Die Streitkräfte des Irak () sind das irakische Militär und umfassten im Jahr 2020 rund 193.000 Soldaten in drei Teilstreitkräften und unterstehen dem irakischen Verteidigungsministerium. Daneben existieren als Teil der irakischen Sicherheitskräfte noch weitere 148.000 Mann (Stand: 2020). Sie gehören der Irakischen Polizei (IP) (paramilitärische Polizeieinheiten), der Grenzpolizei (Border Enforcement Department) und verschiedenen Milizen an.
Mit dem Irakkrieg im Jahre 2003, bei dem die Streitkräfte der USA das Land völkerrechtswidrig angriffen, erfuhren die Streitkräfte des Irak die tiefste Zäsur ihrer Geschichte. Nach ihrer Niederlage in diesem Krieg wurden sie von der multinationalen Besatzungsstreitmacht wieder aufgebaut und neu strukturiert, nachdem alle Soldaten zunächst entlassen worden waren. mini|Soldaten der 6. irakischen Armee
Geschichte Streitkräfte bis 2003 Die irakischen Streitkräfte wurden nach dem Ersten Weltkrieg von den britischen Mandatsherren aufgebaut. Diese hatten nach dem Zerfall des osmanischen Reiches die Kontrolle über den Irak (Britisches Mandat Mesopotamien) erhalten. Die Armee wurde mit der Aufstellung des ersten Bataillons am 6. Januar 1921 gegründet, erster Verteidigungsminister wurde Jafar al-Askari. In der Folge wurden weitere Armeeeinheiten, die Luftwaffe und die Seestreitkräfte eingerichtet.GlobalSecurity.org: Iraqi Army (IA) (abgerufen am 5. Januar 2016) Von den Briten geschaffen, um gegen befürchtete Übergriffe der türkischen und persischen Nachbarstaaten auf das Territorium des Irak gerüstet zu sein, wurde sie nach deren Ausbleiben hauptsächlich zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung eingesetzt.Kenneth Pollack: Arabs at War, Lincoln, 2004, S. 148–266 Die Streitkräfte umfassten 1925 7.500 Mann. Das Offizierskorps wurden von Veteranen des Arabischen Aufstands dominiert.Adeed Dawisha: Iraq – A political History from Independence to Occupation, Princeton, 2009, S. 36f Parallel zu den arabisch-irakischen Streitkräften hatten die Briten aus Angehörigen der assyrischen Minderheit spezielle Einheiten gebildet. Nach der formalen Unabhängigkeit des Irak 1932 wurden diese als besonders probritisch verachteten assyrischen Schützen 1933 von der irakischen Armee gewaltsam unterworfen, was der bislang ebenfalls probritischen Armee patriotische Sympathien arabischer Nationalisten einbrachte.Kenneth Pollack: Arabs at War, Lincoln, 2004, S. 148–266
Die erfolgreiche Niederwerfung der assyrischen Autonomiebestrebungen (Massaker von Semile) führte zu einer öffentlichen Popularität des Armeechefs General Bakr Sidqi. 1933 verabschiedete die Regierung gegen den Widerstand der Briten die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. 1936 erzwang ein gewaltloser Militärputsch unter Beteiligung Sidqis die Einsetzung eines neuen Kabinetts unter Hikmat Suleiman. Ebenso beendeten die Streitkräfte unter Sidqis Kommando 1935–36 eine Serie von Stammesaufständen. Dabei kam es neben Massenexekutionen und Vertreibungen auch zum Bombardement von Dörfern durch die irakische Luftwaffe. Sidqi läutete damit eine Ära der politischen Vorherrschaft des Militärs als staatstragende Institution im Irak ein. Er selbst und Suleiman wurden jedoch 1937 in Mosul im Rahmen eines Putsches ermordet.Abbas Khadim: Civil-Military Relations in Iraq (1921–2006): An Introductory Survey, Strategic Insights, Volume V, Issue 5 (May 2006), online abrufbar im PDF-Format, zuletzt abgerufen am 19. November 2011Adeed Dawisha: Iraq – A political History from Independence to Occupation, Princeton, 2009, S. 36f
