miniatur|Guenter Lewy (links), 2016 Guenter Lewy (* 23. August 1923 in Breslau; † 24. März 2026) war ein deutsch-US-amerikanischer Hochschullehrer und Professor der Politikwissenschaften. Er veröffentlichte mehrere kontrovers aufgenommene Bücher zur Rolle der katholischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus, zum Vietnamkrieg, zum Völkermord an den Sinti und Roma und zum Völkermord an den Armeniern.
Leben Lewy wuchs in Breslau auf. Nachdem er während der Novemberpogrome 1938 verprügelt worden war, emigrierte er im März 1939 vor der nationalsozialistischen Verfolgung in das britisch verwaltete Palästina. Hier schloss er sich im Dezember 1942 der Britischen Armee an und kämpfte in der Jüdischen Brigade von Bernard Montgomerys 8. Armee im Italienfeldzug. Im Jahre 1946 zog er in die USA und studierte am City College of New York und an der Columbia University, an der er 1957 promovierte. Anschließend lehrte er als Professor Politikwissenschaften am Smith College und am Amherst College der University of Massachusetts.Desider Stern: Werke von Autoren jüdischer Herkunft in deutscher Sprache. Wien 1970, S. 251. U.S. District Court District of Columbia Complaint. Gunter Lewy vs. Southern Poverty Law Center, November 13th, 2008. PDF. Er lebte in Washington, D.C. und wirkte am Commentary mit.
In dem Film Wir sind Juden aus Breslau (2016) von Karin Kaper und Dirk Szuszies kommt Guenter Lewy ausführlich als Zeitzeuge über seine Kindheit in Breslau und Stationen seines weiteren Lebens zu Wort.Wir sind Juden aus Breslau. Dort auch mehr Informationen über den Film und seine Entstehungsgeschichte.
Wissenschaftliche Werke Die katholische Kirche und das Dritte Reich (1964) The Catholic Church and Nazi Germany, New York, 1964, Nachdruck im Jahre 2000, ISBN 0-306-80931-1, in deutscher Übersetzung von Hildegard Schulz: Die katholische Kirche und das Dritte Reich, München, 1965.Das 1964 im englischen Original erschienene Werk von Lewy gilt als bahnbrechendes und auf umfangreichem Quellenstudium basierendes Standardwerk zur Haltung der katholischen Kirche zu den Geschehnissen im Dritten Reich.Gerhard Czermak: . Website des Bundes für Geistesfreiheit München. 1. Februar 2000. Der Spiegel druckte 1965 in einer achtteiligen Serie Auszüge aus dem Buch. Es stand jahrzehntelang neben Rolf Hochhuths Werken allein mit seiner kritischen Beurteilung der Rolle des Papsttums und des Vatikans vor und während des Holocausts. Besonders von der Bonner Kommission für Zeitgeschichte wurde das Werk Lewys heftig bekämpft. In den letzten Jahren erschienene moderne Untersuchungen wie von David I. Kertzer, Susan Zuccotti, John Cornwell, Daniel Jonah Goldhagen, James Waller, Ingo Müller, denen mehr Archivmaterial und Dokumente zur Verfügung standen als Lewy, bestätigten Lewys Ergebnisse von 1964. Lewy gilt als einer der Pioniere unter den Historikern, die dieses Thema untersucht haben. Seine Arbeit ist vor allem auf kirchliche Quellen in Deutschland gestützt.Institute for Global Jewish Affairs: Pope Pius XII's Attitudes toward the Holocaust, Oktober 2009, abgerufen am 8. November 2009. Ausschnitt: […] Another pioneer author was Guenter Lewy, a political scientist from the University of Massachusetts who researched Church documents in Germany and was somewhat critical of Pius XII.[…].Lewy stellte die Frage nach der Bedeutsamkeit der Jugendjahre von Adolf Hitler, der selbst katholisch getauft war. Hitler verbrachte seine frühen Jugendjahre in Österreich, wo damals die vom Vatikan unterstützte, antisemitische Christlich-Soziale Bewegung aktiv war. Lewy erinnerte daran, dass Hitler selbst erklärt hatte, von Karl Lueger, dem Führer dieser Bewegung, inspiriert worden zu sein. Lewy lieferte mit seiner Arbeit das Ergebnis, dass es schwierig sei, nicht zu dem Schluss zu kommen, dass der Papst und seine Berater – beeinflusst durch eine lange Tradition eines in Vatikankreisen weitgehend akzeptierten, moderaten Antisemitismus – die Misere der Juden nicht mit einer Dringlichkeit und einer moralischen Empörung angesehen haben.
