Die Geschichte des Internets lässt sich in drei Phasen einteilen.
In der Frühphase ab Mitte der 1960er Jahre wurden die Grundlagen gelegt, die Technik demonstriert und zur Anwendungsfähigkeit entwickelt.
Ende der 1970er Jahre, gleichzeitig mit dem Wechsel von der militärischen zur akademischen Forschungsförderung, begann das Wachstum und die internationale Ausbreitung des Internets. In dieser Zeit geschah das, was gemeinhin mit der wilden Phase des ursprünglichen Internets assoziiert wird: eine Tauschökonomie für Software und Information, eine graswurzelbasierte Selbstorganisation, sich entwickelnde Communitys und der Hackergeist, der jede Beschränkung des Zugangs und des freien Informationsflusses zu umgehen weiß.
1990 begann mit der Abschaltung des ARPANET die kommerzielle Phase des Internets. Es wird geschätzt, dass im Jahr 1993 das Internet lediglich 1 % der Informationsflüsse der weltweiten Telekommunikationsnetze ausmachte, während es im Jahr 2000 die Mehrheit des technischen Informationsaustausches beherrschte (51 %) und im Jahr 2007 bereits klar dominierte (97 % der Bytes, die weltweit ausgetauscht wurden).Martin Hilbert, Priscila López: The World’s Technological Capacity to Store, Communicate, and Compute Information. In: Science, 2011, 332(6025), S. 60–65.
Obgleich im Artikel eine chronologische Darstellung überwiegt, ist er in erster Linie thematisch gegliedert. Eine chronologische Auflistung der Ereignisse findet man im Artikel Chronologie des Internets.
Vordenker Als früheste Vision einer möglichen weltweiten Computer-Vernetzung gilt eine Kurzgeschichte des Science-Fiction-Autors Murray Leinster, der 1946 in seiner Story A Logic Named Joe als einer der ersten einen Personal Computer und eine frühe Vision des Internets geschildert hat; dort hat er geschrieben, der Computer … erledigt die Verbreitung von vierundneunzig Prozent aller Fernsehprogramme, vermittelt alle Informationen über Wetter, Luftverkehr, Sonderangebote … und dokumentiert jedes geschäftliche Gespräch, jeden Vertrag … Die Computer haben die Welt verändert. Die Computer sind die Zivilisation. Wenn wir die Computer abschalten, fallen wir in eine Art von Zivilisation zurück, von der wir vergessen haben, wie sie geht.Georg Ruppelt (Hrsg.): „Der große summende Gott“. Geschichten von Denkmaschinen, Computern und Künstlicher Intelligenz. C. W. Niemeyer, Hameln 2003, ISBN 3-8271-8807-5. Wieder in ders.: Nachdem Martin Luther Papst geworden war und die Alliierten den Zweiten Weltkrieg verloren hatten. Wehrhahn, Hannover 2007, S. 174
Frühphase In den späten 1950er Jahren leitete J. C. R. Licklider eine Forschungsgruppe beim US-Rüstungslieferanten Bolt Beranek and Newman (BBN), deren Arbeit auf dem Minirechner PDP-1 des Herstellers Digital Equipment Corporation (DEC), einem der ersten Timesharing-Systeme, aufbaute. Computerhersteller und die meisten Vertreter des Informatik-Establishments waren jedoch der Ansicht, dass Timesharing eine ineffiziente Verwendung von Computerressourcen darstelle und nicht weiter verfolgt werden solle. Lickliders Argument war umgekehrt, dass Rechner für eine Echtzeit-Interaktion für „kooperatives Denken mit einem Menschen“ zu schnell und zu kostspielig seien, weshalb sie ihre Zeit zwischen vielen Nutzern aufteilen müssten. Licklider war auch der Architekt des MAC-Projektes (Multiple-Access Computer, auch als Machine-Aided Cognition oder Man And Computer bekannt) am Massachusetts Institute of Technology (MIT). 1962 wechselte er von BBN zur Advanced Research Projects Agency (ARPA) des US-Verteidigungsministeriums, wo er Leiter des Command and Control Research (CCR) wurde, das er sogleich in Information Processing Techniques Office (IPTO) umbenannte.
