Die Miasmenlehre ist eine in der Homöopathie und Alternativmedizin gelehrte pseudowissenschaftliche, subjektive Theorie zur Erklärung der Ursache chronischer Krankheiten. Sie wurde 1828 von Samuel Hahnemann erfunden.
Der Begriff stammt vom griechischen Wort Miasma (μίασμα), was mit übler Dunst, Verunreinigung, Befleckung übersetzt werden kann.
Die Miasmalehre wurde ab dem 19. Jahrhundert durch naturwissenschaftliche Ansätze wie die Infektiologie abgelöst und wird von der modernen evidenzbasierten Medizin zur Erklärung der Ursache chronischer Krankheiten nicht benutzt.
Miasmentheorie nach Samuel Hahnemann Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, schrieb, dass er in seinen ersten praktischen Jahren der homöopathischen Behandlung die Erfahrung gemacht habe, dass bei chronisch kranken Patienten gewählte Mittel bis zu einem gewissen Punkt wirkten, aber die Symptome oder die Erkrankungen immer wiederkehrten, also nicht dauerhaft „geheilt“ waren:
Dies veranlasste ihn, elf Jahre lang die Hintergründe dieser Problematik zu erforschen, sowohl in der seinerzeitlichen medizinischen Literatur als auch in seinen eigenen „Patientenjournalen“. Das, was er zu finden glaubte, war, dass Erkrankungen sich nicht alleine durch vordergründige Symptomatik zeigten, sondern dahinter ein Prozess arbeitete, der im Verborgenen für das erneute Aufflammen von Symptomen verantwortlich zu sein schien. Er schrieb
Hinter diesem Phänomen vermutete er ein „Ur-Übel“, dessen Natur er nicht kannte.
Geleitet durch seine Meinung, dass die Wirkungen seiner bis dahin geprüften Arzneien durch einen Krätze-Ausschlag blockiert werden könnten und dass die meisten Erkrankungen auf einen Krätze-Ausschlag zurückzuführen wären, kam er zu folgender Formulierung:
Er meinte danach erkannt zu haben, dass alle chronischen Krankheiten ihren Ursprung in einem „Urübel“, einem Miasma hätten, der weitaus größte Teil davon dem „Miasma der Psora“ oder des „Krätzesiechtums“. Diese Vorstellungen wurden erstmals in seinem Lehrbuch Die chronischen Krankheiten…, das 1828 erschien, veröffentlicht. Damit begründete er die Miasmenlehre der homöopathischen Medizin. Den Begriff Miasma entnahm er seinerzeit gängiger medizinischer Literatur und deutete ihn nach eigenen Beobachtungen und Gedanken um.
Er schrieb, dass chronische Krankheiten „mit wenigen Ausnahmen, wahre Abkömmlinge einzig der vielgestaltigen Psora seyen. […] (wenn sie nicht zu den beiden venerischen Uebeln, der Syphilis und der Sycosis zu zählen […]“ seien.Samuel Hahnemann: Die chronischen Krankheiten, Arnoldsche Buchhandlung, Leipzig und Dresden 1835. S. 10
Im ersten Band der „Chronischen Krankheiten“Samuel Hahnemann: Die chronischen Krankheiten, Arnoldsche Buchhandlung Leipzig und Dresden, 1835 stellte Hahnemann seine Beobachtungen ausführlich dar, während er in den folgenden vier Bänden die Symptomatik ihrer Arzneimittel ausführlich beschrieb, die er alle in Selbstversuchen getestet hatte. Hahnemann behauptete aufgrund seiner Beobachtungen, dass chronische Erkrankungen nicht mit jeder homöopathischen Arznei geheilt werden könnten, sondern nur durch einige tiefgreifende Arzneien (siehe Haltepunkt).
Die Miasmatheorie ist einer der umstrittensten Aspekte der Hahnemannschen Lehre, da sie insbesondere heutigen Erkenntnissen und Vorstellungen über Mikroorganismen direkt widerspricht. Zu Hahnemanns Zeiten war die Existenz von Mikroorganismen als Krankheitserreger noch nicht bekannt. Dennoch widerspricht seine Auffassung von Krankheit ihrer Existenz nicht. Allerdings hat schon Pasteur in seinen späten Schriften bekannt: „nicht der Erreger, sondern das Terrain ist dafür verantwortlich, ob eine Krankheit ausbricht oder nicht“. Die Miasmen könnte man als das Terrain bezeichnen. Viele Homöopathie-Schulen in Deutschland beharren jedoch darauf, dass eine miasmatische Behandlung unumgänglich ist, möchte man chronische Erkrankungen, die immer solchen akuten Erkrankungen zugrunde lägen, tatsächlich und endgültig heilen. Die Ausbildung in der Miasmenlehre erfordert viel Zeit. Nur die sorgfältige Fallaufnahme und Auswertung der Krankengeschichte eines Menschen, so die Meinung ihrer Vertreter, könne zum Heilungserfolg führen.
