Tipi ist im engeren Sinne die Bezeichnung für das kegelförmige Stangenzelt der einstmals nomadisch lebenden Jäger und Sammler des nordamerikanischen Kulturareals „Prärie und Plains“ sowie einiger Nachbarvölker.
Im weiteren Sinne werden bisweilen alle konischen Zelte von Indianervölkern Nordamerikas Tipi genannt.
Umgangssprachlich werden demgegenüber häufig alle indianischen Behausungen Nordamerikas unterschiedslos als „Wigwam“ bezeichnet, obwohl das tatsächlich nur die Hütten der Algonkinvölker und einiger ihrer Nachbarn sind.
Etymologie Das Wort setzt sich aus folgenden Lakota-Wörtern zusammen:
= Plural-Marker bei Verben thípi bedeutet also wörtlich übersetzt „sie wohnen (dort)“. Im heutigen Lakota-Sprachgebrauch heißt „thípi“ übrigens „Haus“, während „thiíkčeya“ für das traditionelle Tipi steht.
Alternative Schreibweisen im Englischen sind teepee und tepee.
Die Absarokee-Indianer (auch bekannt als Crow) nannten den Rest des Vulkan-Kegels, der das Devils Tower National Monument ausmacht, Mateo Tepee, zu Deutsch: Heim des Grizzly-Bären. Bei den Lakota heißt er Mato Tipila mit derselben Bedeutung.National Park Service: First Stories (abgerufen am 17. Juni 2019)
Plains-Tipi mini|Kreisförmiges Lager der Angehörigen der Plains-Cree, bestehend aus mehreren Tipis (1871), Foto von Charles Horetzky mini|Lining in einem großen Sioux-Tipi mini|„Musealer“ Blick in ein Tipi
Das Tipi der Prärie-Indianer (bisweilen Plains-Tipi genannt) ist eine Weiterentwicklung der indigenen Kegelzelte Nordamerikas, das sich vor allem durch die passgenau geschneiderte Plane mit vorgegebenen Verbindungslöchern auszeichnet, die die Lage der Stangen fest vorgeben.Christian Feest (Hrsg.): Kulturen der nordamerikanischen Indianer. Könemann, Köln 2000, ISBN 3-8290-0500-8, S. 90 (Subarktis, Tlicho), 202–204 (Tipi allgemein), 257 (erweiterte Form Versammlungshaus). Dies wird erkennbar an der großen Straffheit der Plane eines korrekt aufgebauten Tipis, die eine weitere Sicherung durch außenstehende Stangen erübrigt. Diese sehr stabile Bauform ermöglichte größere Ausführungen als bei den herkömmlichen Kegelzelten, die zudem häufig „schlanker“ gebaut sind. Darüber hinaus sind die beiden Rauchklappen typisch, die mit Hilfe von zwei daran befestigten Stangen auf einfache Weise eine variable Öffnung des Rauchlochs je nach Windrichtung oder auch ein komplettes Schließen ermöglichen.
Ein typisches Tipi besteht aus drei oder vier tragenden Nadelholzstämmen, die an einem Kreuzungspunkt (je nach Größe in einer Höhe von drei bis sechs Metern) mit einer Rohhautschnur verbunden werden. Das Ende der Schnur reicht bis zum Boden, um bei Sturm in der Mitte des Zeltes einen hölzernen Bodenanker anbringen zu können. Vom Rand einer meist eiförmigen Grundfläche von drei bis sieben Metern Durchmesser werden (je nach Dicke) bis zu 30 weitere, etwas dünnere Stangen angelegt, so dass ein kegelförmiges Gestell entsteht. Die dreistämmige Variante ist windstabiler und war daher in windoffenen Regionen typisch.
Die halbkreisförmige Plane bestand früher aus bis zu 20 passend zurecht geschneiderten und aneinander genähten, gegerbten Tierhäuten (Leder) – überwiegend vom Bison –, die im Lauf des 19. Jahrhunderts zunehmend durch Segeltuch ersetzt wurden. Diese Plane wird über das Gestell gelegt, so dass die gegenüberliegenden 8–19 Doppellöcher überlappend aufeinander liegen und mit hölzernen Verschlusssplinten verbunden werden können. Die konkrete Kegelform eines Tipis wird demnach von der Plane vorgegeben. Zusätzlich wurde die Plane am Boden rundum mit Holzpflöcken, Steinen oder Erde am Boden gehalten. Dabei blieb jedoch ein Spalt offen, damit ein Kamineffekt entstehen und der Rauch des Feuers durch das Rauchloch abziehen konnte. Durch Fett und Rauch der Kochfeuer wurde die Plane im oberen Bereich wasserdicht. Das Feuer wärmte den Innenraum ausreichend auf, um auch im Winter leicht bekleidet darin wohnen zu können.
