Die Bäreninsel (norwegisch ) liegt etwa auf halbem Wege zwischen dem Nordkap und der Insel Spitzbergen. Sie stellt die südlichste Landmasse des norwegischen Territoriums Svalbard (Spitzbergen) dar und ist 178 km² groß.

Die Bäreninsel wurde am 8. Juni 1596 von den niederländischen Seefahrern Willem Barents und Jacob van Heemskerk entdeckt, die sie Beeren-Eiland nannten, nachdem sie dort einen Eisbären getötet hatten.Die schwedischen Expeditionen nach Spitzbergen und Bären-Eiland ausgeführt in den Jahren 1861, 1864 und 1868 unter Leitung von O. Torell und A. E. Nordenskiöld, Hermann Costenoble, Jena 1869, S. 22. Online verfügbar auf archive.org Die Insel galt bis zur Unterzeichnung des Spitzbergenvertrages von 1920, der die Insel der norwegischen Souveränität unterstellte, als Niemandsland. In diesem Vertrag, der in den Originalsprachen Englisch und Französisch verfasst ist, wird neben den Übersetzungen Bear Island bzw. Île aux Ours auch jeweils der e Originalname Beeren-Eiland gebraucht.

Trotz der Abgelegenheit im Nordpolarmeer wurde die Insel im letzten Jahrhundert häufig industriell genutzt (Bergbau, Fischerei, Walfang). Allerdings bestanden Siedlungen nie lange. Die Insel ist heute unbewohnt, abgesehen von einigen Forschern der meteorologischen Station Herwighamna. Im Jahr 2002 wurde die Insel einschließlich des umgebenden Meeresgebietes zum Naturschutzgebiet erklärt.

Geschichte

mini|links|Überreste einer Walfangstation in der Walrossbucht im Südosten der Bäreninsel (2005)

Vermutlich war die Bäreninsel schon Seefahrern aus der Wikingerzeit bekannt, die erste dokumentierte Entdeckung gelang allerdings erst im Jahr 1596, als sie der niederländische Seefahrer Willem Barents auf seiner dritten Expedition sichtete. Steven Bennet erkundete in den Jahren 1603 und 1604 die Insel und beobachtete eine große Population von Walrossen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts diente die Bäreninsel hauptsächlich als Stützpunkt für die Jagd auf Walrosse und andere Robbenarten. Im Jahr 1861 fand eine schwedische Expedition nach Spitzbergen unter der Leitung von Otto Torell und Adolf Erik Nordenskiöld statt, wobei auch die Bäreninsel betreten wurde.Die schwedischen Expeditionen nach Spitzbergen und Bären-Eiland ausgeführt in den Jahren 1861, 1864 und 1868 unter Leitung von O. Torell und A. E. Nordenskiöld, Hermann Costenoble, Jena 1869. Online verfügbar auf archive.org Bis zum Jahr 1971 wurden die Eier von Meeresvogelkolonien durch kommerzielle Sammler und Jäger geplündert.Seabird harvest regimes in the circumpolar nations. (pdf, englisch; 4,1 MB) Circumpolar Seabird Working Group (2001), S. 41. Abgerufen am: 12. Januar 2012.

Die Bäreninsel war nie stark besiedelt. Die Überreste einer Walfangstation aus dem frühen 20. Jahrhundert sind noch in der Walrossbucht (Hvalrossbukta) im Südosten zu finden. Von 1916 bis 1925 wurde in einer kleinen Siedlung im Nordosten, in Tunheim, Kohle gefördert. Da der Abbau jedoch sehr unprofitabel war, wurde die Siedlung bald wieder aufgegeben. Auch hier sind die Relikte der Vergangenheit aufgrund des kühlen, trockenen Klimas gut erhalten geblieben und noch heute vorhanden.

