mini|alt=Die bunte Zeichnung zeigt einen weißbärtigen Mann mit Hut, der eine Schale in der Hand hält, und hinter ihm einen nackten, entspannt zusehenden Riesen.|Odin trinkt aus Mimirs Quelle, während Mimir ihm dabei zuschaut. Gemälde von Robert Engels (1903)

Mimir (altnordisch Mímir) ist ein Wesen der nordischen Mythologie, das eine der Quellen unter dem Weltenbaum Yggdrasil hütet. Wissen, Weisheit und Weissagungsgabe Mimirs sind so berühmt, dass selbst Odin eine enge Bindung zu ihm pflegt, um seinen Rat zu erlangen.Simek 2006, S. 280 ff.

Quellen mini|400px|alt=Das Relief zeigt acht eher undeutlich erkennbare Gestalten, darunter in der Mitte eine stehende geflügelte Frau mit einer Waage in der Hand, flankiert von zwei sitzenden Frauen, und von rechts kommen zwei Männer hinzu.|Mimer og Balder rådspørger nornerne (Mimir und Baldur befragen die Nornen) von Hermann Ernst Freund (1821–1822)

Edda Die Mythen um Mimir stammen aus unterschiedlichen Quellen der altnordischen Literatur, doch im Kern sind sie bereits im ältesten Text der Lieder-Edda, der Völuspá, enthalten, deren Wurzeln noch bis in vorchristliche Zeit reichen.

Danach entspringt unter dem Weltenbaum Yggdrasil die Quelle der Weisheit. Sie ist eine der drei Urquellen in der nordischen Mythologie. In ihrer Nähe befindet sich das Gjallarhorn des Gottes Heimdall, das in allen Welten ertönt, wenn man in es hineinbläst. Mimir ist der Hüter der Quelle, die daher Mimirs Brunnen genannt wird. Jeden Morgen trinkt er Met aus ihr.Lieder-Edda: Völuspá 27 f., 46 (Zitation der Lieder-Edda nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Reclam, 2004, ISBN 3-15-050047-8). [= Übersetzung nach Karl Simrock: Die Edda. 1851, Wöluspa 21 f., 31, 47]

Odin erwirbt sich Weisheit, weil er ebenso aus dem Brunnen des Mimir trinkt. Allerdings muss er zuvor dafür ein Auge opfern und in den Brunnen legen (Walvaters Pfand). Seitdem war Odin einäugig.Lieder-Edda: Völuspá 28 [= Simrock 21 f.]. Trotz seines Weisheitstrunks wendet sich Odin noch ratsuchend an Mimirs Haupt, als die Ordnung der Welt in Gefahr gerät und den Göttern der Untergang droht (die Ragnarök).Lieder-Edda: Völuspá 46 [= Simrock 47]. Wie es dazu kam, dass Mimir geköpft wurde, beschreibt die Völuspá jedoch nicht.

Snorri Sturlusons Prosa-Edda wiederholt in Gylfaginning die Angaben der Völuspá und ergänzt sie. Er sagt, dass die Quelle unter der Wurzel Yggdrasils liegt, die zu den Reifriesen hingeht. Sein Wissen und seine Weisheit erlangt Mimir wie Odin, weil er aus der Quelle trinkt. Das Gjallarhorn dient ihm dabei als Trinkhorn. In einem Punkt weicht Snorri aber wesentlich von der Völuspá ab. Bei ihm reitet in der Zeit der Ragnarök Odin zu Mimirs Brunnen und holt sich dort den Rat Mimirs ein. Mimirs Haupt hingegen erwähnt Snorri nicht.Prosa-Edda: Gylfaginning 15, 51 (Zitation der Prosa-Edda nach Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Reclam, 1997, ISBN 3-15-000782-8) [= Simrock 15, 51].

Hrafnagaldr Óðins (Odins Rabenzauber), das auch zu den alten nordischen Liedern zählt, aber nicht Bestandteil der Lieder-Edda ist, geht im Gegensatz zur Prosa-Edda davon aus, dass Mimir Odin keinen Rat geben kann, damit dieser seinem Schicksal entrinnt und den Untergang der Götter abwendet.

Das Lied Sigrdrífomál, das zu den Heldenliedern der Lieder-Edda gehört, zeigt, dass das Haupt Mimirs nicht nur weise, sondern auch der Runen kundig war. Dort steht Odin mit Mimirs Haupt auf einem Berg, doch nicht Odin spricht, sondern Mimir sagt „klug das erste Wort und nannte wahre Runen.“Lieder-Edda: Sigrdrífomál 14 [= Simrock 14].

Die Völuspá spricht auch von Söhnen Mimirs, ohne diese näher zu bestimmen.

