mini|Hans Koch

Hans Koch (* 7. Juli 1894 in Lemberg, Galizien, Österreich-Ungarn; † 9. April 1959 in München) war ein deutscher Theologe, Osteuropahistoriker und Major der Reserve beim militärischen Geheimdienst Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht.

Leben und Vorkriegszeit Erster Weltkrieg und Studium Koch war Nachkomme pfälzischer Einwanderer und besuchte das deutsche Gymnasium in Lemberg. Danach begann er in Wien mit dem Studium der evangelischen Theologie (1912–1914). Während dieser Zeit trat er dem Verein deutscher evangelischer Theologen Wartburg im Waidhofener Verband bei.Karl-Reinhart Trauner: „Treue um Treue“. Josef Rudolf „Giselher“ Beck, Oblt. 1893—1944. In: Schriftenreihe Evangelischer Bund in Österreich/Standpunkte 140 (1995), S. 3—34, hier 4 u. 6. Koch engagierte sich in der ethnischen und religiösen deutschen Diaspora in Lemberg, unternahm Wanderungen zu den volksdeutschen Siedlungen in Galizien und übernahm Verantwortung als Studentensprecher. Koch bewegte sich in dieser Zeit in einem deutschnationalen Kommunikationsrahmen.Karl W. Schwarz: Biografie zu Hans Koch, auf kulturstiftung.org

1915 ging Koch zur Armee und kämpfte im Ersten Weltkrieg unter dem Kommando des k.u.k. Oberst Eduard Fischer in der Bukowina gegen russische Truppen als Nachrichtenoffizier. Nach Ende des Ersten Weltkriegs kämpfte Koch ab 1918 als Hauptmann in der Ukrainischen Galizischen Armee (UHA) der West-Ukrainischen Volksrepublik.Christoph Dieckmann (Hrsg.): Kooperation und Verbrechen. Formen der „Kollaboration“ im östlichen Europa 1939–1945. Göttingen 2003, S. 164, ISBN 3-89244-690-3. Er schloss sich wie viele andere aus Galizien stammende ehemalige Offiziere der österreichisch-ungarischen Armee dem ukrainischen Nationalisten Symon Petljura an, der eine freie, unabhängige Ukraine gegen Polen und Russen errichten wollte. Hier lernte er andere Offiziere kennen, die seinen späteren Werdegang begleiteten, wie etwa Alfred Bisanz.

Dabei hatte er auch einen Kontakt zu dem General Anton Denikin. Mit ihm handelte er einen Vertrag vom November 1919 aus. Koch geriet bei den Kämpfen mit der Roten Armee im Februar 1920 in Gefangenschaft und tat Dienst als Fremdenlegionär in der Roten Armee. Eine österreichische Kommission fand ihn in Kiew und erreichte seine Demobilisierung. In einer recht abstrusen Darstellung beschreibt der Buchautor Peter-Ferdinand Koch, dass Hans Koch während dieser Gefangenschaft von den Sowjets als Agent angeworben worden sein soll, liefert aber keinerlei Belege für diese Aussage.

Im Herbst 1921 ging Koch wieder nach Wien und nahm das unterbrochene Studium der Philosophie und Theologie wieder auf; er promovierte 1924 zum Dr. phil. und 1927 zum Dr. theol.

Osteuropa-Forschung 1929 wurde er Privatdozent für Kirchen- und osteuropäische Geschichte, 1934 ordentlicher Professor für Kirchengeschichte an der Universität Königsberg. Im Juni 1934 hatte Koch zusätzlich die Leitung des Instituts für Russlandkunde in Königsberg übernommen, das bald darauf in Institut zum Studium Osteuropas umbenannt wurde.

Koch wurde am 1. Januar 1932 Mitglied der NSDAP in Österreich, allerdings wurde seine Aufnahme nicht zur Reichsleitung weitergegeben, so dass er erst zum 1. August 1935 im Deutschen Reich der Partei rechtskräftig beitrat (Mitgliedsnummer 3.703.926).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/21531659Roman Pfefferle, Hans Pfefferle: Glimpflich entnazifiziert. Die Professorenschaft der Universität Wien von 1944 in den Nachkriegsjahren. V&R unipress, Wien 2014, S. 295. In Breslau fungierte er auch als Blockleiter. Er wurde Mitglied beim NS-Altherrenbund sowie beim NS-Dozentenbund und dem Nationalsozialistischen Lehrerbund.