America in Vietnam (1978) America in Vietnam, Oxford University Press, 1978, ISBN 0-19-502732-9.In seinem 1978 erschienenen Werk gibt Lewy eine systematische Analyse des Ablaufs des Vietnamkriegs, der amerikanischen Strategie und Taktiken, des Bemühens um Vietnamisierung (d. h. schrittweisen Abzug der US-Truppen) und der amerikanischen Schuld wieder. Lewy spricht manchen der Zeugenaussagen der Winter-Soldatenuntersuchung, eines 1971 auf Initiative von Jane Fonda und der Vietnam Veterans Against the War gestarteten Medienereignisses, das anhand einer dreitägigen Zeugenversammlung unter Befragung von 109 Vietnamveteranen und 16 Zivilisten in Detroit Anschuldigungen gegen die United States Navy und ihrer Alliierten wegen Kriegsverbrechen in Vietnam publik machen sollte, die Glaubwürdigkeit ab. Er merkte an, dass viele der Detroit-Zeugen später der Untersuchung der United States Navy gegenüber die Aussage verweigert hatten und manche der in Detroit als Zeugen aufgeführten Personen in Detroit gar nicht als Zeugen anwesend gewesen waren. (vgl. auch John Kerrys Geständnis)
Peace and Revolution: The Moral Crisis of American Pacifism (1988) Peace and Revolution: The Moral Crisis of American Pacifism, 1988, ISBN 0-8028-3640-2.In seinem 1988 erschienenen Werk untersucht Lewy am Beispiel von vier führenden pazifistischen Organisationen die Veränderung der ethischen Grundhaltung des amerikanischen Pazifismus, den er dahingehend kritisiert, er habe seine philosophische Beständigkeit und seine moralische Integrität verloren. Den vier damals prominenten pazifistischen Organisationen Fellowship of Reconciliation, War Resisters League, Women’s International League for Peace and Freedom und der American Friends Service Committee wirft er vor, den Urkonflikt zwischen dem Ideal der Gewaltlosigkeit und der Befreiung der Unterdrückten (insbesondere in der Dritten Welt) durchzumachen. Dabei würden sie kommunistische Bewegungen in Vietnam oder in Zentral- und Südamerika unterstützen, dagegen aber den Kampf der Afghanen gegen die Sowjetunion ignorieren. Lewy wirft dem amerikanischen Pazifismus vor, er hätte seine Bindung an die Gewaltlosigkeit auf Basis einer Feindseligkeit gegenüber der amerikanischen Demokratie und einer Verblendung gegenüber Revolutionen in der Dritten Welt aufgegeben.Rezensionen der Publisher's Weekly und der Library Journal
The Cause That Failed: Communism in American Political Life (1990) The Cause That Failed: Communism in American Political Life, Oxford University Press, 1990, ISBN 0-19-505748-1.Das 1990er Werk Lewys untersucht die Vertretung des Kommunismus in der amerikanischen Politik (20.000 Mitglieder der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA) im Jahr 1988). Für einflussreicher erklärt er allerdings die gemäßigteren Linksparteien.Lewy behandelt in seinen ersten Kapiteln die Anfangsjahre der amerikanischen kommunistischen Bewegung von 1919 bis 1939. Der Hauptteil seiner Arbeit behandelt die Phase nach dem Beginn des Kalten Kriegs und des wiedergeborenen Radikalismus. Es wird geschildert, wie der Kommunismus in den USA schleichend wiederaufersteht, was laut Lewy von Joseph McCarthy begünstigt wurde, dem vorgeworfen wird durch seinen Stil, Antikommunisten vergrault und „Anti-Antikommunisten“ den Weg geebnet zu haben.Lewy wertet eine Fülle von Primärquellen aus und baut so ein Bild der amerikanischen Gesellschaft der 1950er, der 60er, der 70er und der 80er auf. Der Vietnamkrieg bzw. die begleitende Antikriegsbewegung beschleunigte den Prozess. Diese Bewegung bediente sich laut Lewy immer mehr marxistisch-leninistischer Vokabeln, die zu ihrer Radikalisierung und zu Parallelen zu den amerikanischen Linken der Anfangsjahre des amerikanischen Kommunismus führte. Er schließt daraus, dass die Alten und die Neuen Linken eine gemeinsame Linie zur Kooperation gefunden hatten, die „bis unsere Tage“ (1990) fortbestanden hat.An Beispielen verdeutlicht Lewy, wie auch bedeutende Organisationen wie die American Civil Liberties Union (ACLU) und die National Committee for a Sane Nuclear Policy (SANE) einen Gesinnungswandel während des Vietnamkriegs durchmachten.
Why America Needs Religion: Secular Modernity and Its Discontents (1996) Why America Needs Religion: Secular Modernity and Its Discontents, Wm. B. Eerdmans Publishing, 1996, ISBN 0-8028-4162-7.Lewy geht in seinem 1996er Werk der Frage nach, ob die säkulare Moderne für die sozialen Veränderungen im Hinblick auf den Rückgang der Familie und die Zunahme der Unterschicht in den USA verantwortlich ist. Er baut in seinem Buch ein Gleichgewicht auf zwischen denen, die das Christentum als Quelle der moralischen Inspiration ansehen und denen, die das Christentum als Quelle der Intoleranz verdammen. Seine Argumentationen laufen im Verlauf seines Buches auf das Postulat hinaus, Amerika brauche eine traditionelle Religion, um eine dezente moralische Ordnung aufrechtzuerhalten.Er kommt zu dem Schluss, dass der kulturelle Ethos des Säkularismus mit seinem begleitenden radikalen Individualismus traditionelle Werte wie bürgerliche Tugend, familiäre Solidarität, soziale Anteilnahme verdrängt hat und ein wichtiger Faktor für die Zunahme der Unterschicht war. Weiterhin untersucht er, inwiefern der Glaube das Leben des Gläubigen ändert und macht auf die niedrigen Raten bei gläubigen Christen bezüglich sozialer Krankheiten und moralischem Defekt aufmerksam. Er vermutet, dass das Gefühl, Gott zu dienen und von ihm geliebt zu werden, dazu beitrage.Am Ende seines Buches glaubt Lewy weiterhin nicht an Gott, aber er definiert sich nunmehr als Nontheisten statt als säkularen Humanisten und stellt fest, dass er mit religiösen Denkern mehr gemein hat, als mit säkularen Denkern.Rezension von John-Peter Pham
„Rückkehr nicht erwünscht“ – Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich (2000)