Claudia von Alemann (* 23. März 1943 in Seebach, Thüringen) ist eine deutsche Regisseurin von Dokumentar- und Spielfilmen, Autorin, unabhängige Produzentin und Hochschullehrerin. Sie gilt als eine der wichtigsten Protagonistinnen des feministischen Kinos.

Leben und Karriere Claudia von Alemann wuchs in Thüringen und am Niederrhein mit fünf Geschwistern auf, darunter die FDP-Politikerin Mechthild von Alemann und der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann. Sie machte 1963 in Köln am Hildegard-von-Bingen-Gymnasium Abitur. Sie studierte von 1963 bis 1964 Soziologie und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und anschließend bis 1968 an der Hochschule für Gestaltung Ulm in der Abteilung für Filmgestaltung bei Alexander Kluge und Edgar Reitz.

1968 bis 1969 lebte sie in Paris und arbeitete mit französischen Filmkollektiven, den „Etats généraux du cinéma“. Daraus entstand ihr Dokumentarfilm Ce n’est qu’un debut – continuons le combat (Das ist nur der Anfang, der Kampf geht weiter) (1969), ein einzigartiges Dokument der 68er-Bewegung und der Rolle, die der Film als Waffe im politischen Kampf spielte.

Claudia von Alemanns Filmsprache verstand Politisches und die ästhetische Form als Einheit. Durch ihre frühe Hinwendung zum Poetischen und Surrealen erkundete sie die Möglichkeiten des Kinos und entwarf Gegenentwürfe zur Rolle der Frau vor und hinter der Kamera. Männlich geprägten Narrativen und linearer Geschichtsschreibung begegnet sie mit persönlicher Erinnerung und kollektiver Erfahrung. Ihre feministische Praxis verbindet Alltagsbeobachtung, historische Spurensuche und präzise Recherche zu offenen Denkräumen.

Der Spielfilm Die Reise nach Lyon (1981, englisch: Blind Spot) wurde im April 2023 vom Kritiker Richard Brody und der Jury des Magazins The New Yorker zu einem der hundert bedeutendsten Independent-Filme des 20. Jahrhunderts gewählt. Ihr historischer Spiel- und Dokumentarfilm Das nächste Jahrhundert wird uns gehören (1987, englisch: The Next Century Will Be Ours) wurde 2025 von der Cinémathèque du documentaire in die 1001 Documentary Films Collection (UNESCO Memory of the World Register) aufgenommen.

Neben ihrer Filmarbeit publizierte von Alemann in Zeitschriften und Anthologien wie frauen und film, medium und Kursbuch Filmkritiken und Essays. 1981 gab sie gemeinsam mit Dominique Jallamion und Bettina Schäfer das Buch Das nächste Jahrhundert wird uns gehören. Frauen und Utopie 1830–1840 heraus. Dieses Buch enthält erstmals von den drei Herausgeberinnen übersetzte Texte aus La femme libre (1832), der ersten Zeitung, die ausschließlich von Frauen geschrieben, gedruckt und vertrieben wurde.

1977 wurde sie Dozentin für Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, von 1982 bis 2006 war sie Professorin für Film an der Fachhochschule Dortmund. Als Professorin hielt von Alemann Gastprofessuren an internationalen Kunst- und Filmhochschulen, vor allem von 1994 bis 2012 an der kubanischen Internationalen Hochschule für Film und Fernsehen (EICTV).

Seit 2004 ist sie Mitglied der Europäischen Film Academy und seit 2019 Mitglied der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste Berlin.

Aus Anlass ihres 80. Geburtstags widmete sich im Jahr 2023 in Berlin eine Filmreihe der Deutschen Kinemathek unter dem Titel Das nächste Jahrhundert wird uns gehören einer großen Zahl ihrer Spiel- und Dokumentarfilme aus mehr als fünf Jahrzehnten.

Feministische Filmarbeit In ihren frühen Kurzfilmen kombinierte von Alemann surreale und märchenhafte Motive mit Elementen von Slapstick und Pantomime. Später traten politische Themen in den Vordergrund. Aus einem zunächst kurzen Aufenthalt in Paris während der Mai-Unruhen 1968 wurde ein ganzes Jahr. Zurück in Deutschland engagierte sich von Alemann in der autonomen Frauenbewegung und richtete ihr Werk fortan auf feministische Geschichten und politische Aufklärung aus.