Von 1937 bis 1940 war er ordentlicher Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Breslau und Direktor des der Universität angegliederten Osteuropa-Instituts. Im Oktober 1938 schlug er vor, eine orthodoxe theologische Akademie im Deutschen Reich zu eröffnen, um zusammen mit England eine Verbindung zur Ostkirche herzustellen. Das Reichskirchenministerium reagierte positiv auf diesen Vorschlag; wie Werner Haugg, seit 1935 Referent im Reichskirchenministerium, im November 1938 mitteilte, sollte das Institut aus pragmatischen Gründen in Breslau (anstatt in Wien) gegründet werden.Michail Shkarovskij: Die Kirchenpolitik des Dritten Reiches gegenüber den orthodoxen Kirchen in Osteuropa (1939–1945). Münster 2004, S. 27 (Quelle: BArch R5101/23173, Bl. 459–462). 1940 wurde Hans Koch Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien.Michail Shkarovskij: Die Kirchenpolitik des Dritten Reiches gegenüber den orthodoxen Kirchen in Osteuropa (1939–1945). Münster 2004, ISBN 3-8258-6615-7, S. 270. Zudem war er Gastprofessor in der bulgarischen Hauptstadt Sofia sowie Leiter des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts in Sofia.

Aufgrund seiner überwiegend für die Abwehr durchgeführten Aufgaben hatte Koch während des gesamten Krieges nur wenig Zeit für die wissenschaftliche Forschung und Lehre.

Tätigkeit für den militärischen Geheimdienst im Oberkommando der Wehrmacht Im Zusammenhang mit Vorgängen am Osteuropa-Institut in Breslau ergab sich ein Abstimmungsthema zwischen dem SS-Geheimdienst SD und der Abwehr. Der SD hatte Anfang 1937 in einer Geheimaktion die gesamte Breslauer Russland-Bibliothek zum „Wannsee-Institut“ des SD nach Berlin verbracht, was die künftigen Forschungsmöglichkeiten für das Osteuropa-Institut unter Koch wie auch für die Abwehrstelle Breslau einschränkte, denn Hans Koch arbeitete seit mindestens 1937 ebenfalls für die Abwehr.

Die Breslauer Abwehrstelle sollte zur Schaltzentrale der Abwehr II in Richtung Osten ausgebaut werden. Die Abwehr II war die sogenannte „Minderheiten-Abteilung“ und nutzte ausländische Minderheiten zum Kampf gegen ihre jeweiligen Regierungen im Rahmen von Sabotage- und Zersetzungsoperationen. 1937 hatte sich der Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), Jewhen Konowalez mit dem Chef der Abwehr Wilhelm Canaris getroffen. Danach folgte der Auftrag an die Abwehrabteilung II unter Helmuth Groscurth, mit den Ukrainern der OUN zu kooperieren.Aussagen Erwin Stolze in sowjetischer Gefangenschaft zur Organisation der deutschen Abwehr, BStU MfS HA IX/11, ZR 920, Akte 130, Bl.48–135. Die Verbindung zwischen der OUN und der Abwehr lief über den Hauptagent der Abwehr Richard „Riko“ Yary, einem ehemaligen Offiziers-Kollegen von Hans Koch in der Ukrainischen Heimatarmee UHA.Kai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt, S. 92–93

Um die geplante Ostarbeit der Abwehr in Breslau nicht weiter zu behindern, begann der Parteibeauftragter für das Universitätswesen in Breslau, Sturmbannführer Fritz Arlt, 1937 eine Zusammenarbeit mit dem Amt Canaris im Wehrbereich VIII. Arlt nannte ausdrücklich seine Freischarkameraden Hans Dehmel und Hans Raupach, die damals bereits für die Abwehr tätig waren. Beide gehörten zum anfänglichen Kern von etwa 25 deutschen Intellektuellen der Ostabteilung der Abwehr II. Hans Koch wiederum nannte Fritz Arlt als einen Helfer, der ihm 1937 weiter ermöglichte, Russland-Forschung zu betreiben, obwohl der SD dies nach dem Raub der Bibliothek zunächst verboten hatte.Schreiben Prof. Hans Koch vom 30. Dezember 1953, Dokument 10, Fritz Arlt, Polen-Ukrainer-Judenpolitik, S. 72–73.