Die Heilung der Psora Hahnemann formulierte jedoch nicht nur eine Theorie, sondern auch deren praktische Umsetzung. Nach seiner Vorstellung war der psorische Ausschlag ein Stellvertreter für die innere Krankheit. Ziel der Therapie war es, den psorischen Ausschlag (als Symptom der sogenannten psorischen DyskrasieErnst Seckendorf: Psorische Dyskrasie und Skabies. In: Die medizinische Welt 7, 1933, S. 1409–1411, 1444–1446, 1661–1664 und 1769–1771.) wiederherzustellen und dann zu heilen. Er schrieb:
Dieser Hautausschlag hat Ventilfunktion für die gesamte chronische Krankheit und muss am Endpunkt der Behandlung stehen, egal um welche chronische Krankheit es sich handelt. Erst die Ausheilung dieses Hautausschlages führt zur echten Heilung.
Der Haltepunkt nach James Compton Burnett Der englische Arzt und Homöopath James Compton Burnett war der Meinung, dass nicht alle Arzneien in der Lage sind miasmatische Erscheinungen zu behandeln. Er schrieb:
Miasmentheorie nach John Henry Allen Der amerikanische Homöopath John Henry Allen beschrieb die Sykose ausführlich in seinem Buch Die chronischen Miasmen und brachte unter der Bezeichnung „Pseudopsora“ seine Beobachtung bezüglich der Tuberkulose in die miasmatische Therapie ein. Die Pseudopsora wurde später als eigenständiges Miasma angesehen und als „Tuberkulinie“ bezeichnet.
Schon Samuel Hahnemann nahm an, dass die Pockenimpfung (er war ein Zeitgenosse von Edward Jenner, dem Erfinder der Pockenimpfung) bei den Menschen eine „Sykose“ auslösen könne.
Bei Allen findet man auch zum ersten Mal die Behauptung, dass Miasmen auf dem Vererbungswege weitergegeben und nicht nur selbst erworben würden.
Er beschrieb auch die Mischung der Miasmen, und das Vorgehen diese Mischung zu lösen:
Therapie der gemischten Miasmen nach John Henry Allen
Miasmentheorie nach Proceso Sánchez Ortega Der mexikanische Arzt und Homöopath Proceso Sánchez Ortega beschrieb in seinem Buch „Anmerkungen zu den Miasmen oder chronischen Krankheiten im Sinne Hahnemanns“ eine Miasmentheorie, welche vereinfacht alle Erscheinungen unter dem Gesichtspunkt der Prinzipien von Unterfunktion (Psora), Überfunktion (Sykose) und Fehlfunktion (Syphilis) beschreibt. In seinem Denkmodell behauptet er, dass es sich bei den Miasmen nicht um ererbte, sondern um konstitutionsbedingte Schwächen handelt die auch als zellpathologische Störungen auftreten.Maria-E. Lange-Ernst und Sebastian Ernst: Lexikon der Homöopathie, Seite 196–198, Naumann und Göbel 1997, ISBN 3-625-10621-3Josef M. Schmidt: Taschenatlas Homöopathie in Wort und Bild, Karl F. Haug Fachbuchverlag 2001, ISBN 3-8304-7089-4
Miasmentheorie nach Rajan Sankaran Nach der Miasmentheorie des indischen Homöopathen Rajan Sankaran gibt es vier Hauptmiasmen (Akut, Psora, Sykose und Syphilis) sowie sechs Zwischenformen (Lepra, Krebs, Malaria, Ringworm, Tuberkulose und Typhus). Bei Sankarans zehn Miasmen handelt es sich um Muster der Fehlwahrnehmung des Einzelnen und die Auseinandersetzung des Organismus mit sich und seiner Umwelt, die am Beispiel ausgewählter Krankheiten modellhaft beschrieben werden. Sankaran glaubt, dass eine Übertragung der Miasmen durch die Mutter während der Schwangerschaft oder durch die zeugenden Eltern erfolgt.
Miasmentheorie nach Alfonso Masi-Elizalde Der argentinische Arzt und Homöopath Alfonso Masi-Elizalde betrachtet die Miasmen als existenzielle Grundhaltungen, die innerhalb jedes einzelnen Arzneimittelbildes bestehen. Nach Masi-Elizalde Interpretation gibt es etliche Parallelen zwischen den Werken Samuel Hahnemanns und den von Thomas von Aquin, besonders dessen Summa theologica, zu entdecken. Er sah in diesen Schriften einen Aspekt des Transzendenten, der eng mit der Anwesenheit von Gesundheit und Krankheit einhergeht. Für ihn liegt deshalb die Ursache bzw. Bedingung für eine Erkrankung darin, dass die Menschen ihr transzendentes Ziel aus dem Sinn verlieren.
