Die ukrainische Literatur umfasst diejenigen literarischen Werke, die in ukrainischer Sprache geschrieben sind. Sie entwickelte sich seit Ende des 18. Jahrhunderts überwiegend unter fremder Herrschaft in Polen-Litauen, im Russischen Zarenreich, in Österreich-Ungarn sowie in der Sowjetunion. Nach einer frühen Blütezeit von etwa 1880 bis 1933 wurde sie wie die ukrainische Sprache insgesamt dort, aber auch in Polen unterdrückt. Sie erlebte seit den 1980er Jahren eine Renaissance in der sowjetischen und vor allem in der seit 1991 unabhängigen Ukraine.
Vorgeschichte: Altostslawische Literatur bis 18. Jahrhundert auf dem Boden der heutigen Ukraine Bereits seit dem 11. Jahrhundert entstanden auf dem Gebiet der Kiewer Rus Chroniken und Heldenepen wie das Igorlied, das mit dem Nibelungenlied verglichen werden kann. Im Wesentlichen bildeten sich jedoch erst nach dem Niedergang des Kiewer Reiches im 13. Jahrhundert getrennte Literaturen in russischer, belarussischer und ukrainischer Sprache heraus. Mit dem „Evangelium von Peresopnycja“ (1556–1561) entstand eine volkstümliche Bibelübersetzung in ukrainisch-belarussischem Dialekt.
Im Großfürstentum Litauen wurde im 17. Jahrhundert neben dem Polnischen und Litauischen im Süden das Belarussisch-Ukrainische als Verkehrssprache verwendet, doch die kulturelle und politische Elite polonisierte sich rasch und betrachtete die Volkssprache als Bauernsprache.Kerstin S. Jobst: Geschichte der Ukraine. Stuttgart 2015, S. 45. Die Schulen wurden von katholischen Laienbruderschaften geleitet, die die Volksbildung stärker förderten als dies die orthodoxen Priester getan hatten. Mit dem kulturellen (Wieder-)Aufstieg Kiews bildete sich eine ukrainische Barockliteratur heraus, die an den Hof in Vilnius und an die katholische Kirche, namentlich an die jesuitische Scholastik gebunden war. Wichtigster Vertreter war der Philosoph und Dichter Grigorij Skoworoda. Ende des 17. Jahrhunderts wurde dieser Einfluss durch das Kirchenslawische wieder zurückgedrängt. Das Schrifttum jener Zeit umfasste vor allem theologisch-propagandistische Traktate. Eine feste Sprachnorm gab es nicht.Tschižewskij, Horbatsch 1996, S. 394.
Zar Peter der Große und seine Nachfolger banden die zum großen Teil neu besiedelte östliche Ukraine und ihre Adelselite eng an Russland und unterdrückten die Verwendung der ukrainischen Sprache. 1775 wurde die Autonomie der Saporoger Kosaken gewaltsam beendet, während die Westukraine 1793 von Österreich annektiert wurde. Damit endete auch der ukrainische Barock.
19. Jahrhundert – Ukrainische Romantik und Realismus Mit der Entwicklung einer rein ukrainischen Schriftsprache (im Gegensatz zum bis dahin geschriebenen Kirchenslawischen und zum pränationalen Ruthenischen) entstand eine eigenständige ukrainische Literatur vergleichsweise spät. Wegbereiter der ukrainischen Dichtung war der Leiter des Theaters in Poltawa, humanistische Mystiker und Freimaurer, Spieler und Trinker Iwan Kotljarewskyj mit seiner Fassung der Aeneis (Enejida) 1798, einer in volkstümlicher Sprache gehaltenen, im Kosakenmilieu angesiedelten Travestie auf das klassische Werk von Vergil, das allerdings erst 1842 vollständig gedruckt wurde. Aeneas wird am Ende des Epos Kosakenhauptmann. Hryhorij Kwitka-Osnowjanenko (1778–1843) beschrieb das Landleben in idyllisierenden Erzählungen.Tschižewskij, Horbatsch 1996, S. 394. Auch die deutsche Romantik begann sich für die ukrainische Sprache und die Geschichte der Kosaken zu interessieren: 1845 wurde ein Band ukrainischer Volkslieder von Friedrich Bodenstedt ins Deutsche übersetzt.A.-H. Horbatsch: Vorwort zu Ein Brunnen für Durstige, 1970, S. 7. mini|hochkant|Iwan Kotljarewskyj mini|hochkant|Taras Schewtschenko (Selbstporträt 1843)
