mini|Martin van Maële, Darstellung der Nekrophilie aus dem Werk La Grande Danse Macabre des Vifs (1905, dt. „Der große Totentanz der Lebenden“) mini|Darstellung von François Bertrand, Vampir von Montparnasse, 1841 wegen Nekrophilie verhaftet Nekrophilie („Leichenliebe“) bezeichnet eine Paraphilie bzw. abweichende Sexualpräferenz, die auf sexuelle Befriedigung mit Hilfe von Leichen gerichtet ist. Nekrophile Handlungen an menschlichen Leichen werden (gemäß § 168 StGB) als Störung der Totenruhe (Leichenschändung) bestraft.Gynäkol. u. Urol., Sexualmed., STD, Sexualmedizin und sexuelle Störungen, Sexualmed. Begriffe, Nekrophilie In: Pschyrembel Online, abgerufen am 24. April 2021.

Es werden folgende Formen von Nekrophilie unterschieden: seltenes psychologisches Störungsbild, Paraphilie, bei der Betroffene den Wunsch haben, sexuelle Handlungen an toten Körpern von Menschen und/oder Tieren durchzuführen eine allgemeine Vorliebe für totes Material und Gegenstände, die mit Toten oder Vergangenem in Zusammenhang stehen (zum Teil auch als Thanatophilie bezeichnet).Nekrophilie In: Lexikon der Psychologie. Spektrum, abgerufen am 21. April 2021.

Für die Weltgesundheitsorganisation zählt Nekrophilie zu den Störungsbildern, bei denen betroffene Personen unter abweichenden sexuellen Impulsen leiden, die unter dem Oberbegriff Paraphilien zusammengefasst werden. Als Psychische Störungen und/oder Verhaltensstörungen werden gemäß ICD-11 (Kodierung 6D3Z) nur noch die Paraphilien betrachtet, bei denen Betroffene sich und/oder andere in Gefahr bringen, verletzen oder töten.Störungen der sexuellen Präferenz (Paraphilien) Charité, Universitätsmedizin Berlin, abgerufen am 26. April 2021.

Im Alten Ägypten soll es gemäß einer Vorschrift verboten gewesen sein, die Leichen junger und gutaussehender Frauen vor dem Beginn der Verwesung an die Einbalsamierer auszuliefern, um damit einem geschlechtlichen Missbrauch weiblicher Leichen vorzubeugen.Tankred Koch: Medizingeschichtliche Aspekte des »Scheintods«. In Tankred Koch: Lebendig begraben. Geschichte und Geschichten vom Scheintod. Edition Leipzig, 1990, ISBN 3-361-00299-0; Neudruck (Lizenzausgabe mit dem Titel Scheintod. Lebendig begraben) Tosa Verlag, Wien 2002, S. 48–68, hier: S. 64–66.

Nekrophilie ist ein neuzeitliches Kunstwort, das sich aus den altgriechischen Wörtern ‚Toter‘, ‚Leiche‘ und ‚Zuneigung‘ ableitet. Der Begründer der Sexualphatologie, Richard von Krafft-Ebing, verwendete den Begriff in seiner Psychopathia Sexualis (1886).Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis. 1886

Nekrophile Verhaltensweisen treten nicht nur bei Menschen, sondern auch bei einigen Tierarten auf und wurden bereits bei Vögeln, Kröten, Echsen und Insekten nachgewiesen.

Davon zu trennen ist Erich Fromms Beschreibung von Nekrophilie als einer Charakterorientierung aus seinem anthropologischen und sozialpsychologischen Werk über Ursachen menschlicher Gewalttätigkeit Anatomie der menschlichen Destruktivität von 1973.

Diagnostik und Therapie Das medizinische Wörterbuch Pschyrembel gibt an, dass Nekrophilie sehr selten und die meisten Betroffenen Männer seien. Eine Behandlung sollte bei subjektivem Leidensdruck und/oder Gefährdung anderer erfolgen.

Diagnostik: Wer gilt als nekrophil? Sogenannte paraphile Störungen wurden bis einschließlich ICD-10 als Störungen der Sexualpräferenz bezeichnet und schlossen bis vor Kurzem auch Sexualpraktiken mit ein, bei denen niemand zu Schaden kam.

