mini|hochkant|Angebliches Wappen des nach der venezianischen Tradition sechsten, nach derzeitigem Kenntnisstand wohl vierten Dogen mit dem Schriftzug „Domenego Menegaro“. Bei den Wappen frühmittelalterlicher Dogen handelt es sich um bloße Rückprojektionen von Familienwappen, in diesem Falle aus dem 17. Jahrhundert. Die Heraldik setzte erst im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts ein, später wurden rückblickend auch Wappen an die frühen Dogen vergeben, die nie ein Wappen geführt hatten („fanta-araldica“); dies diente dazu, die Familien dieser Epoche mit möglichst frühen Dogen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu setzen, was ihnen Ansehen sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss verschaffte.Es wurden also die Wappen der sehr viel späteren Nachfahren dieser Dogen, vor allem seit dem 17. Jahrhundert, auf die angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der (angeblich) seit 697 in Venedig herrschenden Familien zurückprojiziert: „Il presupposto di continuità genealogica su cui si basava la trasmissione del potere in area veneziana ha portato come conseguenza la già accennata attribuzione ai dogi più antichi di stemmi coerenti con quelli realmente usati dai loro discendenti“ (Maurizio Carlo Alberto Gorra: Sugli stemmi di alcune famiglie di Dogi prearaldici, in: Notiziario dell'associazione nobiliare regionale veneta. Rivista di studi storici, n. s. 8 (2016) 35–68, hier: S. 41). Domenico Monegario (* in Metamaucum; † nach 764) war, folgt man der venezianischen Tradition, wie die staatlich gesteuerte Geschichtsschreibung der Republik Venedig oftmals genannt wird, ihr sechster Doge. Er regierte demnach von 756 bis 764. Wenn man von den beiden ersten, legendären Dogen absieht, war er der vierte Doge, der über die Städte der Lagune von Venedig herrschte. In einer Zeit heftiger Kämpfe innerhalb der Lagune von Venedig wurde er am Ende gestürzt und geblendet, wie seine drei Vorgänger.

Zunächst wurde Dominicus, wie er in den zeitlich näheren Quellen heißt, durch die Langobarden unterstützt, die ihr Reich in Italien auszudehnen versuchten. Möglicherweise spielten bei seinem Sturz Auseinandersetzungen zwischen deren König Desiderius und den Franken unter dem jüngeren Pippin eine Rolle, womöglich aber auch Kämpfe zwischen Großfamilien und Städten rund um die Lagune. Der Kaiser war durch die Schwäche des Byzantinischen Reiches, zu dem die Lagunenorte formal noch immer gehörten, nicht in der Lage, sich einzumischen, und mit der Eroberung Ravennas durch die Langobarden verschwand 751 das byzantinische Exarchat Ravenna. Der im Streit mit den Langobarden liegende römische Papst wurde verstärkt diplomatisch tätig, denn von Konstantinopel konnte er keine Hilfe mehr gegen die Langobarden erwarten – jedoch wurde er vom Frankenkönig auch nur begrenzt unterstützt.

Die örtlichen Unterstützer des Dogen stellten Dominicus nun zwei Tribunen zur Seite, die je ein Jahr amtierten, ähnlich wie wenige Jahre zuvor die fünf Magistri militum. Ihre Befugnisse sind unklar, der Sinn dieser Machtkonstruktion ist kaum zu entschlüsseln. Die Tribunen sollten, folgt man der älteren Geschichtsschreibung, den als schlechten Charakter beschriebenen Dogen bändigen; später wurden sie als Kontrollinstrument Konstantinopels in der am weitesten abgelegenen Provinz gedeutet. Mit dem Sturz des Dogen Dominicus, möglicherweise durch die beiden Tribunen, die der Doge loszuwerden versuchte, endete die unruhigste Phase der venezianischen Geschichte.

