mini|Albrecht Haller, Gemälde von Johann Rudolf Huber (1736)

Albrecht Viktor Haller (seit 1749 Albrecht von Haller, auch Albert de Haller, * 16. Oktober 1708 in Bern; † 12. Dezember 1777 ebenda) war ein Schweizer Mediziner und Universalgelehrter, insbesondere Naturforscher, der unter anderem als Begründer der modernen experimentellen Physiologie gilt und vor allem von Göttingen aus wirkte, sowie Dichter. Hallers botanisches Autorenkürzel lautet .

Leben Herkunft und Familie Albrecht Haller entstammte einer Berner Patrizierfamilie, die seit 1548 zur Burgerschaft der Stadt Bern gehörte. Seine Eltern waren Niklaus Emanuel Haller (1672–1721), der unter dem Berner Landvogt Hieronymus Thormann (1658–1733)Robert L. Wyss: Der Freundschaftsbecher der Landvögte von Aarwangen, Bipp und Wangen. Goldschmiedearbeit von Hans Peter Staffelbach, 1707. In: Jahrbuch des Oberaargaus 1980. Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde. 23. Jg., Langenthal 1980, S. 99–111 das Amt des Landschreibers innehatte, sowie dessen erste Ehefrau Anna Maria Engel (1681–1708).Heinz Balmer: Albrecht von Haller (1708–1777) zum 300. Geburtstag. In: Familienforschung Schweiz. Band 35, 2008, S. 85–95 (Digitalisat). Sie war die Tochter von Johann Anton Engel (1658–1711), dieser war Schultheiss von Unterseen und Onkel von Samuel Engel.Berner Geschlechter auf bernergeschlechter.ch, abgerufen am 6. März 2019. Dieser Vetter von Hallers Mutter war Landvogt, Ökonom und Geograph. Unterricht erhielt Albrecht, der dritte Sohn seines Vaters, von einem Hauslehrer, dem Neuenburger Theologen Abraham Baillod (1675–1751), der 1707/1708 wegen seiner Ablehnung der Eucharistie vom Pfarramt zurückgetreten war. Baillods pietistische Haltung dürfte Vater Haller zu seiner Einstellung bewogen haben, bewegte sich dieser doch ebenso unter seinem reformierten Dienstherrn in aufklärerischen Kreisen. Es ist heute weder bekannt, ob der Hauslehrer bei der Familie Haller wohnte, noch, ob der Vater seine Familie mit den drei Söhnen im Alter von damals fünf, zehn und dreizehn Jahren beim Amtswechsel nach Baden mitnahm.Urs Boschung: . In: «Bieler Jahrbuch / Annales biennoises» 2009, S. 26–58

Ebenso ungeklärt ist, wo Albrecht Haller aufgewachsen ist. Der Vater besass das Anwesen Hasligut am Bremgartenwald,Marchbeschreibung über den Bremgarten-Wald und das Hasli-Gut, 1820–1826 VA FB 93 (Konvolut/Codices/Bände) knapp fünf Kilometer von Bern entfernt über die Aare, wo er die ersten Lebensjahre verbracht haben dürfte, doch bereits mit fünf Jahren könnte er nach Baden gezogen sein, weil der Vater dort die Stelle eines Landschreibers antrat. Weitere fünf Jahre später müsste er wieder im Berner Umfeld gewohnt haben, da sein nachweisbarer Schulbesuch an der Hohen Schule in Bern dies erforderlich machte. Mit dem Tod des Vaters 1721 endeten sowohl die Aufsicht des Hauslehrers als auch Albrechts Studienziel Theologie. Er hätte stattdessen in Bern Jurisprudenz durch Professor Johann Rudolf von Waldkirch (1678–1757) – 1726 bekleidete er das Amt des Rektors an der Universität Basel – hören können, doch daran fand der Jüngling kein Gefallen. Stattdessen «übte er sich […] meistens in der Poesie und der Historie» und «bekame endlich Anmuthung zu der Arzney-Kunst, und ward von seinen Verwandten zu Johann Rudolf Neuhaus (1652–1724), dem Bruder seiner Stiefmutter Salome Neuhaus (1664–1732), die sein Vater 1713 geheiratet hatte, nach Biel zur Unterweisung geschikt […]».Haller, in Hans Jacob Leu: Allgemeines helvetisches, eydgenössisches oder schweitzerisches Lexicon, Bd. 9. Zürich 1754, S. 438–452 Albrecht kannte Johann Rudolf Neuhaus junior (1701–1770) aus deren gemeinsamer Schulzeit in Bern. Dieser war bereits ab 1716 Student an der Berner Hohen Schule. Tatsächlich widmete sich der Schüler Haller ganz der Dichtkunst und den alten Sprachen.Urs Boschung: UniPress 135/2007, S. 15f.