Die strategische Bedeutung der Bäreninsel wurde im späten 19. Jahrhundert erkannt, als Russland und Deutschland Besitzansprüche stellten. Im Jahr 1899 entsandte das deutsche Reichsamt des Innern unter dem Vorwand, dass die Reise der hydrographischen und ozeanographischen Forschung unter der Leitung des Deutschen Seefischerei-Vereins (DSV) galt, die Korvette Olga. Die wissenschaftliche Besatzung an Bord diente lediglich als Tarnung. Der tatsächliche Plan wies den Kapitän und die Expeditionsleitung an, auf der Bäreninsel eine Basis für deutsche Fischdampfer anzulegen, vorläufig allerdings von einer Inbesitznahme der Insel abzusehen. In den Jahren 1898 und 1899 hatte bereits eine private Expedition mit der Helgoland unter der Leitung des Journalisten und Abenteurers Theodor Lerner stattgefunden. Als die Olga die Bäreninsel anlief, musste die Besatzung feststellen, dass Lerner einen im Prinzip identischen privaten Plan bereits umgesetzt und die Insel für sich in Anspruch genommen hatte.K. Barthelmess: Bäreninsel 1898 und 1899: Wie Theodor Lerner eine Geheimmission des Deutschen Seefischerei-Vereins zur Schaffung einer deutschen Arktis-Kolonie unwissentlich durchkreuzte. (PDF) In: Polarforschung – Die Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung 78 (1/2), 2009, S. 68 f.

mini|links|Manuskriptkarte "Bären Insel, 1:50000" mit den handschriftlichen Grenzziehungen (zuletzt: "Erwerbung Juni 1899") von Theodor Lerner

Dem Russischen Reich wurde dieses Verwirrspiel in der Barentssee ebenfalls bekannt, und es entsandte den Kreuzer Swetlana, um die Vorgänge auf der Insel zu beobachten. Am 21. Juli 1899 setzten die Russen ihre Flagge im Norden der Insel, wogegen Lerner heftig protestierte. Der Konflikt wurde allerdings unblutig und diplomatisch beendet, indem von keinem Staat Souveränitätsansprüche gestellt wurden.

Die gesamte Insel war zwischen 1918 und 1932 vollständig im Privatbesitz des Bergbauunternehmens Bjørnøen AS, bis der norwegische Staat das Unternehmen durch Aufkauf sämtlicher Aktien übernahm. Im Jahr 1919 wurde in Herwighamna im Norden der Insel eine Radiostation errichtet (Bjørnøya Radio, Rufzeichen: LJBListe der Küstenfunkstellen (PDF; 1,2 MB). Abgerufen am 12. Januar 2012.), die später um eine meteorologische Station erweitert wurde.

Der Entdecker und Polarforscher Roald Amundsen starb 1928 vermutlich in der Nähe der Bäreninsel, als sein Flugzeug, ein Flugboot des Typs Latham 47 mit 1000 PS, in dieser Gegend der Arktis verlorenging. Er war am 18. Juni 1928 von Tromsø aufgebrochen, um Umberto Nobile zu retten, dessen Luftschiff Italia auf einer Eisscholle abgestürzt war. Amundsens Flugzeug, eine französische Leihgabe, wurde bis heute nicht gefunden. Man fand jedoch einen Benzintank des Flugzeugs, der Bearbeitungsspuren trug und heute im Polarmuseum in Tromsø besichtigt werden kann. Wahrscheinlich hatten Amundsen und seine fünf Gefährten versucht, sich damit zu retten. Zu ihnen gehörte neben der französischen Besatzung des Flugboots auch der Pilot Leif Dietrichson.

Die Insel hatte während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs eine wichtige operativ-strategische Bedeutung, da die Schiffsrouten von Murmansk und von Häfen am Weißen Meer in den Atlantischen Ozean durch die Gewässer nahe der Bäreninsel führten. Obwohl Spitzbergen nicht von Deutschland besetzt war, errichtete die Wehrmacht dort mehrere Wetterstationen zur Wettererkundung.

Im Jahr 1942 wurde auf der Bäreninsel durch die deutsche Kriegsmarine erstmals eine automatisierte Wetterfunkstation eingerichtet. Weitere solcher Wetterfunkgeräte wurden 1943 und 1944 aufgestellt. Diese Stationen ermittelten selbständig Wetterdaten und funkten diese an den deutschen Marinewetterdienst. Die Stationen befanden sich südlich der Norhamna-Bucht, wo auch eine improvisierte Landebahn gebaut worden war. Mitte November 1944 errichtete die Abwehr, der militärische Nachrichtendienst der Wehrmacht, zudem zwischen der südöstlichen Bucht Sørhamna und der Walrossbucht eine besetzte Wetterstation mit dem Codenamen Taaget. Die Station hatte eine ständige Besatzung von zwei Personen: einem Norweger, der während des Einsatzes zu Tode kam, und einem Russen. Da die Station nur für wenige Wochen und zudem unzureichende Daten übertrug, gilt diese Unternehmung der Abwehr als Fehlschlag. Der überlebende Hilfswillige wurde gegen Ende März 1945 wieder abgeholt.Rupert Holzapfel: Deutsche Polarforschung 1940/45 (PDF; 1,6 MB). In: Polarforschung 21, Nr. 2, 1951, S. 85–97.

