Die große Reise (arab. , mit der gleichen Bedeutung) ist ein Spielfilm des Regisseurs Ismaël Ferroukhi.
Es dauerte etwa zehn Jahre, bis Ferroukhi die Gelder für seinen Film, der zugleich sein Erstlingswerk ist, zusammen hatte; die Idee und das Buch dazu stammen von ihm. Persönliche Erlebnisse haben ihn zu diesem Film inspiriert:
Der Produzent des Films ist Humbert Balsan, Kamera führte Katell Djian, für Schnitt war Tina Baz zuständig und den Ton machte Xavier Griette. Die Filmmusik stammt von Fowsi Guerdjou. Der Film dauert ca. 104 Minuten, ist in Farbe und auf 35 mm gedreht worden.
In der Originalfassung ist der Film komplett zweisprachig in französisch und maghrebinischem Arabisch.
Inhalt Réda, ein junger Franzose marokkanischer Herkunft, soll seinen Vater mit dem Auto des Bruders nach Mekka fahren, nachdem dieser wieder einmal den Führerschein abgeben musste. Der Vater möchte nun, im hohen Alter, die Pilgerreise machen. Réda ist verzweifelt, weder die Zeit, die vor ihm liegt, noch die Religiosität des Vaters bieten ihm verlockende Perspektiven. Er möchte die Abiturprüfung wiederholen und seine Freundin nicht alleine lassen. Doch der Vater setzt sich durch und die beiden fahren los.
Das Verhältnis zwischen den beiden – besonders im engen Raum des Autos – ist nicht sehr gut; der Sohn ist wütend auf den Vater, kann ihm das aber nicht wirklich zeigen. Der Vater hat überhaupt kein Verständnis für die Situation des Sohnes.
Die Reise geht zunächst nach Italien, wo Réda den Vater vergeblich bittet, ihn Mailand und Venedig ansehen zu lassen.
Sie treffen vor dem Grenzübergang nach Serbien, also in Kroatien, auf eine alte Frau, deren Sprache sie nicht verstehen, die sie aber zunächst in ihrem Auto mitnehmen, dann aber wieder loswerden wollen, nachdem es ihnen auch mit der Hilfe der Landesbewohner nicht gelingt, herauszufinden, was bzw. wohin sie eigentlich möchte.
Bevor sie die Türkei erreichen, müssen sie wegen Schnee, der ihnen die Fahrt unmöglich macht, draußen übernachten. In Decken gehüllt unter dem kleinen Dach einer Haltestelle, erzählt der Vater, warum er nicht mit dem Flugzeug nach Mekka reisen möchte: Am liebsten würde er den Haddsch zu Fuß machen, denn das sei besser als mit einem Pferd. Mit dem Pferd sei es besser als mit dem Auto, mit dem Auto jedoch besser als mit dem Schiff und mit dem Schiff wiederum um einiges besser als mit dem Flugzeug. Dessen Vater habe den Haddsch auf einen Maulesel angetreten. Des Nachts werden sie eingeschneit und am nächsten Morgen geht es dem Vater schlecht, woraufhin Réda seinen Vater ins Krankenhaus von Sofia bringt. Réda fährt mit dem Bus durch die Stadt um den Koran des Vaters zu holen und erblickt dabei draußen wieder die alte Frau. Im Krankenhaus zurück will der Vater sofort weiterreisen und die beiden fahren in Richtung Türkei – es darf keine Zeit verloren gehen.
An der Grenze zur Türkei können die beiden sich nicht verständigen (wie so oft) und dürfen nach langer Zeit immer noch nicht passieren. Ein Mann namens Mustafa, der französisch spricht, hilft ihnen und lädt sie in sein Haus ein, was nur Réda annimmt, während der Vater im Wagen wartet. Mustafa entschließt sich, mit ihnen nach Mekka zu reisen und gemeinsam fahren sie nach Istanbul und besuchen die Blaue Moschee. Réda würde gerne bleiben und die Stadt besichtigen (wie manch andere Stadt auf der Reise auch), der Vater möchte jedoch weiterziehen. Mit Mustafa kann Réda über seine Freundin sprechen und abends ausgehen. Als Réda eines Morgens (nach einem alkoholreichen Abend) aufwacht, sind sowohl Mustafa als auch das Geld der beiden Reisenden verschwunden – der Vater ist wütend. Auch die türkische Polizei kann ihnen nicht helfen.