Seine Erfahrungen mit Time-Sharing-Systemen erlaubten es ihm, eine Neudefinition vom Computer als Rechenmaschine zum Computer als Kommunikationsgerät vorzunehmen. Als Leiter des ARPA-Forschungsbereiches war er nun in die Lage versetzt, diesen Paradigmenwechsel in der Netzplanung zur Wirkung zu bringen:
Gleichzeitig fand ein telekommunikationstechnischer Paradigmenwechsel von leitungsorientierten zu paketvermittelten Konzepten statt. Er ging auf parallele Arbeiten von Paul Baran an der RAND Corporation (die erste Denkfabrik, 1946 von der U.S. Air Force gegründet) und von Donald Watts Davies am National Physical Laboratory in Middlesex, England, zurück. Paul Baran veröffentlichte 1960 ein Paper, in dem er einen drohenden Nuklearkrieg als Anlass nahm, Ideen für ein Netzwerk zu entwickeln, welches einen solchen Krieg überleben könnte.Paul Baran and the Origins of the Internet – Biografie. Website RAND Corporation; abgerufen am 27. April 2014. Die Zerlegung von Kommunikationen in kleine Datenpakete, die, mit Ziel- und Absenderadresse versehen, gewissermaßen autonom ihren Weg durch das Netzwerk finden, war Voraussetzung für die verteilte, dezentrale Architektur des Internets. Sie war auch der Punkt, an dem die Geister der Computer- und der Telekommunikationswelt sich schieden.
Die Telefonbetreiber der Zeit waren durchaus an Datenkommunikation sowie an der Paketvermittlung interessiert, nachdem nachgewiesen worden war, dass diese Technik nicht nur überhaupt machbar war, sondern dass sie die vorhandene Bandbreite viel wirtschaftlicher nutzte als die Leitungsvermittlung, doch die vorrangigen Designkriterien der nationalen Monopole waren flächendeckende Netzsicherheit, Dienstequalität und Abrechenbarkeit. Diese sahen sie nur durch ein zentral gesteuertes Netz mit dedizierter Leitungsnutzung für jede einzelne Kommunikation gewährleistet.
Die Telekommunikationsunternehmen hauptsächlich in England, Italien, Deutschland und Japan unterlegten daher den unberechenbaren Paketflüssen eine virtuelle Kanalstruktur. Auch in diesem System werden Pakete verschiedener Verbindungen auf derselben physikalischen Leitung transportiert, aber nur bis zu einer Obergrenze, bis zu der die Kapazität für jede einzelne Verbindung gewährleistet werden kann. Außerdem ist dieses Netz nicht verteilt, sondern über zentrale Vermittlungsstellen geschaltet. Die Spezifikationen dieses Dienstes wurden im Rahmen der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) verhandelt und 1976 unter der Bezeichnung X.25 standardisiert. Die Bundespost bot ihn unter dem Namen Datex-P an. Damit ist der Gegensatz aufgespannt zwischen einem rhizomatischen Netz, das aus einem militärischen Kalkül heraus von einzelnen Knoten aus dezentral wuchert, und einer hierarchischen, baumförmigen Struktur, die zentral geplant und verwaltet wird.
Aufbau des ARPANETs mini|hochkant|Vinton Cerf (2010) mini|hochkant|Robert E. Kahn mini|hochkant|Interface Message Processor (IMP) Die ARPA-Forschungsabteilung unter Licklider und Taylor schrieb die verschiedenen Bestandteile des neuen Netzes aus. Das Stanford Research Institute (SRI) erhielt den Auftrag, die Spezifikationen für das neue Netz zu schreiben. Im Dezember 1968 legte das SRI den Bericht A Study of Computer Network Design Parameters vor. Zur selben Zeit arbeitete Douglas C. Engelbart und seine Gruppe am SRI bereits an computergestützten Techniken zur Förderung von menschlicher Interaktion. Daher wurde entschieden, dass das SRI der geeignete Ort sei, ein Network Information Center (NIC) für das ARPAnet einzurichten. Die DARPA-Ausschreibung für ein Network Measurement Center ging an die University of California, Los Angeles (UCLA), wo Leonard Kleinrock arbeitete, der seine Doktorarbeit über Warteschlangentheorie geschrieben hatte. Ebenfalls im UCLA-Team arbeiteten damals Vinton G. Cerf, Jon Postel und Steve Crocker.
