereits 1968 schloss die letzte Kohlengrube. Als 1982 das Eisenwerk geschlossen wurde (lediglich die Walzstraße wurde weiter betrieben), führte die Stadt eine Weile die deutsche Arbeitslosenstatistik an. Auch die frühere Bedeutung Neunkirchens als Eisenbahnknotenpunkt ist nach der Teilstilllegung des Rangierbahnhofes zurückgegangen.
Teile des ehemaligen Eisenwerks sind noch als Industriedenkmal „Altes Hüttenareal“ erhalten.
Ende der 1980er Jahre wurde mit dem Bau des Saarpark-Centers auf der Industriebrache des Eisenwerks die Neunkircher Innenstadt stark verändert. Die Einweihung fand 1989 statt. Mit bis zu 25.000 Besuchern an normalen Tagen und bis zu 50.000 in der Weihnachtszeit ist es das bestbesuchte Einkaufscenter im Saarland.
1912 wurde in Neunkirchen der spätere Staats- und Parteichef der DDR, Erich Honecker, geboren. Im September 1987 reiste dieser im Rahmen eines offiziellen Besuchs in der Bundesrepublik Deutschland in seine Geburtsstadt, wo er sich unter anderem mit Jugendfreunden traf.Manfred Agethen: Besuch des DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in der Bundesrepublik. In: kas.de, abgerufen am 21. Januar 2020.Alte Fassung: . In einer Rede deutete Honecker eine mögliche Normalisierung der Verhältnisse an der innerdeutschen Grenze an. Wegen der festen Verankerung in den jeweiligen Militär-Bündnissen seien die Grenzen zwischen Ost und West nicht so, „wie sie sein sollten“. Eines Tages werde „der Tag kommen, an dem Grenzen uns nicht mehr trennen, sondern Grenzen uns vereinen, so wie uns die Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen vereint.“Jahresrückblick 1987: Honecker kommt nach Bonn. In: tagesschau.de, 17. Dezember 2010, abgerufen am 8. September 2022, mit Video.
Seit April 2012 nennt sich die Stadt Neunkirchen selbst „Musicalstadt Neunkirchen“. Den Anstoß dazu gab der damalige Oberbürgermeister Jürgen Fried. Er bezeichnete das Musicalprojekt Neunkirchen, das im Dezember 2002 entstanden war, als Alleinstellungsmerkmal der Stadt. Durch den großen Erfolg etablierte sich das Thema Musical in Neunkirchen, und das Projekt wurde zur Säule, auf der sich das Konzept der Musicalstadt aufbaute. Ein weiteres Standbein wurde durch die Neunkircher Musicalschule geschaffen, die 2010 neben der bereits vorhandenen Musikschule eröffnet wurde.Neunkirchen ist „Die Musicalstadt“, In: Saarbrücker Zeitung 4. April 2012, abgerufen am 11. März 2021.
Eingemeindungen 1922 wurden die bis dahin eigenständigen Gemeinden Kohlhof (mit Furpach), Niederneunkirchen und Wellesweiler eingegliedert; am 1. Januar 1974 außerdem die Gemeinden Hangard, Münchwies und Wiebelskirchen. Gleichzeitig kamen Gebietsteile von Bexbach (Ludwigsthal, Haseler Mühle, Hirschbergsiedlung), Kirkel-Neuhäusel (Eschweilerhof), Limbach (Bayerisch Kohlhof) und Spiesen (Menschenhaus) hinzu.
Ausgliederungen Gegen die Abtretung Bayerisch Kohlhofs und des Eschweilerhofes hatten die neue Gemeinde Kirkel wie die früheren Gemeinden Kirkel-Neuhäusel bzw. Limbach beim Verfassungsgerichtshof des Saarlandes Verfassungsbeschwerde eingelegt. Diese wurde jedoch durch das Urteil vom 17. November 1975 verworfen. Nachdem die Regierung des Saarlandes im Jahr 1979 angekündigt hatte, die strittigen Neugliederungsmaßnahmen noch einmal zu überprüfen, kam es im Februar 1980 zu großen Bemühungen der Gemeinde Kirkel, die abgetretenen Gebiete zurückzugewinnen. Die Stadt Neunkirchen war zu Verhandlungen nicht bereit. Am 10. Mai 1983 erließ die Regierung des Saarlandes eine Rechtsverordnung zur Umgliederung der bewohnten Teile des Bayerischen Kohlhofes in die Gemeinde Kirkel. Die Stadt Neunkirchen ging dagegen gerichtlich vor und bekam am 30. Januar 1984 Recht, denn der Verfassungsgerichtshof gab der Klage statt. Somit verblieb das strittige Gebiet bei Neunkirchen. Schließlich erließ der Landtag des Saarlandes am 23. Januar 1985 ein Gesetz, mit dem die bewohnten Teile der Siedlung Bayerisch Kohlhof mit Wirkung vom 1. April 1985 endgültig der Gemeinde Kirkel zugesprochen wurden. Das Gebiet kam zum Ortsteil Limbach.
Stadtteile Einwohnerzahlen Stand 31. Dezember 2022:, abgerufen am 10. Februar 2018.
Stadtteil Einwohner Furpach 3.892 Hangard 1.760 Heinitz 635 Kohlhof 1.746 Ludwigsthal 1.134 Münchwies 1.134 Kernstadt Neunkirchen 23.360 Sinnerthal 517 Wellesweiler 5.173 Wiebelskirchen 8.965 Gesamt 48.542 (31. Dezember 2023)Neunkirchen: Bevölkerung
Kernstadt mini|Neunkirchen Altes Hüttenareal mini|hochkant|Das Stumm-Denkmal, der inoffizielle Mittelpunkt von Neunkirchen Die Kernstadt Neunkirchen erstreckt sich von der Blies, wo ein modernes Einkaufszentrum errichtet wurde, auf die Hügel vor allem südlich des Flusses. Das alte Stadtzentrum (Oberstadt) gruppiert sich um den Oberen Markt. Westlich der Oberstadt gibt es ausgedehnte Industriebrachen, von denen erst ein Teil neuen Funktionen zugeführt wurde.
Eschweilerhof und Hofgut Menschenhaus
Eschweilerhof und das Hofgut Menschenhaus kamen erst 1974 durch die Gebiets- und Verwaltungsreform des Saarlandes zu Neunkirchen. Vorher gehörte der Eschweilerhof zu Kirkel-Neuhäusel. Die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes war 1212 als zum Kloster Wörschweiler gehörender Ort Eischweiler. Das Hofgut Menschenhaus wurde 1754 von einem Wildaufseher des Fürsten Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken errichtet. Es gehörte vorher zur Gemeinde Spiesen.
Furpach
mini|Hofgut in Furpach Furpach, ein Wohn- und Naherholungsgebiet, liegt rund dreieinhalb Kilometer südöstlich der Neunkircher Innenstadt an der A 8.
Hangard
Hangard (auch: die Hangard) liegt nordöstlich der Neunkircher Innenstadt. Der Ort trägt gelegentlich den Beinamen „Perle des Ostertales“.