Es sind die verwandtschaftlichen Verhältnisse, die Haller vor seinen Auslandsstudien in Tübingen und Leiden für ein Jahr nach Biel geführt haben dürften. Neben der Herkunft seiner Mutter gab es auch über den Vater genealogische Beziehungen zur Patrizierfamilie Wyttenbach, die Anfang des 16. Jahrhunderts nach Biel gekommen war. Dort müsste sein Entschluss, Naturwissenschaften und Medizin zu studieren, gereift sein. Er wurde von Johann Rudolf Neuhaus junior und einem weiteren Berner, Samuel Wyttenbach, auf das Medizinstudium im Ausland vorbereitet. «In diesem Umfeld kam der Dreizehnjährige erstmals mit dem Arztberuf und der Medizin in Berührung. Gegen die cartesianische Naturphilosophie, die ihn der alte Neuhaus studieren liess, habe er eine lebhafte Abneigung gefasst, aber für die Medizin und die künftige Laufbahn wurde im Bieler Arzthaus die Grundlage gelegt.»

Albrecht Haller war ein Schwiegersohn des Anatomen Hermann Friedrich Teichmeyer und Grossvater des Schweizer Staatsrechtlers, Politikers, Publizisten und Nationalökonomen Karl Ludwig von Haller, dessen Hauptwerk Die Restauration der Staatswissenschaften (1816–1834) für die Epoche der Restauration namensgebend wurde.

Zu Albrecht von Hallers Nachfahren gehörte der Musikwissenschaftler Kurt von Fischer.

Studium, Forschung und Arbeiten Haller studierte ab 1723 Naturwissenschaften und Medizin an der Universität Tübingen, unter anderem bei Elias Camerarius. 1725 reiste er nach Holland und wurde 1727 an der Universität Leiden bei seinem akademischen Lehrer Herman Boerhaave promoviert. In England und Frankreich liess Haller sich an angesehenen Lehranstalten und Spitälern weiter ausbilden und kehrte 1728 in die Schweiz zurück, um an der Universität Basel Mathematik und Botanik zu studieren. Ab 1729 arbeitete er als praktischer Arzt in Bern, erhielt 1734 die Stelle eines Stadtarztes und wurde 1735 Leiter der Bibliothek in Bern. 1736 wechselte Haller ins Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg an die kurz zuvor gegründete Universität Göttingen auf den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Botanik. Er legte dort 1738 ein Anatomisches Theater, ein Jahr später einen botanischen GartenAllgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände, Conversations-Lexikon, Band 6, 9. Auflage, F. A. Brockhaus, Leipzig 1844, S. 585. an und baute eine Sammlung für ein anatomisches «Cabinet» auf.Das Anatomische Theater wurde später durch einen Neubau ersetzt, der 1829 eröffnet wurde. Er holte an diese neuen Einrichtungen seinen Schüler Johann Jacob Huber von Basel nach Göttingen. Haller wurde zum Ehrendoktor sowie zum Leibarzt Georgs II. ernannt. Berufungen nach Utrecht und Oxford lehnte Haller ab. Kaiser Franz I. erhob ihn 1749 in den erblichen Adelsstand.

