Die Männerbewegung ist eine internationale soziale Bewegung, die sich mit Themen aus der Lebenswelt von Männern befasst.

Ursprünge und Themen Sie besteht aus in der Weltanschauung sehr unterschiedlichen Organisationen und Strömungen, die Männlichkeit oder Männlichkeiten thematisieren. Sie hat ihren Ursprung in der Bürgerrechtsbewegung sowie in der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg in den Vereinigten Staaten. Traditionelle Männlichkeitskonzepte der Nachkriegsära wurden, im Sinne der Utopie einer friedlichen und egalitären Gesellschaft, in Frage gestellt. Ab Ende der 1960er-Jahre wurde die Männerbewegung von den Forderungen, von den gesellschaftlichen Auswirkungen und vom Wandel der Frauenbewegung unterschiedlich geprägt. Es kam seitdem zu Ausdifferenzierungen und zu gänzlich neuen Strömungen.Spase Karoski: Men on the move: the politics of the men's movement. 2007, S. 35 ff. (online). Umstritten ist, ob von einer Männerbewegung, oder vielleicht zutreffender, von einer „Männergruppenszene“ gesprochen werden sollte.

Die Bewegung ist überwiegend westlich geprägt, obgleich seit den frühen 1990er Jahren ihre Bedeutung auch in den nichtwestlichen Ländern gewachsen ist. Zu den Themen der Männerbewegung zählen Geschlechterrollen, menschliche Beziehungen, Sexualität (einschließlich homosexueller Rechte), Reproduktion (einschließlich Geburtenkontrolle und Abtreibungsdebatte), Arbeitsleben, Vaterschaft und Vaterrolle, gesundheitliche Aspekte, Gewalttätigkeit (ihre Ursachen und Auflösung), Männerrechte und Aspekte der Frauenrechte. Aus der profeministischen Männerbewegung heraus entwickelte sich Anfang der 1980er Jahre die kritische Männerforschung.

Tendenzen innerhalb der Männerbewegung Der Sozialpädagoge Detlef Ax unterscheidet vier Strömungen, denen folgende Ansätze zugrunde liegen:Detlef Ax: Strömungen der Männerforschung / Männerarbeit / Männerbewegung, Rundbrief „Kritische Männerforschung“ Nr. 18/19 (Berlin 2000), S. 13 f. Kritischer Ansatz: Die Vertreter des kritischen Ansatzes versuchen, ein neues Geschlechterverhältnis zu schaffen. Im täglichen Leben übersetzt sich dies primär in der Teilung von Erwerbs-, Haus- und Erziehungsarbeit. Mythopoetischer Ansatz: Durch Rückgriff auf Archetypen, Mythen und Märchen wird versucht, die Selbstwahrnehmung von Männern zu stärken und Mannsein und Vaterschaft aktiv und stolz zu leben. Maskulinistische und väterrechtliche Ansätze: Väterrechtler und Maskulinisten lehnen als einseitig erachtete feministische Theorien ab. Sie treten für eine Reform des als ungerecht empfundenen Sorgerechts und für ein positives männliches Selbstbewusstsein ein. Es wird ein kritischer Umgang mit feministischen Standpunkten gefordert. Antisexistischer/profeministischer Ansatz: Grundforderung ist die Abschaffung des Patriarchats als Grundpfeiler der Unterdrückung von Frauen und Männern. Die Vertreter dieses Ansatzes orientieren sich an der Frauenbewegung und versuchen, so genannte „weibliche Eigenschaften“ zu übernehmen.

