Hotu Matua (Rapa-Nui: „der große Elternteil“ oder „der große Erzeuger“) gilt in der mündlichen Überlieferung der Osterinsel (Rapa Nui) als mythischer Stammesführer und erster Ariki nui (großer Häuptling), der die Insel um das 12. Jahrhundert n. Chr. aus der polynesischen Heimat Hiva (vermutlich im Mangareva-Gambier-Raum) besiedelte.

Die zentrale Legende um Hotu Matua, die als Kern-Epos der Rapa-Nui-Kultur fungiert, beschreibt in acht Hauptphasen, von der Traum-Entdeckung der Insel durch den Priester Haumaka über die 60-tägige Seereise mit 350 bis 400 Siedlern und Kulturpflanzen bis zur Landung in der Anakena-Bucht, der Gründung der dualen Gesellschaftsstruktur (Hanau Eepe und Hanau Momoko) und der Nachfolge unter seinen Söhnen, die planmäßige Kolonisierung der Osterinsel.

Die Sage existiert in zahlreichen Varianten und wurde maßgeblich von Ethnologen wie Thomas Barthel systematisch aufgearbeitet. Barthel interpretiert den Hotu-Matua-Zyklus in seinem Standardwerk Das Achte Land (1974) als kodifiziertes Geschichtsbuch der Osterinsel-Bewohner, das in mythischer Sprache die tatsächliche Entdeckung und Besiedlung ihrer Heimat überliefert, eine Sichtweise, die bis heute die wissenschaftliche Debatte über die polynesische Expansion prägt.

Inhalt Traumreise Der Einstieg in die Legende ist ein Traum, in dem Hau Maka aus dem Lande HivaEr wird als „königlicher Tätowierer“ bezeichnet, in Polynesien ist das eine besondere Vertrauensstellung. Hau maka heißt übersetzt: der Weise, der Kluge, der Philosoph (siehe: Philip M. Parker: Webster’s Rapa Nui – English Thesaurus Dictionary, San Diego 2008, S. 15). seine Seele auf eine weite Reise schickt. Sie passiert sieben Inseln, die sich jedoch als wüst und leer herausstellen oder sich hinter Nebelschleiern verbergen. Erst die achte Insel erweist sich als schön und fruchtbar.

Erkundung Hau Maka erzählt seinem Häuptling Hotu Matua von diesem Traum, der daraufhin beschließt, von seiner Residenz „Marae renga“ ein Erkundungsteam von sechs Jünglingen auszusenden. Die Männer segeln am 25. April ab und als sie am 1. Juni die Osterinsel erreichen, stellen sie fest, dass sie der Beschreibung aus Hau Makas Traum bis ins Detail entspricht. Als die Kundschafter die Insel erforschen, bemerken sie eine am Strand liegende, riesige Schildkröte, die sie umdrehen, um sie zu kochen und zu verspeisen. Sie wehrt sich jedoch und verletzt einen der Jünglinge schwer. Seine Gefährten lassen ihn sterbend in einer Höhle zurück und treten die Rückfahrt an.

Besiedlung Nach einem Streit mit einem anderen Häuptling namens Oroi, in einigen Ausführungen der Legende Hotu Matuas leiblicher Bruder, dessen Ursache unterschiedlich geschildert wird, muss Hotu Matua seinen Wohnsitz verlassen. In einer anderen Version der Geschichte ist Hiva dem Untergang geweiht und versinkt im Meer.Hans Felbermayer: Sagen und Überlieferungen der Osterinsel. Hans Carl, Nürnberg 1971, S. 13

Hotu Matua rüstet ein großes Doppelrumpf-Kanu aus (davon abweichend drei oder sechs Kanus) und segelt am 2. September mit 200 männlichen und weiblichen Gefolgsleuten (in anderen Versionen 300 oder 600) von Hiva ab. An Bord sind aber nicht nur die Neusiedler, sondern allerlei nützliche Pflanzen wie Brotfrucht, Yams, Taro, Batate, Banane, Zuckerrohr, der Papiermaulbeerbaum und der Toromiro, des Weiteren auch Hühner, Schweine und RattenDie Pazifische Ratte wurde als Nahrungstier gezüchtet und bei den Seereisen der Polynesier als lebender Proviant mitgenommen.. Außerdem eine steinerne Statue, ein Moai mit dem Namen Te Takapau, und Rongorongo-Schrifttafeln. Am 15. Oktober erreicht das Kanu die Osterinsel, das sogenannte „achte Land“. Die Reise dauerte also eine Woche länger als die der Kundschafter. Hotu Matua trennt die beiden Boots-Rümpfe und landet selbst am Strand von Anakena, das andere Kanu fährt mit Tuu ko Ihu, einem begnadeten Bildhauer und Holzschnitzer, zur Nordwestküste. Im Moment des Anlandens gebiert Hotu Matuas Frau Vakai einen Sohn, im anderen Kanu bringt im selben Augenblick Ava rei Pua, die Frau von Tuu ko Ihu und Hotu Matuas Schwester, eine Tochter zur Welt.

