Die Indische Narde (Nardostachys jatamansi), auch Nardenähre, Speichenähre sowie Speik genannt, ist die einige Art der Pflanzengattung Nardostachys in der Unterfamilie der Baldriangewächse (Valerianoideae) innerhalb der Familie der Geißblattgewächse (Caprifoliaceae). Sie ist eine Nutz- und Heilpflanze aus dem Himalaya, deren Rhizom schon in der Antike bis in den Mittelmeerraum exportiert, zur Zubereitung kostbarer Öle und Salben verwendet wurde. Sie wird auch im 21. Jahrhundert in der asiatischen MedizinClaudia Erbar, Karin Zimmermann: Der Codex Palatinus germanicus 539 – eine Pflanzenliste aus dem 15. Jahrhundert. 2009 (Digitalisat), S. 33 (Anmerkungen zu Spicanardi). benutzt.

Verwendete Namen Genannt englisch Spikenard, lateinisch Spica nardi, auch Spica aromatica und Spica indica genannt. Griechisch: nárdos, altpersisch: nárda, von sanskritisch nálada, direkt übersetzt „die Wohlriechende“.

Beschreibung Die Indische Narde ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von etwa 50 Zentimetern erreicht. An der Stängelbasis sind „fibröse“, „buschige“ Blattscheidenreste.

Die einfachen Laubblätter sind ganzrandig, die langen, spatelförmigen Grundblätter sind gestielt und die kleinen, gegenständigen Stängelblätter sitzend mit Blattscheiden.

Die end- oder achselständigen, doldigen Blütenstände besitzen mehrere, zweireihig angeordnetete Deckblättern und viele Blüten.

Die und zwittrigen Blüten sind fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Die dreieckigen Kelchzipfel sind klein. Die Blütenkronen sind anfänglich purpurfarben, später bläulich. Die Krone ist becherförmig verwachsen mit kurzen, ausladenden Kronlappen. Es sind vier unten in der Kronröhre angeheftete Staubblätter vorhanden, die die Blütenkrone überragen. Der unterständige Fruchtknoten befindet sich in einem behaarten Blütenbecher. Der schlanke Griffel ist relativ lang.

Die leicht behaarten Achänen besitzen einen kleinen Pappus (beständigen Kelchzipfel).

Ökologie Die Indische Narde ist protogyn, also vorweiblich.Kamini Gautam, Ravinder Raina: Review of Nardostachys grandiflora: An Important Endangered Medicinal and Aromatic Plant of Western Himalaya.

Vorkommen und Gefährdung Die Indische Narde wächst wild im Himalaya bis in Höhenlagen von 5500 Metern. Sie kommt aus China (Gansu, Qinghai, Sichuan, Xizang, Yunnan) und Bhutan, Indien (Sikkim, Uttar Pradesh) und Nepal.

Durch unkontrollierte Wildsammlung ist sie 2006 „vom Aussterben bedroht“ und darf z. B. aus Nepal nicht mehr als Rohware exportiert werden. In Nordindien und Nepal gibt es Versuche, die Indische Narde zu kultivieren.

Taxonomie Das Basionym Patrinia jatamansi wurde 1825 von David Don in Prodromus Florae Nepalensis: Seite 159 erstbeschrieben. Die Umstellung in die neu aufgestellte Gattung Nardostachys zu Nardostachys jatamansi wurde 1830 von Augustin-Pyrame de Candolle in Prodromus Systematis Naturalis Regni Vegetabilis, Band 4 Seite 624 vorgenommen. Synonyme für Nardostachys jatamansi sind Nardostachys grandiflora , Nardostachys gracilis und Nardostachys chinensis . Eine andere Art ist Valeriana jatamansi (Synonyme sind Valeriana wallichii , Valeriana spica ), die ebenfalls medizinisch genutzt wird. Sie hat gezähnte Blätter und an der Stängelbasis keine buschigen Blattscheidenreste.D. J. Mabberley, H. J. Noltie: A note on Valeriana jatamansi Jones (Caprifoliaceae s.l.). In: Blumea. Volume 59, 2014, S. 37–41. PDF.

Es gibt auch noch andere Pflanzen die ähnliche Rhizome aufweisen, z. B. Selinum vaginatum und Cortia candollei (Syn.: Selinum candollei) die als Verfälschung benutzt werden.Niranjan Chandra Shah: On the history, botany, distribution, uses and conservation aspects of Nardostachys jatamansi in India. In: Medical Plant Conservation. Band 13, 2007, S. 8–12 (online auf researchgate.net).

mini|Spikenard

Verwendung In der Medizin Die (Indische) Narde wird als Salböllieferant bereits im Alten Testament (Hohelied 1,12 und 4,13 f.) und im Neuen Testament (Joh 12,3 und Mk 14,3) erwähnt. Nardostachys jatamansi auct. (Nardostachys grandiflora ) ist eine auch vom FrühmittelalterUlrich Stoll (Hrsg.): Das ‚Lorscher Arzneibuch‘. Ein medizinisches Kompendium des 8. Jahrhunderts (Codex Bambergensis medicinalis 1): Text, Übersetzung und Fachglossar. Stuttgart 1992 (= Sudhoffs Archiv. Beiheft 28), S. 374–377. bis in die NeuzeitCarolus Clusius: Antidotarium sive De exacta componendorum miscendorumque medicamentorum ratione libri tres […]. Christopher Plantin, Antwerpen 1561, Blatt 106 f. zur Herstellung eines heilsamen Öls („Speiköl“, Nardenöl, Oleum nardinum) Verwendung findende Pflanze und auch eine der klassischen Extraktpflanzen im Ayurveda, der traditionellen indischen Heilkunde. Sie wird im Sanskrit Jatamansi genannt und findet – ähnlich wie der Baldrian in der europäischen Pflanzenheilkunde – Anwendung als Beruhigungsmittel bzw. für vatagene Nervenstörungen. Darüber hinaus wird ihr im Ayurveda eine „den Geist stärkende und das Bewusstsein fördernde“ Wirkung zugeschrieben.

