Gräfentonna ist ein Ortsteil der Gemeinde Tonna im Landkreis Gotha in Thüringen.

Lage Die Gemeinde liegt im äußersten Norden des Landkreises, etwa 20 km nördlich der Kreisstadt Gotha, 7 km östlich von Bad Langensalza. Gräfentonna wird von der Tonna durchflossen, einem Bach, der am südlichen Ortsrand von Ballstädt bei der Fahner Höhe in 337 m Höhe ü. NN entspringt. Zwischen Gräfentonna und dem anderen Ortsteil Burgtonna fließt ihr der Seegraben zu, der das „Seefeld“ zwischen Gräfentonna und Döllstädt entwässert. In Gräfentonna münden in der Nähe der Justizvollzugsanstalt der aus Aschara („Weißer Bach“) und Eckardtsleben („Schwarzer Bach“) nun genannte „Reifenheimer Graben“ und der aus den östlichen Feldern kommende Brombach in die Tonna. Sie verlässt die Gemeinde in nördlicher Richtung und mündet etwa 10 km nach ihrer Quelle bei der Lohmühle in der Nähe von Nägelstädt, einem Ortsteil von Bad Langensalza, in die Unstrut in 167,1 m ü. NN. Sie gehört somit zum Flusssystem der Unstrut, das sein Wasser über die Saale und Elbe zur Nordsee leitet. Die Tonna entwässert ein Gebiet von 65,4 km².

Verkehrsanbindung Die Bahnanbindung erfolgt über den Bahnhof Gräfentonna an der Bahnstrecke Gräfentonna–Bad Langensalza und an der teilweise stillgelegten Bahnstrecke Ballstädt–Straußfurt. Zudem liegt Gräfentonna an der Bundesstraße 176 (Bad Langensalza–Sömmerda, früher L 1042).

Geschichte mini|Kirche in Gräfentonna mini|Altar der Kirche in Gräfentonna, Aufnahme von 1891 mini|Die Kettenburg in Gräfentonna mini|Plan des Marktfleckens Gräfentonna – nach archivalischen Unterlagen 1892 erstellt von G. Reinhardt mini|Grabmal Georg Eckelt, Bild von 1901, heute auf dem Friedhof nicht mehr vorhanden mini|Dorothea, geborene Gräfin zu Gleichen und Tonna († 1575) und Georg III. Graf zu Gleichen, Spiegelberg und Pyrmont, Herr zu Tonna († 1599)

Vorgeschichte Das Mauerkammergrab von Gräfentonna wurde vor 1894 abgetragen und untersucht. Die Ost-West orientierte Kammer hat Seitenwände mit Trockenmauerwerk und war von einer Steinlage bedeckt (Dachabdeckung); darüber lag ein 3,0 m hoher Hügel von etwa 30 m Durchmesser. Die Kammer war durch Steinlagen in Quartiere unterteilt. Gefunden wurden Reste von mindestens 32 Individuen beiderlei Geschlechts, deren Knochen zertrümmert waren. In der Nähe der Schädel lagen 79 durchbohrte Tierzähne (von Eber, Dachs und Hund), meist in Gruppen von 8 bis 18. In der Kammermitte fanden sich Reste zweier Gefäße. Eine Scherbe hatte warzenförmige Fortsätze, Stichverzierung und Fischgrätenmuster. Grabbau, Bestattungsweise und die geringen Keramikfunde legen eine Zuordnung zur Bernburger Kultur nahe.

In der Gemarkung Gräfentonna wurden auf dem Semshög, dem Warthügel, aus einem im Neolithikum angelegten Grabhügel Funde der frühen Eisenzeit wie Wendelringe, Steigbügelarmringe und Ringbruchstücke gemacht, die jedoch auch aus Nachbestattungen stammen könnten. Aus dem etwa einen Kilometer nördlich entfernten Körpergrab mit reichen Metallbeigaben hat man 15 Steigbügelringe entnommen.Michael Köhler: Heidnische Heiligtümer. Jenzig-Verlag 2007, ISBN 978-3-910141-85-8, S. 233.

Als 1695/96 Bauern zwischen Burgtonna und Gräfentonna beim Sandschürfen Knochen eines vor hunderttausend Jahren verstorbenen Waldelefanten fanden, verständigten sie die Herzogliche Kammer in Gotha davon. Der herzogliche Leibarzt Raab und später auch das „Gelehrte Collegium Medicum“ vertraten die Ansicht, es handele sich um ein mineralisches Gebilde. Wilhelm Ernst Tentzel wies dagegen in seiner 1696 erschienenen Schrift Epistola de sceleto elephantino nach, dass sie von einem Elefanten stammten und erregte damit Aufsehen, denn nur wenige konnten sich die dazu nötige Klimaänderung vorstellen. Ein Briefwechsel, den er mit dem Gelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz in dieser Angelegenheit kurz führte, brachte auch nicht die ersehnte wissenschaftliche Anerkennung. Erst 1699, mit einem zweiten Fund in der Nähe der ersten Fundstelle, setzte sich seine Meinung endgültig durch. Der Streit machte Tonna in der internationalen Gelehrtenwelt bekannt. Auch Georg Florschütz beschäftigte sich mit der Thematik und verfasste dazu 1905 die Schrift „Die erste Aufdeckung des Elephas antiquus in den Sandbrüchen bei Gräfentonna: ein Betrag zur Geschichte der Naturwissenschaften“ verfasst.