In Syrien haben die beiden eine Panne inmitten einer relativ verlassenen Gegend. An einem Brunnen bettelt eine Frau um Geld. Als der Vater ihr welches gibt, haben er und Réda einen großen Streit, denn Réda findet, nun, da sie selbst fast kein Geld mehr haben, sollten sie es nicht auch noch teilen. Im Streit bekommt Réda von seinem Vater eine Ohrfeige, als Folge derer er wegläuft. Der Vater findet im Auto das Photo von Lisa, Rédas Freundin, und läuft ihm hinterher. Er bietet ihm an, von Damaskus aus nach Frankreich zurückzufliegen. Die beiden versöhnen sich jedoch vorerst und fahren weiter nach Jordanien. Hier findet Réda Geld unter dem Sitz des Autos – es ist das Geld, das sie vermisst haben. Am Abend geht er aus und sein Vater erwischt ihn, wie er betrunken mit einem Mädchen vor dem Hotel schäkert. Nun will der Vater den Sohn sitzen lassen; Réda bittet ihn um Vergebung und beide fahren sie nach Saudi-Arabien. Dort hat Réda in der Wüste einen Traum: Der Vater läuft mit einer Schafsherde vorbei und er selbst gerät in einen Treibsand; der Vater befreit ihn nicht. Auf der Straße nach Mekka treffen die beiden auf andere Pilger, mit denen sie zusammen kampieren. Während alle beten, läuft Réda in der Wüste umher und schreibt mit seinen Füßen „LISA“ in den Sand. Bevor die beiden die Stadt erreichen, machen sie noch einmal Halt in der Wüste. Hier fragt Réda seinen Vater zum ersten Mal nach der eigentlichen Bedeutung des Haddsch. Der Vater unterbricht seine Waschung und erklärt es ihm. Schließlich sagt der Vater zu Réda, dass er ohne ihn nie so weit gekommen sei. Beide sind der Meinung, dass sie auf dieser Reise viel gelernt hätten. Zusammen fahren die beiden in stiller Eintracht in die Stadt Mekka, man kann den Koranständer sehen, der als Eingangstor vor der Stadt dient. Die Stadt wirkt sehr chaotisch, als die beiden ankommen. Dort legt der Vater Pilgerkleidung an und Réda findet das Photo von Lisa zu seiner Verwunderung auf dem Armaturenbrett (und einen lächelnden Vater). Nun beginnen die Rituale, der Vater reiht sich ein in die Gemeinschaft der Gläubigen, während Réda ziemlich allein umherirrt. Als der Vater auch am nächsten Morgen noch nicht da ist, macht sich Réda Sorgen und versucht, ihn zu finden. Er fährt mit dem Bus ins Zentrum und gelangt bis zur Ka’ba. Sicherheitsleute nehmen ihn mit, als er Unruhe erzeugt, weil er seinen Vater nicht finden kann. In einem separaten Raum zeigen sie Réda die kürzlich verstorbenen Menschen – der Vater ist darunter. Verzweifelt legt Réda sich neben ihn, anschließend wird der Leichnam gewaschen und beigesetzt. Réda verkauft schließlich das Auto und gibt einer armen Frau, die auf der Straße sitzt, einen Teil seines Geldes. Dann macht er sich mit einem Taxi auf den Weg zum Flughafen.
Personenkonstellationen
Vater-Sohn-Konflikt und Sinnsuche
Vater und Sohn sind in diesem Film Kontrastfiguren. Schon rein äußerlich unterscheiden sie sich sehr: der Sohn trägt westliche Kleidung, der Vater hingegen traditionell-maghrebinische Kleidung, der Sohn redet stets französisch, der Vater hingegen arabisch. Réda ist relativ gebildet, wohingegen sein Vater Analphabet ist.
Diese Gespaltenheit tritt natürlich in ihren Weltanschauungen noch stärker zutage. Die religiösen Vorschriften prägen das Verhalten des Vaters. So kommt es dazu, dass beide bestimmte Situationen ganz anders wahrnehmen oder sich völlig anders verhalten. Dies kann man beim Besuch der Blauen Moschee in Istanbul recht gut sehen; der Vater betet dort und betrachtet das Gebäude einfach als Gotteshaus. Réda hingegen schaut das Gebäude eher wie ein Kulturtourist an, ihn interessiert die Sehenswürdigkeit. Auch in Syrien, wo es zum Streit der beiden kommt, wird dies deutlich: Der Vater gibt einer bettelnden Frau Geld, was Réda nicht einsieht. Der Vater sieht die Notsituation der Frau, Réda seine eigene. In diesen Situationen scheint geradezu Verständnislosigkeit für die Einstellung und Handlungsweise des jeweils anderen zu herrschen.
