mini|Erklärvideo: Wie entstehen Verstopfungen? (Dauer: 71 Sek.) Als Obstipation oder Verstopfung, auch Stuhlverstopfung, wird eine erschwerte und unvollständige Darmentleerung mit verminderter Häufigkeit bezeichnet. Der Begriff Konstipation wird meist gleichbedeutend verwendet. Das Krankheitsbild ist in der Humanmedizin wie in der Tiermedizin gleichermaßen von Bedeutung. In diesem Artikel soll die Obstipation beim Menschen behandelt werden. Etwa 20 % der Bewohner Deutschlands leiden zumindest gelegentlich unter Verstopfung, davon etwa 75 % Frauen.J. F. Erckenbrecht: Epidemiologie der Obstipation. In: Zeitschrift für Gastroenterologie, Supplement 1, 2000, S. 3–5. Im Alter betrifft eine Verstopfung ca. 26 % der Männer über 84 Jahren und 34 % der Frauen.D. Harari: Constipation. In: Hazzards Geriatric Medicin. 6. Auflage. 2009, Kapitel 93.
Wortherkunft Das Wort Obstipation,Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. Begründet von Willibald Pschyrembel. Bearbeitet von der Wörterbuchredaktion des Verlags. 255. Auflage. De Gruyter, Berlin 1986, ISBN 978-3-11-018534-8, S. 1195 (Obstipation, von lateinisch stipare „stopfen“; synonym mit Konstipation und Obstructio alvi; Stuhlverstopfung, verzögerte Kotentleerung). lateinisch obstipatio („Gedrängtsein“, „Aufhäufung“), kommt von lateinisch , „zu (… hin)“, „wegen“, „entgegen“, und (wie Konstipation, lateinisch constipatio „Gedränge“, von constipare „zusammendrängen“Edwin Habel: Mittellateinisches Glossar. 2. Auflage. Mit einer Einführung von Heinz-Dieter Heimann hrsg. von Friedrich Göbel. Paderborn 1989, Sp. 82 (= Uni-Taschenbücher. Band 1551).) von „zusammendrängen“, „gedrängt vollstopfen“, „zusammenpressen“, „zusammenhäufen“, „drängen“.Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Auflage (neubearbeitet von Johann Baptist Hofmann). 2 Bände. Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung, Heidelberg 1938–1954 (= Indogermanische Bibliothek. Erste Abteilung, II. Reihe, 1), ergänzt um einen Registerband von Elsbeth Berger, 1956; Neudrucke ebenda. Band 2 (M–Z), S. 192–193 und 593.Edwin Habel: Mittellateinisches Glossar. (2. Auflage 1959) Mit einer Einführung von Heinz-Dieter Heimann hrsg. von Friedrich Göbel. Paderborn 1989, Sp. 258 (ob) und 379 (stipare) (= Uni-Taschenbücher, Band 1551).
Historisches Bereits im alten Ägypten und im Mittelalter wurden nachweislich Verdauungsstörungen beschrieben. In medizinischen Schriften aus jenen Zeiten sowie in Literatur und Kunst finden sich zahlreiche Hinweise auf Obstipation.
Normale Funktion der Darmpassage Eine vollständige Verdauung vom Kauen und Schlucken bis zum Stuhlgang unterliegt zeitlich starken Schwankungen und dauert normalerweise acht Stunden bis drei Tage.H. Krammer, C. Kolac, U. Köhler, Stephan C. Bischoff: Tabuthema Obstipation: Welche Rolle spielen Lebensgewohnheiten, Ernährung, Prä- und Probiotika sowie Laxantien. In: Aktuel Ernaehr Med., 34, 2009, S. 38–49. doi:10.1055/s-2008-1067563 Diese sogenannte Transitzeit hängt von verschiedenen Faktoren ab. Neben Veranlagung, Stress und Trinkmenge wird sie auch durch die Aufnahme von Ballaststoffen bestimmt. Dabei bewirkt eine vermehrte Zufuhr von Ballaststoffen eine Verkürzung der Transitzeit.
Die Stuhlentleerung regelt sich dabei über einen Reflex, der jedoch willentlich unterdrückt werden kann. Auslöser für den Defäkationsreflex ist die Füllung des Mastdarms. Erst bei ausreichender Füllung wird der Reflex ausgelöst, die Muskulatur in der Wand des Mastdarms erzeugt eine erhöhte Spannung, der Stuhldrang entsteht und signalisiert, dass eine Darmentleerung angebracht wäre.
Die Menge des abgesetzten Stuhls wird stark durch die Ernährung beeinflusst. Sie schwankt zwischen durchschnittlich 100 g pro 24 Stunden bei ballaststoffarmer Ernährung bis zu 350 g pro 24 Stunden bei Vegetariern.
