mini|Tribüne mit Wilhelm II. bei seiner Hunnenrede am 27. Juli 1900 vor dem Hapag-Postdampfer Batavia im Kaiserhafen I in Bremerhaven (aufgenommen vom Dach der gegenüberliegenden Lloydhalle) mini|Tribüne mit Wilhelm II. bei seiner Hunnenrede am 27. Juli 1900 vor dem Hapag-Postdampfer Batavia im Kaiserhafen I in Bremerhaven (aufgenommen von Bord der Batavia, im Hintergrund die Lloydhalle)

Die „Hunnenrede“ hielt Kaiser Wilhelm II. am 27. Juli 1900 in Bremerhaven anlässlich der Verabschiedung des deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps (China-Expedition) zur Niederschlagung des Boxeraufstandes im Kaiserreich China. Weltweite Bedeutung gewann sie wegen ihrer drastischen Aussagen. Aus der Rede leitet sich der Ethnophaulismus „the huns“ (die Hunnen) für Deutsche ab, der erstmals in der Propaganda im Ersten Weltkrieg von der Entente gegen Deutschland verwendet wurde.

Historischer Hintergrund mini|Die Truppen der Vereinigten acht Staaten auf einer japanischen Zeichnung mini|links|Unterschrift Kaiser Wilhelms II. am Tag vor der Hunnenrede in BremerhavenDer Text über der Unterschrift lautet: „dies gefälligst bekannt zu machen. – Bremerhaven, an Bord der M. Y. Hohenzollern, den 26. Juli 1900.“

mini|Beat back the Hun with Liberty Bonds – „Schlagt die Hunnen zurück mit Freiheitsanleihen“: Das Propagandaplakat warb 1918 für Kriegsanleihen, die US-Bürger kaufen sollten, um die Kriegsanstrengungen der Alliierten zu finanzieren. An der Küste wartet ein monsterhafter deutscher Soldat auf weitere Mordopfer, sein Bajonett und seine Hände sind bereits blutbeschmiert Im Frühjahr 1900 gipfelten Angriffe der Boxerbewegung gegen Ausländer und chinesische Christen in einer Belagerung des Gesandtschaftsviertels in Peking. Am 18. Juni wurde der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler dort auf offener Straße erschossen. Der Versuch britischer Truppen, das Gesandtschaftsviertel zu entsetzen, schlug fehl, woraufhin eine Koalition von acht ausländischen Mächten – Japan, USA und sechs europäische Staaten – ein Expeditionskorps für eine Intervention nach China entsandte. Bei der Verabschiedung eines Teils der zu diesem Expeditionskorps gehörenden deutschen Truppen am 27. Juli in Bremerhaven hielt Wilhelm II. seine berüchtigte Hunnenrede. Sie war nur eine von mehreren Reden, die der Kaiser anlässlich der Ausschiffung der Truppen hielt.Klein, S. 164.

Inhalt der Rede Der Text der Rede ist in mehreren leicht voneinander abweichenden Variationen überliefert. Die zentrale, berüchtigte Passage lautete:

Überlieferung und Versionen Der Kaiser sprach zu Soldaten des III. Seebatallions, die auf der westlichen Kaje des Kaiserhafens I angetreten waren. Als Gäste waren u. a. der Staatssekretär des Auswärtigen der Reichsregierung, Bernhard von Bülow, der Senator der Freien Hansestadt Bremen, Karl Stadtländer, und der Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd, Heinrich Wiegand, zugegen. Ihre sofortigen Versuche, per Nachrichtensperre die Verbreitung der Rede zu verhindern, waren erfolglos (Wiegand berichtete darüber in seinen Lebenserinnerungen). Die Rede wurde von Wilhelm II. frei gehalten;Klein, S. 165 f. ein Manuskript ist nicht überliefert und existierte vielleicht gar nicht. Noch am selben Tag kamen mehrere Textversionen in Umlauf:Klein, S. 166.HistoriaPRO e. V.: Gegenüberstellung der Textversionen. Wolffs Telegraphisches Bureau (W.T.B.) verbreitete eine Zusammenfassung in indirekter Rede, außerdem den (angeblichen) Wortlaut. Der Deutsche Reichsanzeiger veröffentlichte am 28. Juli einen Redetext und gab dabei den Bericht von W.T.B. als Quelle an. In diesem Text fehlt der Verweis auf die Hunnen. Demnach sagte der Kaiser „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht“ in einem Kontext, der auch als Aussage über das Verhalten des Gegners verstanden werden kann. Der Staatssekretär des Auswärtigen, wenig später Reichskanzler, Bernhard von Bülow, autorisierte wenige Stunden später eine Variante, diesmal in wörtlicher Rede, die die inkriminierenden Passagen nicht enthielt: Der Verweis auf die Hunnen und die Aufforderung „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht“ fehlt. Diese Fassung stammt vermutlich von einem Redakteur des Berliner Lokal-Anzeigers, an der von Bülow nur unbedeutende Korrekturen vornahm.Klein, S. 166, Anm. 5. Indem Bülow diese „harmlose“ Variante der kaiserlichen Worte autorisierte, versuchte er zu vertuschen, zu welch brutalem und (völker)rechtswidrigem VorgehenKlein, S. 169. der Kaiser und Oberbefehlshaber die deutschen Truppen aufgefordert hatte. Von dritter Seite wurde diese Variante noch weiter entschärft und der kritische Satz in „Pardon wird euch nicht gegeben“ umgeändert. Über die verschiedenen Fassungen wurde schon seinerzeit diskutiert und spekuliert:

