mini|hochkant=1.5|Lage der Kanarischen Inseln; etwa 1.200 km vom spanischen Festland und zwischen 100 und 500 km westlich von Marokko entfernt Die Geschichte der Kanarischen Inseln umfasst die vorkoloniale und die koloniale Geschichte sowie die Ära bis in die Gegenwart der heute politisch zum Königreich Spanien, aber geografisch zu Afrika gehörenden Inselgruppe der Kanaren im Atlantik.

Vorspanische Zeit Die vorspanische Zeit lässt sich durch archäologische Funde bis in das 10. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen. Sie wird eingeteilt in die Zeit der Entdeckung und ersten Kolonisation durch die Phönizier und Römer von etwa 1000 v. Chr. bis 400 n. Chr., die Zeit der Isolation von 400 n. Chr. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts und die Zeit der Wiederentdeckung der Inseln durch europäische Seefahrer. Auf die Zerstörung der Inselkulturen vom Beginn des 14. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts folgte ab dem frühen 16. Jahrhundert die Integration in den kastilischen/spanischen Staat.

Mythische Orte in der Antike Die Straße von Gibraltar, die wegen ihrer starken Strömungen von West nach Ost schwer für mediterrane Seefahrer zu durchschiffen war, bildete in der Antike die Grenze der gut bekannten Welt. Dahinter, im äußersten Westen, der Gegend, in der die Sonne unterging, lag nach der griechischen Mythologie die Welt der Finsternis, das Jenseits, die Gegend, in der sich der Hades befand. Herakles musste im Laufe seiner Arbeiten über die Säulen des Herakles hinausfahren. Er beschaffte für die Göttin Athene die Unsterblichkeit bringenden Äpfel der Hesperiden durch den Riesen Atlas, dem Herakles solange das Himmelsgewölbe abnahm. Ebenso wurde im Atlantik das Heim der Gorgo Medusa verortet, der Perseus das Haupt abschlug, wobei er sich vor ihrem versteinernden Anblick schützte, indem er sie nur indirekt als Spiegelung in einem von Athene geschenkten Schild betrachtete. Dort lagen die Elysischen Gefilde, auf die jene Helden entrückt wurden, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie Unsterblichkeit schenkten. Bei diesen „Glücklichen Inseln“ (Insulae Fortunatae) handelte es sich um die Inseln der Glücklichen oder Glückseligen, d. h. der Toten. Ein großer Teil der Begriffe der griechischen Mythologie wurde später auf die Kanarischen Inseln bezogen, weil sie eben auch im Westen außerhalb der Säulen des Herakles liegen.

Historische Berichte Erste historisch glaubhafte Berichte über Fahrten durch die Straße von Gibraltar ins „Äußere Meer“, gemeint ist der Atlantik, stammen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. von den karthagischen Seefahrern Hanno und Himilkon, von der Küstenbeschreibung (Periplus) des Pseudo-Skylax sowie bei Herodot über den Griechen Pytheas. Herodot berichtet in seinen Historien allerdings, dass die Phönizier schon um etwa 600 v. Chr. im Auftrag des ägyptischen Pharaos Necho II. von Ost nach West um Afrika segelten.

Römische Quellen erwähnten die Kanarischen Inseln erstmals ausdrücklich bei Pomponius Mela und Plinius dem Älteren; sie nannten sie Inseln der Glückseligen (Fortunatae insulae).Dazu und allgemein zu antiken Vorstellungen der Kanarischen Inseln: Curt Theodor Fischer: Fortunatae insulae. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band 7.1, 1910, Sp. 42. und Sp. 43. Plinius der Ältere bezieht sich dabei auf Beschreibungen des mauretanischen Königs Juba II., der nach dem Jahr 25 v. Chr. die Fortunatae insulae erforschen ließ. Im selben Text tritt erstmals der Begriff Canaria auf, wahrscheinlich als Eigenname der Insel Gran Canaria. Laut Plinius wurde der Insel der Name gegeben, da es dort viele große Hunde (lateinisch: Canis) gäbe, von denen die Abgesandten Jubas zwei ins heutige Marokko mitnahmen.

