mini|hochkant=1.3|Mose führt das Volk Israel durch das Meer – Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180) mini|hochkant=1.3|David Roberts: Der Auszug der Israeliten aus Ägypten. 1830 Der Auszug aus Ägypten oder der Exodus (), (latinisiert von , „Auszug“) ist die im Buch aufgeschriebene Erzählung von der Rettung der Israeliten aus der Sklaverei des Pharaos Ägyptens. Damit beginnt in der Thora die besondere Geschichte des Volkes Israel mit seinem Gott JHWH, durch die er sich seinem Volk bekannt macht und es zu seinem Bundespartner erwählt. Diese Erzählung ist der zentrale Inhalt der Haggada, die am Sederabend vorgetragen wird.
datiert den Exodus auf 480 Jahre vor Baubeginn des salomonischen Tempels im 4. Regierungsjahr von Salomo.
Archäologische Untersuchungen und das Fehlen historischer Quellen sprechen gegen die Historizität des Auszugs und damit gegen eine tatsächliche historische Grundlage der Auszugsgeschichte. Historische Forschung beurteilt deshalb große Teile der biblischen Exoduserzählung als Legenden, darunter die Zehn Plagen und das Schilfmeerwunder. Belegt in ägyptischen Quellen sind Zwangsarbeit semitischer Nomaden, Apiru genannt, für Bauprojekte der Pharaonen des Neuen Reiches (18. bis 20. Dynastie, etwa 1500–1000 v. Chr.) und gelegentliche Fluchten von Kleingruppen solcher Zwangsarbeiter. Entsprechend kann ein historisches Ereignis als Hintergrund der Entstehung des Auszugs-Mythos nicht ausgeschlossen werden.
Die Exodustradition prägte viele Überlieferungen des Tanach. Griechische und römische Autoren der Antike reagierten darauf zum Teil mit Gegenerzählungen. Sie beeinflusste auch Jesus von Nazaret und seine Darstellung im Neuen Testament (NT). Eine Variante der Auszugsgeschichte wird im Koran in und überliefert.
Biblische Überlieferung Gliederung I Bibelstelle Inhalt Die Befreiung aus Ägypten Die Rettung am Schilfmeer Die Bewahrung und Bewährung in der Wüste Die Geschichte des Auszugs aus Ägypten ist die erste Begebenheit, die im Buch Exodus dargestellt wird. Sie bildet damit den Auftakt für das Thema der Entstehung des Volkes Israel.Rainer Albertz: Exodus 1–18. In: Ders.: Exodus (= Zürcher Bibelkommentare. AT ; 2., 2.2). Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2012, ISBN 978-3-290-17642-6, S. 11. Sie schließt an die Vätergeschichten des Buches Genesis anRainer Albertz: Exodus 1–18. Theologischer Verlag, Zürich 2012, ISBN 978-3-290-17642-6, S. 12. und hat mit Mose ein anderes Subjekt als die vorherigen Bücher. Nachdem im ersten Kapitel die Verbindung zu den vorherigen Vätergeschichten hergestellt wurde, beginnt die Geschichte des Mose in . Im gesamten Mosekomplex, der erst im Buch Deuteronomium endet, ist die Geschichte des Auszugs sowohl die erste als auch die grundlegende Erzählung.
Die Darstellung lässt sich noch feiner gliedern: Nachdem in die Ausgangssituation der Unterdrückung des Volkes nach dessen Anwachsen geschildert wird, folgen in zunächst die Einführung der Figur des Mose und schließlich dessen Berufung zu demjenigen, der Israel aus Ägypten herausführen und damit befreien soll. Er führt entsprechend diesem Auftrag in nicht erfolgreiche Verhandlungen mit dem Pharao, wird anschließend in erneut berufen zu einem neuen, nun gewalttätigen Auftrag. In den anschließenden Kapiteln werden die ersten neun Plagen dargestellt, die JHWH über Ägypten schickt. schildern dann die zehnte Plage mit der damit zusammenhängenden Einsetzung des Passahfestes in .Rainer Albertz: Exodus 1–18. Theologischer Verlag, Zürich 2012, ISBN 978-3-290-17642-6, S. 6–7.
In wird das erste Passahfest geschildert, auf das dann der eigentliche Auszug durch das Schilfmeer in folgt, mit dem der Auszug im engeren Sinne endet. Der Theologe Rainer Albertz zählt die folgende Bewährung Israels in der Wüste und die Bewahrung vor dem Hungertod durch Jahwe ebenfalls dazu.Rainer Albertz: Exodus 1–18. Theologischer Verlag, Zürich 2012, ISBN 978-3-290-17642-6, S. 11 f.