Ynglinga saga Die Ynglinga saga, Snorri Sturlusons mythische Einleitung in seine Geschichte des norwegischen Königtums (Heimskringla), geht nicht nur auf die Nähe Odins zu Mimir ein, sondern erzählt auch eine Geschichte, wie Mimirs Haupt den Rumpf verlor: Nach dem Krieg der Asengötter gegen Wanengötter stellen die Asen Mimir und Hönir als Geiseln als Friedenspfand. Über Hönir sagen die Asen, er tauge als Anführer. Die Wanen bemerken aber bald, dass Hönir keine Entscheidung ohne seinen Ratgeber Mimir trifft. Sie köpfen deshalb den Weisen und schicken sein Haupt den Asen zurück. Odin konserviert den Kopf daraufhin mit Zaubersprüchen und Kräutern, um von ihm weiterhin Weissagungen und Botschaften aus den anderen Welten zu erhalten. Die Gaben Mimirs sind ihm so wichtig, dass er dessen Haupt stets bei sich trägt.Heimskringla: Ynglingasaga 4, 7.

Þulur Die Þulur erwähnen den Namen Mimir unter den Beinamen der Riesen.

Forschung Der nicht homogene und stellenweise widersprüchliche literarische Quellenbefund führte in der Forschung zu sehr unterschiedlichen Positionen, wie Mimir und seine Mythen zu verstehen sind. Nicht alle der aufgeworfenen Fragen konnten bis heute befriedigend beantwortet werden.

Etymologie In der Deutung des Namens Mimir, altnordisch Mímir, teilt sich die Forschung in zwei Lager.

Nach der einen Meinung ist Mimir eng mit Weisheit und Erinnerung verbunden und bedeutet in etwa ‚der, der sich erinnert‘.Schon Jacob Grimm geht von einer Verwandtschaft des Namens mit lateinisch memor und angelsächsisch minor‚ eingedenk, sich erinnernd‘ aus. (Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. 3 Bände. 1875-78. Neuauflage: Marix, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-143-8, Band 1, S. 315) – Simek (a.o.O.) übersetzt mit ‚der Erinnerer, der Weise‘, verwandt mit lateinisch memor. Der Name ist demzufolge verwandt mit altenglisch mimorian, niederländisch mijmeren ‚sinnen, in Gedanken verloren sein‘, lateinisch memor ‚eingedenk, sich erinnernd‘ und wird zurückgeführt auf die indogermanische Wortwurzel *smer-, *mer- ‚gedenken, sich erinnern‘.Gerhard Köbler: Indogermanisches Wörterbuch. 5. Auflage. 2014, Stichwort: *smer- (online).

Für die andere Meinung ist der Name verwandt mit norwegisch meima ‚messen‘, altenglisch māmrian ‚grübeln‘ und leitet sich von indogermanisch *mer- ‚messen‘ her mit der Bedeutung ‚Messender, Sinnender‘ oder ‚der, der das Schicksal misst‘.Mimir ist verwandt mit norwegisch meima „messen“ und steht mit Messen und Reflektieren im Zusammenhang. (Dillmann 2001, S. 42) – Ström stimmt der Herleitung Friedrich Detters aus indogermanisch *mer- zu, verwandt mit norwegisch meima und angelsächsisch māmrian und kommt zu einer Verbindung mit dem nordischen Schicksalsbegriff mjǫtudr ‚das Gemessene‘. (Åke Viktor Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. Kohlhammer, Stuttgart 1975, ISBN 3-17-001157-X, S. 253 f.)

Natur und Abstammung Die Natur Mimirs kann nicht zweifelsfrei bestimmt werden. Er ist entweder ein Riese (Thurse) oder eine Gottheit. Zu seiner Natur äußern sich nur die Þulur. Dort wird Mimirs Name unter den Beinamen der Riesen aufgeführt. Jedoch gibt ihm die Ynglingasaga die gleiche Stellung wie dem Gott Hönir, so dass auch vertreten wird, Mimir sei ähnlich Loki selbst eine Gottheit. Gleicher Rang führt jedoch noch nicht zwingend zur selben Natur. Auch sonst erscheint er oder sein Name in der altnordischen Literatur durchweg riesenhaft.Dillmann 2001, S. 38 ff. Dazu gehören mehrere zusammengesetzte Personennamen mit Mimir als Grundwort, die eindeutig Riesen bezeichnen, beispielsweise Sokkmimir (ein sonst unbekannter Riese) oder Brekkmimir (Beiname des Riesen Geirröd).

Zu seiner Abstammung schweigt die Überlieferung. Er könnte der Sohn des Vorzeitriesen Bölthorn sein, der der Vater von Odins Mutter Bestla ist.Vgl. Wolfgang Golther: Handbuch der germanischen Mythologie. Hirzel, Leipzig 1895. Neuauflage: Marix, Wiesbaden 2004, ISBN 3-937715-38-X, S. 216. Mimir wäre demnach der Oheim Odins. Diese Ansicht stützt sich auf eine Stelle im Hávamál, in der Odin seine Zauberrunenlieder einführt:

Der Sohn Bölthorns wird in der nordischen Mythologie sonst nicht genannt. Für Mimir spricht seine Weisheit, die Odin immer wieder suchte, und seine Zauberrunenkunde, die geheimes und verborgenes Wissen voraussetzt. Letzten Endes bleibt die Verwandtschaft mit Odin aber reine Spekulation.Dillmann 2001, S. 42.