Die Überlieferungssituation für die frühe Geschichte der Lagunenstädte ist überaus ungünstig, zeitgenössische Quellen fehlen. Lange glaubte man, die Istoria Veneticorum, die um 1000 entstanden ist, könnte diese Lücke bedingt ausfüllen, wenn auch mit einem Abstand von mehr als zwei Jahrhunderten. Doch konnte Șerban Marin zeigen, dass diejenigen Teile der Istoria Veneticorum, die die Zeit vor dem Jahr 764 behandeln, nicht von Johannes Diaconus stammen, dem Verfasser der Istoria, sondern von einem namentlich nicht bekannten Kopisten der Chronik, der einen selbstständigen Teil vom ersten Dogen bis eben zu jenem Jahr voransetzte. Dieser Anonymus schrieb wohl erst im 13. Jahrhundert. Insgesamt setzte die Überlieferung erst sehr spät ein, noch später für die Zeit vor 764. Die Geschichtsschreibung seit dem 13. Jahrhundert hat die Verhältnisse der venezianischen Frühzeit kaum mehr deuten können, im Gegenteil wurden die eigenen Verhältnisse in die Vergangenheit zurückprojiziert. Die moderne Geschichtsschreibung löst sich überaus langsam von der äußerst ungünstigen Quellen- und Überlieferungslage.

Name Domenico oder Dominicus, wie er in den lateinischen Quellen heißt, trug den Beinamen „Monegario“ oder „Monetario“. Ersteres lässt sich mit der Bezeichnung für einen angehenden Mönch in Verbindung bringen, letzteres mit dem „monetarius“, womit die Berufsbezeichnung auf die örtliche Münzprägestätte hinweisen könnte, die Zecca. Johannes Diaconus nennt einen Johannes Tornaricus und bezeichnet ihn als „monetarius“. Er war an den Hof König Lothars geflohen. Ein solcher Übergang von einer Berufs- oder Amtsbezeichnung zu einem Namen war weit verbreitet. Um 829 bis 836 erscheint bei Johannes etwa ein „Domenicus Monetarius“.Alan M. Stahl: Zecca. The Mint of Venice in the Middle Ages, Johns Hopkins University Press, Baltimore/London 2000, S. 4 f.

Einordnung mini|Einflussbereich des Byzantinischen Reiches und Venedigs um 720 Domincus stammte aus Metamaucum, der zu Anfang des 11. Jahrhunderts durch eine Naturkatastrophe ausgelöschten Stadt beim benachbarten Malamocco. Er wurde mit der Unterstützung des langobardischen Königs Desiderius zum Dogen erhoben. Dabei wurden ihm zwei jährlich wechselnde Tribunen zur Seite gestellt, die, so lautet eine mögliche Deutung, für die Beziehungen zu den Franken und zu Byzanz zuständig waren.

Als Dominicus ins Dogenamt gelangte, war Metamaucum erst seit kurzer Zeit zum Hauptort des venezianischen Dukats geworden, der wenig mehr als die Städte in und rund um die Lagune von Venedig umfasste. Er folgte damit auf Galla, der wiederum wenig mehr als ein Jahr zuvor seinen Vorgänger ermordet hatte und als Usurpator galt. Insgesamt handelte es sich wohl um die drei unruhigsten Jahrzehnte der venezianischen Geschichte, in denen sich die herrschenden Familien der Lagune rücksichtslose Auseinandersetzungen und Kämpfe lieferten. In deren Verlauf war 737 der (erste) Doge Ursus ermordet worden, daraufhin herrschten für je ein Jahr fünf Magistri militum, dann folgte, wieder als Doge, der Sohn des Ursus, Deusdedit. Letzterer wurde seinerseits gestürzt und geblendet von Galla. So wurden die Dogen vor Dominicus nach und nach gestürzt. mini|Italien zur Zeit des Langobardenkönigs Aistulf (749–756) mini|Grenzen des Exarchats Ravenna Mangels geeigneter Quellen ist nicht mehr zu klären, ob sich bei diesen Kämpfen langobardische und byzanzfreundliche Kräfte gegenüberstanden, oder aber ob der Streit eher Grundbesitzer gegen Händlerfamilien aufbrachte. Möglicherweise hängen die Kämpfe aber auch mit der Tatsache zusammen, dass Familien, die noch dem Verwaltungssystem des sich in Italien auflösenden byzantinischen Machtbereichs angehörten, dessen Funktionäre sich im Amt des Tribunats wiederfanden, und die zu einer dezentralen Machtauffassung neigten, denjenigen Familien gegenüberstanden, die der wachsenden, zentralisierenden Macht der Dogen anhingen, wie sie sich auch in anderen Städten byzantinischer Tradition durchsetzte.

