mini|Gerfalke (Falco rusticolus), weiße Morphe Der Gerfalke (Falco rusticolus) ist die weltweit größte Falkenart. Er ist zirkumpolar in den arktischen Regionen Eurasiens und Nordamerikas sowie Grönlands vertreten und besiedelt dort die Tundra. In Mitteleuropa ist er nur sehr selten als Wintergast zu beobachten und hält sich dann meist in Küstennähe auf.

Der Gerfalke, dessen horizontale Fluggeschwindigkeit die des Wanderfalken übertrifft, wird seit dem Mittelalter als Beizvogel (Jagdfalke) sehr geschätzt. Weiße Gerfalken galten als besonders wertvoll und zählten regelmäßig zu den Geschenken an und zwischen Fürstenhäusern.

Erscheinungsbild Körpergröße und Erkennungsmerkmale mini|Gerfalke im Flug Der etwa mäusebussardgroße Gerfalke ist die weltweit größte Falkenart. Die Körperlänge eines Gerfalken beträgt zwischen 48 und 61 Zentimeter. 19 bis 24 Zentimeter der Körperlänge entfallen dabei auf den Stoß (Steuerfeder). Die Spannweite beträgt zwischen 105 und 131 cm. Die Art zeigt hinsichtlich Größe und Gewicht einen deutlichen Geschlechtsdimorphismus; Männchen wiegen 960 bis 1300 Gramm, im Mittel 1070 Gramm, Weibchen 1400 bis 2000 Gramm, im Mittel 1710 Gramm. Die Färbungsunterschiede zwischen den Geschlechtern sind hingegen gering, Männchen haben ein tendenziell etwas blasseres Federkleid als die Weibchen.Potapov und Sale, S. 64f.

Die Flügel sind vor allem am Körperansatz breiter, die Armschwingen sind länger und die Handschwingen sind voller und verlaufen spitzer als beim Wanderfalken. Auffallend ist der lange und breite Schwanz. Die Wachshaut und die Füße sind bei Jungvögeln blaugrau. Altvögel weisen hier dagegen eine gelbe Färbung auf. Die Iris ist dunkelbraun, der sie umgebende Augenring ist gelb. Der Schnabel ist von graublauer Farbe; die Schnabelspitze ist deutlich dunkler.

Die unterschiedlichen Farbmorphen mini|Nordamerikanischer Gerfalke mini|Originalbeschreibung: Falco labradorus. Für den Gerfalken gab es bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts viele Namen wie Falco arcticus, Falco lorenzi, Falco hierofalco gyrfalco und Falco holboelliiLothar C. Ciesielski: Der Gerfalke. Falco rusticolus. (= Die neue Brehm-Bücherei Band 264). 1. Auflage. Westkarp Wissenschaften, Hohwarsleben 2007. Die Gefiederfarbe des Gerfalken ist sehr variabel. Es gibt weiße Farbmorphe, die lediglich schwarze Flügelspitzen aufweisen und solche, deren Federkleid eine Vielzahl dunkler Flecken aufweisen. Daneben gibt es Farbmorphen mit einfarbig grauer oder graubrauner Körperoberseite, graue Vögel mit dunklen Querstreifen und heller Unterseite sowie fast einfarbig schwarzbraune Individuen.

In der ornithologischen Literatur werden Gerfalken meist als trimorph bezeichnet und weiße, graue und dunkle Gerfalken unterschieden. Die unterschiedlichen Farbmorphen werden dabei immer wieder als geographisch bedingt beschrieben.siehe dazu beispielsweise Génsbøl und Thiede, S. 225 und 374 oder Mebs, S. 432. Die früher in der Falknerei begehrten weißen Farbmorphen kommen danach überwiegend in Grönland und Ostsibirien vor; graue Gerfalken sind dagegen typisch für Island und Südgrönland, während die dunklen Farbmorphen vor allem in Skandinavien, Nordfinnland und Nordrussland auftreten. Der Ornithologe Todd wies allerdings bereits 1963 darauf hin, dass die Farbe des Federkleids beim Gerfalken eher ein individuelles als ein geographisch bedingtes Merkmal ist.Todd: „Birds of the Labrado Peninsula and adjacent areas“, 1963. Die ausführlichen statistischen Analysen, die die Ornithologen Potapov und Sale auf Basis von 1310 Vogelbälgen vornahmen, bestätigen dies. Unterschiedliche Farbmorphen können in allen Populationen auftreten: Von 55 ausgewachsenen Gerfalken, die 1968 auf der Seward-Halbinsel in Alaska beobachtet wurden, waren 12,7 Prozent braungrau, 56,4 Prozent grau, 16,4 Prozent hellgrau, 5,5 Prozent wiesen ein cremefarbenes Federkleid mit grauen Querstreifen auf und 9,1 Prozent waren weiß. Der Anteil einer spezifischen Farbmorphe am Bestand ist dabei offenbar Schwankungen unterworfen. Der Anteil weißer Gerfalken betrug auf der Kamtschatka-Halbinsel zwischen 1981 und 1990 39,3 Prozent und ging für den Zeitraum von 1991 bis 1999 auf 20 Prozent zurück.Potapov und Sale, S. 60.

