mini|Homunkulus des niederländischen Wissenschaftlers Nicolas Hartsoeker mini|Historisches Modell des Homunkulus, Kunstkammer im Landesmuseum Württemberg (Leihgabe des SMNS) Der Homunkulus oder lateinisch („Menschlein“) bezeichnet einen künstlich geschaffenen (kleinen) Menschen. Die Idee des Homunkulus wurde im Spätmittelalter im Kontext alchemistischer Theorien entwickelt. Häufig erscheint der Homunkulus als dämonischer Helfer magischer Praktiken. Das Motiv des Homunkulus wurde in der Literatur oft aufgegriffen, insbesondere um die Ambivalenz der modernen Technik zu illustrieren. Die vielleicht bekannteste Verwendung der Homunkulus-Idee findet sich in Goethes Faust II.
Der Begriff des Homunculus hat zudem in der Philosophie und Neurowissenschaft weitere Bedeutungen erhalten. In der Philosophie der Wahrnehmung und der Philosophie des Geistes wird mit dem Begriff „Homunkulus“ auf die Idee Bezug genommen, dass es im Kopf nochmals ein Wesen gebe, das Reize wahrnehme und Erlebnisse habe. Zwar glaubt vermutlich kein Philosoph, dass es einen Homunkulus im Kopf gibt, allerdings werfen Philosophen gelegentlich bestimmte Theorien auf, welche die Existenz eines derartigen Wesens unausgesprochen enthalten. Wenn man etwa annimmt, dass in der visuellen Wahrnehmung ein Bild auf die Netzhaut projiziert wird, das als Bild dann in das Gehirn gesendet wird, dann müsste es im Kopf nochmals ein Wesen geben, das sich diese Bilder anschaut. Mit solchen Gedankengängen sollen bestimmte Vorstellungen über die Wahrnehmung und den Geist ad absurdum geführt werden.
In der Neuroanatomie wird veranschaulichend von einem sensorischen Homunkulus und einem motorischen Homunkulus gesprochen. Diese Homunculi entstehen als epistemische Hilfskonstruktionen, wenn man die Gehirnregionen den Körperteilen zuordnet, für die sie jeweils zuständig sind.
Kulturgeschichte Frühe Konzepte Das Wort homunculus ist bereits bei Cicero, Plautus und Apuleius belegt.Homunkulus. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Walter de Gruyter, 1932. Dort bedeutet es als Diminutiv von , d. h. als Verkleinerungsform des lateinischen Wortes für „Mensch“, nichts anderes als „kleiner Mensch, Menschlein“. Ein kulturhistorisch bedeutsames Konzept wurde mit diesem Wort erst im Spätmittelalter verbunden, als die viel älteren Spekulationen über die Erzeugung künstlicher Menschen (vgl. den Pygmalion- und Golem-Mythos) eine neue, chemisch-medizinische Richtung einschlugen. Der Arzt Arnaldus von Villanova soll sich im 13. Jahrhundert bereits über die alchemistische Herstellung von künstlichen Menschen Gedanken gemacht haben. Es gibt sogar noch frühere Berichte über Homunculi. In den Pseudoklementinen (4. Jahrhundert n. Chr.?) wird behauptet, dass Simon Magus einen Menschen geschaffen hätte, indem er Luft in Wasser, Wasser in Blut und schließlich Blut in Fleisch verwandelt habe.Klaus Völker: Nachwort. In: Klaus Völker (Hrsg.): Künstliche Menschen (= Phantastische Bibliothek. Band 308). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-38793-6. Auch der Alchemist Dschābir ibn Hayyān soll beschrieben haben, wie man vielleicht menschliches Leben im Glas erzeugen könnte.Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 36–37.
mini|Paracelsus Genau beschrieben wird die angebliche Herstellung eines Homunkulus in der Schrift (1538), die allgemein Paracelsus zugeschrieben wird.Paracelsus: . Wiederabgedruckt in: Klaus Völker: Nachwort. In: Klaus Völker (Hrsg.): Künstliche Menschen. (= Phantastische Bibliothek. Band 308). Suhrkamp, Frankfurt 1994, ISBN 3-518-38793-6. Dort bekommt auch der Begriff des Homunkulus zum ersten Mal seine alchemistische Bedeutung. Paracelsus war ein Arzt, Alchemist und Mystiker des frühen 16. Jahrhunderts. In wird aus der Tatsache der Putrefaktion (dem Verfaulen und Verwesen organischer Stoffe) in warm-feuchter Umgebung abgeleitet, dass auch die Entwicklung des bebrüteten Vogeleies und die Entwicklung des männlichen Samens in der Gebärmutter eine solche Putrefaktion darstelle. Somit ließe sich eine künstliche warm-feuchte Umgebung für das Wachstum eines Lebewesens schaffen. Paracelsus gibt eine konkrete Anleitung für die Erzeugung eines Homunkulus: Man müsse menschliche Spermien 40 Tage in einem Gefäß im (wärmenden) Pferdemist verfaulen lassen. Was sich dann rege, sei „einem Menschen gleich, doch durchsichtig“. 40 Wochen lang müsse man dieses Wesen dann bei konstanter Wärme mit dem Arcanum des Menschenbluts nähren, und schließlich werde ein menschliches Kind entstehen, jedoch viel kleiner als ein natürlich geborenes Kind.