mini|Südspitze der Bäreninsel mit Schiff der norwegischen Küstenwache (2009)

Deutsche Streitkräfte attackierten die britischen Nordmeergeleitzüge in den Gewässern um die Bäreninsel. So erlitt die Sowjetunion Anfang Juli 1942 während des Unternehmens Rösselsprung östlich der Bäreninsel große Verluste. Auch die Schlacht in der Barentssee Ende Dezember 1942 fand unmittelbar südlich der Bäreninsel statt. Zu weiteren Seeschlachten kam es im Jahr 1943 südöstlich der Insel. Im November 1944 unterbreitete die Sowjetunion der norwegischen Exilregierung unter Trygve Lie den Vorschlag, den Spitzbergenvertrag zu annullieren. Die Verhandlungen führten bis zum Ende des Krieges zu keiner Einigung, und die sowjetischen Vorschläge wurden nie umgesetzt. Trotzdem erhielt die Sowjetunion und später Russland die Präsenz auf Spitzbergen aufrecht, unter anderem mit der russischen Siedlung Barentsburg.

Im Jahr 2002 wurde die Insel mit Ausnahme einer 1,2 km² großen Fläche um die meteorologische Station zum Naturschutzgebiet erklärt. Das Gebiet umfasst auch die umliegenden Gewässer in einer Zone von vier Seemeilen (7,4 km) um die Küste. Im Jahr 2008 wurde die Schutzzone auf zwölf Seemeilen (22 km) erweitert. Das Naturschutzgebiet umfasst heute 177 km² am Land und 2805 km² auf offenem Meer.barentsobserver.com: Expanding nature reserve in the Barents Sea. (englisch). Abgerufen am 24. August 2012.

Heute ist die Insel mit Ausnahme weniger Personen zur Betreuung der meteorologischen Station und des Funksenders in Herwighamna unbewohnt. Die Station unterhält auch eine Landestation für Hubschrauber der norwegischen Küstenwache. Das Norwegische Polarinstitut unternimmt jährlich Expeditionen auf die Bäreninsel hauptsächlich zum Zweck der ornithologischen Forschung. Andere Forschungsprojekte, vor allem die physische Geographie oder die Klimatologie betreffend, werden unregelmäßig durchgeführt.

Für Privatpersonen gibt es nur wenige Möglichkeiten auf die Bäreninsel zu gelangen, da nur selten Yachten und Kreuzfahrtschiffe dort Halt machen. Tourismus ist auf der Insel so gut wie nicht vorhanden.

Hydrographie, Geographie und Klima mini|links|Küstenkliff mit Vogelkolonie auf der südlichen Bäreninsel mini|Der mit 563 Meter Seehöhe höchste Berg der Bäreninsel: Miseryfjellet

Die Bäreninsel liegt 235 Kilometer südlich von Spitzbergen als ein Teil von Svalbard und 397 Kilometer nordnordwestlich von Ingøy am norwegischen Festland. Sie befindet sich im westlichsten Teil der Barentssee nahe der Grenze des Europäischen Nordmeeres auf der Spitsbergen Bank, die sich als Teil des Kontinentalschelfs südlich von Spitzbergen und Edgeøya erstreckt. Die Wassertiefe in der Nähe der Insel bzw. östlich davon beträgt kaum mehr als 100 Meter, im Süden und speziell im Westen, wo der Kontinentalschelf tief in die Norwegische See und die Grönlandsee absinkt, ist sie sehr viel größer.V. Renard und J. Malod: Structure of the Barents Sea from seismic refraction. In: Earth and Planetary Science Letters, 24(1), 1974, S. 33–47. doi:10.1016/0012-821X(74)90005-3.