Mimirs Brunnen und der Weltenbaum Obwohl die Völuspá sagt, dass Mimir aus seinem Brunnen Met trinke, geht die Forschung überwiegend davon aus, dass der Brunnen Mimirs Wasser enthält. Doch ist Met nicht nur ein bloßes Rauschmittel, sondern auch ein Weisheitstrank, der es erlaubt, besonderes Wissen zu erlangen, so wie es der Mythos vom Diebstahl des Dichtermets durch Odin nahelegt. Von der Ziege Heidrun am Baum Lärad, der mit dem Weltenbaum Yggdrasil gleichgesetzt wird, heißt es im Lied Grímnismál, sie spende den Odin geweihten Einherjern Met.Lieder-Edda: Grímnismál 25 [= Simrock 25]. Auch wenn dieses mythische Bild aus vergleichsweise später Zeit stammt, weist es zumindest auf eine Verbindung zwischen Weltenbaum, an dessen Fuß Mimirs Brunnen liegt, Göttervater und Rauschtrank hin.

Die Nähe zwischen Mimir und dem Weltenbaum wird in der nordischen Mythologie nicht nur durch Mimirs Quelle deutlich. Die Forschung geht davon aus, dass der Name Mimirs auch verwendet wurde, um den Weltenbaum zu umschreiben. Allgemein anerkannt ist, dass der Baum Mimameidr ‚Baum des Mimi‘Lieder-Edda: Fjölsvinnsmál 19–22 [= Simrock 19–22] Yggdrasil entspricht. Manche ForscherDerolez 1959, S. 274 – John Lindow: Handbook of Norse Mythology. USA 2001, ISBN 1-57607-217-7, Stichwort: Mimir. Lindow aber nur unter der Voraussetzung, dass Mimameidr = Yggdrasil. vertreten diese Gleichsetzung auch für die Wendung in holti Hoddmímis ‚im Wald des Goldmimir‘,Prosa-Edda: Gylfaginning 53. Altnordisch hodd heißt ‚Gold, Schatz‘: Gerhard Köbler: Altnordisches Wörterbuch. 2. Auflage. 2003, Stichwort: hodd. womit das Gehölz gemeint ist, in dem sich die zwei Menschen verstecken, die zusammen mit überlebenden Göttersöhnen nach den Ragnarök an einem neuen Weltzeitalter teilhaben werden.Lieder-Edda: Vafþrúðnismál 45 [= Simrock 45], Prosa-Edda: Gylfaginning 53 [= Simrock 53].

Neben Mimirs Brunnen entspringen in der nordischen Mythologie unter Yggdrasil noch der Urdbrunnen und Hvergelmir. Im (indogermanischen) Ursprung waren zumindest die Brunnen von Mimir und der Urd wohl dieselbe Quelle, die wegen verschiedener Mythen auch unterschiedliche Namen erhielt. Sowohl Mimir als auch Urd stehen im Zusammenhang mit Schicksal und Weissagung.Derolez 1959, S. 271. – Åke Viktor Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. Kohlhammer, Stuttgart 1975, ISBN 3-17-001157-X, S. 254.

Walvaters Pfand Der Mythos von Walvaters Pfand erklärt in einem mythischen Bild, wie Odin durch den Verlust eines Auges, das ihm äußerliches Sehen ermöglicht, das innere Sehen erlangt, die Gabe des Hellsehens oder der Weissagung. Das Motiv Selbstopfer für Weisheit findet sich bei Odin noch ein weiteres Mal. Neun Nächte hängt er sich an Yggdrasil, um durch Todesqualen an das geheime Wissen der Runen zu gelangen.Lieder-Edda: Hávamál, 138 f. [= Simrock 139 f.]

Mimirs Haupt mini|alt=Die schwarz-weiße Illustration zeigt den nackten kopflosen Leichnam eines Mannes am Rande eines Gewässers und im Hintergrund einen bärtigen Mann mit Speer oder Stab in der Hand, der die Leiche betrachtet.|Odin findet Mimirs enthaupteten Körper (Illustration von Georg Pauli, 1913) Immer noch unerklärt bleibt in weiten Teilen die Überlieferung zu Mimirs Haupt. Den wichtigsten Streitpunkt der Forschung bildet dabei die Frage, ob in den Mythen von Walvaters Pfand und Mimirs Haupt von ein und derselben Person die Rede ist. Die nordischen Texte weichen nämlich in der Namensschreibung bei beiden Mythen voneinander ab. Ist die Rede von Walvaters Pfand, wird Mímir geschrieben. Geht es um Mimirs Haupt, heißt es stets „Míms hǫfuð“, also hier eigentlich Mimr ohne zweites „i“. In den nordischen Texten lässt sich sogar eine dritte Namensform Mimirs aus dem Baumnamen Mimameidr erschließen, dort heißt es: Baum des Mimi ohne abschließendes „r“.