Vor und während des Zweiten Weltkriegs wurde die irakische Armee von der britischen Kolonialmacht von 20.300 Soldaten auf 47.000 Soldaten ausgebaut.Adeed Dawisha: Iraq: A Political History from Independence to Occupation, 2011. S. 100f Während des Krieges beteiligten sich nationalistische Kreise der Armee an einem von den Achsenmächten unterstützten Militärputsch unter Führung von Raschid Ali al-Gailani.Kenneth Pollack: Arabs at War, Lincoln, 2004, S. 148–266 Danach wurde die Armee durch die britische und irakische Führung bewusst geschwächt. 605 von 1.745 Offizieren wurden inhaftiert oder entlassen. Die Truppenstärke wurde auf 25.000 Mann verkleinert. Darüber hinaus fehlte es an elementarster Ausrüstung wie Stiefel und Uniformen. Aufgrund schlechter Verpflegung und geringem Sold war die Moral niedrig und Desertion endemisch.Adeed Dawisha: Iraq: A Political History from Independence to Occupation, 2011. S. 100f
Die irakische Armee entsandte ein 15.000 Mann starkes Expeditionskorps bei einer Gesamtstärke von 21.000 Mann in den Palästinakrieg. Am Abend des 14. Mai 1948, dem Tag der Unabhängigkeit Israels, erfuhr die Hagannah () von der Absicht der Militärexpedition. Geschers Verteidiger fürchten, dass irakische Streitkräfte und die transjordanische Arabische Legion die Drei Brücken Dschisr alMadschamiʿ über den Jordan für einen Einmarsch nach Israel nutzen würden. Zugleich befahl die Hagannah dosiert am Deganiadamm bei Degania Alef Stauwasse vom See Genezareth in den Jordan abzulassen, um ihn soweit zu fluten, dass Invasoren ihn nur schwer passieren könnten.Mali Abramovitsch (), “” (21. Februar 2021), auf: ; abgerufen am 2. Juli 2026.
Am Tage ihres Heranrückens über Transjordanien begleitet durch die Arabischen Legion mit ihren geschützten Fahrzeugen, womit sie die Schlacht um Gescher (15.–25. Mai 1948) eröffneten, zündete ein Team der Golani-Brigade die Sprengsätze über die Segmente der Drei Brücken Dschisr alMadschamiʿ.Uri Maltz (), “”, auf: T(r)ip; abgerufen am 17. Juni 2026. Die irakischen und transjordanischen Expeditionsstreitkräfte konnten den Jordan erst etwa drei Kilometer südlich Geschers queren.Michael Jacobson (), “” (27. April 2020), auf: Ynet ; abgerufen am 23. Juni 2026. In der Schlacht um Gescher drangen Iraker vorübergehend sogar in das Tegart-Fort ein, aus dem heraus es den israelischen Soldaten schließlich gelang, Gescher zu behaupten,Avraham Lewensohn (; 1923–1986), Reiseführer Israel mit Straßenkarten und Stadtplänen ['Israel Tourguide', 21979; dt.], Miriam Magall (Übers.), Tel Aviv-Jaffa: und Tourguide, 1982, S. 132. die irakischen Kräfte zurückzuschlagen und mit den Transjordaniern wieder von Gescher zu vertreiben.NN, “”, auf: ; abgerufen am 26. Juni 2026. Am Ende des Krieges zog Irak im März 1949 seine Truppen unvermittelt ab, ohne sich mit Israel auf Bedingungen der Waffenruhe zu verständigen. So teilten sich dann Israel und Transjordanien (ab 1950 Jordanien) im Waffenstillstandsabkommen von 1949 auf Rhodos das von irakischen Truppen geräumte Gelände in gegenseitigem Einvernehmen auf.Ilan Pappe, „Das Scheitern der Politik: Eine historische Annäherung an den Krieg von 1948“, in: Babylon: Beiträge zur jüdischen Gegenwart, Jg. 3, Heft 4, September 1988, S. 24–39, hier S. 31.