Formen Akute Obstipation Jede plötzlich einsetzende Störung der Stuhlentleerung muss als akute Obstipation bezeichnet werden. Sie ist immer abklärungsbedürftig. Ursachen für eine akute Obstipation können sein:
Nebenwirkung von Medikamenten (z. B. Opiate) Schmerzen beim Stuhlgang (z. B. bei einer Analfissur) Änderung der Lebensgewohnheiten (z. B. bei einer Reise) Darmverschluss (Ileus)
Der Darmverschluss ist die wichtigste Differentialdiagnose bei der akuten Obstipation, weil es sich dabei um eine Erkrankung handelt, die einer sofortigen Abklärung und Behandlung bedarf. Treten zusätzlich zu den Verstopfungsbeschwerden Symptome wie
Windverhalt heftige Schmerzen angeschwollener Bauch Erbrechen von Kot (Miserere) Schock
auf, können diese Beschwerden auf einen Darmverschluss (Ileus) zurückzuführen sein. Diese Patienten müssen sofort ärztlich betreut werden, bisweilen ist eine sofortige operative Behandlung notwendig.
Die Reiseobstipation ist eine akute funktionelle Obstipation. Es liegen also keine ursächlichen Grunderkrankungen vor. Der Körper ist mit der neuen Situation nicht vertraut und reagiert mit einer vorübergehenden Darmträgheit. Ursachen einer Reiseobstipation können sein:
ungewohnte Nahrungsmittel und Gewürze Flüssigkeitsmangel bedingt durch hohe Temperaturen und trockene Luft Zeitumstellung bei Fernreisen ungewohnter Alltagsablauf
Chronische Obstipation mini|Handlungsschema chronische Obstipation Definition und Häufigkeit Von chronischer Obstipation spricht man, wenn zwei der u.g. Kriterien an mindestens 12 Wochen innerhalb der letzten sechs Monate aufgetreten sind (Rom-IV-Kriterien):
Starkes Pressen bei mind. 25 % der Defäkationen Klumpiger, harter Stuhlgang bei mind. 25 % der Defäkationen Gefühl der unvollständigen Entleerung bei mind. 25 % der Defäkationen Gefühl, dass die Stuhlpassage blockiert ist bei mind. 25 % der Defäkationen Manuelle Hilfe zur Erleichterung der Entleerung bei mind. 25 % der Defäkationen Weniger als drei Entleerungen pro Woche Dabei darf kaum weicher, ungeformter Stuhl (außer mit Abführmitteln) und kein Reizdarmsyndrom vorliegen.
In Europa kann von einer Häufigkeit des Auftretens (Prävalenz) von 15 % der Allgemeinbevölkerung ausgegangen werden. Gruppen mit deutlich erhöhter Prävalenz sind Frauen und ältere Menschen.
Entsprechend ihrer Ursachen wird die chronische Verstopfung in drei Gruppen eingeteilt, die kologene Obstipation, die anorektale Obstipation und die idiopathische Obstipation, bei der keine eindeutige körperliche Ursache gefunden wird.
Diagnostik Die Basisdiagnostik der chronischen Obstipation umfasst eine gründliche Befragung (Anamnese) mit besonderer Beachtung von Begleitsymptomen, Begleiterkrankungen und eventueller Medikamenteneinnahme. Die übliche Menge, Häufigkeit und Konsistenz des Stuhlgangs soll erfragt werden. Dabei dient die Zuhilfenahme der Bristol-Stuhlformen-Skala der Abschätzung der Transitzeit. Die körperliche Untersuchung beinhaltet die Inspektion des Darmausgangs und die Prüfung der Spannung des Schließmuskels mit dem Finger. Dabei soll der Patient auch den Schließmuskel willentlich zukneifen und drücken wie beim Stuhlgang. Wenn der Patient über häufige Bauchschmerzen im Berichtszeitraum klagt, muss an ein Reizdarmsyndrom gedacht werden. Wenn keine Warnsymptome bestehen, ist keine weitere apparative Diagnostik erforderlich.
