mini|Ein Warnplakat aus der Zeit um 1900 zeigt: Früher war Deutschland eine Herkunftsregion der Opfer. Heute ist es vorwiegend eine Zielregion|330x330pxZwangsprostitution bezeichnet die illegale Praxis, Menschen zur Arbeit als Prostituierte zu zwingen. Davon betroffen sind überwiegend Frauen und Kinder. Zwangsprostitution tritt in der Regel im Zusammenhang mit Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung auf. Der Zwang kann durch physische und psychische Gewalt, Täuschung, Erpressung, Ausnutzung einer Zwangslage oder der Hilflosigkeit des Opfers ausgeübt werden.
Zwangsprostitution ist im Strafgesetzbuch (Deutschland) erst seit dem 15. Oktober 2016 im (StGB) definiert. Zuvor war der Begriff rechtlich nicht definiert. Es handelte sich um eine Wortschöpfung, die zuvor in der medialen und politischen Debatte benutzt wurde.
Zwangsprostitution im Zweiten Weltkrieg mini|Befragung einer chinesischen „Trostfrau“, Rangoon, 8. August 1945 Nach Schätzungen von Historikern wurden in Ostasien und Südostasien bis zu 200.000 Mädchen und Frauen zur Arbeit in Bordellen der japanischen Kaiserarmee gezwungen und beschönigend als Trostfrauen bezeichnet. Rehabilitationsproblematik der ehem. Trostfrauen in Japan. Artikel + weiterführende Links.
Zahlreiche Berichte finden sich über Zwangsprostitution im Zweiten Weltkrieg, wobei auf Seiten verschiedener Kriegsparteien Frauen systematisch sexuell missbraucht worden sind.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden von der Wehrmacht und der SS Hunderte von Bordellen eingerichtet (Wehrmachtsbordell und Lagerbordell), in denen Frauen zur Prostitution gezwungen wurden.
Nach der deutschen Niederlage während der Besatzungszeit finden sich Berichte über Zwangsprostitution in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ), beispielsweise in Marta Hillers autobiografischem Werk Eine Frau in Berlin. Durch Rotarmisten kam es nach der Eroberung deutscher Gebiete erst zu Vergewaltigungen, später begannen die Grenzen zwischen Vergewaltigung und Zwangsprostitution zu verschwimmen. Hiller nannte es „Essen anschlafen“.
Moderne Zwangsprostitution in Europa
Entwicklungen nach Zusammenbruch der Sowjetunion Der organisierte Menschenhandel entwickelte sich in Europa nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und verstärkte sich im Verlauf der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre. Die Schengener Abkommen und die Errichtung des Europäischen Binnenmarkts 1993 kamen als verstärkendes Element in derselben Zeit dazu. Seither werden zumeist junge Mädchen und Frauen aus Osteuropa von organisierten Banden nach Westeuropa gelockt, indem man ihnen eine lukrative Arbeit etwa als Serviererin oder Aupair verspricht. Nach ihrer Ankunft werden ihnen die Papiere abgenommen, damit sie sich im fremden Land nicht frei bewegen können und abhängig bleiben. Auch Deutschland wird vorgeworfen, nicht entschieden gegen Menschenhandel vorzugehen, da die Bundesregierung einige Vorgaben aus Brüssel nicht gesetzlich verankert habe.
Durch die weitgehende Legalisierung von Prostitution seit dem Jahr 2002 bei gleichzeitigem Fehlen obligatorischer Prüfungen für das Betreiben von Prostitutionsstätten habe sich in Deutschland ein „Eldorado für Zuhälter und Bordellbetreiber“ entwickelt, urteilte ein leitender deutscher Kriminalbeamter im Jahr 2011.
Rekrutierung nach der Loverboy-Methode Ungefähr seit dem Jahr 2000 wurde man in den Niederlanden auf sogenannte „Loverboys“ aufmerksam. Der Begriff wurde dann in diesem Zusammenhang auch in Belgien verwendet und seit Mitte der 2000er Jahre auch in deutschen Publikationen. Im Mai 2009 berichtete Bravo Girl als erstes deutsches Magazin von der Problematik.