Spätere Konzepte In der Tradition der Alchemie war die Idee der Erzeugung von neuem Leben verbreitet. Organisches Material schien einen Seelenstoff zu enthalten, aus dem man neues, künstliches Leben gestalten könne. Noch Pierre Borel, der Leibarzt Ludwigs XIV., behauptete im späten 17. Jahrhundert, dass durch die Destillation von Menschenblut eine menschliche Gestalt entstehe. Ähnliches wird von dem britischen Chemiker und Mystiker Robert Fludd berichtet, der angeblich einen Menschenkopf in der Retorte züchtete. Mit dem Beginn der Neuzeit kann man jedoch auch einen gewissen Wandel des Homunkuluskonzeptes beobachten, der letztlich die Weiterentwicklung der Naturwissenschaften widerspiegelt. War der Homunkulus zu Beginn noch ein vorwiegend alchemistisch-mystisches Konzept, transformiert sich die Idee einer Züchtung und Zeugung künstlicher Menschen gemäß den Fortschritten der empirischen Wissenschaften. Die jeweils avanciertesten Diskurse (Mechanik, Elektromagnetismus, Genetik) inspirieren diesen alten menschlichen Traum, bis zu den Klon- und KI-Phantasien der heutigen Tage. Derartige „naturwissenschaftliche“ Ideen klingen schon in der frühen Neuzeit in Francis Bacons Wissenschaftsutopie (1626) an. In entwirft Bacon eine utopische Idealgesellschaft, die im Wesentlichen von dem „Haus Salomons“, einer Art Wissenschaftsakademie, beherrscht ist. Dieses Haus Salomons beherrscht durch wissenschaftlichen Fortschritt wunderbare Techniken, unter anderem ist eine starke Modifizierung lebender Organismen möglich.
mini|Robert Hamerling
Dabei wird das Motiv des Homunkulus nicht nur verwendet, um einen Fortschrittsoptimismus im Geiste Bacons zum Ausdruck zu bringen. Der österreichische Dichter Robert Hamerling setzte etwa die Figur des Homunkulus ein, um eine scharfe Kritik an einer zunehmend materialistisch orientierten Weltanschauung zu üben.Robert Hamerling: . 1888. In dem 1888 veröffentlichten, satirischen Epos beschreibt Hamerling einen Professor, der einen Homunkulus schafft. Dieser ist mit seiner Erschaffung allerdings nicht zufrieden, zu klein und schrumpelig sei sein Äußeres. In seinem weiteren Leben macht der Homunkulus Karriere als Geschäftsmann und Verleger. Er gründet eine Zeitschrift, die für den Abdruck von Gedichten kein Honorar zahlt, sondern ein Honorar fordert. Mit dem Verkauf dieser Zeitschrift wird der Homunkulus reich, verliert sein Geld jedoch wieder in einem Börsencrash. Nach einem Suizidversuch baut er eine Schule für Affen auf, die das Ziel hat, bessere Menschen zu züchten. Da dieses Projekt und auch weitere Unternehmungen scheitern, entwickelt sich der Homunkulus schließlich zu einem radikalen Misanthropen, der sich als Einsiedler zurückzieht und an einem Luftschiff baut. Schließlich fährt der Homunkulus rastlos mit diesem Luftschiff umher und verwüstet dabei viele Landstriche. Der Literaturwissenschaftler Klaus Völker kommentiert Hamerlings Homunkulusfigur wie folgt: „Hamerling benutzt die Homunkulus-Gestalt in seinem Epos als Metapher für die in seinen Augen unheilvoll materialistische Gesinnung seiner Zeit, für Profitgier und Unmenschlichkeit. Das Humunkeltum, das das künstliche Geschöpf auf Erden etablieren möchte, ist die Vision einer von Geld und Technik verunstalteten Welt.“Klaus Völker: Nachwort. In: Klaus Völker (Hrsg.): Künstliche Menschen. (= Phantastische Bibliothek. Band. 308). Suhrkamp, Frankfurt 1994, ISBN 3-518-38793-6, S. 461–464. Allerdings erklärt Völker auch, dass Hamerling den Anspruch einer Wissenschaftskritik nicht einlösen könne, da sich sein Werk schließlich in nationalistischen und antisemitischen Stereotypen verliere.