Die Voraussetzungen für die Diagnose nach ICD-11 (Klassifikation 6D36) ist das Auftreten atypischer sexueller Erregungsmuster, die mindestens eines der folgenden Merkmale erfüllen:

Leidensdruck, der bei der betroffenen Person durch die Art des atypischen Erregungsmusters ausgelöst wird, vorausgesetzt der Leidensdruck entsteht nicht durch die Befürchtung vor Zurückweisung oder Verurteilung der bevorzugten Praktiken durch andere Personen. Wenn das paraphile Verhalten durch Ausübung entweder die betroffene Person oder seine/ihre Partner ernsthaft in Gefahr bringt, körperlich Schaden zu nehmen oder sogar zu sterben (wie z. B. bei unsachgemäß durchgeführter Atemkontrolle).Paraphilic Disorders ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics (Version 9/2020), abgerufen am 25. April 2021 (englisch).

Darüber hinaus ist es entscheidend, ob Betroffene den Drang als schwer kontrollierbar empfinden und unter Umständen als persönlichkeitsfremd erleben. Wie bei einer Zwangsstörung kann es zu (aggressiven) Zwangsgedanken und Zwangshandlungen kommen, was den Leidensdruck zusätzlich erhöht. Außerdem sollte festgestellt werden, ob das Verhalten zu Beeinträchtigungen im sozialen Umfeld mit Einschränkungen im Arbeits- und Lebensalltag führt.

Klassifikation Der forensische Psychiater Anil Aggrawal hat sich mit der Klassifikation und internen Unterteilung verschiedener Paraphilien befasst und 2009 folgende Unterteilung für Nekrophilie vorgestellt, wobei die Intensität der eigentlichen Störung und der damit einhergehenden Einschränkungen für Betroffene von Stufe I bis Stufe X zunimmt.Anil Aggrawal: Forensic and Medico-legal Aspects of Sexual Crimes and Unusual Sexual Practices. S. 300–303 (englisch).

Kategorie Bezeichnung Merkmale Kategorie I Rollenspieler Erreichen sexueller Befriedigung durch sexuelle Aktivitäten mit Partnerinnen oder Partnern, die bereit sind, Vergewaltigung, Lustmord, Vampirismus und Nekrophilie als sexuelles Rollenspiel zu inszenieren und bereit sind, so zu tun, als seien sie tot. Wird zum Teil auch von Profis angeboten. (nicht strafbar) Kategorie II romantische Nekrophile Hinterbliebene, die großes Interesse daran haben, dem/der Verstorbenen nahe zu sein, indem sie einen Körperteil wie eine Reliquie aufbewahren. An Körpern oder Körperteilen anderer Verstorbener besteht kein Interesse. Bei Störung der Totenruhe ist (in Deutschland) bereits der Versuch strafbar. Kategorie III nekrophile Fantasierer Hingabe an Fantasien, in denen es zu sexuellen Handlungen mit Leichen kommt, ohne jedoch selbst direkten Kontakt zu Leichen herzustellen. Werden durch den Anblick von Leichen erregt und masturbieren ggf. in Anwesenheit einer Leiche. Kategorie IV taktile Nekrophile Das Berühren und Streicheln von Leichen wird (ohne Geschlechtsverkehr durchzuführen) als erregend empfunden und oft von Masturbation begleitet. Der Wunsch Leichen zu lecken, zu berühren oder zu zerlegen wird oft vom Ausüben eines Berufs begleitet, in dem es möglich ist, mit einer Leiche allein zu sein. Kategorie V fetischistische Nekrophile Ein bzw. mehrere Körperteile einer Leiche werden abgetrennt und mitgenommen, um der Person danach als sexueller Fetisch zu dienen, wobei kein Geschlechtsverkehr stattfindet. Besonders beliebt sind Haare, Finger oder Hände, wobei (anders als bei Kat. II) vorher keine persönliche Bindung zum Opfer bestand. Kategorie VI Nekro-Verstümmeler Die sexuelle Erregung wird durch das Verstümmeln, Zerlegen und Zerteilen menschlicher Leichen erreicht. Möglicherweise wird ein Stück des Opfers verzehrt, in allen folgenden Kategorien kann es ebenfalls zu Nekrophagie kommen. Kategorie VII opportunistische Nekrophile Die Gelegenheit, sexuelle Befriedigung mit Leichen zu erleben, wird ausgenutzt, wenn sie sich bietet, und aktiv angestrebt (Berufsprofil incl.). Ohne entsprechende Gelegenheit reichen Betroffenen sexuelle Aktivitäten mit Lebenden aus, und sie planen ihre Taten nicht akribisch vorab. Kategorie VIII reguläre Nekrophile Menschen, die sexuelle Aktivitäten mit Toten bevorzugen, jedoch auch Sex mit Lebenden haben (können), diesen aber nicht als befriedigend empfinden. Nekrophile dieser Kategorie verschaffen sich Zugang zu Beerdigungsinstituten, Krematorien und Friedhöfen, um an Leichen zu gelangen. Kategorie IX tödliche Nekrophile Dieser gefährlichsten Kategorie gehören nekrophile Sadisten, Triebtäter bzw. Lustmörder an. Sie fantasieren oft schon viele Jahre im Vorfeld von einem Mord mit anschließender Nekrophilie und sind bereit zu morden, um durch die Leiche sexuelle Befriedigung zu finden. Viele Täter bevorzugen dabei frische/noch warme Leichen. Diese Personen planen akribisch und sind daher zu Mordserien fähig. Kategorie X exklusive Nekrophile Menschen, die ausschließlich an sexuellen Aktivitäten mit Leichen interessiert sind und sich von lebenden Partnern überhaupt nicht sexuell angezogen fühlen. Anders als bei Kategorie IX leben diese Menschen mitunter, ohne jemals einen Menschen zu töten oder mit einer Leiche intim zu werden. Fachlich wurde die Klassifikation der Kategorie neun bemängelt, da diese davon ausgeht, jeder Mörder, der sich zusätzlich an der Leiche vergeht, habe aus diesem Grund gemordet. Tatsächlich ist ein Teil der sexuell motivierten (Mehrfach-)Täter lediglich von dem sadistischen Wunsch angetrieben, das Opfer zusätzlich zu erniedrigen. Auch die Vermutung, Täter dieser Kategorie würden sich Sexualpartner wünschen, die sie nicht ablehnen können, wurde entkräftet, da zahlreiche Sexualmörder (zum Zeitpunkt der Tat) verheiratet oder in einer festen Beziehung waren. Darüber hinaus verging sich ein Teil der Täter sowohl vor als auch nach dem Mord an dem Opfer.Necrophilia and sexual homicide Autoren: Stein, M. L., Schlesinger, L. B. und Pinizotto, A. J. In: Journal of Forensic Sciences, 2010, Heft 55 (2), S. 443–446 (englisch)