1747 übernahm er die Leitung der Göttingischen Zeitungen von gelehrten SachenInhaltserschließung der Göttingischen Zeitungen von gelehrten Sachen – Projekt Gelehrte Journale (GJZ 18) der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, eine Berufung nach Berlin lehnte er ab. In diese Zeit fällt auch seine berühmt-berüchtigte querelle mit dem französischen Kollegen Julien Offray de La Mettrie (siehe Literatur). 1751 gründete er die evangelisch-reformierte Gemeinde Göttingen zusammen mit 40 weiteren Personen. Haller kümmerte sich auch um den Bau der Kirche der reformierten Gemeinde, die Bauarbeiten waren am 11. November 1753 abgeschlossen. Den ersten Pfarrer der Kirche brachte Haller als Dozenten der Philosophie an der Universität Göttingen unter. Haller setzte seine Autorität als Naturforscher dafür ein, die christliche Religion gegen mancherlei Kritik von Voltaire zu verteidigen.Richard Toellner: Albrecht von Haller, in: Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. C. H. Beck, München 1995, 2. Auflage Springer Heidelberg, Berlin et al. 2001, 3. Auflage Springer Heidelberg, Berlin et al. 2006, S. 152+153, Print und Online-Version (ISBN 978-3-540-29584-6 bzw. ISBN 978-3-540-29585-3). Am 10. Januar 1750 wurde er mit dem akademischen Beinamen Herophilus III. zum Mitglied (Matrikel-Nr. 560) der Leopoldina gewählt.

Anfang 1752 erklärte Haller sich bereit, die Direktion der ersten Forschungsreise eines Deutschen, Christlob Mylius, nach Amerika zu übernehmen. Mit dem naturwissenschaftlichen Autodidakten Mylius stand er ab Januar 1751 im Briefwechsel. Die Idee zu dieser Reise über Suriname und Britisch-Nordamerika entstand in der Königlich-Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Haller änderte das Reiseziel auf Eben-Ezer, Georgia, wo er deutsche Kontaktpersonen kannte. Die Finanzierung der Forschungsreise sollte durch eine Vielzahl von Sponsoren sichergestellt werden, zu deren Einwerben auch der Reisende selbst beitragen musste. Haller, der als Präsident der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen die Reise zu einem Projekt der Akademie machte und dafür Mylius zu einem korrespondierenden Akademiemitglied ernannte, lehnte eine Grossspende aus dem Hause Österreich durch Gerard van Swieten ab, sodass die Finanzierung der Reise fragil blieb. Darüber hinaus gab es organisatorische Probleme (kurzfristige Änderungen der Reiseroute, Verzögerungen bei Geld- und Postübergaben). Wegen privater Angelegenheiten musste Haller überstürzt nach Bern abreisen, bevor Mylius ihn in Göttingen treffen konnte. Mylius sendete zwar druckreife Aufsätze, Übersetzungen und Präparate an Haller und dessen Vertreter Samuel Christian Hollmann, dennoch warf Haller ihm wiederholt Reiseverzögerung und Geldverschwendung vor. Die Forschungsreise scheiterte schliesslich mit Mylius’ Tod am 6. März 1754 nach schwerer Krankheit in London.

In Bern bekleidete Albrecht von Haller ab 1753 die Stelle eines Rathausamtmanns, wurde 1754 Schulrat, 1755 Vorsteher des Waisenhauses. Nach Ablauf seiner Amtszeit wurde er 1758 Direktor der Salzbergwerke von Roche. Den ihm angebotenen Posten eines Kanzlers in Göttingen lehnte er nach heftigem Widerstand seiner Familie ab. Seine letzten Jahre waren durch Krankheit geprägt.

Leistungen Wissenschaft mini|Illustration von Christian Jeremias Rollin in Hallers Werk Icones anatomicae