Als pronominale Anrede bezeichnet man die Anrede von Personen mit einem Pronomen, z. B. du, ihr, Sie. Die Wahl des jeweils angemessenen Pronomens wird durch gesellschaftliche Normen bestimmt, die dem stetigen Wandel von Gesellschaft und Sprache ausgesetzt sind. In vielen Sprachen wird die zweite oder dritte Person Singular oder Plural des Personalpronomens bei der direkten Anrede eingesetzt, teilweise ein Possessivpronomen, oder es wird eine pronomenfreie Konstruktion gewählt. Die pronominale Anredeform unterscheidet sich je nach Land und Volk, nach Sprache und Gesellschaftsgruppe, nach dem Verhältnis des Ansprechenden zum Angesprochenen und nach der jeweiligen Situation.

Deutscher Sprachraum

Geschichtliche Entwicklung Mittelalter (800 bis 1500) Für die Zeit vor dem 9. Jahrhundert hat man mangels geeigneter deutschsprachiger schriftlicher Zeugnisse keine verwertbare Information. Das wohl früheste Zeugnis für die Verwendung der Anredeform „Ihr“ anstelle von „du“ ist eine Textstelle aus dem Jahr 865 bei Otfrid von Weißenburg, der diese Form gegenüber dem Bischof von Konstanz verwendet.Werner Besch: Duzen, Siezen, Titulieren: zur Anrede im Deutschen heute und gestern. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998. In Analogie zu anderen alten Sprachen kann man vermuten, dass in früheren Zeiten nur die direkte Anrede mittels der 2. Person Singular benutzt wurde, je nach Gegebenheiten ergänzt durch ehrbezeugende Ergänzungen. Der Übergang zur 2. Person Plural gegenüber fürstlichen und andere hohen Würdenträgern entwickelte sich wohl in der Spätantike, vielleicht angeregt durch den Usus spätrömischer Kaiser, die den Pluralis Majestatis für ihre Verkundbarungen nutzten und in der Folge auch so angesprochen wurden, da es in der römischen Tetrarchie seit dem Jahr 293 tatsächlich je einen Senior- und einen Juniorkaiser für beide Reichshälften gab. Die Päpste – wohl seit Gregor I. – übernahmen diese Anredeweise. In der Soziolinguistik wird die Unterscheidung zwischen dem „Solidaritätspronomen“, das sich in vielen europäischen Sprachen aus dem lateinischen tu (2. Person Singular) ableitet, und dem „Machtpronomen“, das der Pluralform vos entstammt, als T-V distinction bezeichnet. Im germanischen Sprachbereich setzt diese Unterscheidung etwa im 11. Jahrhundert ein.Roger Brown, Albert Gilman: The pronouns of power and solidarity. In: T. A. Sebeok: Style in Language. MIT Press, Cambridge MA 1960, S. 253–276.

Ehrende Attribute, die der „du“- oder „Ihr“-Anrede im Deutschen beigefügt wurden, entstanden etwa in der Form „Mein Herr“ oder in ähnlichen Ehr- oder Unterwürfigkeitsbezeugungen. Auch der mittelalterliche Adel sprach sich untereinander wohl zunehmend mit „Ihr“ an. Das gemeine Volk wurde hingegen von Adeligen und vom Klerus geduzt. Innerhalb der einfachen Land- und auch Stadtbevölkerung wurde wohl bis etwa zum Ende des Mittelalters generell jeder Einheimische oder Fremde geduzt, der keine besondere Stellung innehatte oder nicht als Besonderer erkannt wurde. Auf dem Lande und speziell in Berggebieten hielt es sich noch wesentlich länger und es findet sich in Resten noch heute, so in gewissen alpinen Regionen.

Mehr oder weniger authentische Kurzreden aus dem höfischen Umfeld des Hochmittelalters können wir Wolfram von Eschenbachs Parzival-Epos entnehmen. Zwar spielt die Geschichte inhaltlich in Britannien um 500 n. Chr., aber der mittelhochdeutsch schreibende Autor hat in seinem um 1200 entstandenen Epos wohl die damals üblichen Anredeweisen eingesetzt. So erkennt man beim Lesen, dass sich Ritter untereinander mit Ihr ansprachen. Die Anrede des Königs zum Knappen Gâwân im folgenden Dreizeiler ist aber erwartungsgemäß in der „du“-Form, die Anrede des Knappen an den König wieder in der „Ihr“-Form, ergänzt durch ein ehrerbietendes „Herr“. Die Zeilen stammen aus Buch XIII, Abschnitt 650, Zeile 19–21:

Hin zem knappen sprach er dô‚ nu sage mir, ist Gâwân vrô?‘ ‚jâ, hêrre, ob ir wellet‘ …

(Hin zum Knappen sprach er da nun sage mir, geht’s Gâwân gut? ja Herr, so Ihr wollet …)

Neuzeit (1500 bis 1800) Wohl etwa ab der frühen Neuzeit kamen die vom Hofstaat gepflegten Umgangsformen mit der Höflichkeitsform Ihr im Stadtbürgertum und gegenüber Respektpersonen auf. Kaufleute, Adlige und Geistliche ihrzten sich untereinander, auch Ehemänner wurden von den Frauen geihrzt, die Kinder, sobald sie einen bestimmten Status erreicht hatten. Niederrangige, etwa Kinder, Knechte und Untergebene, aber auch Ehefrauen und Juden, wurden geduzt.

Die ab dem Spätmittelalter übliche indirekte Anrede für Herrscher und Herren (Der Herr hat) verselbstständigte sich im frühen 17. Jahrhundert durch Ellipse des der Herr zu einer eigenständigen Anredeform als Ehrbezeugung, das Erzen. Im Roman Insel Felsenburg wird der Herr über die Insel geerzt und antwortet mit „Ihr“.

Auch Gleichrangige sprachen sich mitunter als Zeichen der Hochachtung in der dritten Person an:

Für einen Briefwechsel zwischen Vater und Sohn wurde 1730 folgende Formulierungen empfohlen:

Das Ihr wurde dadurch zur mittleren Stufe der Höflichkeitsform zwischen Du und Er. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich durch das Setzen der dritten Person in den Plural (Euer Majestät haben statt Euer Majestät hat) und der Ellipse des Euer Gnaden das heute noch verwendete Siezen, zunächst nur für Herrscher.

Dieses komplexe System der Anrede, das für Briefe und den Kanzleistil bestimmend war, wurde in der mündlichen Rede nur von der Oberschicht (Adel, Klerus und Bürgertum) praktiziert, Bauern und Handwerker verblieben in der mittelalterlichen Du-/Ihr-Dichotomie. Aber auch erstere wechselten die Höflichkeitsstufe nach Kontext, in der Literatur markiert ein solcher Wechsel, vor allem von Er/Sie nach Ihr oder (etwa bei Verheirateten) Du, häufig Verärgerung oder Erregung.

Als allgemeine Anrede setzte sich ab etwa 1730 das Siezen durch. Nachdem die Aufklärung auch allmählich breite Bevölkerungsschichten tangiert hatte, wurden ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in vornehmerer (und zugleich meist gebildeterer) Umgebung auch sozial niedriger Gestellte, z. B. Bedienstete und Handwerker, gemeinhin mit Ihr angesprochen. Das Erzen wurde zur Anrede für vertraute Untergebene und Handwerksmeister. Aber auch Höhergestellten redeten Niedergestellte mit Er statt mit Sie an.

Für die vornehme und amtliche Anrede im schriftlichen Verkehr gab es bestimmte Floskeln, die standardisiert waren, ähnlich dem heutigen „Sehr geehrte Damen und Herren“. So schrieb Friedrich Schiller 1794 als ein bereits bekannter Dichter und Professor für Philosophie aus Jena an den (ranghöheren) Johann Wolfgang von Goethe:

„Hochwohlgeborner Herr, Hochzuverehrender Herr Geheimer Rath!“ und schloss mit den Worten „Euer Hochwohlgeboren, gehorsamster Diener und aufrichtigster Verehrer, Jena 13. Juni 1794, F. Schiller“,

während der Geheime Rat Goethe einige Tage später aus Weimar seinen Antwortbrief begann mit:

„Ew. Wohlgeboren“ und ihn enden ließ mit „Weimar 24. Juni 1794, Goethe“

Das über mehrere Jahrhunderte in Anreden übliche „Ew.“ ist zu lesen als „Euer“ und ist die Abkürzung des frühneuhochdeutschen Wortes „ewer“, welches sich wiederum vom mittelhochdeutschen „uiwer“ herleitet. Neben den formalistisch anmutenden Anreden und Ausdrucksweisen fällt auch auf, dass in den beiden Anreden kein Name genannt wird und in der Antwort Goethes auch nicht einmal das Wort „Herr“ vorkommt. Während die Anrede über „Ew.“ in der 2. Person Plural verfasst ist, ist die pronominale Anrede im Brieftext selber in beiden Fällen in der 3. Person Plural verfasst. Somit wurden in diesem Briefwechsel zweier angesehener Herren Ende des 18. Jahrhunderts zwei verschiedene Anredeformen, das Ihrzen und das Siezen, gemischt.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde Ihr und Er fast vollständig durch das Sie verdrängt, in der dritten Person Singular wurden nun nur noch die geringsten Bediensteten angesprochen, in der zweiten Person Singular selten noch gute Bekannte. Nur in einigen ländlichen Gebieten wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Fremde noch geihrzt, untereinander wurde geduzt.