mini|ohne|Schnittmuster einer Büffelhaut-Tipiplane der Blackfoot
An der Vorderseite des Tipis befindet sich ein ellipsenförmiger Eingang, der mit einem rechteckigen Stück Leder verschlossen werden kann. Im Inneren größerer Tipis befindet sich oft ein sogenanntes Lining (Futter, Auskleidung, Vorhang). Dieses wird an der Innenseite der Stangen angebunden und reicht vom Boden bis in etwa 1,50 bis 2 m Höhe. Es dient vor allem als Windschutz. Tipis mit Lining sind wärmer und trockener, das Feuer brennt gleichmäßiger und es wird weniger Asche aufgewirbelt. Außerdem sind die Schattenumrisse der Menschen von außen nicht zu sehen und der Zwischenraum dient als Abstellraum.
Zwei Personen (meist Frauen) konnten ein Tipi in etwa einer Stunde auf- und in 15 Minuten abbauen.Lothar Dräger, Christian Feest (Autoren): Tipi (Wörterbucheintrag). In Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang Müller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, ISBN 3-496-02650-2, S. 373–374.H. J. Stammel: Indianer – Legende und Wirklichkeit von A–Z. Bertelsmann Lexikon, Gütersloh/Berlin 1977, ISBN 3-570-05604-X, S. 282 (Stichwort: Tipi), 283 (Stichwort: Tipi-Regeln).
Einige Stämme bemalten die Tipis mit visionären Motiven, religiösen Symbolen oder Szenen aus Kampf oder Jagd. Solcherart Verzierung reichte von den eleganten, meist unbemalten Tipis der Absarokee bis zu den reich verzierten Zelten der Blackfeet.Colin F. Taylor, William C. Sturtevant: Der große Bildatlas Indianer. Aus dem Engl. übers. von Werner Petermann, Orbis, München 1995, ISBN 3-572-00770-4 (engl. Originalausgabe: The Native Americans. Salamander Books, London, ISBN 0-86101-523-1), S. 67, 101, 183–185, 193.
In vielen Lagern waren die Tipis in einem Ring angeordnet, wobei die Eingänge und der Zugang zum Lager ungefähr im Osten lagen. Der Kreis war für viele Stämme eine heilige Form, da er räumlich und zeitlich überall in der Natur zu finden ist.
Heute verwenden Indianer Tipis meist nur noch als zusätzlichen Wohnraum für Gäste oder bei Festen wie zum Beispiel Powwows. Zudem gewinnt das Tipi zunehmend Bedeutung als Sinnbild panindianischer Gegenwartskultur (demnach auch bei Stämmen, die früher kein Tipi nutzten).
Verbreitung mini|Tipi-ähnliche Kegelzelte der Tlicho Nord-Kanadas (1901) mini|Tipis der Mescalero-Apachen New Mexicos (1890/1910)
Sämtliche Völker der zentralen nordamerikanischen Steppe, die ausschließlich vollnomadische (Bison-)Jäger und Sammler waren (von Nord nach Süd etwa Sarcee, Blackfeet, Plains-Cree, Assiniboine, Absarokee, Lakota, Cheyenne, Arapaho, Kiowa, Kiowa-Apachen u. a.) wohnten ganzjährig in Tipis, während jene halbsesshaften Völker, die nur saisonal jagten und ansonsten Feldbau (zumeist an den Prärieflüssen) betrieben (Dakota, Hidatsa, Mandan, Ponca, Omaha, Pawnee, Osage u. a.), nur zur Bisonjagd Tipis verwendeten.
Auch die Jicarilla im Kulturareal Südwesten nutzten das Tipi zeitweilig während der Bisonjagd-Saison und wohnten ansonsten im typischen Wickiup der westlichen Apachenstämme. Andere Apachen, die am Rand der Plains siedelten (etwa Lipan, östliche Gruppen der Mescalero und Chiricahua) hatten das Tipi komplett übernommen.Barry M. Pritzker: A Native American Encyclopedia. History, Culture and Peoples. Oxford University Press, New York 2000, ISBN 978-0-19-513877-1. S. 11, 16, 19.