Entwicklung des Namens Nach ReinhardtGuido Reinhardt: Geschichte des Marktes Gräfentonna, Langensalza 1892 wandelt sich der Name von Tonnaha und Tunnaha (775) über Thunnaha (845), Grefynthunna (854), Tonnahu (874), Tonnaha (968), Donnaha (10. Jahrhundert) zu Tunna (13. und 14. Jahrhundert) und Thonna (12. und 16. Jahrhundert) Die Endung „a“ ist ein Relikt von „aha“, was auf Wasser, Fluss, Bach, Aue hinweist. Das trifft allerdings nicht auf viele andere Orte mit der Endung auf „a“ zu; diese Endung hat sich aus anderen Endungen entwickelt. So hieß beispielsweise Witterda früher Widerthe (1148) und Aschara im 10. Jahrhundert Asguri. Reinhardt zählt drei verschiedene Deutungen des Wortstamms tonn (thonn, dunn) auf: Der tonige, schwere Boden der Talmulde, in der Gräfentonna liegt, könnte Namensgeber gewesen sein. Der erste Ansiedler könnte so geheißen haben. Der Wortstamm der Orte Gräfentonna, Burgtonna oder Östertonna geht auf dun zurück, die keltische Bezeichnung für Berg oder Bergrücken, Hügel. Das verweist auf die Fahner Höhe, die in die Tonna (ehem. „Donnbach“) entwässert. Anfang des 19. Jahrhunderts machte der Ortsvorstand von Gräfentonna allen Spekulationen über die Namensherkunft ein vorläufiges Ende, indem er eine Biertonne ins Gemeindesiegel aufnahm.

Im Jahr 755, kurz vor seinem Tod durch Erschlagen, wurden dem 80-jährigen Hl. Bonifacius, dem Schutzheiligen des Klosters Fulda, von der Matrone Ara 1 Huf 24 Acker, die zu Tonnahu lagen, geschenkt. Gräfentonna wird zudem in einer Urkunde aus dem Jahre 779 (775?) erwähnt.

Recherchen beim hessischen Staatsarchiv im Jahre 1994 haben ergeben, dass „Tonna bereits in der Schenkung eines Ymmo, der in der Regierungszeit des Abtes Sturmius zwischen 750 und 779 Güter in Döllstädt und Tonna (in duabus villis Tullenestat et Tunnahe) an Kloster Fulda tradierte.“Auskunft der VG Fahner Höhe mit der Quellenangabe: Codex Eberhardi (K 426 Bl. 83 V)

Im Jahre 860 wird der fränkische Adlige Erphold als erster Graf in Tonna genannt. Dieses Jahr gilt derzeit als urkundliche Ersterwähnung; daher wurde auch 2010 die 1150-Jahr-Feier ausgerichtet. Erphold gilt auch als Gründer und Namensgeber von Erfurt.

Die älteste Urkunde, in der der Name Thunnaha vorkommt, datiert vom 18. Juli 845;Reinhardt: Dronke, Cod. dipl. fuld., pag. 247 sie berichtet u. a., dass Tonna in jener Zeit, nachdem es durch Schenkung durch Erphold zu Würzburg gekommen, ein Besitztum des Stiftes Fulda gewesen; durch Tausch ging es auf König Ludwig den Deutschen über, kam aber 874 wieder zu Fulda. Die Website der Verwaltungsgemeinschaft benennt jedoch eine Urkunde aus dem Jahre 779 als erste urkundliche Erwähnung. Im Jahre 860 wird der erwähnte fränkische Adlige Erphold als erster Graf in Tonna genannt. Dieser gilt auch als Gründer und Namensgeber von Erfurt. König Ludwig der Deutsche hatte ihm den Ort übergeben (siehe oben). Allerdings starb das Geschlecht mit Erphold im gleichen Jahr aus. Kurz vor seinem Tod soll er seine Besitztümer im Grabfeld und im oberen Eichsfeld der Abtei Fulda und dem Hochstift Würzburg geschenkt haben.Guido Reinhardt: Geschichte des Marktes Gräfentonna. Langensalza 1892, S. 8.

