mini|Die Frecce Tricolori mini|Eine Aermacchi MB-339
Das Flugtagunglück von Ramstein (oder Flugschau-Unfall von Ramstein) geschah am 28. August 1988 auf der von den Vereinigten Staaten in Ramstein bei Kaiserslautern (Rheinland-Pfalz) betriebenen Air Base während einer militärischen Flugschau, deren Besucherzahl auf mehr als 300.000 geschätzt wurde. Nach einer Kollision in der Luft stürzten drei Kunstflugmaschinen über der Air Base ab. Eines der Flugzeuge rutschte brennend ins Publikum, ein zweites traf einen in Notfallbereitschaft stehenden Hubschrauber.
Der Unfall führte nach offiziellen Angaben zu 70 Todesopfern – darunter ein ungeborenes Kind und ein drei Wochen später verstorbener US-Hubschrauberpilot – und etwa 1000 Verletzten. Er gehört zu den folgenschwersten Katastrophen dieser Art weltweit und hatte weitreichende Konsequenzen für die Organisation des Notfallrettungswesens, die Opfer- und Helfernachsorge sowie die Durchführung von Flugschauen in Deutschland, Europa und den USA.
Ablauf Räumliche Gegebenheiten Das Gelände der Air Base liegt auf einer Höhe von gut und fällt im Bereich der beiden Start- und Landebahnen in Richtung Nordwesten und Norden leicht ab – von 236 auf . Das Gefälle folgt dem Floßbach und dem Hundsbach, die – vor Ort großenteils verrohrt – nacheinander von rechts dem Mohrbach zufließen und die Landebahnen im Süden bzw. im Norden flankieren. Zwischen den beiden Gewässern verlaufen die Bahnen nahezu parallel von Ost nach West; zum Zeitpunkt des Unfalls war die südliche ungefähr 3,2 km lang, die nördliche gut 2,8 km.
Der Unfall mini|hochkant|links|Eine weitere Herzformation der Frecce Tricolori, wie sie seit 2006 gezeigt wird mini|Grafische Darstellung der Kunstflugfigur Il Cardioide: blau das Herz, rot die Flugbahn des Soloflugzeugs (Zuschauer im Norden unten links)
+ Staffelbesetzung am Unfalltag Flugzeug Pilot (rot unterlegt: † in Ramstein) Lebensdaten Staffelmitglied Pony 0 Diego Raineri (Kommando vom Boden aus) 1949–2024 1979–1988 Pony 1 Mario Naldini 1947–1988 1982–1988 Pony 2 Giorgio Alessio 1957–1988 1985–1988 Pony 3 Piergiorgio Accorsi 1950– 1981–1989 Pony 4 Maurizio Guzzetti 1958– 1987–1991 Pony 5 Antonino Vivona 1960– 1987–1995 Pony 6 Giampietro Gropplero di Troppenburg 1948–2021 1982–1990 Pony 7 Stefano Rosa 1961–2008 1988–1994 Pony 8 Giampaolo Miniscalco 1959– 1988–1996 Pony 9 Francesco Tricomi 1960– 1988–1992 Pony 10 Ivo Nutarelli 1950–1988 1982–1988 Beim Flugtag am 28. August 1988 trat gegen Ende der Veranstaltung die aus zehn Militärflugzeugen bestehende italienische Kunstflugstaffel Frecce Tricolori (deutsch: Die Dreifarbigen Pfeile) auf, deren Maschinen von Pony 1 bis Pony 10 durchnummeriert waren. Bei den Flugzeugen vom Typ Aermacchi MB-339 handelte es sich um Jets von jeweils knapp 11 m Länge und Spannweite; ihr Hecktriebwerk ermöglichte 900 km/h Höchstgeschwindigkeit. Der Kommandant der Gruppe, der 39-jährige Oberstleutnant Diego Raineri, führte von einem Kraftfahrzeug aus, das südlich der beiden Start- und Landebahnen, gegenüber dem Zuschauerbereich, postiert war, über Funk unter der Kennung Pony 0 das Kommando.
Als besonders spektakulär galt die mit Rauchstreifen markierte Flugfigur „Durchstoßenes Herz“ (). Dabei flogen die zehn Flugzeuge in Richtung der Zuschauer an und trennten sich dann: Pony 1 bis 5 mit den Piloten Naldini, Alessio, Accorsi, Guzzetti und Vivona beschrieben die vom Publikum aus linke Seite der Herzfigur, die vier Maschinen 6 bis 9 (mit Gropplero di Troppenburg, Rosa, Miniscalco und Tricomi) die rechte; danach trafen sich die beiden Gruppen unten in der Mitte und flogen dort in geringem Vertikalabstand übereinander hinweg, die Fünferformation über die Viererformation. Der Solopilot sollte, nachdem er einen Innenlooping geflogen hatte, kurz danach von hinten und wenig höher auf die Zuschauer zu durch die Herzfigur stoßen. Er kollidierte aber um 15:44 Uhr in etwa 50 m Flughöhe und rund 300 m vor den Zuschauern mit zwei der Maschinen der Fünferformation.