In der Fachliteratur hat sich bisher keine Kategorisierung der Männerbewegung etabliert. Der Männerforscher Michael Kimmel teilt beispielsweise die Männerbewegung in Profeministen, Antifeministen und Maskulinisten ein, der Männerforscher Michael Flood unterscheidet zwischen der Männerrechts- und Väterrechtsbewegung, der mythopoetischen Männerbewegung, der profeministischen Männerbewegung und christlichen Männergruppen.Michael Flood: (PDF; 411 kB). In: Michael Flood, Judith Kegan Gardiner, Bob Pease und Keith Pringle (Hrsg.): International Encyclopedia of Men and Masculinities. Routledge, London/New York 2007, S. 418–422, ISBN 978-0-415-33343-6. Der Soziologe Georg Brzoska hingegen bestreitet, dass maskulinistische oder väterrechtliche Ansätze überhaupt zur Männerbewegung gezählt werden können, da diese nach seiner Auffassung „Teil der herrschenden Männlichkeit sind“.Georg Brzoska: Männerpolitik und Männerbewegung. In: Holger Brandes/Hermann Bullinger: Handbuch Männerarbeit. Beltz/Psychologie Verlags Union, Weinheim 1996, ISBN 3-621-27331-X, S. 85: „Neben diesen individualistischen und antisexistischen Strömungen innerhalb der Männerbewegung gibt es noch weitere Gruppierungen und Organisationen, die als maskulistisch bezeichnet werden können und die nicht zur Männerbewegung zu zählen sind, sondern Teil der herrschenden Männlichkeit sind.“ Der Soziologe Andreas Kemper differenziert ebenfalls zwischen der im deutschsprachigen Raum in den 1970ern entstandenen Männerbewegung, die hegemoniale Männlichkeit infrage stellte und sich theoretisch und praktisch am Feminismus orientierte, und der antifeministischen Männerrechtsbewegung.Andreas Kemper: Männerbewegung versus Männerrechtsbewegung. In: Andreas Kemper: Die Maskulisten. Unrast Verlag, Münster 2012, ISBN 978-3-89771-523-3, S. 28–44.

Der Soziologe Hans-Joachim Lenz führte 1997 aus:

Lenz kritisierte in dem Zusammenhang die mythopoetischen und die väterrechtlichen Ansätze, da diese sich „als Sammelbecken einer unkritischen Aufwertung alter Männerherrlichkeit bis hin zum sexistischen ‚roll back‘“ anböten. Es sei kritisch mitzureflektieren, dass die sich bewegenden Männer zunächst einmal Männer in dieser patriarchalen Gesellschaft seien, die ein bestimmtes Herrschaftsinteresse hätten.Hans-Joachim Lenz: Männer und die Geschichte der „Bewegung der Männer“. Vortrag auf der Tagung Eine Zukunft für Frauen und Männer, 12. bis 14. November 1997.

Im Rahmen seiner Forschungsarbeit zur Männerbewegung bemängelte der australische Philosoph Spase Karoski, dass die akademische Fachliteratur zum Thema überwiegend aus profeministischen Analysen und Kritik an den mythopoetischen und väterrechtlichen Strömungen bestehe, es gebe kaum empirische Forschung die nicht ideologisch motiviert und wertebeladen sei.Karoski 2007, S. 18. Bei seiner empirischen Forschung in Australien stellte er eine Diskrepanz zwischen den Aktivitäten der Männerbewegung und deren Echo in der Fachliteratur fest. Er identifizierte eine eigenständige Strömung, die neben eigenen Positionen diverse, in der Fachliteratur als gegensätzlich betrachtete Positionen der profeministischen, der mythopoetischen und der väterrechtlichen Strömungen einschließt.Karoski 2007, z. B. S. 20.

Strömungen der Männerbewegung Antisexistische und Men’s-Liberation-Bewegung Im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung und der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg in den 1960er Jahren wurden von jungen Männern zunehmend traditionelle Männlichkeitskonzepte der Nachkriegsära in Frage gestellt. Anfang der 1970er Jahre, mit der Verbreitung der Frauenbewegung, begann sich die Männerbewegung in Form von consciousness raising groups (Bewusstseinsbildungsgruppen) zu organisieren.Karoski 2007, S. 35/36. Diese als politische Aktionsform verstandene Gruppenarbeit wurde Ende der 1960er vom radikalen Feminismus entwickelt, sie verbindet therapeutische Ansätze mit politischer Bewusstseinsbildung. Träger der Gruppen waren überwiegend junge weiße, politisch links stehende Mittelschichtmänner, die durch die Teilnahme ihrer Partnerinnen an den entsprechenden Gruppen der Frauenbewegung verunsichert waren und sich von der Frauenbewegung nunmehr ausgeschlossen fühlten.Karoski 2007, S. 36/37. Feminismus wurde als Chance zur Befreiung aller betrachtet. Parallel zu den ersten Gruppen entstand nach dem Aufstand in der New Yorker Christopher Street Ende der 1960er Jahre die Schwulenbewegung.