In einer vergleichenden Studie zu den Motivationen von Serienmördern, die ihre Taten im Zusammenhang mit Nekrophilie verübt hatten, konnte festgestellt werden, dass ein zusätzlicher Antrieb vieler Mörder der Verzehr des Fleisches ihrer Opfer im Sinne von Nekrophagie (sexuell motiviertem Kannibalismus) ist. Bei 80 Prozent der untersuchten nekrophilen Täter waren außerdem das Ausüben von Macht und Kontrolle über das Opfer sehr wichtig. Viele der Täter wiesen gleich mehrere Paraphilien auf, überdurchschnittlich oft krankhaften Sadismus, Voyeurismus, Exhibitionismus und/oder übersteigerten Fetischismus (wie beim sogenannten „Shoe Fetish Slayer“). Dabei treten gemeinsam mit Paraphilien auch Zwangsspektrumstörungen überdurchschnittlich häufig auf.Necrophilic and Necrophagic Serial Killers: Understanding Their Motivations through Case Study Analysis (auf Englisch) von Christina Molinari Florida Gulf Coast University, abgerufen am 3. Mai 2021.

Therapeutische Möglichkeiten Die Behandlung von Nekrophilen erfolgt durch Psychotherapie und/oder medikamentös mit libidohemmenden Wirkstoffen. Durch Verhaltenstherapie sollen Betroffene Strategien zur Selbstkontrolle entwickeln.

Um eine Reduktion der Libido zu erreichen, können entweder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, die in erster Linie als Antidepressiva zum Einsatz kommen, verwendet werden, oder Medikamente, die den Testosteronspiegel senken wie Cyproteron oder einen Wirkstoff aus der Gruppe der Antiandrogene. Die Prognose ist eher ungünstig und die Störung nur schwer therapierbar.

Viele Psychiater vertreten die Ansicht, eine Paraphilie könne man nicht heilen, sie könne lediglich kontrolliert werden – allerdings nur, wenn der Betroffene selbst dieses Ziel hat.

Ursprung und Akzeptanz von Paraphilien Es gibt eine Reihe von Paraphilien, die im neuen ICD-11 nicht mehr als krankhaft eingestuft werden. Hierzu zählen im Bereich der sexuellen Neigungen unter anderem Fetischismus und BDSM.

Mögliche Ursprünge Sexualwissenschaftler gehen davon aus, dass sich paraphile Neigungen spätestens in der Pubertät verfestigen und danach nicht mehr veränderbar sind. Diese Präferenzen hat sich also keiner ausgesucht und es gibt weder direkte Auslöser noch Vorerfahrungen, die direkt zur Ausbildung einer derartigen Vorliebe führen. Oft ist das Anknüpfen von zwischenmenschlichen Beziehungen für Betroffene erschwert, da viele einen hohen Leidensdruck und ein geringes Selbstwertgefühl mit sich bringen.