Bei dem Manöver erreichte der Solopilot Ivo Nutarelli (* 23. März 1950; † 28. August 1988) den Durchstoßungspunkt der Flugfigur früher als vorgesehen und war obendrein zu niedrig; als Ursache wurde später vermutet, dass der Looping zu eng geraten, also früher beendet war. Infolgedessen touchierte das Soloflugzeug mit dem rechten Höhenruder zunächst das Cockpit der linken Flügelmaschine Pony 2 Giorgio Alessios der Fünferformation. Das Cockpit wurde dadurch völlig zerstört, und die Maschine stürzte parabelförmig und augenscheinlich ungesteuert ab. Sekundenbruchteile später prallte die Solomaschine gegen das Heck des von Mario Naldini gesteuerten Führungsflugzeugs Pony 1 und brachte dieses ebenfalls zum Absturz.
Wie eine Infografik zeigt, zerschellten Flügelmaschine und Führungsflugzeug kurz nacheinander jenseits des Zuschauerbereichs auf der nördlichen Start- und Landebahn (Pony 2) bzw. südlich daneben (Pony 1); die Piloten Alessio und Naldini wurden später tot geborgen. Pony 1 traf einen in Notfallbereitschaft stehenden US-Hubschrauber vom Typ Sikorsky UH-60 Black Hawk, der augenblicklich in Flammen stand; alle sieben Besatzungsmitglieder wurden schwer verletzt. Sie wurden zunächst im Landstuhl Regional Medical Center versorgt und vier Tage später nach Texas ins Brooke Army Medical Center verlegt. Sechs von ihnen überlebten, der am 27. April 1947 geborene Pilot Kim Jon Strader, der Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten hatte, starb nach drei Wochen, am 17. September 1988.
Bei den Kollisionen war Nutarellis Soloflugzeug Pony 10 in Brand geraten und stürzte ab. Dabei behielt es wie Pony 1 und Pony 2 seine ursprüngliche Flugrichtung bei, die allerdings quer zu den Start- und Landebahnen nach Norden zum Publikum hinführte. Währenddessen überschlug es sich eineinhalbmal nach links. Etwa 50 m vor der Absperrung des Zuschauerbereichs berührte es zunächst mit der Spitze der linken Tragfläche den Boden, schlug dann völlig auf und explodierte. Im leicht abfallenden Gelände brach das Wrack durch die Rollen der Stacheldrahtabsperrung und rutschte noch weit in die dichtgedrängte Menschenmenge. Schließlich prallte es so heftig auf einen als Eisverkaufsstand dienenden Kühlwagen, dass der Schleudersitz ausgelöst und der Pilot Nutarelli ins Innere des Fahrzeugs katapultiert wurde; dort wurde später seine Leiche gefunden. Die Zuschauer wurden mit einer Wolke aus 800 Liter brennendem Kerosin überzogen, die anfangs noch glühendes Metall von Flugzeug und Stacheldraht verbarg. Die wenigen Sekunden, in denen sich die Katastrophe abspielte, ließen den Menschen in diesem Bereich keine Zeit zur Flucht.
Infolge des Unfalls waren beide Start- und Landebahnen mit Wrackteilen übersät und unbenutzbar. Deshalb sammelten sich die sieben verbliebenen Maschinen der Frecce Tricolori – diejenigen der Piloten Piergiorgio Accorsi (Pony 3) und Antonino Vivona (Pony 5) waren durch umherfliegende Trümmer leicht beschädigt worden, aber noch steuerbar – im Luftraum über der Ramstein Air Base und landeten anschließend auf der 20 km entfernten Sembach Air Base (die seit dem 30. März 1995 geschlossen ist).
Rettungsmaßnahmen Bei den Rettungsmaßnahmen kam es aus unterschiedlichen Gründen zu Problemen und Pannen, die später von verschiedenen Seiten, unter anderem durch einen Untersuchungsausschuss des Bundestags, teilweise aufgearbeitet wurden. Es gab Vorwürfe von Ärzten, Sanitätern und Betroffenen, dass der Verlauf der Rettungsmaßnahmen mangelhaft organisiert, die Erstversorgung der Brandverletzten unzureichend und deren Transport und Verteilung auf Krankenhäuser medizinisch unsachgemäß und unkoordiniert gewesen sei. Dabei wurden den US-Veranstaltern unzureichende Vorkehrungen für einen denkbaren größeren Unfall, mangelhafte Koordination mit deutschen Stellen und die Anwendung einer sogenannten Load and Go-Taktik oder „Schlachtfeldtaktik“ vorgeworfen, nämlich schnellstmöglicher Abtransport Verletzter von der Unfallstelle unter Vernachlässigung der medizinischen Erstversorgung.