Als Räucherwerk Eine weitere Verwendung findet die Indische Narde bzw. deren auch Narde genanntes RhizomIrmgard Bitsch: Ernährungsempfehlungen in mittelalterlichen Quellen und ihre Beurteilung aus heutiger Sicht. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 129–136, hier: S. 130. als Räucherwerk und wurde schon in den Tempeln des alten Ägyptens als Bestandteil von Räuchermischungen verbrannt.

Kulturgeschichte Im Periplus Maris Erythraei wird die Narde als Handelsgut aus dem indischen Hafen Barbarikon genannt. OvidOvid wendet sich im dritten Buch seiner Liebeskunst an die Frauen und warnt vor Männern, die sich allzu sehr pflegen (Ov. ars III, 443): nec coma vos fallat liquido nitidissima nardo (Lasst euch nicht täuschen von einer Haarpracht, die speckig glänzt von flüssiger Narde). und HorazHoraz beschreibt einen nicht mehr jugendlichen, aber ganz den Freuden des Lebens zugewandten Mann (Hor. carm. II, 11, 16–17): Assyriaque nardo potamus uncti ([Warum] zechen wir nicht, gesalbt mit assyrischem [= indischem] Nardenöl?). berichten von Männern, die ihre Haare mit Nardenöl salben.

Nardenöl ist auch durch seine Erwähnung im Neuen Testament bekannt, aus der biblischen Erzählung von Jesu Salbung in Bethanien: Maria, die Schwester Marthas, salbte Jesus die Füße mit kostbarem Nardenöl. In der Bibel wird der Wert des dabei verwendeten Öls mit 300 Denar angegeben, was in etwa dem Jahreslohn eines Arbeiters entsprach. Als einer seiner Jünger, Judas Iskariot, dies kritisierte, wies Jesus ihn zurecht . Zur Darstellung des Nardenöls in der christlichen Kunst siehe Echter Baldrian.

Im Lorscher Arzneibuch des ausgehenden 8. Jahrhunderts sind auf Blatt 69r zwei aus Indischer Narde und vielen weiteren Zutaten bestehende Zubereitungen von „Nardenöl“, wie sie in ähnlicher Form etwa auch bei Paulos von Aigina und Pedanios Dioskurides belegt sind, zu finden.Gundolf Keil (Hrsg.): Das Lorscher Arzneibuch. (Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg); Band 2: Übersetzung von Ulrich Stoll und Gundolf Keil unter Mitwirkung von Altabt Albert Ohlmeyer. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 137.

Die Narde ist auch ein Bestandteil des Atraf al-tib, einer arabischen Gewürzmischung, die in Kochbüchern des 13. Jhdts. erwähnt wird.

Siehe auch Echter Speik

Quellen Literatur Robert Zander: Zander Handwörterbuch der Pflanzennamen. Hrsg. von Fritz Encke, Günther Buchheim, Siegmund Seybold. 15. Auflage, korrigierter Nachdruck der 14. Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart 1994, ISBN 3-8001-5072-7. Lionel Casson: The Periplus Maris Erythraei. Text, Translation, and Commentary. Princeton University Press, Princeton 1989. Ingrid Schönfelder, Peter Schönfelder: Das neue Handbuch der Heilpflanzen. Franckh-Kosmos Verlagsgesellschaft, 2011, ISBN 3-440-09387-5. Kamini Gautam, Ravinder Raina: Review of Nardostachys grandiflora: An Important Endangered Medicinal and Aromatic Plant of Western Himalaya. In: Forest Products Journal. 63(1), 2013, S. 67–71, doi:10.13073/FPJ-D-12-00092. R. Hänsel, K. Keller, H. Rimpler, G. Schneider (Hrsg.): Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis. 5. Auflage, Drogen: E–O, Springer, 1993, ISBN 978-3-642-63427-7 (Reprint), S. 911–914.

Einzelnachweise Hans-Heinrich Rhyner, Birgit Frohn: Heilpflanzen im Ayurveda. Baden/München 2006, S. 186. Vgl. Rhyner 2006, S. 187.

Vasant Lad, David Frawley: Die Ayurweda Pflanzen-Heilkunde. Das Yoga der Kräuter. Übersetzung von Chr. Baker. Haldenwang 1987, S. 156.

Weblinks

Deyuan Hong, Fred R. Barrie, Charles D. Bell: Valerianaceae. In: Wu Zheng-yi, Peter H. Raven, Deyuan Hong (Hrsg.): Flora of China, Volume 19: Cucurbitaceae through Valerianaceae, with Annonaceae and Berberidaceae, Science Press und Missouri Botanical Garden Press, Beijing und St. Louis 2011, ISBN 978-1-935641-04-9. Nardostachys jatamansi (D. Don) Candolle., S. 661 - textgleich online wie gedrucktes Werk.

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