mini|300px|Das Großsteingrab Borger (D27) besitzt die längste Grabkammer aller megalithischen Anlagen in den Niederlanden. Es ist außerdem das erste, in dem eine dokumentierte Ausgrabung stattfand.

Die Steinanlagen der Megalithik in den heutigen Niederlanden wurden in der Jungsteinzeit angelegt. Man findet sie heute fast ausschließlich in der nordöstlichen, ländlichen Provinz Drenthe. Aus den Niederlanden sind nur Grabanlagen bekannt. Diese Großsteingräber () wurden zwischen 3470 und 3250 v. Chr.Anna L. Brindley: The typochronology of TRB West Group pottery. In: Palaeohistoria. Band 28, 1986, S. 93–132 (Online). Jahreszahlen korrigiert nach Moritz Mennenga: Zwischen Elbe und Ems. Die Siedlungen der Trichterbecherkultur in Nordwestdeutschland (= Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung. Band 13). Habelt, Bonn 2017, ISBN 978-3-7749-4118-2, S. 93 (Online). von Angehörigen der Westgruppe der Trichterbecherkultur (TBK) errichtet. Bis etwa 2760 v. Chr. wurden sie im ursprünglichen Sinne genutzt. Eine Nachnutzung der Anlagen erfolgte nach dem Ende der Trichterbecherkultur im Spätneolithikum durch die Einzelgrabkultur und die Glockenbecherkultur, während der darauf folgenden Frühen Bronzezeit und in geringem Umfang noch bis ins Mittelalter.

Von den ursprünglich wohl über 100 Großsteingräbern der Niederlande sind heute noch 54 erhalten. Von diesen liegen 52 in der Provinz Drenthe. Zwei weitere liegen in der Provinz Groningen, davon wurde eines in ein Museum umgesetzt. Hinzu kommt eine Anlage in der Provinz Utrecht, deren Einordnung als Großsteingrab unsicher ist. Zerstörte Großsteingräber sind zudem aus der Provinz Overijssel bekannt. Die Mehrzahl der erhaltenen Gräber konzentriert sich auf dem Höhenzug Hondsrug zwischen den Städten Groningen und Emmen (Drenthe).

Die Gräber erweckten bereits früh das Interesse von Forschern. Die erste Abhandlung wurde 1547 publiziert. Große Verbreitung fand ein 1660 veröffentlichtes Buch von Johan Picardt, der die Gräber für Bauten von Riesen hielt. Titia Brongersma führte 1685 die erste bekannte Ausgrabung an einem niederländischen Großsteingrab durch. 1734 wurde ein erstes Gesetz zum Schutz der Gräber erlassen; diesem folgten im 18. und 19. Jahrhundert weitere. Leonhardt Johannes Friedrich Janssen legte 1846 erstmals ein annähernd vollständiges Verzeichnis der Gräber vor. William Collings Lukis und Henry Dryden fertigten 1878 von zahlreichen Gräbern die bis dahin genauesten Pläne an. mini|Rekonstruiertes Hünengrab im Hünengrabmuseum Borger Die moderne archäologische Erforschung der Großsteingräber wurde 1912 durch Jan Hendrik Holwerda eingeleitet, der zwei Anlagen vollständig ausgrub. Kurz darauf begann Albert Egges van Giffen mit weiteren Forschungen. Er vermaß sämtliche Anlagen, führte zahlreiche weitere Grabungen durch und ließ bis in die 1950er Jahre fast alle Gräber restaurieren. Van Giffen entwickelte für die Großsteingräber auch ein bis heute verwendetes Nummerierungssystem ein: ein Großbuchstabe steht für die Provinz, dazu kommt eine von Norden nach Süden aufsteigende Nummer (sowie ein Kleinbuchstabe bei zerstörten Anlagen). In Borger (Drenthe) steht das nationale Hünengrabmuseum (niederländisch Hunebedcentrum) über die Menschen der Megalithkultur.

Die Kammern der Gräber wurden aus Granit-Findlingen erbaut, die während der Eiszeit in den Niederlanden abgelagert wurden. Die Lücken zwischen den Steinen wurden mit Trockenmauerwerk aus kleinen Steinplatten verfüllt. Anschließend wurden die Kammern mit Erde überhügelt. Einige der Hügelschüttungen weisen zudem eine steinerne Umfassung auf. Abhängig davon, ob der Zugang zur Kammer an einer Schmal- oder einer Langseite liegt, werden die Gräber als Dolmen oder Ganggräber bezeichnet. Fast alle Anlagen in den Niederlanden sind Ganggräber, nur bei einer handelt es sich um einen Dolmen. Die Gräber ähneln einander in ihrem Grundaufbau, variieren aber in ihrer Größe sehr stark. Die Kammerlänge reicht von 2,5 m bis zu 20 m. Kleine Kammern wurden in allen Errichtungsphasen gebaut, größere traten erst in späteren Phasen hinzu.