Eine Reihe von Journalisten norddeutscher Zeitungen waren anwesend, unter ihnen Josef Ditzen und ein Mitarbeiter von W.T.B., und stenografierten das gesprochene Wort mit. Abgesehen von kleineren Hör-, Aufzeichnungs- oder Setzfehlern geben diese Mitschriften einen übereinstimmenden Wortlaut wieder, der heute als das authentische, vom Kaiser gesprochene Wort gilt. Damit kam das unmittelbare „gesprochene Wort“ des Kaisers in breiten Umlauf.

Interpretation Der Althistoriker Mischa Meier hält es für bemerkenswert, dass Wilhelm II. den Begriff „Hunnen“ in seiner Rede äußerst positiv benutzte: „Hatte man zuvor noch unbekümmert die chinesischen Boxer als Hunnen stigmatisieren können, so reklamierte Wilhelm II. diese Identifikation nun für die deutschen Truppen.“ Die den hunnischen Reiterkriegern zugeschriebene Grausamkeit und Brutalität sollte in dieser Lesart nicht mehr als barbarisch, sondern als zivilisiert erscheinen.Mischa Meier: Die Hunnen. Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger. C. H. Beck, München 2025, S. 338. Wilhelm II. schuf über die „Gleichsetzung seiner Soldaten mit den Kriegern Attilas“ bereits ein eingängiges Bild, das die Briten 1914 nach Beginn des Ersten Weltkrieges leicht zu Propagandazwecken nutzen konnten. Nach Ansicht von Timo Stickler demonstriere dies, „wie wirkmächtig die Geschichte der Hunnen und ihres berühmtesten Königs Attila selbst noch im 20. Jahrhundert sein konnte.“Timo Stickler: Die Hunnen (= Beck’sche Reihe. 2433). Beck, München 2007, S. 114.

mini|Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter, Bild von Hermann Knackfuß Wilhelm II. forderte in seiner Hunnenrede die deutschen Truppen zu einem rücksichtslosen Rachefeldzug in China auf und meinte das auch so. Hierfür gibt es weitere Indizien. So stiftete der Kaiser zur gleichen Zeit für mehrere Truppentransporter das nach seinem Entwurf von dem Maler Hermann Knackfuß ausgeführte Bild Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter, eine Allegorie auf die Verteidigung Europas unter deutscher Führung gegen die angebliche „Gelbe Gefahr“.Klein, S. 169. In mindestens einem Fall versah Wilhelm II. das Bild zusätzlich mit den Aufschriften „Pardon wird nicht gegeben“ oder „Kein Pardon“.

Der Kaiser fühlte sich zu dieser Aufforderung berechtigt, besonders nach der Ermordung des deutschen Gesandten in China, Klemens Freiherr von Ketteler, am 20. Juni 1900 in Peking. Dass er damit gegen internationales Recht verstoßen haben könnte, beachtete er nicht. Er bewegte sich voll im Duktus des Kolonialkrieges, der dem Gegner keinerlei Rechtsposition zugestand.Klein, S. 168. Die bereits 1899 vom Deutschen Reich unterzeichnete Haager Landkriegsordnung ächtet ausdrücklich die Aufforderung, im Krieg kein Pardon zu geben. Allerdings war unter den Zeitgenossen umstritten, ob dieses Abkommen auf China anwendbar sei, denn China hatte zwar an der Haager Friedenskonferenz teilgenommen, gehörte jedoch nicht zu den Unterzeichnern der Landkriegsordnung. Ein Teil der moralischen Entrüstung des Kaisers geht möglicherweise auch auf die Mitte Juli zunächst in der britischen Daily Mail und später in der deutschen und internationalen Presse verbreitete, mit grausigen Details ausgeschmückte Falschmeldung zurück, das Pekinger Gesandtschaftsviertel sei erstürmt und ausnahmslos alle Ausländer seien umgebracht worden.Diana Preston, Rebellion in Peking, Stuttgart/München 2001, S. 232 ff.