Der Homunkulus in Goethes Faust Das Motiv des Homunkulus ist unter anderem von Goethe während seiner Arbeit an Faust II zwischen 1825 und 1831, als Idee eines auf chemischem Wege erzeugten Menschen, aufgenommen worden. Mit dazu beigetragen hat die erste erfolgreiche Umwandlung von anorganischer in organische Materie im Jahr 1828: die Harnstoffsynthese durch Friedrich Wöhler. In einem Entwurf vom 17. Dezember 1826 beschreibt Goethe explizit Wagner als Schöpfer des Homunculus, in der endgültigen Fassung fehlt dieser Teil. Der Dichter und enge Vertraute Goethes Johann Peter Eckermann erklärte daher, dass Mephistopheles der eigentliche Schöpfer des Homunkulus sei. Endgültig klären lässt sich diese Frage nicht mehr.
Es ist möglich, die Idee des Homunkulus durch Goethes Naturphilosophie zu erklären. Goethe war der Meinung, dass es einen besonderen Lebenssaft gebe, der allen Lebewesen zukomme und organisches und anorganisches Material grundsätzlich voneinander trenne. Man nennt eine solche Position Vitalismus. Im Rahmen dieser Theorie ist die Schaffung von Lebewesen aus anorganischem Material nicht denkbar. Wenn jedoch, wie bei der Erzeugung von Homunculi, organische Materialien ins Spiel kommen, wäre die Erzeugung von künstlichen Wesen grundsätzlich denkbar. Schon bei Goethe ist das Motiv des Homunculus mit der Idee einer erfolgreichen Naturwissenschaft verknüpft. So lässt er Wagner sprechen:
mini|Wagner brütet den Homunkulus im Glaskolben aus
„Es leuchtet! seht! – Nun läßt sich wirklich hoffen, Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen Durch Mischung – denn auf Mischung kommt es an – Den Menschenstoff gemächlich componiren, In einen Kolben verlutiren Und ihn gehörig cohobiren, So ist das Werk im Stillen abgethan. Es wird! die Masse regt sich klarer! Die Ueberzeugung wahrer, wahrer! Was man an der Natur Geheimnisvolles pries, Das wagen wir verständig zu probiren, Und was sie sonst organisiren ließ, Das lassen wir krystallisiren.“Johann Wolfgang von Goethe: Faust II. Zweiter Akt, Laboratorium. 1832.
Der Homunkulus in der Philosophie
In der Philosophie wird der Begriff des Homunkulus in einer Weise verwendet, die sich vom alchemistischen und literarischen Gebrauch erheblich unterscheidet. Seit der frühen Neuzeit wurde versucht, auch lebendige Organismen als Funktionsgebilde zu betrachten, und damit entstand das Problem, erklären zu müssen, an welcher Stelle eines untersuchten Ablaufs sich das selbstorganisierte Handeln vom fremdorganisierten Funktionieren abgrenze. Ein Lösungsversuch war der Homunculus, der die Vorstellung des Menschen vor der Maschine in einen betrachteten Organismus verlagerte.Werner A. Müller, Monika Hassel: Entwicklungsbiologie und Reproduktionsbiologie des Menschen und bedeutender Modellorganismen. Springer, Berlin 1999, ISBN 3-642-28382-9, S. 1f. In der Philosophie der Wahrnehmung und in der Philosophie des Geistes werden Positionen als „Homunkulustheorien“ bezeichnet, wenn sie einen Ort im Körper postulieren, an dem ein bewusstes Wesen oder ein Geist aufzufinden sei. Meist hat die Rede von einem Homunkulus dabei eine kritische Funktion: Bestimmten Theorien wird vorgeworfen, dass sie die Existenz eines Homunkulus implizieren würden. Da es jedoch keinen Homunkulus gebe bzw. mit einer solchen Annahme nur das zu klärende Problem vom Organismus auf den Homunkulus verschoben werde, seien diese Theorien abzulehnen.
Philosophie der Wahrnehmung mini|René Descartes’ Illustration des Wahrnehmungsprozesses