mini|Öffentliche Gründungsversammlung der Radgenossenschaft in Bern, 1975 Die Radgenossenschaft der Landstrasse wurde 1975 als Selbstorganisation der Schweizer Minderheit der „Fahrenden“ gegründet. Damit ist sie die älteste der heutigen Selbstorganisationen von Jenischen und Sinti in Europa. Heute definiert sie sich als „Dachorganisation der Jenischen und Sinti, die nationale Minderheiten der Schweiz sind“.Siehe Homepage der Radgenossenschaft, abgerufen am 8. Januar 2017. Sie ist als Dachorganisation der Jenischen und Sinti staatlich anerkannt. Am schweizerischen öffentlichen und rechtlichen Diskurs zu diesen Minderheiten nimmt sie mit gewichtigen und anerkannten Beiträgen teil. Als Teilnehmerin staatlich getragener Beratungen spielt sie eine anerkannte Rolle.
Begegnungszentrum, Campingplatz, Öffentlichkeitsarbeit 2002 eröffnete die Radgenossenschaft ein Begegnungszentrum mit Dokumentationsservice und Museum in Zürich-Altstetten; es ist europaweit das einzige von einer jenischen Selbstorganisation betriebene Zentrum dieser Art. Seit 2016 führt die Radgenossenschaft einen eigenen Campingplatz, der ebenfalls ein Begegnungszentrum und Kulturort für Schweizer Jenische und Sinti ist, auf dem aber auch Angehörige der Mehrheitsgesellschaft und Touristen jeder Herkunft willkommen sind. Der Campingplatz Rania in der Gemeinde Zillis (GR) enthält feste Plätze mit Chalets und Rasenplätze für den Tagesaufenthalt; jährlich wird dort ein jenischer Sommermarkt organisiert. Die Radgenossenschaft ist auch die Hauptorganisatorin der Feckerchilbi, die alle zwei-drei Jahre als Treffen und Fest der jenischen Minderheit ausgerichtet wird. Mit der Vierteljahreszeitchrift Scharotl sowie Publikationen zur jenischen Geschichte und Kultur leistet sie Öffentlichkeitsarbeit und legt zugleich Grundlagen zur Definition des Selbstverständnisses der heutigen Jenischen in der Schweiz.
Geschichte Gründung
Die Radgenossenschaft entstand in der Folge der 1968er-Bewegung. Die Mitgründerin, Geschäftsführerin und Redaktorin des Genossenschaftsblattes Scharotl, Mariella Mehr, erklärt 1982 in einem Interview: „Ich bin ein 68er-Kind“.Rafaela Eulberg: „Sprache ist mein Zuhause“. Interview mit der Romni-Schriftstellerin Mariella Mehr. In: Schlangenbrut, 21 (2003), Nr. 82, S. 21–25, Zitat: S. 21. Der Maler und spätere Präsident Walter Wegmüller nennt in einem Porträt die Radgenossenschaft insgesamt „ein Kind der 68er-Bewegung“.Walter Wegmüller, zitiert bei: Ueli Mäder: 68 – was bleibt. Rotpunktverlag, Zürich 2018, ISBN 978-3-85869-774-5, S. 224.
1972 deckten Schweizer Medien auf, dass zwischen 1926 und dem Beginn der 1970er Jahre um die 600 Kinder aus fahrenden Familien vom Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse zwangsweise ihren Familien fortgenommen und in Heim- und Anstaltserziehung sowie in mehrheitsgesellschaftliche Fremdfamilien umgesetzt worden waren. Im Zuge der gesellschaftlichen und politischen Diskussion des von weiten Teilen der Öffentlichkeit als massive Verletzung grundlegender Menschenrechte aufgenommenen sozialhygienisch motivierten Umerziehungsprogramms entstanden mehrere Selbstorganisationen von Betroffenen. 1973 wurden das Komitee „Pro Tzigania Svizzera“ und der „Jenische Schutzbund“ gegründet, denen 1975 die „Radgenossenschaft der Landstrasse“ folgte.Feature des Schweizer Fernsehens vom 12. Juni 1975 Gründung der Radgenossenschaft mit Hintergrundinformationen zur sozialen Lage der „Jenischen und Zigeuner“ der Schweiz . Die Gründung war getragen von Jenischen, Manusch, Roma und mehrheitsgesellschaftlichen Unterstützern. Die öffentliche Gründungsversammlung im Restaurant „Bierhübeli“ in Bern stand im Zeichen einer Roma-Fahne: grün-blau geteilter Hintergrund mit einem Wagenrad im Zentrum.