Plinius der Ältere unterscheidet klar die vergleichsweise gut bekannten Fortunatae insulae von den Gorgonen-Inseln (Gorgaden, d. h. Kapverden, gegenüber dem als Hesperu Ceras bezeichneten Cap Vert in Senegal) und von den Hesperiden. Die Hesperiden liegen gegenüber dem Vulkan Theon Ochema (Götterwagen), den Hanno der Seefahrer besucht hatte. Der Vulkan wird meist mit dem Kamerunberg identifiziert und liegt fast genau südlich von Karthago (dann würde es sich bei den Hesperiden um die Inseln im Golf von Guinea handeln). Nördlich der Kanaren liegen nach Plinius dem Älteren die Inseln Atlantis (Madeira) und die Purpur-Inseln. Nach dem Geographen Statius Sebosus soll die Reise zu den Hesperiden 40 Schiffstage gedauert haben und die Insel Junonia (Lanzarote) soll 750 Meilen von Cádiz entfernt sein.

Die Lage und die Namen der einzelnen Kanarischen Inseln lassen sich – soweit bei Plinius dem Älteren noch mehrdeutig – aus dem vollständig erhaltenen Werk von Claudius Ptolemäus eindeutig ableiten, trotz zum Teil starker Verzerrungen und nachweisbarer Fehler. Pomponius Mela zeigte als erster die exakte Position der Kanarischen Inseln auf einer Karte. Plutarch wurde von Quintus Sertorius über die Existenz der Inseln in Kenntnis gesetzt; Sertorius wollte sich wegen politischer Probleme dorthin zurückziehen. Danach traten die Kanaren ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. in der Geschichte für 1000 Jahre kaum auf. Immerhin fuhr Brendan der Reisende im 6. Jahrhundert zur sogenannten Brendaninsel im Westen; er nannte sie terra repromissionis. Manche Vermutungen gehen dahin, dass hier eine der Kanaren gemeint sein könnte, jedoch ist nichts darüber belegbar.

Erste Besiedlung der Kanarischen Inseln

Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Vermutungen und Hypothesen, wie, wann und durch wen die Kanarischen Inseln zum ersten Mal besiedelt wurden. Diese Theorien basierten einerseits auf wissenschaftlichen Untersuchungen, die hauptsächlich mit den Methoden der Altertumswissenschaft, der Archäologie, der Anthropologie, der Ethnologie sowie der Sprachwissenschaft erarbeitet wurden, andererseits gibt es viele Beiträge von Pseudohistorikern, die Zusammenhänge herstellen zwischen den alten vorgeschichtlichen Bevölkerungen der Kanarischen Inseln und den angeblichen verschwundenen Zivilisationen wie dem mythischen Atlantis des Platon, mit Einfällen der Wikinger und den alten Germanen oder mit den amerikanischen Hochkulturen.

Wer die ersten frühgeschichtlichen Siedler der Kanarischen Inseln waren, ist nicht nur ein wissenschaftliches, sondern war zeitweise auch ein theologisches Problem. Frühe Historiker der Neuzeit wie z. B. Fray Juan de Abréu Galindo (um 1632) sahen sich verpflichtet, bevor sie auf die von ihnen als realistisch eingeschätzten Theorien eingingen, die im Alten Testament genannten Migrationen als mögliche Hintergründe für die Besiedlung der Inseln zu nennen.

Zur Zeit der Herrschaft des Franquismus in Spanien gab es klare Vorgaben durch das Generalkommissariat für die archäologischen Ausgrabungen („Comisaría General de Excavaciones Arqueológicas“), auf welche Gebiete sich die Forschung zu konzentrieren hatte. Diese Richtlinien beinhalteten eindeutig rassistische und antisemitische Komponenten. Es sollte Rücksicht genommen werden auf die Herrschaftsansprüche Spaniens in Nordafrika, Spanisch-Marokko und Spanisch-Westafrika. Die Herkunft der ersten Siedler spielte auch eine Rolle bei der Diskussion darüber, ob die Inselgruppe im Rahmen der Dekolonisation Afrikas in die Unabhängigkeit entlassen oder als Teil Marokkos anerkannt werden müsse.