Betroffen sind oft minderjährige Mädchen und junge Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, oft mit geringem Selbstbewusstsein oder großer Schüchternheit. Sie werden von den Loverboys, oft auch gerade erst Volljährigen, angesprochen, und ihnen wird zunächst vorgegaukelt, die Loverboys seien in sie verliebt. Die Loverboys geben ihnen Aufmerksamkeit, Komplimente, Zuneigung und oft auch Geschenke. Gleichzeitig machen sie die Opfer emotional abhängig und entfremden sie ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis. Später verleiten oder zwingen sie sie zur Prostitution. Oft gaukeln sie ihren Opfern vor, das so verdiente Geld zum Aufbau einer gemeinsamen Zukunft verwenden zu wollen. Die Opfer sind oft schwer zu erkennen. Einerseits stecken sie meist gerade in der Pubertät und verändern sich auch dadurch stark; andererseits haben einige bereits gelernt, ein Parallelleben mit Lügen und Leugnen zu führen. Teilweise achten die Loverboys auf regelmäßigen Schulbesuch. Manchmal sind sie der Familie als Freund bekannt.
Es gibt eine Reihe von Auffälligkeiten im Verhalten, die auf diese Form des Missbrauchs hinweisen können, wenn sie bei einer Person gehäuft zusammentreffen. Eine Auflistung dieser Symptome, die ohne Häufung bei vielen pubertierenden Jugendlichen auftreten, hat die „Elterninitiative für Loverboy Opfer Deutschland“ (eilod.de) zusammengestellt.
Die pensionierte Kommissarin Bärbel Kannemann, Aktivistin zum Schutz vor den Loverboys, gab im Januar 2015 an, ihr seien in den Niederlanden rund 3000 und in Deutschland seit 2010 rund 200 Fälle bekannt. Bis September 2015 stieg die Anzahl der Kannemann bekannten Fälle auf 800. Die Expertengruppe für die Bekämpfung des Menschenhandels des Europarates (Group of Experts on Action against Trafficking in Human Beings – GRETA) geht unter Berufung auf das deutsche Bundeskriminalamt von 671 Fällen für Deutschland in 2017 aus. Im Sommer 2019 beschäftigte sich der Landtag Nordrhein-Westfalen im Rahmen einer öffentlichen Anhörung mit dem Thema. Das Willem-Pompe-Institut für Kriminalwissenschaften Utrecht ging schon 2004 davon aus, dass mindestens 100 der 400 Prostituierten im Amsterdamer Rotlichtviertel Loverboy-Opfer sind. In der Schweiz wurden per 2020, bezogen auf die letzten drei Jahre, über 30 als Loverboy-Fälle klassifizierbare Beziehungen bei der nationalen Meldestelle ACT212 gemeldet.
Vorwürfe gegen an UN-Friedensmissionen beteiligte Soldaten Durch einen Bericht des Fernsehmagazins Weltspiegel wurde im Dezember 2000 die Ausnutzung von Zwangsprostituierten durch deutsche KFOR- und UNMIK-Soldaten publik. AI-Österreich mit E-Mail Kampagne gegen Zwangsprostitution im Kosovo
In Mazedonien und im Kosovo stationierte deutsche Soldaten hatten laut einem Bericht von Amnesty International vom Mai 2004 sexuelle Zwangsdienste von verschleppten Frauen und Kinderprostituierten in Anspruch genommen.
Ehemalige Zwangs- und Kinderprostituierte aus dem Kosovo haben ausgesagt, dass deutsche Soldaten und Offiziere regelmäßig unter ihren Kunden gewesen seien. Im Gegensatz zu den einheimischen Freiern hätten die Deutschen die Prostituierten nicht misshandelt. Deswegen habe man sie auch um Hilfe gebeten bei dem Versuch, aus der unerträglichen Lage zu entkommen. Die vernommenen Deutschen bestreiten dies, auch von vergitterten Fenstern der „Zimmer“ der Frauen habe man nichts gewusst. Trotz Bekanntwerden stieg die Zahl der Bordelle nach Angaben der UN-Verwaltung von 1999 mit 18 Etablissements, in denen Frauen zur Prostitution gezwungen wurden, auf 2004 schon 200 einschlägige Einrichtungen.
Nach Vorwürfen von Medica mondiale, einer Hilfsorganisation für traumatisierte Frauen, erklärte das Bundesverteidigungsministerium 2004, dass es umfangreiche Untersuchungen veranlasst habe, die jedoch ergeben hätten, dass die Vorwürfe falsch seien. Denn Soldaten dürften in der Freizeit das Lager nicht verlassen, und im Dienst bliebe aufgrund der Einsatzlage gar keine Gelegenheit zum Bordellbesuch.