Der als Fronbauer geborene Dichter Taras Schewtschenko,Kurzbiographie auf encyclopediaofukraine.com (englisch) der in der Ukraine mehrheitlich als bedeutendste historische und literarische Gestalt verehrt wird, trug maßgeblich zur weiteren Ausbildung der Schriftsprache bei. Gedichte wie „Vermächtnis“ () aus seiner 1840 erschienenen Gedichtsammlung Kobsar, sind bis heute im Bewusstsein aller Generationen und Gesellschaftsschichten tief verankert. 1847 bis 1857 war er in Haft bzw. lebte er in der Verbannung. Neben Schewtschenko, dem „Kristallisationspunkt“ (Literatur-Brockhaus) der ukrainischen Nationalromantik, die sich sowohl gegen den Zarismus als auch gegen den polnischen Adel richtete, stehen im 19. Jahrhundert Dichter wie Amwrossij Metlynskyj, Nikolai Kostomarow, Markijan Schaschkewytsch sowie der auch in deutscher Sprache schreibende Lyriker Jurij Fedkowytsch. mini|hochkant|Iwan Franko (1886) mini|links|hochkant|Iwan Karpenko-Karyj (etwa 1882) Themen der seit Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden realistischen Strömung in der Literatur wurden Leibeigenschaft, Knechtschaft und Unterdrückung der Kleinbauern. 1863 wurde die Zirkulation ukrainischer Druckschriften im russischen Zarenreich teilweise verboten. Nach einer weiteren Verschärfung des Verbots ukrainischer (nunmehr nur noch als „kleinrussisch“ bezeichneter) Literatur auf dem Boden des gesamten Zarenreichs durch den Emser Erlass im Jahre 1876, unter dem auch Schewtschenko als früheres Mitglied der verfolgten Bruderschaft der Heiligen Kyrill und Method zu leiden hatte, und wegen der dort herrschenden strengen Zensur konzentrierte sich das kulturelle Leben in der Folgezeit auf das Staatsgebiet Österreich-Ungarns, zu dem damals die westliche Ukraine mit Lemberg, Galizien, der Bukowina und Teilen der Karpaten gehörte. Die österreichische Verwaltung förderte die „ruthenische“ Sprache und das BildungswesenJohn-Paul Himka: Galician Villagers and the Ukrainian National Movement in the Nineteenth Century. Palgrave, 1988. und erlaubte ukrainischsprachige Presseorgane, Verlage und kulturelle Vereine. Die Bildung einer intellektuellen (vor allem katholischen) Elite wurde gefördert, und auch Autoren aus Kiew wie der Dramatiker Mychajlo Staryzkyj (1840–1904) veröffentlichten in Lemberg. Hingegen forcierte die ungarische Regierung in Transkarpatien die Magyarisierung, wodurch die die ruthenische Sprache stark eingeschränkt wurde.
Nach seiner Rückkehr in die Ukraine gründete Staryzkyj zusammen mit Marko Kropywnyzkyj das erste professionelle ukrainische Theater in Jelisawetgrad, einer Stadt, die heute nach ihm benannt ist (die Theater in Kiew und Odessa waren russischsprachig).
Zu den bedeutendsten Dichtern und Schriftstellern dieser Periode in der österreich-ungarischen Westukraine gehören die neuromantisch-impressionistische Dichterin und Dramatikerin Lessja Ukrajinka und der Dichter und Dramatiker Iwan Franko. Zu nennen sind ferner der Dichter, Prosaist und Übersetzer Ossyp Makowej, der in Erzählungen und Novellen das Leben der galizischen und bukowinischen Bauern und das schwierige Verhältnis zur abstrakt bleibenden Habsburger Herrschadt schilderte, sowie die Frau Iwan Frankos, Olha Kobyljanska aus einer deutsch-polnisch-ukrainischen Familie, die zunächst in polnischer und deutscher, seit etwa 1900 ukrainischer Sprache schrieb und das dörfliche Leben in der Bukowina mit seinen Konflikten sowie die Emanzipationsbestrebungen der Frauen schilderte. Zu ihren bedeutendsten Prosawerken gehören ihr Roman aus dem Bauernleben Die Scholle (1902), das in sowjetischer Zeit dramatisiert und verfilmt wurde. Wassyl Stefanyk versuchte, dem Prosagedicht in ukrainischer Sprache mehr Geltung zu verschaffen, und verfasste realistische Novellen zu Familienthemen. mini|links|hochkant|Lessja Ukrajinka Da es auch in der Westukraine zu Konflikten der Intellektuellen mit dem dort dominanten polnischen Landadel kam, wanderten einige ukrainische Intellektuelle nach Wien ab, während das kosakophile Wandertheater mit realistischen und satirischen Stücken zu einer Pflegestätte der ukrainischen Sprache in Russland wurde. Autoren