Politiker und Journalisten in anderen europäischen Staaten, die sich an der Niederschlagung des Boxeraufstandes beteiligten, riefen ebenfalls zur Rache für die Ermordung westlicher Ausländer in China auf, etwa The Times in London.Klein, S. 168. In einer damals weit verbreiteten kolonialen Attitüde waren sie empört, dass ein als zu kolonisieren betrachtetes Land es wagte, den sich überlegen fühlenden Europäern – zunächst relativ erfolgreich – Widerstand entgegenzusetzen. Allerdings ging niemand in seiner Ausdrucksweise so weit wie der Deutsche Kaiser. Mit seiner drastischen Rhetorik trug er dazu bei, dass der internationale Militäreinsatz in China tatsächlich mit äußerster Grausamkeit geführt wurde – wobei es allerdings nicht allein die deutschen Truppen waren, die kein Pardon gaben.

Die Peinlichkeit der Ausführungen des Kaisers spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass in alle Redensammlungen des Kaisers bis in die Mitte der 1970er Jahre ausschließlich die „entschärften“ Varianten der Rede aufgenommen wurden.Klein, S. 166.

Reaktionen und Folgen Unmittelbare Folgen Die nach China abgehenden Soldaten nahmen den Kaiser wörtlich. So berichtet der Kavallerist Heinrich Haslinde in seinem Tagebuch:

Soldaten brachten mit Kreide an Eisenbahnwagen, die sie an die Küste transportierten, Aufschriften an wie „Wehe Euch, Zöpfe!“, „Li-Hung-Tschang, Du ahnst es nicht!“, „Rache ist süß!“, „Pardon wird nicht gegeben!“

Mit der Hunnenrede stieß Wilhelm II. im In- und Ausland auf Zustimmung, aber auch auf Kritik. Dabei wurde der Vergleich mit den Hunnen auch in Deutschland als Metapher für die grausame Kriegsführung herangezogen. In deutschen Zeitungen abgedruckte Soldatenbriefe, die über Ausschreitungen während des Einsatzes in China berichteten, wurden als „Hunnenbriefe“ bezeichnet. Der Reichstagsabgeordnete Friedrich Naumann erhielt wegen seiner Verteidigung der Militärintervention in China den Spitznamen „Hunnenpastor“ (in Abwandlung des Romantitels Der Hungerpastor von Wilhelm Raabe). Der freisinnige Abgeordnete Eugen Richter verurteilte dagegen am 20. November 1900 im Reichstag das Vorgehen der deutschen Truppen in China, das durch die Bemerkungen des Kaisers angestachelt worden war.Eugen Richter zur Hunnenrede Wilhelms II. Eugen-Richter-Archiv In dieser Reichstagsrede wird auch deutlich, dass die entscheidende Passage der kaiserlichen Rede durch die Bremerhavener Presseberichte allgemein bekannt war, ebenso der Vertuschungsversuch des Reichskanzlers.„Der Hunnenabschnitt ist doch in die Oeffentlichkeit gekommen.“ In gleichem Sinn wie Richter hatte in der Reichstagssitzung vom 19. November 1900 der Abgeordnete August Bebel kritisiert, dass der Kaiser durch seine Rache-Rhetorik zu einem Krieg aufgerufen habe.

In der Realität war das Verhalten der deutschen Truppen während der Intervention in China nicht besser oder schlechter als das von Truppenteilen der anderen beteiligten Nationen. Alle beteiligten Mächte machten sich nach heutigem Verständnis schwerer Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen schuldig. Die Hunnenrede ist allerdings insofern bemerkenswert, als in ihr ein Staatsoberhaupt seine Soldaten in aller Öffentlichkeit zu solchem Verhalten auffordert.

Spätfolgen Große Wirkung entfaltete die „Hunnenrede“ während des Ersten Weltkriegs, als britische Kriegspropaganda die „Hunnen“-Metapher aufgriff und als Synonym für die Deutschen und ihr als barbarisch bezeichnetes Verhalten verwendete. In Großbritannien prägte die Rede den Begriff The huns für die Deutschen. Von Großbritannien requirierte deutsche Handelsdampfer wurden als „Hunnendampfer“ bezeichnet.

Tonaufnahme