Zu Ende des 20. Jahrhunderts und im 21. Jahrhundert wurde bei archäologischen Untersuchungen Material gefunden, das es erlaubt, das Thema der Besiedlung aus einer gefestigten Perspektive mit sicheren Daten zu betrachten. Die Analyse und die radiometrische Datierung der Fundstücke der ab dem Jahr 2006 durchgeführten Ausgrabungen von Buenavista (Teguise, Lanzarote) ergaben die bisher ältesten Hinweise auf die Anwesenheit von Menschen auf Lanzarote. Die Zeitbestimmungen zeigen, dass die Bauten in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts v. Chr. errichtet wurden. Die phönizisch-punische Anwesenheit wird nicht nur durch die besondere Struktur der Bauten, sondern auch durch Fundstücke, Amphoren und andere Gefäße, die mit einer Töpferscheibe erstellt wurden, durch Metallgegenstände und Glas bezeugt. Eine Niederlassung bestand offenbar bis zur zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Ort vermutlich verlassen und erneut ab der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. besucht und bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. bewohnt. Die Anwesenheit von Personen aus dem römischen Kulturkreis auf den Inseln ist für den Zeitabschnitt zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert n. Chr. nachgewiesen. Die Datierungen der archäologischen Funde deuten darauf hin, dass die Besiedlung auf jeder der Inseln eine unterschiedliche Entwicklung nahm.

Die genaue Herkunft der in den Anfängen angesiedelten Bevölkerung ist nicht geklärt. Sie kam mit Sicherheit aus dem unter der Herrschaft Karthagos stehenden Bereich um die Straße von Gibraltar. Bei der Besiedlung handelte es sich nicht um eine einmalige Aktion, sondern um einen kontinuierlichen Vorgang, der sich am Ende auf alle Inseln erstreckte. Dabei war vermutlich auch die Herkunft der Siedler nicht einheitlich. Das ist eine Begründung für die bei ethnologischen und genetischen Vergleichen von archäologischen Funden festgestellten Unterschiede der Zusammensetzung der Bevölkerung der Inseln. Auf La Gomera, im Norden von Teneriffa und im Innern von Gran Canaria häufen sich Funde von cromagnoiden Menschentypen, sonst dominieren Funde mit mediterranen Menschentypen.José M. Castellano Gil, Francisco J. Marcías Martín: Die Geschichte der Kanarischen Inseln. 5. Auflage. Madrid 2001, S. 22 f.

Wenn man davon ausgeht, dass die Kontakte zu den Kanarischen Inseln um die Zeitenwende nicht von Rom, sondern von dem unter römischer Oberherrschaft regierenden König Juba II. von Mauretanien ausgingen, ist anzunehmen, dass die zu dieser Zeit auf den Inseln angesiedelte Bevölkerung aus seinem Regierungsbereich stammte.

Für die Zeit nach dem 3. Jahrhundert n. Chr. fehlen jegliche Hinweise auf einen wirtschaftlichen oder kulturellen Austausch zwischen den Bevölkerungen der einzelnen Inseln.

Zeit der Isolation

Nach dem Niedergang Roms im 3. / 4. Jahrhundert n. Chr. wurden die Verbindungen zwischen den Kanarischen Inseln und Europa bis zum 14. Jahrhundert n. Chr. unterbrochen. Da die Ureinwohner keine nautischen Kenntnisse und keine seegängigen Schiffe hatten, entwickelten sich auf den einzelnen Inseln unabhängig von Europa, aber auch getrennt von den anderen Inseln, jeweils eigene Kulturen, die aufgrund des unterschiedlichen Klimas, der unterschiedlichen Topografie und der unterschiedlichen Bevölkerungsentwicklung besondere Merkmale aufwiesen. Gemeinsam war allen Altkanariern, dass sie in erster Linie von der Tierhaltung, besonders Ziegen, dem Anbau von Gerste und dem Fischfang im Strandbereich lebten. Das Fehlen nutzbarer Erzlagerstätten führte dazu, dass die Kulturtechnik der Altkanarier auf ein Steinzeitniveau zurückfiel.

Schriftliche Quellen Von den Altkanariern selbst sind keine schriftlichen Aufzeichnungen überliefert. Der größte Teil der Kenntnisse der Lebensverhältnisse der Altkanarier stützt sich auf Berichte von Europäern, die die Inseln vor der Eroberung besuchten oder im Verlauf der Unterwerfung Informationen sammelten.

Als glaubwürdiger Bericht über die Verhältnisse auf den Kanarischen Inseln im 14. Jahrhundert gilt der des Niccoloso da Recco (1327–1364). Er war einer der Leiter der von dem portugiesischen König Alfons IV. ausgerüsteten Expedition, die im Jahr 1341 vier Monate lang die Kanarischen Inseln erforschte. Im Vordergrund stand die Frage, welchen wirtschaftlichen Nutzen Handelskontakte oder die Eroberung der Inseln für europäische Mächte haben könnten. Der Bericht wurde nach Italien übermittelt. Die in lateinischer Sprache bearbeitete Version dieses Berichtes wird Giovanni Boccaccio zugeschrieben.