1973 organisierte sie gemeinsam mit Helke Sander das 1. Internationale Frauenfilmfestival im Kino Arsenal in West-Berlin – ein Meilenstein frühfeministischer Filmkultur in Deutschland, da es sich als eines der ersten Festivals mit Filmen von und über Frauen der Welt widmete. Im gleichen Jahr prangerte sie in dem heimlich gedrehten Film Es kommt drauf an, sie zu verändern die monotone, systematisch unterbezahlte Frauenarbeit in der Metallindustrie an. Als ihr Schlüsselwerk gilt der Spielfilm Die Reise nach Lyon (1981), in dem sich die Historikerin Elisabeth (Rebecca Pauly) auf die Spuren der Sozialrevolutionärin Flora Tristan begibt.

1974 war von Alemann Mitinitiatorin der feministischen Filmzeitschrift Frauen und Film.

Filmografie 1966: Einfach 1967: Exprmntl 4 Knokke 1967: Lustgewinn I 1967: Fundevogel 1969: Das ist nur der Anfang – der Kampf geht weiter. Über Filmaktivismus während der Pariser Mai-Unruhen 1968. 1969: Kurzfilmtage Oberhausen 1970: Kathleen und Eldridge Cleaver in Algier 1970: Brigitte 1971: Germaine Greer 1971: Aus eigener Kraft - Frauen in Vietnam 1971: FLQ Montreal 1971: Antiimperialistischer Frauenkongreß Toronto 1972: Zeitarbeit 1972: Arbeitsunfall 1973: Es kommt drauf an, sie zu verändern (Dokumentarfilm) gilt als zentrale feministischer Dokumentation der 1970er Jahre. 1974: Namibia 1977: Filme der Sonne und der Nacht: Ariane Mnouchkine 1980: Die Reise nach Lyon 1981: Das Frauenzimmer, ausgezeichnet auf dem Festival in Montbéliard und archiviert im MoMA in New York. 1982: Nebelland 1984: Die Tür in der Mauer 1987: Das nächste Jahrhundert wird uns gehören, (Teil der Fernsehreihe Unerhört – Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung von 1830 bis heute) 1988: Lichte Nächte / Nuits Claires 1991: ... wie nächtliche Schatten/Rückfahrt nach Thüringen 1994: Denny, Ameise und die anderen 2001: War einst ein wilder Wassermann 2011: Die Frau mit der Kamera: Portrait der Fotografin Abisag Tüllmann

Auszeichnungen und Retrospektiven 1982: Preis der deutschen Filmkritik für Die Reise nach Lyon 1983: Hauptpreis der Jury und Publikumspreis bei der Première Manifestation Internationale de L’Audiovisuel Montbéliard, für Das Frauenzimmer 1988: Hauptpreis der Jury des Festival Internationale de Films et Vidéos de Femmes Montreal für Das nächste Jahrhundert wird uns gehören 1993: Spezialpreis der Jury des Internationalen Frauen-Filmfestivals Minsk für Wie nächtliche Schatten/Rückfahrt nach Thüringen 1994: Spezialpreis der Jury des Internationalen Videofestivals Liège 2016: Nominierung für den Hessischen Filmpreis, für: Die Frau mit der Kamera – Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann 2023: Die Zeitschrift The New Yorker (Richard Brody und Jury) wählt Die Reise nach Lyon als „one of the greatest 100 independent films of the 20th century“https://adk.de/akademie/mitglieder/claudia-von-alemann 2023 ehrte die Deutsche Kinemathek ihr Lebenswerk mit einer umfassenden Retrospektive unter dem Titel Das nächste Jahrhundert wird uns gehören anlässlich ihres 80. Geburtstags.

Publikationen 1981: mit Bettina Schäfer und Dominique Jallamion: Das nächste Jahrhundert wird uns gehören, Frauen und Utopie in Frankreich von 1830–1848. Frankfurt a. M., ISBN 3-596-23708-4.

Literatur Hans-Michael Bock: Claudia von Alemann – Filmmacherin. In: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, Lg. 5 (1985)

Weblinks

Vita von Claudia von Alemann auf der Webseite der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm

Einzelnachweise

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