Die Siedler lassen sich bei Anakena nieder und Hotu Matua wohnt zunächst in einer Höhle, bis ihm Nuku Kehu, ein genialer Baumeister, unweit des Strandes ein großes und prächtiges Paenga-Haus baut. Hotu Matua regiert lange und macht sein Volk zahlreich und glücklich.

Doch auch Hotu Matuas alter Widersacher Oroi erreicht schließlich die Osterinsel und tötet zwei Kinder auf grausame Weise. Er lauert Hotu Matua auf und will ihn in einer über den Weg gespannten Schlinge fangen. Doch dieser erkennt die Falle, stolpert zum Schein und als Oroi den am Boden Liegenden mit einem Knochendolch erstechen will, überwältigt und tötet Hotu Matua ihn. Der Körper Orois wird im Erdofen gekocht und verspeist.Katherine Routledge: The Mystery of Easter Island. Originalausgabe London 1919, Nachdruck: Cosimo, New York 2005, ISBN 978-1-60206-698-4, S. 279 Tod des Hotu Matua mini|400px|Anakena auf der Osterinsel; hier soll Hotu Matua gelandet seinAls Hotu Matua alt wird, teilt er die Insel unter seinen Kindern auf, ihre Nachkommen bilden die künftigen Stämme der Osterinsel. Er geht zur Kultstätte Orongo (abweichend: auf den Rano Raraku) und sieht gen Westen, in Richtung seiner alten Heimat Marae renga. Als er den Schrei des Hahnes von jenseits des Meeres vernimmt, ist sein Tod nahe. Seine Söhne tragen ihn in seine Hütte, in der Hotu Matua stirbt. Er wird nicht in einem Ahu, sondern in einem Königsgrab, einer mit Stein ausgekleideten Grube, bei Akahanga beigesetzt. Überlieferung Auf der Osterinsel gab es keine historischen Aufzeichnungen, die Rongorongo-Tafeln sind bislang nicht entschlüsselt und in dieser Hinsicht unergiebig. Sowohl tatsächlich stattgefundene Ereignisse als auch Legenden wurden von Generation zu Generation mündlich überliefert. Aus heutiger Sicht ist eine klare Trennung schwierig. Sie war ursprünglich auch nicht beabsichtigt, da beide Überlieferungen in der Sichtweise der alten Rapanui-Kultur gleichwertig sind.

Europäische Missionare und Forscher begannen ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer zunächst noch unsystematischen Sammlung und Aufzeichnung der Traditionen, beginnend mit den Aufzeichnungen des französischen Paters Eugène Eyraud, der 1864 als Missionar neun Monate auf der Osterinsel weilte. Der Einstieg in eine methodische Erforschung und Sammlung des Sagenschatzes erfolgte erst im 20. Jahrhundert.

Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlernten die Rapanui in Missionsschulen das lateinische Alphabet und fingen selbst an, die Gesänge und Geschichten ihrer Kultur niederzuschreiben. Die bekannteste Niederschrift, das sogenannte Manuskript E, stammt aus dem Besitz der Familie Pakarati, Nachkommen ehemaliger Ariki der Osterinsel. Es wurde vermutlich um 1920 aufgezeichnet.Thomas Barthel: Das Achte Land. Klaus Renner Verlag, München 1974, ISBN 3-87673-035-X Die obige Inhaltsangabe orientiert sich an dieser Vorlage.

Daneben gibt es mehrere, in Teilen abweichende, Wiedergaben der Hotu-Matua-Legende bei Katherine Routledge, Alfred Métraux, Pater Sebastian Englert und Edwin Ferdon, einem Archäologen der Heyerdahl-Expedition. Der Ethnologe Thomas Barthel von der Eberhard Karls Universität Tübingen hat 1974 in seinem Grundlagenwerk „Das Achte Land“, eine ausführliche Übertragung, Gliederung und Interpretation des Hotu-Matua-Stoffes vorgelegt. Barthel interpretiert den Hotu-Matua-Stoff als weitgehend authentische, historische Erinnerung an eine planmäßige polynesische Besiedlung der Osterinsel um ca. 800–1200 n. Chr. aus Ostpolynesien (vermutlich aus dem Mangareva-Gambier-Tuamotu-Raum), in mythisch-rituelle Sprache gekleidet, und teilt den gesamten Sagenzyklus in acht chronologische Hauptphasen: die alte Heimat Hiva (Marae Renga), die Katastrophe und Traum-Entdeckung durch Haumaka, die Vorbereitung der Auswanderung, die Seereise, die erste Landung an der Anakena-Bucht, die endgültige Ansiedlung, die Regierungszeit und den Tod Hotu Matuas, die Nachfolge und Teilung der Insel. Die duale Gesellschaftsstruktur (Hanau Eepe und Hanau Momoko) sowie die Traum-Navigation Haumakas würden reale polynesische Kulturmerkmale widerspiegeln. Die achtteilige Struktur und heilige Zahlen (sieben Kundschafter, 60 Tage Fahrt) dienten der rituellen Kodierung. Barthels Rekonstruktion bleibt bis heute die maßgebliche wissenschaftliche Grundlage zur frühen Geschichte Rapa Nuis.