Eine wichtige Rolle spielte in der Gründungszeit die jenische Journalistin und Schriftstellerin Mariella Mehr,Mehr versteht sich als Angehörige der weltweiten Roma-Gemeinschaft, sie vollzog die Reduzierung der Radgenossenschaft auf eine Vertretung von Jenischen ausserhalb der Roma-Gemeinschaft nicht mit. Siehe: Rafaela Eulberg: „Sprache ist mein Zuhause“. Interview mit der Romni-Schriftstellerin Mariella Mehr. In: Schlangenbrut, 21 (2003), Nr. 82, S. 21–25. der Maler Walter Wegmüller, „Rom-Kind aus dem Stamm der Kalderasch“, wie Mehr Opfer der behördlichen Kindswegnahmen,Scharotl, 7 (1982), Nr. 16, S. 2. der der Minderheit der „Zigeuner“ nicht angehörende Schriftsteller Sergius Golowin, der Rom und Arzt Ján Cibuľa, später erster Präsident der International Romani Union und zugleich Verwaltungsrat der Radgenossenschaft.
Hippiezeit: Fahrende und Zigeuner Die Radgenossenschaft verstand sich zum Zeitpunkt ihrer Gründung als Gesamtvertretung der schweizerischen „Zigeuner“ bzw. „Fahrenden“, womit sämtliche Gruppen mit soziokulturell oder ethnisch ähnlicher Geschichte gemeinsam gemeint waren. Sie erhob den Anspruch, alle Schweizer „Fahrenden“ zusammenzuführen.. Sie definierte sich in diesem Sinne als „Interessengemeinschaft des Fahrenden Volkes in der Schweiz“. Dazu betonte sie ihre Mitgliedschaft in der International Romani Union, zu deren Gründern die Schweizer Delegierten auf dem 2. Welt-Roma-Kongress in Genf 1978 gehörten, deren Sekretariat entsprechend ihrem Wunsch nach Bern, an den Wohnort des Gründungsaktivisten und Rom Ján Cibuľa kam, und der sie bis heute angehört. Die Radgenossenschaft hatte ein ausgeprägt internationalistisches Selbstverständnis. Die der Zahl nach dort dominierenden Schweizer Jenischen verstanden sich als Teil einer weltweiten Roma-Gemeinschaft.Siehe z. B. den Bericht von Theresa Wyss, Vizepräsidentin der Radgenossenschaft und Teilnehmerin des Genfer Kongresses, in dem sie feststellt: „Trotzdem wir die Sprache Romanesch nicht sprechen können, wurden wir von unseren Rassenkollegen sehr freundlich empfangen. Romanesch beherrschen wir noch nicht, da wir als Kleinkinder von unseren Eltern weggerissen wurden. Damit sich aber in Zukunft alle Stämme untereinander verständigen können, lernen wir Zigeuner in der Schweiz nun nachträglich die Sprache Romanesch.“ Zitiert nach: Narachan. Zeitschrift für Bilder, Texte, Lieder. Genfer Kongress 78. Upre Roma, unpag., Nr. 4, undat. (1979?). mini|Selbstbeschreibung, 1991In den Leitungsorganen der Radgenossenschaft waren als „Fahrende“ Jenische und Roma vertreten. In den ausgehenden 1970er Jahren war ihr Vorsitzender („Präsident“) Walter Wegmüller. Ein Restbestand des ursprünglichen Selbstverständnisses hat sich bei allen grundlegenden Veränderungen bis in die jüngere Zeit in der öffentlichen Meinung erhalten: Noch 2003 wurde die Radgenossenschaft als „der einzige jenische Verband in Europa“, beschrieben, der auch die Interessen der Sinti und Roma vertreten wolle.Helena Kanyar Becker: Klischee und Realität. In: dies. (Hrsg.): Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz. Basel 2003, S. 15–18, hier: S. 17; Feature des Schweizer Fernsehens vom 7. Mai 1998 Zigeunerleben – Zigeunertod über in die Schweiz geflüchtete und ausgelieferte Sinti, deren Entschädigungsansprüche von der Radgenossenschaft vertreten werden, sowie über Schweizer Sinti.
Während Roma, Sinti, Manusch und Jenische unter dem Dach der Radgenossenschaft zusammenkamen, grenzte man sich von anderen „Fahrenden“ ab, gemeint vor allem jene des zirzensischen und Unterhaltungsgewerbes und konzentrierte sich auf die ethnische Gemeinschaft: „Die Zigeuner bilden ein gemischte Gemeinschaft von Sinti, Romani und Jenischen, zusammengeschweisst durch ihr Schicksal, durch Verfolgung und Misstrauen der sesshaften Umwelt.“ Davon zu unterscheiden seien „die übrigen Fahrenden in der Schweiz, Schausteller, Jahrmarkthändler, Chilbi- und Zirkusleute“, weil sie aus „nichtzigeunerischen Familien“ kämen.Nicht jeder Fahrende ist ein Zigeuner. In: Scharotl, 17 (1992), H. 1, S. 21.