Moderne Zeit (1800 bis um 2000) mini|Postkarte von 1901 Beim Übergang der ständischen Gesellschaft in eine bürgerliche um 1800 wurden das Siezen und die Anrede Herr, Frau und Fräulein für alle Bürger üblich, die hiermit in gewissem Sinne ständische Gepflogenheiten nachahmten, jedoch verblieb auf dem Land vielerorts das Ihrzen oder gar Duzen, teilweise bis in die heutige Zeit. Das Ihrzen der eigenen Eltern beobachtete man noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts, gegenüber entfernteren Verwandten teilweise noch länger.

Der insgesamt aber doch breite Übergang vom Ihr zum Sie signalisierte das Bestreben nach einer gewissen Angleichung an die Etikette der Adligen, vielleicht teilweise auch eine Abgrenzung der Stadt- zur Landbevölkerung, wo diese Prozesse deutlich zeitverzögert Einzug hielten. Dass sich das Siezen aber doch aus der städtischen Gesellschaft auf das gesamte Land ausbreitete, hing wohl mit der zentral von den Städten ausgehenden Verwaltung zusammen, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dann auch mit der starken Besiedlung ländlicher Gebiete durch aus der Stadt ins Umland ziehende Bewohner.

Unter Studenten galt noch länger das „Duzcomment“ (Du-Comment), d. h. die Übereinkunft, dass sich alle duzten. Dieser Usus ging in Deutschland während des 19. Jahrhunderts stark zurück und fand sich Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch in Resten, so an der Universität Dorpat (heute Tartu, Estland). Innerhalb einer Studentenverbindung hielten die Mitglieder zwar den lebenslang geltenden Duz-Comment weiterhin untereinander ein, hatten aber nach außen hin (auch zu Mitgliedern anderer Verbindungen) das Siezen zu verwenden. In der Schweiz blieb das Duzen unter allen Studenten stets weitgehend erhalten. Ungefähr ab 1970 (je nach Universität etwas unterschiedlich) ist es jedoch auch in Deutschland (zunächst Westdeutschland) wieder unter allen Studenten üblich geworden, einander direkt zu duzen.

Bei Mitgliedern sozialdemokratischer, sozialistischer und kommunistischer Parteien ist das Duzen üblich, wenngleich gegenüber ehrwürdigen älteren Amtsträgern von Jüngeren oft doch nicht spontan überall angewandt. Ehemals verbannten sie nicht nur das Siezen, sondern ersetzten auch die für sie feudalherrschaftlich klingenden Titel Herr, Frau und Fräulein durch die Anrede Genosse und Genossin. Sekundär wurden dann aber zur Re-Etablierung von auch in der Anrede erkennbaren Hierarchien Funktionstitel angefügt: Genosse General, Genosse Generalsekretär, Genossen Minister usw.

In der Zeit des Nationalsozialismus und auch in der Zeit davor und danach war das allgemeine Siezen, außer auf dem Lande, die übliche Anredeform sowohl innerhalb der Regierung als auch in der Gesellschaft. Auch junge Menschen getrennten Geschlechtes sprachen sich mündlich oder brieflich in der Kennenlernphase oft längere Zeit mit Sie an, z. B. in der Form „Darf ich mit Ihnen am Sonntag ausgehen, (Fräulein) Martha?“. Eine mögliche kurze briefliche Antwort konnte gelautet haben „Werter Friedrich, leider ist es mir nicht möglich, mich mit Ihnen zu treffen …“. In gehobener Gesellschaft wurde sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz das Hauspersonal öfters mit dem Hamburger Sie (Anrede mit „Sie“ und dem Vornamen) angesprochen. Über die Kinder des herrschaftlichen Hausherrn hatten die Bediensteten teilweise in der Form „der junge Herr“ bzw. „das Fräulein“ zu sprechen, konnten die Kinder selber aber duzen, solange sie jung waren.Die Beispiele beziehen sich auf schriftliche Zeugnisse und mitgeteilte persönliche Erinnerungen aus der Region Basel/Schweiz um 1940. Allerdings gab es verschiedene Varianten von Gepflogenheiten.