Ein weiterer Hinweis ist in einer Schenkungsurkunde vom 18. Mai 874: Hier wird Grefynthunna nebst anderen 116 Orten in Thüringen als dem Stift Fulda zehntpflichtig erwähnt. Erzbischof Liubert zu Mainz als auch der Abt Sigehard zu Fulda machten das Recht der Zehnterhebung für sich geltend. Den Streit darüber entschied König Ludwig der Deutsche am Hofe zu Ingelheim zu Gunsten der Abtei Fulda. Da in der besagten Urkunde im Unterschied zu Burgtonna und Östertonna Gräfentonna der Ort namentlich benannt wird, ist davon auszugehen, dass er um die Zeit von 874 bereits Grafensitz (des Grafen Erphold) war.

Von 1089 bis 1631 regierte hier das Grafengeschlecht von Tonna. Ihr Stammsitz war das Schloss Tonna, das 1089 von Graf Erwin I. bewohnt wurde. 1113 erhielten die Tonnaer Grafen die Burg Gleichen zu Lehen. Sie nannten sich fortan Grafen von Gleichen. In 1249 kommt die Bezeichnung Villa Tonna vor, womit das „Haus Tonna“, das Schloss der Grafen von Gleichen bezeichnet wurde.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurden die Dörfer Östertonna und Reifenheim verwüstet. An Letzteren erinnert heute noch die Flurbezeichnung „Reifenheimer Feld“ südwestlich von Gräfentonna, durch das der „Reifenheimer Graben“ fließt. Die von dort geflohenen Bürger siedelten sich in Gräfentonna an, dort, wo heute noch die Straßenbezeichnung „Niederhöfe“ im NO des Ortes an die Vergangenheit erinnert. 1625 und 1626 herrschte die Pest in Gräfentonna, die ehemals etwa 1000 Einwohner zählende Gemeinde wurde zur Hälfte dahin gerafft. Zu dieser Zeit machte sich der örtliche Adjunct und Pastor des Ortes Georg Eckelt (* 19. Juli 1564 in Emleben; † 9. Oktober 1626 in Gräfentonna) einen Namen als „Pestpfarrer“. Er bemühte sich sehr um die Kranken, obwohl drei seiner eigenen Kinder starben. Als die Seuche vorbei war, hielt er einen Dankgottesdienst ab, erkrankte kurz darauf selbst an der Pest und starb. Man vermutete, er hätte sich bei dem letzten Begräbnis angesteckt. Der für ihn aufgestellte, heute nicht mehr auf dem Friedhof vorhandene Stein enthielt die im 20. Jahrhundert verwitterte Umschrift: … Eckelt. huj. loci adjunctus et pastor, natus Emlebii anno 1564. 19. Julii hic aetatis suae 62. 9 Octobr. cum 510 auditorib(us) denascitur Ao…Hrsg. Schriftleitung des Centralblatt Der Bauverwaltung, Otto Sarrazin und Friedrich Schultze: Die Denkmalpflege. III. Jahrgang 1901, Verlag Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin 1901.

Die Herrschaft Tonna gehörte von 1640 bis 1677 zur Grafschaft Waldeck, wurde dann an Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg verkauft. Ein Wahrzeichen ist das alte Schloss Tonna, dem ehemaligen Stammsitz der Grafen von Tonna und Gleichen. Von 1861 bis 1991 diente es als Gefängnis.

Gräfentonna war früher ein mit Mauer, Wallgraben und Türmen befestigter Ort. 1545 hatte die Mauer zwei Pforten und zwei Tore, zu denen später zwei weitere Ausgänge kamen: Gegen Osten schloss das Markt- oder Obertor mit dem Marktturm ab. Dieser wurde 1848 abgerissen. Die Wetterfahne mit dem Gleichenschen Löwen und der Jahreszahl 1588 wurde auf die Gottesackerkirche (Friedhofskapelle) gesetzt und die Steine nach Herbsleben verkauft. Am Ende der Langen Straße beim Übergang zum Neuen Plan stand das Niedertor neben dem alten Gemeindehaus (Mauerrest mit „1652“). Am Ende der Straße mit dem Namen Hirtspforte stand das gleichnamige Stadttor. Heute erinnert noch die „Niedergrabenstraße“ an den Wallgraben zwischen diesem und dem Niedertor. Seinen Namen erhielt die Pforte von nebenstehenden Hirtenhaus, der Hirt hatte die Schließpflichten zu wahren. Aus dem Hirtenhaus wurde später das Gemeinde-Armenhaus. Im Süden stand die Schafpforte. Es heißt „gegen Süden rechts vom südlichen Einfahrtstor der Domänenschäferei am Mühlgraben. … Über dem Spitzbogenüber-bau zeigt sich die Jahreszahl 1545.“ Einen namenlosen sechsten Ausgang gab es in Richtung Langensalza, wo die Straße durch die „Mönchsecke“ unweit der Mahlmühle geführt wurde.