Verknüpfungen Jede polynesische Insel hat ihren eigenen Heros, den Begründer der Kultur und ersten Siedler, um den sich die lokalen Legenden ranken. Das grundlegende Motiv dieser Besiedlungsmythen ist auf allen Inseln gleich: Der Gründervater und seine Gefährten fahren mit einem Kanu von der einstmaligen Heimat ab, entdecken neues Land und besiedeln es. Eine solche Legende des Ursprungs gibt es sowohl bei den als auch auf Samoa, Tonga, Mangareva, den Marquesas und der Osterinsel. Sie ähneln sich, doch sind die Details der Geschichten von Insel zu Insel verschieden. Wahrscheinlich manifestiert sich darin die gemeinsame Erinnerung an die Entdeckungsfahrten der Protopolynesier. Wahrheitsgehalt Obwohl es sich bei der Geschichte von Hotu Matua unzweifelhaft um eine Legende handelt, lassen neuere Forschungen doch einen wahren Kern vermuten. Allerdings ist umstritten, in welchem Umfang die geschilderten Ereignisse mit wahren Geschehnissen übereinstimmen. Aufschlussreich ist allerdings, dass sich der Mythos exakt an dem – erst in den letzten Jahrzehnten archäologischer Arbeit ermittelten – Grundmuster der polynesischen Besiedlung orientiert. Alle notwendigen Elemente werden erwähnt: das Langstrecken-Kanu, die für ein gesundes Wachstum notwendige Personenzahl, die Mitnahme von lebensnotwendigen Pflanzen und Tieren sowie von religiösen Kultgegenständen.

Nach dem älteren Stand der Forschung erfolgte die Besiedlung der Osterinsel in zwei Wellen, beginnend mit der ersten Besiedlungswelle im 4. oder 5. Jahrhundert n. Chr. Man nahm lange Zeit an, dass die Legende von Hotu Matua die zweite Besiedlungswelle beschreibt, die im 14. Jahrhundert n. Chr. stattgefunden haben soll.Heide-Margaret Esen-Baur: Untersuchungen über den Vogelmannkult auf der Osterinsel. (Dissertation) Franz Steiner Wiesbaden 1983, ISBN 3-515-04062-5, S. 287 f. Allerdings wird heute (wieder) die Monobesiedlungsthese präferiert, deren Zeitpunkt und Ausgangsort jedoch umstritten ist. Dies bedeutet, dass die Legende von der Besiedlung der Osterinsel unter mündlicher Weitergabe von Generation zu Generation bis zu 1500 Jahre im Volksbewusstsein bewahrt wurde.

Der Ausgangspunkt der Besiedlung, das mythische Hiva, ist nicht eindeutig zu identifizieren. Thor Heyerdahl vermutete die Herkunft von Hotu Matua in SüdamerikaThor Heyerdahl und Edwin N. Ferdon: Reports of the Norwegian Archaeological Expedition to Easter Island and the East Pacific, Volume 1, Monographs of the School of American Research and the Museum of New Mexico (Number 25, Part 1), Gyldendal, Kopenhagen 1961 was aber dem überlieferten Text widerspricht und nach den heutigen archäologischen, linguistischen und genetischen Forschungen auszuschließen ist.

Das Datum von Abfahrt und Ankunft der Kundschafter ist in der Legende genau angegeben (25. April bzw. 1. Juni). Nimmt man die Reisedauer von 38 Tagen für die Erkundung wörtlich, so kommen die Insel Pitcairn, die Gambierinseln (insbesondere Mangareva), große Teile des Tuamotu-Archipels, aber auch die Marquesas und die Austral-Inseln als Ausgangspunkt in Betracht. Etymologisch sei darauf hingewiesen, dass „Hiva“ als Prä- bzw. Suffix in mehreren Inselnamen der Marquesas vorkommt: Hiva Oa, Fatu Hiva, Nuku Hiva.

Bereits Jakob Roggeveen erwähnt, dass zu dieser Jahreszeit im Seegebiet zwischen den Tuamotus und der Osterinsel West- bzw. Nordwestwinde vorherrschen, die Reisebedingungen sind also günstig.Andrew Sharp: The Journal of Jacob Roggeveen. Oxford University Press, Oxford 1970, ISBN 978-0198215479