Verhalten der US-Streitkräfte Das US-Militär ließ die an den Zufahrten zum Stützpunkt aufgefahrenen Rettungskräfte zum Teil nicht sofort auf den Flugplatz. Weitere Rettungskräfte wie das THW wurden, obwohl sie zum Einsatz bereitstanden, gar nicht hinzugerufen.
Die damaligen Vorschriften des US-Militärs sahen vor, Verletzte so schnell wie möglich in ein Krankenhaus zu transportieren (Load and Go) und nicht, wie es in Deutschland in der Katastrophenmedizin üblich ist, Verletzte vor Ort zu sichten und eine erste Versorgung vorzunehmen. Um 16:35 Uhr meldete ein Notarzt über Funk:
Wegen der verspäteten Erstversorgung starben mehrere Menschen oder erlitten bleibende Schäden.
Infolge der Vorgehensweise des US-Militärs kam es auch in den Kliniken zu dramatischen Szenen. Ein an den Rettungsmaßnahmen beteiligter Rettungshubschrauber landete um 18:05 Uhr am Landstuhl Regional Medical Center. Der Notarzt dieses Hubschraubers schilderte seine Eindrücke:
Verletzte wurden teilweise unversorgt über größere Entfernungen in Krankenhäuser verbracht. Noch Stunden später irrten Personenbusse mit unterschiedlich schwer verletzten Personen z. B. durch Mannheim auf der Suche nach einer Klinik. So traf um 18:30 Uhr im rund 80 km entfernten Klinikum der Stadt Ludwigshafen ein Bus voller Verletzter ein. Ein Arzt des Klinikums sagte hierzu:
Der Untersuchungsausschuss des Bundestags durfte den Unfallort nicht selbst aufsuchen. Die amerikanische und die italienische Luftwaffe verhinderten die Anhörung von Soldaten, die für die Organisation und den Ablauf des Flugtages verantwortlich waren.Deutscher Bundestag 11. Wahlperiode Drucksache 11/5354: Beschlußempfehlung und Bericht des Verteidigungsausschusses als 1. Untersuchungsausschuß nach Artikel 45a Abs. 2 des Grundgesetzes. 09.10.89
Führungs- und Sichtungschaos Initial konnte keine klare Führungsstruktur vor Ort etabliert werden, insbesondere auch wegen der oben angeführten Load and Go-Taktik des US-Militärs. Versuche ziviler Ärzte, die Lage zu sichten, gingen im Chaos unter. Als Folge wurde nicht nur eine allgemein verzögerte Versorgung identifiziert, sondern auch eine Übertherapie hoffnungsloser Fälle:
Die meisten Patienten erreichten Zielkliniken ohne Dokumentation der Auffindesituation oder bereits erfolgter Maßnahmen.
Medizinische Notfallsysteme Die Injektionsnadeln der deutschen Rettungskräfte passten nicht zu den Infusionssystemen des US-Militärs und umgekehrt. Dies behinderte und verzögerte die Anlegung von Infusionen oder die Transfusion von Blut.
Überlastung des Telefonnetzes Das Telefonnetz rund um den Unfallort wurde damals, vor der Mobilfunkära, ausschließlich durch das Festnetz repräsentiert. Es war schnell überlastet und brach zusammen. Funkamateure, die bei der Flugschau vor Ort waren, gaben über mobile und portable Stationen Notrufe ab. Im weiteren Verlauf nahmen Funkamateure aus der gesamten Region den Notfunkverkehr auf. Sie leiteten Informationen weiter, organisierten dringend benötigte Blutkonserven und überbrachten Angehörigen Nachrichten von Überlebenden.
Opfer mini|Opferliste von Sybille Jatzko im Oktober 1988
Todesopfer und Verletzte Bei der überwiegenden Mehrzahl der Betroffenen führten großflächige Verbrennungen der Haut zum alsbaldigen Tod oder zu Behinderungen bzw. Entstellungen, teilweise auf Lebenszeit. Dem Unfall fielen nach offiziellen Angaben 70 Menschen zum Opfer, nämlich 66 Flugtagbesucher, der Hubschrauberpilot sowie die drei Piloten der abgestürzten Flugzeuge. Unter den toten Flugtagbesuchern wird auch ein ungeborenes Kind aufgeführt, dessen Mutter schwer verletzt überlebte.