Kologene Obstipation Die kologene Obstipation ist eine Form der chronischen Verstopfung, die auch unter dem Begriff Slow-transit-Obstipation bekannt ist. Durch mangelnde Beweglichkeit des Darms wird der Darminhalt nur langsam vorwärts bewegt. Da dem Darminhalt ständig Wasser entzogen wird, entsteht harter Stuhl. Die Ausscheidung kann dadurch um bis zu zwei Wochen verzögert sein. Folgende Ursachen kommen in Frage:
Verknüpfungen von faserarmer Kost, geringer Trinkmenge, mangelnder Bewegung und Unterdrückung des Stuhldrangs mit Obstipation sind nicht belegt Bewegungsstörungen des Darms aufgrund von Fehlfunktionen von Nerven und Muskeln Polyneuropathie Passagehindernisse im Darm wie Narben, Verwachsungen Multiple Sklerose Morbus Parkinson Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) Querschnittlähmung Sklerodermie (Erkrankung des Gefäß- und Bindegewebes) muskuläre Störungen und Bindegewebserkrankungen hormonelle Einflüsse, z. B. bei Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) Nebenwirkungen von Medikamenten: Mittel gegen psychische Erkrankungen (Psychopharmaka), Schlafmittel, Beruhigungsmittel, kalziumhaltige Magensäurebinder, Opiate (z. B. Morphin), Eisenpräparate, entwässernde Medikamente (Diuretika), Antihypertensiva, Antiparkinsonmedikamente, Antiepileptika, Anticholinergika (bei Harninkontinenz)
Anorektale Obstipation Die anorektale Obstipation ist eine Form der chronischen Verstopfung, die auf Veränderungen oder Störungen im Bereich des Enddarms und des Afters zurückgeführt wird. Es handelt sich also um Stuhlentleerungsstörungen im engeren Sinn (Störung der Defäkation, Outlet-Obstipation). Zu den Ursachen zählen:
Verengung des Darmausgangs (Analstenose z. B. durch Analkrebs oder Narbenbildung bei wiederkehrender Analfissur) Herausrutschen eines Teils des Mastdarmgewebes aus dem After (Rektumprolaps, Analprolaps) Aussackung des Enddarms (Rektozele) angeborene Verdickung des inneren Schließmuskels (Sphincter internus) gestörte Motorik von Enddarm (Rektum) und After (wie beim M. Hirschsprung) gestörte Koordination der inneren und äußeren Schließmuskeln (Dyschezie)
Funktionelle Obstipation Der Begriff der funktionellen oder idiopathischen Obstipation beschreibt die Situation, dass bei einer chronischen Obstipation keine krankhaften organischen Veränderungen gefunden werden können. Die Definition entspricht ebenso den Rom-IV-Kriterien. Da die Feststellung einer funktionellen Störung immer eine Ausschlussdiagnostik voraussetzt, unterscheiden sich die diagnostischen Maßnahmen nicht von denen der Obstipation bei organischen Ursachen.
Obstipation bei Kindern Die chronische Obstipation bei Kindern ist zu über 90 % funktionell bedingt, organische Ursachen sind selten. Häufig sind es unangenehme Erfahrungen im Zusammenhang mit der Defäkation, die die Kinder dazu bringen, den Stuhlgang zu unterdrücken. Das können schmerzhafte Defäkationen in der Vergangenheit sein oder als unpassend empfundene Rahmenbedingungen (z. B. mangelhafter Zustand von Toiletten in Schulgebäuden). Wird der Darminhalt zu lange zurückgehalten, kommt es zur Bildung harter Stuhlballen. Dazwischen kann sich flüssiger Darminhalt befinden, der sogar aus dem Darmausgang austritt. Oft wird dann fälschlicherweise ein Einkoten als eigenes Problem vermutet. Bei Schwierigkeiten mit der Darmentleerung sollen Kinder an einen gleichmäßigen Tagesrhythmus gewöhnt und zum Toilettengang zu bestimmten Uhrzeiten motiviert werden.
Pseudo-Obstipation Wenn der Darm entleert ist, kann es einige Tage dauern, bis wieder normaler Stuhlgang auftritt. Es handelt sich dabei um einen natürlichen Vorgang und nicht um eine Verstopfung. Die Einnahme eines Abführmittels ist unnötig. Gründe für eine solche Darmentleerung können in einer Ernährungsumstellung, wie bei einer Diät oder einer vorangegangenen Fastenkur, liegen. Andere Gründe sind heftiger Durchfall oder Missbrauch von Abführmitteln, aber auch die vorhergehende Entleerung bei Darmuntersuchungen, wie der Koloskopie
mini|Ein mit Verstopfung Behafteter. Von Franz Xaver Messerschmidt, 1775, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
Gesundheitliche Folgen In der Vergangenheit wurden zahlreiche Folgeerkrankungen der Verstopfung vermutet, die Evidenz für solche Annahmen ist jedoch gering. Insbesondere lässt sich die Annahme, Obstipation sei eine Ursache für folgende Erkrankungen, nicht belegen:
Analfissur Hämorrhoiden Divertikulitis Für diese Erkrankungen gelten bestimmte Aspekte der Obstipation als Ursache jedoch als gesichert: Senkung im Bereich des Beckenbodens bei Frauen (Gebärmutter, Harnblase, Enddarm) Entstehung eines Rektumprolaps Perianalthrombose Entstehung vermeintlicher Stuhlinkontinenz oder Enkopresis bei Kindern
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