waren u. a. Iwan Karpenko-Karyj (eigentlich Iwan Karpowytsch Tobilewytsch), der in seinen 18 Komödien den russischen Kolonialismus, die Ignoranz der Großgrundbesitzer und die Verarmung der Bauern kritisierte und dafür zeitweise verbannt wurde,Kurzbiographie auf encyclopediaofukraine.com (englisch) Marko Kropywnyzkyj, der 1882 das erste ukrainische Tourneetheater gegründet hatte, und Mykola Sadowskyj, der 1898 das erste feste Theater mit ständigem Ensemble in Kiew organisierte.Horbatsch, S. 15.Iwan-Franko-Theater Kiew auf www.goethe.de Andere Schriftsteller wanderten nach St. Petersburg und Moskau ab. Mychajlo Kozjubynskyj begann seine schriftstellerische Tätigkeit mit realistischen Erzählungen, die unter dem Einfluss Tschechows eine psychologische Vertiefung erhielten und sich immer kritischer mit den sozialen Konflikten auf dem Lande auseinandersetzten (Fata Morgana, 1904/1910; dt. 1962). mini|links|hochkant|Kozjubynsky-Denkmal in Charkiw In der zum Zarenreich gehörenden, national bis 1917 eher indifferenten Südukraine verfasste Wolodymyr Wynnytschenko naturalistische Erzählungen aus dem Leben des Landproletariats, schilderte die Hinwendung der jungen Generation zur sozialistischen Bewegung und schrieb mehrere Dramen. Unter dem Zarismus mehrfach in Haft, versuchte er als überzeugter Sozialist am Aufbau der neuen ukrainischen Republik mitzuwirken, ging aber schon 1920 ins Pariser Exil. Die in Tschernigow geborene, mit der russischen Sprache aufgewachsene Ljubow Janowska begann 1897 Geschichten über das Landleben in ukrainischer Sprache zu schreiben, später schrieb sie auch über das Leben der Städter (Городянка, „Stadt“, 1901).
Um die Jahrhundertwende begann der Orientalist Ahatanhel Krymskyj eine rege Veröffentlichungstätigkeit, die neben Gedichten und Erzählungen vor allem wissenschaftliche und ethnographische Werke zur arabischen, persischen und türkischen Literatur Kultur und zur Kultur der Krimtataren umfasste. Er trug aktiv zur Standardisierung der ukrainischen Sprache bei und lehnte die in Österreichisch-Galizien verbreitete Schreibweise vehement ab. Mit dem Moskauer Linguisten und Dialektforscher Alexei Iwanowitsch Sobolewski führte er eine Auseinandersetzung über die ursprüngliche Sprache der Kiewer Rus, die er als ukrainisch ansah,Krymsky, Ahatanhel auf encyclopediaofukraine.com während sie heute meist neutral als Altostslawische Sprache bezeichnet wird.
20. Jahrhundert Infolge der Revolution in Russland 1905 kam es in den zum Zarenreich gehörenden Teilen der Ukraine zu einer Liberalisierung, wodurch die Gründung von politischen Parteien, Vereinen und Genossenschaften nach dem Vorbild Galiziens und von Zeitschriften in ukrainischer Sprache erlaubt wurde. Bereits 1907 setzte jedoch eine reaktionäre Gegenbewegung ein, die die Entfaltung einer breiten Nationalbewegung verhindert.
Erster Weltkrieg mini|hochkant|Osip Makowej Als der Weltkrieg ausbrach, standen sich zahlreiche Ukrainer und auch Intellektuelle in den feindlichen Armeen des Zarenreichs und Österreich-Ungarns gegenüber, obwohl sie sich als ethnische Brüder fühlten. Dass viele galizische Städte mehrfach von beiden Armeen besetzt wurden, führte zum Verlust von Zugehörigkeitsgefühl, zu ausufernder Gewalt und zu Zerfallserscheinungen der Institutionen, aber auch zum erneuten Erstarken der Nationalbewegung. Diese Erfahrungen wirkten in den Arbeiten vieler ukrainischer Autoren wie Olha Kobyljanska, Mykola Chwylowyj oder Ossyp Makowej (Blutiges Feld, 1921) nach. In der Lyrik wurde ein neuer harter Ton eingeschlagen, der sich gegen die traditionellen „tränenreichen Plattitüden“ der Totenklage richtete (so Leonid Symnyj, 1917–1942).Ein Hauch von Grauen und verborgene Hoffnung, 2025, S. 51 Aber auch die Heldenverehrung spiegelte sich in der Literatur wie in Makowejs Erzählungen (Die Granate, 1921).Abgedruckt in: Ein Hauch von Grauen und verborgene Hoffnung, 2025, S. 141 f.
Nach 1917 Polnische Westukraine