Den Zuschlag für die Entwicklung der Paketvermittlungstechniken, genauer eines Interface Message Processors (IMP), erhielt BBN im Dezember 1968, nachdem eine zwölfköpfige Arbeitsgruppe unter Frank Heart einen 200-seitigen Umsetzungsvorschlag für das Angebot erarbeitet hatte. Dort arbeitete unter anderem Robert E. Kahn, der vom MIT gekommen war und auf den ein Großteil der Architektur des Internets (TCP/IP) zurückgeht. Die IMPs, Vorläufer der heutigen Router, hatten die Aufgabe, die niedrigste Verbindungsschicht zwischen den über Telefonleitungen vernetzten Rechnern (Hosts) herzustellen. Die ersten IMPs wurden im Mai 1969 ausgeliefert.
Der Startschuss zum Internet fiel im Herbst 1969, als die ersten vier Großrechner in der UCLA, im SRI, der University of California, Santa Barbara (UCSB) und der University of Utah über Standleitungen mit 50 Kilobit miteinander verbunden wurden. Am 29. Oktober 1969 war „lo“ die erste gelungene Internetbotschaft, die versuchsweise von der UCLA an das Stanford Research Institut übermittelt wurde, bevor der Empfangsrechner abstürzte. Gemeint war „login“; dieser Befehl konnte am selben Tag aber ebenfalls abgesetzt werden. Die erste per Internet mit einem anderen Rechner verbundene Person war damit der UCLA-Student Charley Kline.Der 29. Oktober ist Internet-Tag. In: Die Welt, 29. Oktober 2007Cay Rademacher: Internet: Das Netz der Netze. In: Geo-Magazin, März 2001.
Protokollentwicklung Im April 1969 waren die ersten Dokumente der Reihe Request for Comments (RFC) erschienen, die die technischen Standards des Internets spezifizieren. Die Dokumente wurden nicht im Duktus einer formal veröffentlichten Spezifikation verfasst, sondern als Diskussionspapier mit der Bitte um Kommentierung. Steve Crocker begründete als Autor des ersten RFC diese Form damit, dass die Beteiligten Doktoranden ohne jede Autorität waren. Die Benennung spiegelt die Informalität wider, um die Arbeit zu dokumentieren, ohne in Konflikt mit den Projektverantwortlichen zu gelangen. Dieser Anfangsgedanke wirkt noch bis heute nach. Einige RFCs stellen Internetstandards dar, andere sind informelle Dokumente von Einzelautoren, darunter auch Aprilscherze. Die freie Verfügbarkeit der Spezifikationen und der dazugehörigen Referenzimplementierungen waren ein Schlüsselfaktor bei der Entwicklung des Internets.
Aus dem ersten und weiteren RFCs ging ein Jahr später das Network Control Program (NCP) hervor, ein Programm und Protokoll für die Host-zu-Host-Kommunikation. Bereits hier war eine hierarchische Schichtenarchitektur vorgesehen. Aufbauend auf dem Host/IMP-Protokoll und dem Host/Host-Protokoll wurden die funktionsorientierten Protokolle Telnet (RFC 318) und FTP (File Transfer Protocol, RFC 454) spezifiziert.
Ray Tomlinson von BBN erweiterte das Programm „SNDMSG“, mit dem innerhalb eines Hosts Nachrichten an andere Benutzer geschrieben werden konnten, um eine Übertragung zu anderen Hosts und schuf damit E-Mail über das Netz. Hierbei erfand er die user@host-Konvention für eine E-Mail-Adresse. Larry Roberts schrieb das erste E-Mail-Programm, das einzelne Mails aus der lokalen Postfach-Datei anzeigen und drucken konnte.
Durchbruch der Paketvermittlung Im April 1971 bestand das Netz aus 15 Knoten und wuchs um etwa einen pro Monat. BBN entwarf eine modifizierte IMP-Variante namens Terminal Interface Processor (TIP), an den bis zu 63 Terminals angeschlossen werden konnten. Damit war es möglich, auf den lokalen Host oder über das Netz auf einen entfernten Host zuzugreifen. Dies stellte einen ersten Schritt in die Richtung dar, Arbeitsstationen direkt ans Netz und nicht an einen Großrechner anzuschließen.
1972 wurde das lokale DARPA-finanzierte ALOHAnet mit Sternarchitektur, Datenübertragung via Funk und Paketradio 9600 bit/s sowie Ethernet-Basis als erstes Rechnernetz über eine Satellitenverbindung mit dem ARPANET verbunden. Zentralrechner war ein 2100-Minirechner von Hewlett-Packard, der Daten von Fernschreibern, Terminals u. a. Minis empfing.