Gliederung II Bibelstelle Inhalt Israels Unterdrückung, Moses Aufbegehren Israels Unterdrückung, Gottes Initiative Israels Auszug aus Ägypten
Der Theologe Wolfgang Oswald sieht im Buch selbst unterschiedliche Gliederungssignale, die drei verschiedene Gliederungen ergeben, die die Darstellung der Autoren nahelegen, die zusammen die obige Tabelle ergeben. Zunächst ist demnach eine chronologische Gliederung grundlegend, die mit den Tod der gesamten alten Generation benennt, inklusive des Todes des bisherigen Pharaos, womit die dann folgende Unterdrückungsgeschichte ermöglicht wird. In stirbt auch der nachfolgende Pharao, vor dem Mose geflüchtet war, sodass seine Rückkehr möglich ist. Das zweite wichtige Datum, das über die Geschichte hinaus verweist, ist in genannt: Hier wird der 15. Tag des ersten Monats des 430. Jahres nach dem Einzug benannt als derjenige, an dem Israel aus Ägypten geführt wird. Auf dieses Datum beziehen sich die folgenden chronologischen innerbiblischen Angaben, sodass hier ein Ende dieses Abschnitts angesetzt werden kann.
Die zweite Gliederung ergibt sich aus topologischen Signalen, die Oswald am Ende und am Anfang der Geschichte entdeckt. In werden mit Pitom und Ramses zwei Städte genannt , an denen die Sklaven arbeiten mussten, Moses Rettung am Nil erfolgt in . Mose wächst heran, mordet und muss daher in nach Midian flüchten; in folgt die Rückkehr nach Ägypten. Diese topologischen Angaben werden erst wieder in Kapitel 15 aufgenommen: Die Wanderung durch die Wüste beginnt in der Wüste Schur in ; daraufhin benennt eine Reihe von Ortsangaben die Route der Wüstenwanderung (Mara in , Elim , die Wüste Sin , Refidim in , der Gottesberg in und die Wüste Sinai).
Die dritte Gliederung findet Oswald in narratologischen Signalen: Die größte Zäsur stellt das Moselied dar, das in einsetzt und damit die vorliegende Darstellung vom Folgenden abtrennt. Es folgt darauf in noch das Mirjamlied, das an das Moselied anschließt und damit die Zäsur, die zuvor stattfand, noch unterstreicht.
Textgenese
Von Julius Wellhausen wurde im 19. Jahrhundert erstmals der Versuch unternommen, die Textgenese des Pentateuch darzustellen. Dieser vertrat seine Drei-Quellen-Theorie, der zufolge das jahwistische Werk aus dem Südreich des 9. Jahrhunderts v. Chr., das elohistische Werk aus dem Nordreich des 8. Jahrhunderts v. Chr. und die Priesterschrift aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. durch verschiedene Redakteure vereinigt und damit zu dem heute vorfindlichen Pentateuch wurden.Rainer Albertz: Exodus 1–18. Theologischer Verlag, Zürich 2012, ISBN 978-3-290-17642-6, S. 19. In Bezug auf die Auszugsgeschichte stellte sich allerdings schon zur Entstehungszeit der Theorie das Problem, dass diese vor allem auf Grundlage des Buches Genesis erstellt wurde und deshalb nur sehr eingeschränkt auf das Buch Exodus anwendbar war.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden deshalb verschiedentlich Modifikationen dieser Theorie vorgenommen, die eint, dass sie sehr viel mehr Schichten und Bearbeitungsstufen vermuten, als Wellhausen dies tat. Diese teilweise hochkomplexen Modelle sind mittlerweile starker Kritik ausgesetzt, die beinhaltet, dass realistischerweise eine detailgetreue Darstellung der Genese nicht möglich ist.Helmut Utzschneider, Wolfgang Oswald: Exodus 1–15 (= Internationaler exegetischer Kommentar zum Alten Testament. Band 2,1). Kohlhammer, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-17-022222-9, S. 19.Georg Fischer, Dominik Markl: Das Buch Exodus (= Neuer Stuttgarter Kommentar. Altes Testament. Band 2). Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-460-07021-9, S. 24. Dieser Einsicht folgend, versuchen etwa die Theologen Georg Fischer und Dominik Markl gänzlich auf eine diachrone Beschreibung zu verzichten und interpretieren lediglich die Endform des Textes, wobei auch sie eingestehen, dass dieser nicht von einer Hand stammt und in einem komplexen, aber eben nicht mehr rekonstruierbaren, Prozess entstanden ist.