Die Unterstützer des Dominicus entschieden, ihm zwei Tribunen beizusetzen, die je ein Jahr amtierten. So vermischten sich darin Amtsauffassungen, wie sie bereits bei den Modellen zuvor, dem Wechsel zwischen Dogen und Magistri militum aufgetaucht waren. Schon jener Kopist der Chronik des Johannes Diaconus, der im frühen 13. Jahrhundert schrieb, konnte sich diese, zu seiner Zeit bereits unverständliche Machtkonstruktion nur durch die ‚Torheit‘ und den ‚Wankelmut‘ des venezianischen Volkes erklären (S. 98). Doch entbehrte es keineswegs der Logik, sich im Rahmen der heftigen Familienkämpfe eines solchen Friedewahrungsinstrumentes zu bedienen.

Nicht weniger instabil als die politischen Bedingungen innerhalb der Lagune waren die festländischen Verhältnisse in Italien. Den Venezianern erschien es offenbar nicht opportun, die Eroberung Ravennas durch die Langobarden, die sie 739/40 noch rückgängig gemacht hatten, erneut zu revidieren, als die Langobarden die Hauptstadt des byzantinischen Exarchats Ravenna 750 oder 751 zum zweiten Mal eroberten. Die Langobarden machten ihrerseits keinerlei Anstalten gegen die Bewohner der Lagune vorzugehen. Dies führte zu Mutmaßungen, ob das Stillhalten der Venezianer nicht Teil einer Absprache war.

Die Kämpfe zwischen Franken und Langobarden, sowie der Tod König Aistulfs im Jahr 756, riefen zugleich eine Stärkung der päpstlichen Position hervor. Dem neuen Langobardenkönig Desiderius gelang es ab 757, sich günstige Bedingungen sowohl durch Papst Stephan II. als auch durch den Frankenkönig Pippin zusichern zu lassen. Der Papst sollte das Gebiet des Exarchats und der Pentapolis und alle Eroberungen Aistulfs erhalten. Doch Stephan II. starb bereits 757, und die Hilferufe Pauls I., seines Nachfolgers, wurden im Frankenreich nicht gehört.

761 gelang es Kaiser Konstantin V., mit Desiderius eine Allianz zu schließen. Ziel des Kaisers war es, das 751 verlorene Ravenna zurückzuerobern, wobei die Themen des Südens, dazu Sizilien und wahrscheinlich auch die Lagune Hilfe bereitstellen sollten. Doch mit dem Anspruch Karls des Großen und seiner 774 erfolgten Eroberung des Langobardenreiches endete der letzte kaiserliche Versuch, das Exarchat Ravenna zurückzuerlangen.Nicola Bergamo: Costantino V, Il Cerchio, Rimini 2007, S. 98.

Da die kaiserliche Macht auch weiter im Norden nur mehr gelegentlich regulierend eingriff, stießen innerhalb der Lagune lokale Familien in das anwachsende Machtvakuum. Den fortgesetzten Machtkämpfen, deren Natur nicht zu erschließen ist, fiel auch Dominicus zum Opfer, der geblendet wurde. Der Zeitpunkt seines Ablebens ist genauso wenig bekannt, wie der Ort, an dem er starb. Erst mit seinem Nachfolger Mauritius endete die äußerst unruhige Phase der frühen venezianischen Geschichte, und zugleich setzt derjenige Teil der Istoria Veneticorum ein, der um 1000 entstand.

Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Im Chronicon Altinate oder Chronicon Venetum erscheint der Doge mit dem Namen und der Amtsdauer „Dominicus dux ducavit ann. 8“..