Aufgrund ungünstiger Erhaltungsbedingungen konnten aus den Gräbern nur geringe Reste menschlicher Knochen geborgen werden. Hauptsächlich handelt es sich hierbei um Leichenbrand. Zum Sterbealter und zum Geschlecht der Toten sind nur sehr begrenzte Aussagen möglich.

Sehr reichhaltig sind hingegen die Beigaben. In einigen Gräbern wurden tausende von Keramikscherben gefunden, die sich häufig zu hunderten Gefäßen rekonstruieren ließen. Weitere Beigaben waren Steingeräte, Schmuck in Form von Perlen und Anhängern, Tierknochen und in seltenen Fällen Gegenstände aus Bronze. Das reiche Formen- und Verzierungsspektrum der Gefäße erlaubte die Unterscheidung mehrerer typologischer Stufen, die Rückschlüsse auf die Bau- und Nutzungsgeschichte der Gräber zulassen.

Forschungsgeschichte Frühe Forschungen (16.–18. Jahrhundert) Die moderne Beschäftigung mit den niederländischen Großsteingräbern begann 1547 mit Anthonius Schonhovius Batavus (Antony van Schoonhove), Kanoniker der Sint-Donaaskathedraal in Brügge. Er bezog sich in einem Manuskript auf eine Textpassage in der Germania des Tacitus, in der „Säulen des Herakles“ im Land der Friesen erwähnt werden. Schonhovius setzte diese mit einem der Gräber bei Rolde gleich und vermengte den Text des Tacitus mit lokalen Sagen. Er nahm an, dass das Baumaterial von Dämonen herbeigeschafft wurde, die unter dem Namen Herakles verehrt wurden. Weiterhin hielt er die Gräber für Altäre, auf denen Menschenopfer durchgeführt wurden. Sein Text wurde in den folgenden Jahrzehnten von zahlreichen weiteren Gelehrten aufgegriffen und die Säulen des Herakles bzw. die „Duvels Kut“ („Teufelsfotze“, ein weiterer Name, der laut Schonhovius für das Grab bei Rolde verwendet wurde), wurden zwischen 1568 und 1636 auf mehreren Landkarten verzeichnet.Jan Albert Bakker: Megalithic Research in the Netherlands, 1547–1911. 2010, S. 36–38.

mini|Illustration der Vorstellung Picardts, die Großsteingräber seien von Riesen erbaut worden Es dauerte noch über hundert Jahre, bis jemand über die niederländischen Großsteingräber schrieb, der sie auch persönlich in Augenschein genommen hatte. Der aus Bentheim stammende Johan Picardt war unter anderem in Rolde und Coevorden als Pastor tätig und verantwortete zudem die Moorkolonisierung im Grenzgebiet zwischen Bentheim und Drenthe. 1660 veröffentlichte er ein dreiteiliges Werk über die Altertümer der Niederlande und im Besonderen der Provinz Drenthe und der Stadt Coevorden.Johan Picard: Korte Beschryvinge Van eenige Vergetene en Verborgene Antiquiteten Der Provintien en Landen Gelegen tusschen de Noord-Zee, de Yssel, Emse en Lippe. Goedesbergh, Amsterdam 1660 (Online). Picardts Ansichten waren stark von biblischen Geschichten beeinflusst. So vertrat er die Hypothese, dass die Großsteingräber von Riesen gebaut worden seien, die aus dem Heiligen Land über Skandinavien schließlich nach Drenthe eingewandert seien. Diese Ansicht fand nicht zuletzt durch eindrückliche Illustrationen in Picardts Buch große Verbreitung. Zugleich gab es aber auch schon vor und während Picards Lebzeiten andere (vor allem deutsche) Forscher, die diese Idee ablehnten und die Errichtung der Gräber gewöhnlichen Menschen zuschrieben.Jan Albert Bakker: Megalithic Research in the Netherlands, 1547–1911. 2010, S. 41, 44–48. Weiterhin lieferte Picardt erstmals ausführliche Beschreibungen vom Aufbau der Gräber und erwähnte zudem Keramikgefäße als Beigaben.Jan Albert Bakker: Megalithic Research in the Netherlands, 1547–1911. 2010, S. 49–50.