Die Exodusgeschichte zu Beginn des gleichnamigen Buches war ursprünglich eine in sich geschlossene und abgeschlossene eigene Erzählhandlung und wurde erst bei der Gesamtkomposition des Pentateuch in den heute im Tanach vorliegenden Zusammenhang gebracht.Rainer Albertz: Exodus 1–18. Theologischer Verlag, Zürich 2012, ISBN 978-3-290-17642-6, S. 20. Nach der Entstehung des Textes wurde er zunächst im Zuge der priesterlichen BearbeitungRainer Albertz: Exodus 1–18. Theologischer Verlag, Zürich 2012, ISBN 978-3-290-17642-6, S. 21. um einige Plagen und um die beiden rituellen Praktiken Sabbat und Passah erweitert und diese damit in die Frühzeit Israels vordatiert.
Historische Forschung
Die historische Exodus-Forschung beschäftigt sich insbesondere mit der Frage nach der Historizität der Exoduserzählung. Diese schildert mythische Ereignisse und ist mit vielen rein erzählerischen Elementen angereichert, weshalb es sich nicht um reine Geschichtsschreibung handelt. Auch hat es einen Auszug aus Ägypten im geschilderten Ausmaß eher nicht gegeben. Die Erzählung gibt keinen klaren Hinweis auf eine spezifische Zeit in der ägyptischen Geschichte. Sie ist damit ein für Historiker kaum fassbares Ereignis.
Inwiefern das „biblische“ Israel mit einem historischen Israel der vorexilischen Zeit (vor 597 v. Chr.) übereinstimmt, lässt sich in Anbetracht der problematischen Quellenlage somit schwer beantworten und wird in der Forschung äußerst kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite stehen Forscher, welche die Historizität der Auszüge Israels aus Ägypten zumindest in ihren Grundzügen verteidigen, auf der anderen Seite solche, welche die Historizität des Exodus mehr oder minder radikal bestreiten und die geschilderten Ereignisse in den Bereich der Mythenbildung späterer Epochen verweisen.
Verschiedene Forscher gehen davon aus, dass die Exoduserzählung nicht auf eine bestimmte historische Situation zugeschnitten ist, sondern aus einer langen Erfahrungsgeschichte Israels erwachsen ist. Die hieraus resultierende Offenheit der Erzählung soll den israelitischen Nachfahren ermöglichen, „den Pharao“ in wechselnden politischen Situationen immer wieder neu mit den aktuell bedrohenden Potentaten gleichsetzen zu können, seien es nun die ägyptischen Pharaonen wie Ramses II., Merenptah oder Ramses III., die eigenen Könige wie Salomo und Ahab oder die assyrischen und babylonischen Fremdherrscher wie Sanherib und Nebukadnezzar II.
Der Ägyptologe Jan Assmann prägte den gedächtnisgeschichtlichen Ansatz, der nicht mehr danach fragt, „wie es eigentlich gewesen“ ist, sondern danach, wie man sich daran erinnerte. So dürften sich mit der Exoduserzählung verschiedene historische Erinnerungen verknüpft haben, beispielsweise an die Hyksos, an die ägyptische Kolonialherrschaft in Kanaan während der späten Bronzezeit, an die Gruppe der Apiru und an Wanderbewegungen während der Seevölker-Zeit. Mit dem Akzent des mnemotypischen Ansatzes wird das historischkritische Paradigma in einen kulturtheoretischen Diskurs verlagert, dessen politische Implikationen – abseits von überkommenen religionsbezogenen Perspektiven – auf säkulare Narrative treffen und oftmals zu israelkritischen Positionen führen.Hannes Stein: Ist eine "Spiegel"-Titelgeschichte massiv antisemitisch? Auf: welt.de vom 13. Januar 2007; zuletzt abgerufen am 18. April 2024.
Theologische Aspekte
Die wichtigsten Elemente dieses Glaubenssatzes sind die Überzeugung des Hinaufführens, dessen ältester Beleg in , aus dem niedriger gelegenen Land Ägypten in das bergige Land Israel und das aus der deuteronomistischen Theologie stammende Motiv des Hinausführens, ältester Beleg in , das den Exodus als „den gewaltsamen Akt der Befreiung aus dem ‚Sklavenhaus‘“ deutet. Als Folge dieser gewaltsamen Herausführung wird dementsprechend die Verheißung JHWHs gesehen, das Volk Israel als sein Volk zu sehen und mit ihm einen Bund zu schließen.