Im Juni 2004 erschien ein Enthüllungsbericht der UNO-Mitarbeiter Kenneth Cain, Heidi Postlewait und Andrew Thomson mit dem Titel Emergency Sex and Other Desperate Measures, a True Story from Hell on Earth. In ihrem Buch berichten die Autoren von ausschweifenden Sex-Partys mit zur Prostitution gezwungenen Frauen und Mädchen, Korruption sowie Drogenmissbrauch auf Missionen in Haiti, Liberia, Somalia – und im Kosovo. Um das ohnehin angeschlagene Image der Weltorganisation nicht weiter zu demolieren, erwog der damalige Generalsekretär Kofi Annan Presseberichten zufolge rechtliche Maßnahmen gegen die Veröffentlichung.
Voodoo-assoziierte Zwangsprostitution Im Bereich der Zwangsprostitution sind in den 2000er Jahren erste Fälle bekannt geworden, in denen Frauen aus Nigeria durch Voodoo-Rituale emotional unter Druck gesetzt und in die Zwangsprostitution gedrängt wurden. Durch die Androhung von „Wahnsinn, Krankheit oder Tod von Familienmitgliedern“ werden die betroffenen Frauen in Sklaverei-ähnliche Verhältnisse gebracht und im Rahmen von Zwangsprostitution systematisch ausgebeutet. Charakteristisch ist, dass die betroffenen Frauen Naturreligionen angehören und durch die Voodoo-Rituale häufig dermaßen eingeschüchtert sind, dass sie jahrelang keine Hilfe suchen.
Im Rahmen des Ermittlungsverfahrens „Voodoo“ im Bereich der Zwangsprostitution wertete die deutsche Polizei bis 2006 über 10.000 aufgezeichnete Gespräche in der nigerianischen Sprache Edo aus. Ermittler der hessischen Polizei bezeichneten die Täter als „äußerst brutal agierende nigerianischen Strukturen der organisierten Kriminalität.“
Auf Grundlage der vorangegangenen Ermittlungen fand zwischen 2006 und 2009 die „Operation Koolvos“ statt. Hierbei ermittelten internationale Strafverfolgungsbehörden zum Verbleib hunderter nigerianischer Frauen, die in den 1990er Jahren aus Asylunterkünften verschwanden. Ziel war es kriminelle Netzwerke aufzudecken und Hintergründe zu Rekrutierung der Opfer, Strukturen des Menschenhandels und die Lage der betroffenen Frauen zu beleuchten. Das aufgedeckte kriminelle Netzwerk erstreckte sich von Nigeria über die Niederlande und in weitere Länder (Deutschland, Spanien, Großbritannien, Schweden, Frankreich und Italien). Eine wissenschaftliche Publikation bestätigte die zentrale Rolle des Voodoo in dieser Form des Menschenhandels.
Im Jahr 2019 erließ der spiritueller Führer Oba Ewuare II einen „Gegenfluch“, um den Missbrauch von Voodoo zu Zwecken des Menschenhandels zu stoppen. Im Jahr 2020 wurde in Medienberichten jedoch über eine Zunahme der Fälle dieser Form von Zwangsprostitution berichtet, wobei hervorgehoben wurde, dass die Opfer meist aus der Region Edo in Nigeria stammten.
Am 27. März 2019 fand in Bologna eine von dem Unitied Nations Interregional Crime and Justice Research Institute (UNICRI) organisierte Konferenz unter dem Titel „Trafficking in people from Nigeria, magic-religious rituals and integration difficulties“ statt. Hierbei wurde das große Ausmaß von Menschenhandel betont. Allein in Italien erhielten 54.559 Frauen, die Opfer von Menschenhandel in den Jahren 2000 bis 2007 Unterstützung und Schutz, wobei Nigerianerinnen und Rumäninnen die größten Opfergruppen ausmachten. Die Zwangsprostitution wird als stark traumatisierend beschrieben.
Da Opfer meist nicht von sich aus aussagen, werden von den Ermittlungsbehörden teils mobile Büros und spezielle Datenextraktionsgeräte zur Beweissicherung genutzt.
Strafverfolgung von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung Art der Straftaten Gegen die Opfer werden häufig schwerste Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, gegen die persönliche Freiheit und gegen die körperliche Unversehrtheit begangen. Als Nebenstraftaten kommen meist Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Verstöße gegen das Arbeits-, Ausländer- und Sozialversicherungsrecht hinzu.
Problematik