Unterarten Der Gerfalke ist nach heutigem Wissensstand eine monotypische Art.Potapov, S. 23, Sale S. 157 und Mebs, S. 432. In der älteren ornithologischen Literatur findet man noch je nach Autor zwischen vier und sieben Unterarten.Beispielsweise die graubraune Nominatform „Falco rusticolus rusticolus“, deren Verbreitungsgebiet man in Skandinavien und Nordrussland sah und die hellgraue Form „Falco rusticolus islandus“ mit Island als Verbreitungsgebiet. Die Unterscheidung in Unterarten basierte auf der unterschiedlichen Gefiederfärbung, die bei Gerfalken zu beobachten ist. Carl von Linné ordnete die Farbmorphen sogar noch unterschiedlichen Arten zu. Da die Definition einer Unterart ein distinktes Verbreitungsgebiet voraussetzt, die Farbmorphen jedoch in allen Populationen auftreten können, stellt die Gefiederfärbung aus heutiger Sicht nicht länger eine Basis für die Abgrenzung von Unterarten dar.

Die früher gelegentlich als Altaifalke oder Altai-Gerfalke (Falco altaicus) bezeichnete Großfalkenpopulation, die im mittelasiatischen Altai- und Sajangebirge vorkommt, wird heute als Unterart des Würgfalken betrachtet (Falco cherrug milvipes), wobei eine genetische Differenzierung dieser Unterart vom Gerfalken nicht möglich ist. Möglicherweise hatte diese Unterart nach ihrer Ausbreitung in Zentralasien noch mehrfach Kontakt mit dem Gerfalken, so dass Hybridisierungen auftraten.F. Nittinger, E. Haring, W. Pinsker, M. Wink, A. Gamauf: Out of Africa? Phylogenetic relationships between Falco biarmicus and the other hierofalcons (Aves: Falconidae). In: Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research. Volume 43, Nr. 4, Nov 2005, S. 321–331. Blackwell Publishing Oxford.

Verwechslungsmöglichkeiten Bei Feldbeobachtungen, bei denen die Größe eines Vogels schwierig zu bestimmen ist, können Gerfalken leicht mit anderen Falkenartigen oder Greifvogelarten verwechselt werden. So gleichen sich die Silhouetten des etwas kleineren Würgfalken und des Gerfalken. Der Würgfalke weist mit dem weißen Überaugstreifen und dem dunklen Bartstreif einen kontrastreicher gefärbten Kopf als der Gerfalke auf. Auch der in der Regel deutlich kleinere Wanderfalke weist am Kopf einen deutlichen Kontrast zwischen dem Bartstreifen und den hellen Backen auf, der bei Gerfalken gewöhnlich fehlt. Bei Feldbeobachtungen in Nordeuropa ist auf große Entfernung der Habicht besonders schwierig vom Gerfalken zu unterscheiden.siehe auch Potapov und Sale, S. 43. Der Habicht weist jedoch eine leicht s-förmig gebogene Flügelhinterkante auf, der Schwanz ist fächerförmiger. Bei Habichten wechseln Gleitflugphasen mit wenigen Flugschlägen ab. Beim Gerfalken dagegen sind die aktiven Flugphasen deutlich länger.Für eine detailliertere Beschreibung von Unterscheidungsmerkmalen zwischen Gerfalken und den ihn ähnelnden anderen Arten s. Génsbøl und Thiede, S. 376.

Verbreitungsgebiet und Lebensraum Lebensraum und weltweites Verbreitungsgebiet mini|hochkant=2|Verbreitungsgebiet des Gerfalken Der Gerfalke ist eine zirkumpolar verbreitete Falkenart, dessen Brutgebiete in der Arktis und Subarktis liegen. Die südlichsten Brutnachweise liegen für Eurasien auf der Kamtschatka-Halbinsel bei 54° 35′ N, 161° 7′ O und für Nordamerika auf Long Island an der südöstlichen Küste der Hudson-Bay bei .Potapov und Sale, S. 68. In Europa ist er ein Brutvogel in Island, Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. In Asien brütet er nur in Russland. Die amerikanischen Brutgebiete liegen im US-amerikanischen Bundesstaat Alaska sowie Kanada und Grönland.