Auch der Jurist und Historiker Simon van Leeuwen besuchte einige Jahre nach Picardt die Großsteingräber der Provinz Drenthe und widmete ihnen einen Abschnitt in seinem 1685 posthum erschienenen Werk Batavia Illustrata.Simon van Leeuwen: Batavia Illustrata, Ofte Verhandelinge vanden Oorspronk, Voortgank, Zeden, Eere, Staat en Godtsdienst van Oud Batavien, Mitsgarders Van den Adel en Regeringe van Hollandt / Ten deele uyt W. Van Gouthoven, en andere Schryvers, maar wel voornamentlijk uyt een menigte van oude Schriften en Authentijque Stukken en Bewijsen, Te samen gesteldt door de Heer Simon van Leeuwen, In sijn leven Substituyt Griffier vanden Hogen Rade van Hollandt, Zeelandt, en Westvrieslandt. Veely, ’s-Gravenhage 1685. Auch van Leeuwen hielt Riesen als Erbauer für denkbar, dachte dabei aber eher an hochgewachsene Kimbern und Kelten.Jan Albert Bakker: Megalithic Research in the Netherlands, 1547–1911. 2010, S. 51–52.

mini|Darstellung der Ausgrabung des Großsteingrabes bei Borger durch Titia Brongersma in Ludolph Smids Schatkamer der Nederlandse oudheden (1711) Die aus Dokkum stammende Dichterin Titia Brongersma führte 1685 die erste bekannte Ausgrabung an einem Großsteingrab in den Niederlanden durch. Gemeinsam mit ihrem Cousin Jan Laurens Lentinck, dem Schultheiß von Borger, organisierte sie die Untersuchung des Großsteingrabs Borger (D27). Brongersma selbst veröffentlichte hierüber nur zwei Gedichte, aus denen hervorgeht, dass sie das Grab für einen Tempel hielt, welcher der Natur gewidmet war. Sie tauschte sich hierüber aber intensiv mit ihrem Freund, dem aus Groningen stammenden Arzt und Dichter Ludolph Smids, aus. Smids verfasste zunächst seinerseits ein Gedicht über die Grabung. In seinem Werk Poëzije veröffentlichte er 1694 diese Gedichte und fügte zudem eine nähere Beschreibung der Funde und Befunde aus dem Grab hinzu. Smids Publikation der Grabung in Borger sowie sein Briefwechsel mit Christian Schlegel führten dazu, dass die Vorstellung von Riesen als Erbauer der Großsteingräber nun zunehmend abgelehnt wurde.Jan Albert Bakker: Megalithic Research in the Netherlands, 1547–1911. 2010, S. 54–56. Smids selbst revidierte seine Ansichten aber nach seiner Konversion vom Katholizismus zum Calvinismus wieder und griff in seinem 1711 erschienenen Werk Schatkamer der Nederlandse oudheden erneut die Ansichten Picardts auf.Jan Albert Bakker: Megalithic Research in the Netherlands, 1547–1911. 2010, S. 59–60.

1706 führten Johannes Hofstede und Abraham Rudolph Kymmel eine weitere Ausgrabung an einem Großsteingrab in Rolde (D17) durch. Hofstede beschrieb in seinem Bericht erstmals die verschiedenen Schichten innerhalb der Anlage sowie die stratigraphische Lage der gefundenen Keramik. Unglücklicherweise hatte der Bericht keinerlei Einfluss auf Hofstedes Zeitgenossen, da er erst 1848 publiziert wurde.Petrus Speckman van der Scheer: In: Kronijk van het Historisch Gezelschap te Utrecht. Band 4, 1848, S. 190–192 (Online).Jan Albert Bakker: Megalithic Research in the Netherlands, 1547–1911. 2010, S. 57, 59.

In den 1730er Jahren entstanden in großen Teilen der Niederlande und Nordwestdeutschlands neue Deiche, da die alten auf Holzkonstruktionen basierten, die durch eingeschleppte Schiffsbohrwürmer zerfressen worden waren. Die neuen Deiche bestanden aus steingedeckten Erdhügeln, weswegen Findlinge jetzt zu einem gefragten Baumaterial wurden. Die völlig unregulierte Suche nach Findlingen führte auch dazu, dass Grenzsteine entfernt wurden. Dies veranlasste die Regierung von Drenthe am 21. Juli 1734 eine Resolution zu erlassen, die solche Handlungen verbot. Gleichzeitig wurden mit dieser Resolution die Großsteingräber unter Schutz gestellt. Nach zwei königlichen Erlässen in Dänemark (1620) und Schweden (1630) war dies europaweit das dritte Gesetz zum Schutz von Altertümern.Jan Albert Bakker: Megalithic Research in the Netherlands, 1547–1911. 2010, S. 60, 62–63.