Er definiert dabei dynamische Miasmenphasen (primäre, sekundäre, tertiäre Psora), wobei er den Miasmenbegriff Psora anders als Hahnemann gebraucht. Er spricht dabei von einem die Vorstellungskraft beschmutzenden Fleck. Die primäre Psora entspricht einer verzerrten Wahrnehmung. In der sekundären Psora sollen sich Angst, Unzulänglichkeiten sowie Unsicherheiten einstellen. Die tertiäre Psora, die in drei Formen (Egolyse, Alterolyse, Egotrophie) auftreten kann, wird mit Überkompensation, Verleugnung oder mit Aggressiv-Schuld zuweisender, zerstörender Haltung beschrieben. In dieser Phase treten auch verschiedenste Organveränderungen bzw. Erkrankungen hervor. Da bei den Miasmenphasen Übergangsformen wahrscheinlich sind, erfolgt bei dieser Methode die homöopathische Arzneimittelwahl vorrangig unter Zugrundelegung der primären Psora.Jan Geißler, Thomas Quak: Leitfaden Homöopathie, Urban & Fischer (Elsevier), 2005, ISBN 3-437-56350-5
Miasmentheorie nach Peter Gienow Das dynamisch-miasmatische ModellPeter Gienow: Miasmatische Schriftenreihe Nr. 8: Miasmatisches Taschenbuch 2007; Seite vii, Verlag Peter Irl; ISBN 978-3-933666-39-0 von Peter Gienow knüpft an die letzte Schaffensperiode von Samuel Hahnemann an, die geprägt war von der Auseinandersetzung mit den chronischen Krankheiten.
Unter Einbeziehung der Theorien der „Arzneikrankheit“ (Hahnemann) und der „Ur-Organerkrankung“ (Rademacher), sowie alchemistischer Erkenntnisse u. a. von Paracelsus entwickelte Peter Gienow eine Theorie zum Verständnis von Krankheit und Heilung.
Mit Hilfe der auftretenden Heilreaktionen und Kenntnis der Heilwege wird versucht das aktive Miasma zu bestimmen.
Durch die Gabe der gewählten Arznei, unter Berücksichtigung des Haltepunktes (Burnett), soll es möglich sein die Heilreaktionen zu lenken, zu begleiten und im Bedarfsfall eingreifend zu korrigieren. Das „dynamisch-miasmatische Modell“ soll dem Arzt ein Werkzeug an die Hand geben, mit dem die Zusammenhänge der sieben Miasmen und ihre jeweils entsprechenden Heilwege eingeschätzt werden können. Das Ziel ist die Therapie des aktiven Miasmas und Aufdeckung eventuell sich dahinter verbergender anderer Miasmen, wodurch der Therapieverlauf in der Praxis wesentlich erleichtert werden soll.
Aus den Beobachtungen der Heilungsverläufe innerhalb des miasmatischen Modells führte er neue Begriffe in die Miasmatik ein:
Lepra-Modell der Heilung; Miasmenbahnung; Miasmensplitting(-spaltung); Spiegelmiasma; spiegelmiasmatische Beziehungen.Peter Gienow: Homöopathische Miasmen: Die Psora, Sonntag Verlag, 2005 (2. Auflage), ISBN 978-3-8304-9123-1
Die Abläufe innerhalb der Miasmatik unterliegen drei „Gesetzen“ (Anziehung, Ausgleich und Abstoßung), die sich auf drei Krankheitsebenen manifestieren können. Diese folgen ebenfalls dem gleichen Muster (Anziehung; Ausgleich; Abstoßung).Peter Gienow: Miasmatische Schriftenreihe Nr. 8: Miasmatisches Taschenbuch 2007; Seite v-vi, Verlag Peter Irl; ISBN 978-3-933666-39-0
Die „Sykose“ Hahnemanns würde z. B. nach Gienows Definition eine Erkrankung des Gesetzes der Anziehung auf der Ebene der Abstoßung sein.
Mit seiner Vorgehensweise versucht er die Erkrankungen so zu transformieren, dass sie auf der psorischen Ebene (Gesetz der Anziehung auf der Ebene der Anziehung) ausgeschieden oder in der SkrophulosePeter Gienow: Miasmatische Schriftenreihe Nr. 9: Die Skrophulose; Verlag Peter Irl; ISBN 978-3-933666-42-0 verstoffwechselt werden können.
Historische Einordnung