Zentrale der Kontakte zwischen der Abwehr und der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) war somit ab 1937 neben Berlin die Abwehrstelle Breslau. Für die Abwehr II war in Breslau Hauptmann Wilhelm Ernst zu Eickern verantwortlich. Ebenfalls zu dieser Abwehrstelle gehörte Heinrich Kurtz, Mitarbeiter des deutschen Konsulats in Lemberg.Kai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt, S. 99, FN 117.

Nach dem Anschluss Österreichs 1938 war Hans Koch Verbindungsoffizier in Breslau zur Abwehrstelle des Wehrkreis XVII in Wien.Ray Braydon, Biografie Hans Koch in Handbuch der völkischen Wissenschaften, S. 351. Die Abteilung II der Abwehrstelle Wien übernahm Kochs Breslauer Freischar-Kamerad Hans Dehmel. Koch konzentrierte seine Forschung danach auf die Karpathen-Ukraine, die für Dehmel bedeutend war. Am 10. November 1938 legte Koch eine entsprechende Studie vor.

Nach dem Anschluss Österreichs stiegen nunmehr österreichische Abwehr-Angehörige in die Arbeit mit den Ukrainern aufgrund historischer Erfahrungen ein. Die Abwehrstellen in Breslau und Wien erhielten den Auftrag, mit Hilfe ukrainischer Minderheiten den Einmarsch der deutschen Truppen in Polen vorzubereiten. Koch stand im Auftrag der Abwehr II in Verbindung zu seinem früheren UHA-Offizierskollegen Alfred Bisanz in Lemberg. Bisanz unterhielt dort ein großes ukrainisches Agentennetz für die Abwehr.Kai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt, S. 96–99.

Kurz vor Beginn des Überfalls auf Polen wurde Koch am 21. August 1939 zur Wehrmacht als Abwehr-Offizier eingezogen.

Kriegszeit Koch als militärischer und politischer Berater 1939 bis 1941 Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW) im Amt Ausland/Abwehr in der Abwehr-Abteilung II als Hauptmann der Reserve eingesetzt. Koch fungierte für das OKW als Berater für ukrainische Angelegenheiten. In der Ukraine hatte er die Aufgabe, Verbindung mit der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) aufzunehmen.

Nach Ende des Polenfeldzugs erhielten viele der Personen, die an dessen Vorbereitung beteiligt waren, neue Aufgaben. In Krakau im Generalgouvernement, wie der nicht ins Reichsgebiet eingliederte Teil Polens nun genannt wurde, entstand ein neues politisches Zentrum. Fritz Arlt etwa wurde hier Leiter der Abteilung Bevölkerungswesen und Fürsorge (BuF) der Innenverwaltung des Generalgouvernements, Alfred Bisanz übernahm in dieser Abteilung das Ukraine-Referat und Heinrich Kurtz vom Konsulat in Lemberg erhielt die Unterabteilung Volksaufklärung und Propaganda des Generalgouvernements.Kai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt, S. 167 bzw. 170. Die am 1. Oktober 1939 eingerichtete Abwehrstelle Krakau übernahm viele Aufgaben der vorigen Abwehrstellen Breslau und Wien. Schwerpunkt war die Arbeit mit den ukrainischen Minderheiten für die Abwehr II. Major Hans Dehmel war aus Wien kommend dafür in Krakau ebenso wie der vormalige Breslauer Major Wilhelm Ernst zu Eickern eingesetzt.Zur Tätigkeit der Abwehrstelle Krakau ab November 1939 siehe die Angaben von OUN-Mitglied Michael Korzhan unter CIA FOIA, Electronic Reading Room, Korzhan, Michael Vol. 1_0092 sowie Unterlagen des britischen National Archives, Kew Gardens zu Dehmel, Hans, KV 2-2651-1, Blatt 31. Die geheime Zusammenarbeit der Abwehr mit den Ukrainern wurde ab 1939 von einer verdeckten Abwehr-Filiale abgewickelt, der sogenannten „Kochstelle“ in der ul. Zielona 26 in Krakau, benannt nach dem Abwehr-II-Professor Hans Koch. Nachdem Koch Ende 1939 für die Umsiedlungskommission der Wolhyniendeutschen abgestellt wurde, übernahm Theodor Oberländer im Auftrag der Abwehr diese Funktion bei der Abwehrstelle Krakau.Kai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt, S. 166 ff.