Dass der Wechsel zum Tipi eng mit der Ausbreitung des Pferdes und der berittenen Büffeljagd in Nordamerika seit Beginn des 17. Jahrhunderts zusammenhängt, ist offensichtlich: So verwendeten die jeweils östlichen Stämme oder Lokalgruppen in den Kulturarealen Großes Becken (vor allem der Ute, Paiute ab 1850, Shoshonen) und Plateau (unter anderem Yakama, Cayuse, Klamath, Kutenai, Flathead, Nez Percé) das Tipi – häufig neben ihren traditionellen Zelten bzw. Hütten. Das Pferd und das Tipi gelangten bis zum Aspen Parkland – der Waldsteppe im Übergang von der Prärie zum borealen Nadelwald – wo die Beaver-Indianer (Dane-zaa-Athabasken) des subarktischen Kulturareales lebten. In den Waldgebieten wurden konische Zelte seit langem von vielen Völkern verwendet – wenn auch oftmals nur als saisonale oder Sommerbehausung. Auf einigen historischen Fotografien finden sich auch bei den meisten anderen Gruppen der kanadischen Athabasken sowohl traditionelle Stangenzelte als auch Tipis. Bisweilen handelt es sich um Mischformen mit unverkennbarem Einfluss des Plains-Tipi: Die Plane sitzt straff und benötigt keine äußeren Haltestangen und zum Teil sind kleine Rauchklappen zu erkennen, die jedoch aufgrund der großen Rauchöffnung funktionslos waren (Zelte der Tlicho).
Geschichte mini|Hunde-Travois, auch zum Transport der Tipis mini|Tipi-Ring auf der Blackfoot-Reservation in Montana (1960)
In Offenlandgebieten, in denen Haine mit gerade gewachsenen Nadelbäumen vorkamen, ist davon auszugehen, dass Jäger und Sammler, die nomadisierend regelmäßig ihren Wohnort wechselten, seit der Vorgeschichte konische Stangenzelte verwendeten. Ebenso wurden oder werden sie im gesamten nordischen Nadelwaldgürtel seit Jahrtausenden verwendet (etwa der Tschum der westsibirischen Ethnien oder das Lávvu der Samen Nordeuropas), obwohl die Übergänge zu ortsfesten Hütten mit ähnlichen Formen fließend sind.
Im 16. Jahrhundert wurden sowohl die Wigwams des nordamerikanischen Nordostens als auch die Tipis der Prärien erstmals von Europäern beschrieben. Letztere waren vor der Übernahme des Pferdes meistens deutlich kleiner (unter drei Meter im Durchmesser), da sie von Hunden mit Schleppbahre (Travois) transportiert wurden. Danach, im 18. Jahrhundert, entstand die heute bekannte Form, die an die neuen Möglichkeiten der reitenden Bisonjäger angepasst war, die zudem weitere Gegenstände der euroamerikanischen Kultur nutzten: etwa Äxte, Messer und Nähnadeln aus Stahl, die die Herstellung von Holzpflöcken, das Verarbeiten, Zuschneiden und Vernähen der Häute zu einer maßgeschneiderten Plane erheblich vereinfachten. Die Tipis konnten nun größer gebaut werden und konnten bis zu 50 Personen Platz bieten.Thomas F. Kehoe: Tipi Rings: The "Direct Ethnological" Approach Applied to an Archeological Problem. In American Anthropologist, Vol. 60, Ausgabe 5, 1958, doi:10.1525/aa.1958.60.5.02a00060, S. 4–7.
Bevor die Tipis mit Pflöcken abgespannt wurden, reichte die Lederplane bis zum Boden und wurde durch Steine beschwert. Davon zeugen Steinkreise von unter zwei bis über sieben Meter Durchmesser, die sich zu zehntausenden in den Great Plains bis heute nachweisen lassen (nicht zu verwechseln mit den größeren Medicine Wheels der nördlichen Plains). Bei den Absarokee (Crow) bezeichnet das Wort Biiakashissihipee die mythische Vorgeschichte des Volkes, wörtlich bedeutet es „als wir Steine benutzten, um unsere Zelte zu beschweren“. Sie haben eine Legende von einem mythischen Jungen namens Uuwatisee, der ihnen Holz- und Metallpflöcke gebracht hat und damit einen Epochenwechsel einleitete.Laura L. Scheiber; Judson Byrd Finley: Domestic campsites and cyber landscapes in the Rocky Mountains. In: Antiquity, Vol 84 (2010), Seiten 114–130 Gruppen solcher Steinkreise finden sich oft an günstigen Lagerplätzen. In vielen Fällen sind die Ansammlungen in Mustern organisiert, wie Reihen, Kreise oder V-Formen. In einigen Fällen wurden aufwändige Mauern oder Verteidigungsanlagen gebaut. Die in der Mitte der Tipiringe gefundenen Feuerstellen weisen auf Winterlager hin, da das Essen im Sommer an Lagerfeuern im Freien gekocht wurde.Steve Cassells: The Archaeology of Colorado. Johnson Books, Boulder 1997, ISBN 1-55566-193-9, S. 224–227. Die Steinkreise, die fast alle vor 1800 angelegt wurden und zum Teil Jahrtausende alt sind, werden zudem als Denkmale gedeutet, die die Menschen mit ihren Ahnen, ihrer Geschichte und ihrem Stammesland verbanden.K. Kris Hirst: Uncovering the Archaeological Remains of Tipis. Version vom 24. Februar 2019. Beitrag in thoughtco.com (Social Sciences).