Die Entwicklung, die die beiden im Bezug aufeinander erleben, lässt sich an zwei Szenen im Film sehr deutlich festmachen: Die erste Szene spielt in Slowenien. Die beiden rasten am Wegesrand und es herrscht eine strikte Disharmonie zwischen den beiden. Réda ist wütend auf seinen Vater, weil dieser sein Handy weggeworfen hat und er keinerlei Anstalten macht, ihn zu verstehen. Beim Essen sitzen sie nebeneinander, aber Réda sieht die gesamte Zeit über weg. Man spürt seine Wut, doch die patriarchalen Verhältnisse zwingen ihn dazu, die Taten des Vaters wortlos zu akzeptieren. Der Vater beobachtet ihn unaufhörlich. Man kann vermuten, dass er sich fragt „Wer ist mein Sohn eigentlich?“. In der anderen Szene sind die beiden kurz vor Mekka und kampieren noch ein letztes Mal in der Wüste. Sie sind allein und als der Vater sein Gebet mit einer rituellen Waschung mit Sand beginnen möchte, fragt ihn Réda nach der Bedeutung des Haddsch. Der Vater unterbricht sein Vorhaben und erklärt es ihm; er gibt sich Mühe, sich respektvoll zu geben und sagt ihm schließlich, Gott solle ihn segnen, da er nur seinetwegen so weit gekommen sei. Als der Vater dann weiterbetet, blickt ihn Réda dabei an. Die beiden wissen auch hier um ihre Verschiedenartigkeit, haben es aber geschafft, eine harmonischere gemeinsame Ebene zu finden.
Später wartet Réda auf den Vater in Mekka auf dem Autodach stehend – wie dieser einst auf seinen Vater auf einem Berg in Marokko. Ferroukhi sagt:
Nach dieser Reise hat Réda konkretere Vorstellungen von seiner kulturellen Herkunft und hat mehr über sie gelernt als in den Jahren davor. In Mekka angekommen, stirbt der Vater nach den Ritualen und Rédas Verzweiflung über dessen Tod erwächst auch aus seinem nun tieferen Verständnis für seinen Vater.
Mustafa
Mustafa ist ein Muslim, der den Islam nicht in seinem Wortlaut befolgt, d. h., er lebt seinen Glauben nach eigenen Vorstellungen. So macht er sich beispielsweise einerseits auf den Haddsch, andererseits trinkt er Alkohol, da er der Ansicht ist, wenn die Seele eines Menschen groß genug sei, würde der Alkohol sie nicht beeinflussen können (Parabel, die seinen Angaben zufolge eine Sufigeschichte ist). Mustafa geht aus und scheint sein Leben zu genießen; er war bereits mit einer Französin verheiratet und hat mehrere Kinder. Im Film spricht er auffallend oft über Geld, was es vermutlich für die beiden Protagonisten zunächst noch einfacher macht, an seine Schuld beim Raub zu glauben. Mustafa lebt in gewissem Sinne eine Art Kompromiss zwischen den Leben des Vaters und des Sohnes aus. Er nimmt daher in Bezug auf Réda und seinem Vater eine Zwischenposition ein, dabei wirkt er jedoch vor allem auf den Vater nicht überzeugend. Durch seinen vermeintlichen Diebstahl des Reisegeldes und dem daraus folgenden Abbruch der Pilgergemeinschaft wird Réda die Möglichkeit genommen, das alternative und freie Glaubensverständnis Mustafas näher kennenzulernen und auf seine Glaubwürdigkeit zu prüfen.
Die alte Frau
Die alte Frau kann als Engel oder als Todesbote interpretiert werden. Sie wird nie von den anderen Menschen ihrer Umgebung verstanden (auch sprachlich nicht) und wirkt stets wie aus einer anderen Welt. Sie kann plötzlich verschwinden und wieder auftauchen und scheint keine Angst zu kennen (Réda überfährt sie fast, doch sie bleibt stehen).
In den Szenen, in denen sie auftritt, erscheinen „Todesrequisiten“ (Friedhof mit Beerdigungsprozession). Um sie letztlich loszuwerden, müssen die beiden sie überlisten. Bezeichnenderweise erscheint sie Réda wieder in Sofia beim Krankenhausaufenthalt des Vaters – hier ist der Vater dem Tode scheinbar sehr nahe. Doch der Tod wird weggeschoben, sozusagen verschoben, denn der Vater entschließt sich, schnell aufzubrechen.
Das Islambild des Films