Innerhalb der consciousness raising groups bildeten sich von vornherein zwei Richtungen aus. Die sich als antisexistisch bezeichnende Strömung betrachtete es als Aufgabe, die Frauen- und Schwulenbewegung zu unterstützen, sie sah die Männer als privilegierte Gruppe an. Sie sah in den Bewusstseinsbildungsgruppen die Gefahr, dass sich die Männer gegen Frauen verbünden, anstatt sich mit ihren sexistischen Haltungen kritisch auseinanderzusetzen. Die Strömung der Men’s Liberation hingegen sah Männer und Frauen gleichermaßen von stereotypen Geschlechterrollen betroffen und hatte daher in erster Linie die Beschäftigung mit Aspekten der eigenen Geschlechterrolle, mit dem von ihnen empfundenen Preis der Männlichkeit, zum Ziel.Karoski 2007, S. 38.

1973 wurde die Anzahl der Men’s Liberation-Gruppen auf 300 geschätzt. Antisexisten warfen ihnen vor, sie würden die Machtstrukturen zwischen den Geschlechtern ausblenden und seien in Wahrheit Teil des Backlashs ob des Feminismus narzisstisch gekränkter Männer.Roger Melvin: (PDF; 774 kB). In: Race Gander Class. Juli 1986, S. 43–45.

Beide Strömungen waren profeministisch eingestellt und unterschieden sich dadurch, welchem Feminismus sie anhingen. Antisexisten standen dem radikalen Feminismus näher, die Men’s Liberation-Gruppen dem liberalen Feminismus.Michael Flool: (PDF; 696 kB). In: XY magazine. 6, 1996, S. 67.

Männliche Unterstützung und Teilnahme wurde von der Frauenbewegung zunächst begrüßt. Im Zuge der Verdrängung von Betty Friedans liberalem Feminismus durch den radikalen Feminismus, die Mitte der 1970er Jahre abgeschlossen war, wurde männliche Unterstützung jedoch zunehmend abgewiesen. Die antisexistische Strömung war weiterhin in der Unterstützung der Frauen- und Schwulenbewegung aktiv, obgleich sie in diesen Bewegungen eine Randerscheinung ohne Einfluss blieb.Karoski 2007, S. 45.

Die Bedeutung der Men’s Liberation-Strömung nahm gleichzeitig ab. Ende der 1970er Jahre war sie verschwunden, sie hatte sich entweder in die profeministische Männerbewegung oder die aufkommende Männerrechtsbewegung eingegliedert.Michael Messner: Politics of masculinities: men in movements. Sage Publications, Thousand Oaks/Calif. 1997, ISBN 978-0-8039-5576-9, S. 48.

Die in der Men’s Liberation-Strömung ebenso wie in der damaligen Forschung vorherrschende Rollentheorie (Sex role theory), wurde 1977 in dem Reader „For men against sexism: a book of readings“Jon Snodgrass (Hrsg.): For men against sexism: a book of readings. Times Change Press, Albion/Calif. 1977, ISBN 978-0-87810-531-1. sowie 1985 in dem prägenden Aufsatz „Toward a New Sociology of Masculinity“ (Carrigan, Connell, Lee) scharf kritisiert.Tim Carrigan, Raewyn Connell und John Lee: Toward a New Sociology of Masculinity. In: Theory and Society. 14, Nr. 5, S. 551–604. doi:10.1007/BF00160017. Zum Beispiel argumentieren Carrigan, Connel und Lee, dass es die männliche oder weibliche Rolle, die Männlichkeit und Weiblichkeit konstruiert, nicht gebe und dass der Fokus auf vorgeschriebene Rollen, anstatt auf tatsächlich stattfindende Interaktionen, den historischen und gesellschaftlichen Kontext sowie Machthierarchien außer Acht lasse. Es wurde ein Konzept der verschiedenen Männlichkeiten vorgestellt. Innerhalb der Männerforschung etablierte sich nun ein Ansatz, der Männlichkeiten als in einem System von Machtverhältnissen eingebundene, sich stetig verändernde soziale Konstrukte, statt als einfaches System von Stereotypen, Geschlechterrollen oder erkennbaren Geschlechtsunterschieden, betrachtete.José María Armengol Carrera, Gendering Men: Theorizing Masculinities in American Culture and Literature, Tesi doctoral, Programa de doctorat „Literatures i cultures“ 2000–2002, Universitat de Barcelona, S. 47/48 () Insbesondere wurden dabei auch ethnische und klassenspezifischen Unterschiede betrachtet; im Patriarchat profitieren jedoch diesem Konzept zufolge alle Männer letztendlich von der Geschlechterordnung (patriarchale Dividende). Dieses Konzept verbreitete sich auch in der antisexistischen Männerbewegung, die jedoch, jenseits ihrer Etablierung als kritische Männerforschung, zunehmend an Bedeutung verlor.

Mythopoetische Bewegung