Die Radgenossenschaft war eingebettet in eine Bürgerrechtsbewegung gegen die soziale und rechtliche Diskriminierung von „Zigeunern“. In öffentlichen Aktionen machte sie auf die soziale und rechtliche Lage der Minderheit aufmerksam. Zu den bekanntesten von ihr initiierten Ereignissen gehört die Besetzung des Luzerner Lido (des Strandbad-Geländes) durch 67 Wohnwagen im Jahre 1985, die zur Bereitstellung von Wohnwagenplätzen führte.Thomas Huonker, Projekt: Unterwegs zwischen Verfolgung und Anerkennung. Formen und Sichtweisen der Integration und Ausgrenzung von Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz seit 1800 bis heute, siehe: ; Willi Wottreng, Tragbare Kultur, in: Urs Walder, Nomaden in der Schweiz, Zürich 1999, S. 19–38, hier: S. 31.
mini|Neuer Zeitungskopf Scharotl, mit Untertiteln 2016
Neuorientierung zur Minderheitenpolitik 1985, mit dem Abklingen der Achtundsechziger-Strömung, setzten sich in der Radgenossenschaft mehrheitlich ein neues Selbstverständnis und eine neue Aufgabenbestimmung durch, die in einen grundlegenden minderheits- und entschädigungspolitischen Strategiewechsel mündeten. Ein Teil der Funktionsträger und Mitglieder verliess in jener Zeit die Radgenossenschaft. Präsident wurde der Jenische Robert Huber, ein Vertreter des neuen Kurses. 2010 folgte ihm sein Sohn Daniel Huber in diese Funktion.
Nach 1985 konzentrierte die Radgenossenschaft sich auf die Vertretung der Schweizer Jenischen, mit Fokus auf die „fahrenden Jenischen“, und lockerte die bis dahin enge Kooperation mit Organisationen der Roma-Gemeinschaft.Siehe den Schlussbericht zum Projekt „Unterwegs zwischen Verfolgung und Anerkennung. Formen und Sichtweisen der Integration und Ausgrenzung von Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz seit 1800 bis heute“ im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 51, Berichterstatter Thomas Huonker: . In der weiteren Folge erhob die Radgenossenschaft den Anspruch, es handle sich bei der Gruppe der Jenischen, die ein Volk bilden würden, um eine fünfte Ethnie der Schweiz. Sie grenzt sich seither ethnisch ab gegen die Gruppen der Schweizer Roma, wiewohl sie diese z. B. in Entschädigungsfragen weiterhin vertrat. So war im 18-köpfigen Beirat des Schweizer Fonds für bedürftige Opfer des Holocaust als Repräsentant der Opfergruppe der „Fahrenden“ neben dem Präsidenten der International Roma Union auch der jenische Präsident der Radgenossenschaft vertreten.Siehe: Abschlussbericht des Holocaust-Fonds, in: Radgenossenschaft der Landstrasse (Hrsg.), Infobroschüre, o. O. (Zürich) 2008, S. 12 ff.
Die Radgenossenschaft verwirft heute die romantische Aussagen der von den Hippies beeinflussten Gründerzeit zu einer indischen Herkunft der Jenischen und betont deren Zugehörigkeit zum alteuropäischen Kulturkreis. Ihre seit 1975 regelmässig erscheinende Zeitschrift Scharotl (i. e. „Wohnwagen“) formulierte das veränderte Selbstverständnis mit der Unterzeile „Zeitung des jenischen Volkes“, nachdem sie sich bis dahin als „offizielles Genossenschaftsorgan des Fahrenden Volkes der Schweiz“ beschrieb. Der Kurswechsel bringt die Radgenossenschaft in Übereinstimmung mit jenischen Interessenvereinigungen, die im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts gegründet wurden, die sich nie anders verstanden und Jenische stets als Gruppe separater Ethnizität von Roma abgrenzten.Siehe z. B. die Selbstbeschreibungen des „Jenischen Bunds“ oder des Vereins „Schäft qwant“.
Heute erklärt sie, die Jenischen und Sinti zu vertreten und die Roma zu unterstützen. Die Unterzeile beim Vereinsorgan Scharotl lautet – Stand Dezember 2016 – Zeitung der Radgenossenschaft der Landstrasse, Dachorganisation der nationalen Minderheit der Jenischen und Sinti der Schweiz.
Anerkannte Dachorganisation der Jenischen und Sinti der Schweiz Auf der Homepage der Radgenossenschaft heisst es: „Die Radgenossenschaft der Landstrasse ist die Dachorganisation der Jenischen und Sinti, die nationale Minderheiten der Schweiz sind. Sie unterstützt die Interessen aller Roma.“