Nach dem Krieg wurde die Armee massiv ausgebaut. 1956 hatte sich ihre Stärke auf 60.000 verdreifacht. Die Luftwaffe wurde unter anderem mit britischen Jetjagdflugzeugen auf 250 Flugzeuge aufgestockt. Nach dem Sturz der Monarchie 1958 begann die Sowjetunion das Vereinigte Königreich als Waffenlieferant des Irak abzulösen. Im Sechstagekrieg beschränkte sich die irakische Teilnahme mit vereinzelten Luftschlägen, die in der Regel kaum Wirkung zeigten. Die von Präsident Aref entsandten Einheiten erreichten Jordanien nicht mehr vor dem Waffenstillstand, blieben aber bis zum Jordanischen Bürgerkrieg im Land. Im Yom-Kippur-Krieg wurden 60.000 mobilisiert, etwa 18.000 davon kamen zum Einsatz. Organisiert in zwei Panzerdivisionen, zwei Infanteriebrigaden, einer Brigade für Spezialoperationen sowie kleineren Einheiten operierten sie von syrischem Territorium aus.Kenneth Pollack: Arabs at War, Lincoln, 2004, S. 148–266
Unter Saddam Hussein wurden die Streitkräfte einer rigiden Kontrolle und einem totalitären Ideologisierungsprogramm unterworfen. Zahlreiche Offiziere und Soldaten wurden im Krieg und im Frieden aufgrund von Fehlleistungen oder als angebliche Verräter hingerichtet. Ebenso wurden mit der paramilitärischen Volksarmee und der Republikanischen Garde Organisationen geschaffen die den Status der Streitkräfte als einzigem Waffenträger der Nation in Frage stellten. Den Einheiten wurden Politoffiziere bis auf Bataillonsebene zugeordnet und Beförderung erfolgten nach Loyalität und Familienbanden. Saddam behielt sich eine enge Kontrolle über kleinste Entscheidungen während seiner Kriege vor. Eine Ausnahme stellten die letzten Jahre des Ersten Golfkrieges dar, als Saddam der Armee mehr Entscheidungsfreiheit erlaubte. Die verantwortlichen Offiziere wurden jedoch nach dem Krieg entlassen, inhaftiert oder hingerichtet. Angehörige der Streitkräfte besaßen jedoch ein hohes Sozialprestige und wurden vom Regime großzügig finanziell unterstützt.Efraim Karsh, Inari Rautsi: Saddam Hussein – A political biography, New York, 1991, S. 187ff
mini|T-72 der neu aufgebauten irakischen Streitkräfte.
Am Ende des Ersten Golfkriegs verfügte der Irak über mehr als 120 Divisionen und 1500 Kampfflugzeuge, wobei das Land militärisches Gerät hauptsächlich aus sowjetischer und französischer Produktion erworben hatte. Die vernichtende Niederlage im Zweiten Golfkrieg gegen eine internationale Allianz unter Führung der USA führte zu einer starken Dezimierung der Streitkräfte auf 23 Divisionen und weniger als 300 Flugzeuge. Auch wenn die Anzahl der Soldaten bei 375.000 Mann konstant blieb, führte die außenpolitische Isolation des Landes und das wirtschaftliche Embargo gegen das Regime Saddam Husseins zu einer chronischen Unterversorgung auf allen Ebenen. Dies zeigte sich beim Einmarsch der USA-Alliierten 2003, als das irakische Militär, vom Häuserkampf abgesehen, keinen nennenswerten Widerstand aufbringen konnte. Gerade die Wehrpflichtigen ergaben sich meist schnell.
Streitkräfte nach der Niederlage im Irakkrieg Nach der vollständigen Besetzung des Irak wurden am 23. Mai 2003 die Streitkräfte des ehemaligen Regimes unter Saddam Hussein durch die Übergangsverwaltung aufgelöst und alle Soldaten entlassen. Eine große Anzahl der militärischen Hinterlassenschaften wurden zerstört.
Nach kurzer Zeit wurden die neuen irakischen Sicherheitskräfte mit Unterstützung der USA, Großbritanniens, Australiens und Jordaniens wieder aufgestellt. Die NATO gewährte dabei Ausbildungsunterstützung. Im Irak waren aber weiterhin die „Koalitionsstreitkräfte“, vorrangig die USA und Großbritannien als Hauptteil der Multi-National Force Iraq für die innere und äußere Sicherheit im Land zuständig und arbeiteten eng mit der neuen irakischen Armee zusammen. Bemerkenswert war, dass die Soldaten der irakischen Armee gleichzeitig Angehörige lokaler Milizen sein konnten; auf der Uniform wird dann das Abzeichen der Armeeeinheit neben dem der Milizeinheit getragen.
mini|links|Ein irakischer Soldat in Bagdad im Herbst 2007
Der Wiederaufbau der Streitkräfte folgte oft nach Vorstellungen der USA, d. h. eine Verringerung der Mannstärke zugunsten eines besser ausgestatteten und professionelleren Militärs. Ziel der momentanen Maßnahmen ist es, die neuen irakischen Sicherheitskräfte in die Lage zu versetzen, die Kontrolle über das gesamte Land auszuüben. Das Vorgehen sieht dabei so aus, gut ausgerüstete Kerneinheiten auszuheben, die danach Zug um Zug erweitert werden können. Dies erklärt auch, weshalb derzeitige Brigadeeinheiten als „Divisionen“ deklariert werden. in der Onlineausgabe des Weekly Standard vom 23. April 2007. Eingesehen am 17. Mai 2007
Die zunächst aufgebaute Irakische Nationalgarde (Iraqi National Guard) wurde bis Dezember 2004 wieder von den USA aufgelöst, da es sich zeigte, dass Teile davon zu Aufständischen übertraten oder desertierten. Siehe: 1. Schlacht von Falludscha – Operation Vigilant Resolve