Die nördliche Grenze seines Brutgebietes ist im Wesentlichen vom Vorkommen seiner wichtigsten Beute, dem Alpen- und dem Moorschneehuhn bestimmt. Obwohl der Gerfalke in der Literatur als die Falkenart der Hocharktis beschrieben wird, brüten Wanderfalken, die ein breiteres Beutespektrum haben, gelegentlich weiter nördlich als diese Art. Für das Jagdverhalten des Gerfalken ist eine offene, nur mit niedrigem Gebüsch bewachsene Landschaft notwendig. Die Brutreviere müssen außerdem Felsklippen oder Waldinseln aufweisen. Charakteristische Brutreviere sind daher Tundren, die von felsigen Flusstälern durchschnitten sind, sowie Felsküsten in der Nähe von Seevogelkolonien. Die südliche Verbreitungsgrenze seines Vorkommens stellen die Regionen dar, in denen die Waldtundra oder Waldsteppe in dichtere Waldbestände übergeht.

Die eurasischen Brutgebiete mini|Die südlichsten Brutnachweise liegen für Eurasien auf der Kamtschatka-Halbinsel – hier der Avachinsky-Vulkan Gerfalken brüten in allen Gebieten Islands, wobei sich die größte Populationsdichte im Norden der Insel findet. Die südlichsten Brutgebiete in Norwegen liegen bei Sirdalsheiene und erstrecken sich von dort bis in das Tal des Pasvik Flusses im Norden Norwegens. In Schweden ist der Gerfalke fast ausschließlich ein Brutvogel der alpinen Tundra. Er brütet im nördlichen Teil von Dalarna, im Westen von Jämtland sowie in Härjedalen, Lappland und im Norden von Norrbotten.Potapov und Sale, S. 68f. Das Brutgebiet in Finnland beschränkt sich auf Nordfinnland. Das Gebiet der beiden nordfinnischen Gemeinden Inari und Utsjoki soll die höchste Bestandsdichte an Gerfalken in Finnland aufweisen. Über die Brutgebiete in Russland liegen keine vollständigen Informationen vor, so dass die nördliche und südliche Verbreitungsgrenze in dieser Region bis jetzt nur unzureichend bestimmt ist. Potapov und Sale weisen darauf hin, dass viele russische Ornithologen bewusst darauf verzichten, Brutnachweise zu publizieren, um so zu verhindern, dass die Nester ausgeraubt werden.Potapov und Sale, S. 70. Nach jetzigem Wissensstand erstrecken sich die Brutgebiete der Gerfalken von Finnland ausgehend über die Kola-Halbinsel bis nach Sibirien und liegen überwiegend nördlich des Polarkreises. Gerfalken fehlen allerdings auf den arktischen Inseln Russlands.Für eine ausführliche Darstellung der bisher publizierten russischen Brutnachweise siehe Potapov und Sale, S. 70–76.

Die Brutgebiete in Alaska, Kanada und Grönland Das Brutgebiet in Nordamerika erstreckt sich in Alaska von den Aleuten über die Seward-Halbinsel und der Brooks Range bis zum Chugach-Gebirge. In Kanada brüten Gerfalken auf den meisten der arktischen Inseln, darunter der Ellesmere-Insel, sowie im arktischen Tiefland und der Waldsteppe. Brutnachweise gibt es bislang für die kanadischen Provinzen British Columbia, den nördlichen Teil von Québec und Labrador. Auf Grönland brüten Gerfalken nur in der Küstenregion.

Zug Die verschiedenen Populationen der Gerfalken weisen kein einheitliches Zugverhalten auf. Die in der Westpaläarktis lebenden Gerfalken sind Stand- und Strichvögel. Bei den im skandinavischen Raum lebenden Gerfalken verbleiben Altvögel überwiegend ganzjährig in ihrem Revier. Nur Jungvögel streifen stärker umher, so dass sich einzelne Exemplare während des Winterhalbjahrs auch in Dänemark, Irland und Großbritannien beobachten lassen.

Die in der russischen Tundrazone lebenden Gerfalken sind dagegen Zugvögel, die von der Tundra- in die Taigazone ziehen und dabei eine Strecke von 1.000 bis 2.000 Kilometer zurücklegen.Génsbøl und Thiede, S. 227. Die im Osten Grönlands brütenden Gerfalken ziehen im September nach Island und kehren im April in ihre Brutgebiete zurück, die übrigen Vögel überwintern in den südlichen Küstenregionen Grönlands.

Fortpflanzung Balz und Paarung