mini|Merlin beim Diktieren seiner Gedichte, frz. Buchmalerei aus dem 13. Jahrhundert Merlin (vom walisischen Myrddin []) ist der Name eines bekannten Barden, Sehers und Zauberers aus dem Artuszyklus.
Name Der latinisierte Name Merlinus erscheint erstmals bei Geoffrey von Monmouth (Historia Regum Britanniae, um 1135). Zugrunde liegt ein Myrddin oder Merddin, der ebenfalls um das 12. Jahrhundert in walisischen Legenden auftaucht. Geoffrey identifiziert Merlinus mit Ambrosius Aurelianus, der bei Nennius (9. Jh.) erwähnt wird.
Der walisische Name lautet Merddin, Myrddin (das Llyfr Du Caerfyrddin, um 1250, hat die Schreibung MyrtinPeniarth MS 1, ed. Evans, Black Book of Carmarthen (1906), S. 1.). Die bretonische Form Marzin ist sehr unsicher.Marzin als bretonischer Reflex des walisischen Merddin wurde 1845 von La Villemarqué entdeckt, bzw. rekonstruiert aus einer Zeile in einem Volkslied (Ar Rannou), Teir rouantelez Varzin „Drei Reiche des Marzin“. La Villemarqué nahm diese Form in sein bretonisches Wörterbuch auf und emendierte sie auch verschiedentlich im Text anderer von ihm herausgegebener Texte. Goulven Péron: La Villemarqué et les chants arthuriens du Barzaz-Breiz : entre revendications des collectes et recours à l’imaginaire, IRIS 38 (2017), 43–56. Die Herkunft des Namens ist unsicher, vermutet wurde ein Reflex des lateinischen Martinus. Damit läge der Ursprung der Figur des Myrddin in Legenden über Martin von Tours, dem Ninian kurz nach dessen Tod (397) eine Kirche in Whithorn gewidmet haben soll.Die Überlieferung, die Ninian zum Zeitgenossen Martins macht, stammt von Aelred von Rievaulx; diese frühe Datierung Ninians wird von modernen Autoren bezweifelt, Macquarrie (1997) hält eine Datierung auf das 6. Jahrhundert für wahrscheinlich, vgl. Thomas Owen Clancy, „St. Ninian“ in: John T. Koch: Celtic Culture: A Historical Encyclopedia. ABC-Clio, Santa Barbara 2006, S. 1358. Anwyl (1916) argumentiert, dass die walisische Entsprechung zu Martinus zunächst Merthin gelautet hätte, möglicherweise aber mit einem lautgesetzlichen Übergang von -rth- zu -rdd- zu Merddin geworden wäre. Die sprachliche Realität der Form Merddin sei ersichtlich aus einem Gedicht des Dafydd ap Gwilym.Edward Anwyl, „Merlin“ in: Encyclopedia of Religion and Ethics, Band 8 (1916), 565–570.
Die Latinisierung als Merlinus erklärte Gaston Paris durch den Umstand, dass Geoffrey von Monmouth von der Form *Merdinus zurückgeschreckt sei, um einen Anklang an merda „Fäkalien“ zu vermeiden.Gaston Paris, Rezension von Arthur de La Borderie, Les véritables Prophéties de Merlin in: Romania 12 (1883), 367–376.
Die volksetymologische Verbindung zum Ortsnamen Carmarthen, walisisch Caer Fyrddin, hat die Form Myrddin (anstelle von Merddin oder Merthin) begünstigt; fyrddin ist die lenierte Form von myrddin, von einem mori-dunon „Festung am Meer“. Dieser Name der Stadt ist seit der Antike bekannt, als Moridunum. Mit der volksetymologischen Umdeutung wurde der Name dann aber auch als „Festung des Merlin“ interpretiert. A.O.H. Jarman vertrat die Ansicht, dass umgekehrt der Name Myrddin selbst eine volksetymologische Ableitung aus dem Ortsnamen Caer Fyrddin sei.A. O. H. Jarman, Ymddiddan Myrddin a Thaliesin (1951). Vgl. John T. Koch: Celtic Culture: A Historical Encyclopedia. ABC-Clio, Santa Barbara 2006, S. 321.
Es gab andere Vorschläge, die den Namen Myrddin aus dem Keltischen herleiten unter anderem von *mer- „verrückt, ungesund, sinnlos“ und (go)donios (walisisch: dyn) „Person, Mann“, also als Bezeichnung für einen „verrückten Menschen“.Brian Frykenberg, „Myrddin“ in: John T. Koch (Hrsg.): Celtic Culture: A Historical Encyclopedia. ABC-Clio, Santa Barbara 2006, S. 1326. Vgl.: La Villemarqué (1861) wollte den Namen von einem bretonischen Marthin, Marzin herleiten, das er mit dem Wort für „Wunder“ (marz, von urkeltisch *marto- „Tod“Peter Schrijver in: J. H. W. Penney (Hrsg.): Indo-European Perspectives: Studies In Honour of Anna Morpurgo Davies (2004), S. 297) in Verbindung brachte. Die Vermischung mit dem Heiligen Martin von Tours hätte nach La Villemarqué damit bereits sehr früh in Gallien stattgefunden. Weiter verband Villemarqué die martes, Wesen in der französischen Folklore.La Villemarqué, L'Enchanteur Merlin (1861) S. 19, vgl.: Henry Benjamin Wheatley, Merlin; Or, The Early History of King Arthur, Early English Text Society (1865), S. v (missversteht La Villemarqués Nennung der martes als Hinweis auf Marsyas, Sohn der Circe, aus der klassischen Mythologie), Germain Laisnel de La Salle, Croyances et légendes du centre de la France (1875), S. 138. La Villemarqués Vorschlag einer frühen Beeinflussung der Martinslegende durch eine gallische „druidische“ Tradition um einen Marthin wurde seit 1992 wieder aufgenommen durch die französischen Mediävisten Philippe Walter und Jean-Charles Berthet (Merlin et saint Martin ou les chemins qui ne mènent pas à Rome 1992; Le devin maudit 1999; Merlin, ou, Le savoir du monde 2000).
Walisische Tradition Literarisch erstmals erwähnt wird Ambrosius Aurelianus bei Nennius in seinem Werk Historia Britonum aus dem 8. bis 9. Jahrhundert. Er beschreibt, wie Ambrosius als „Kind ohne Vater“ vor den britischen König Vortigern gebracht wird, um als Menschenopfer den sicheren Bau seiner Burg zu gewährleisten. Hierbei allerdings beeindruckt der Knabe die Anwesenden durch eine Prophezeiung über den Boden, auf den die Burg gebaut werden soll, dass er nicht geopfert wird. Er prophezeit einen Kampf zwischen einem weißen und einem roten Drachen, der unter der Erde stattfindet, so dass die Burg nicht gebaut werden könne. Es handelt sich hierbei um eine Metapher über den bevorstehenden Krieg zwischen Britanniern und Sachsen. Nennius' Ambrosius Aurelianus wird bei Geoffrey of Monmouth zu Merlinus Ambrosius.
Das Llyfr Du Caerfyrddin, ein Manuskript aus dem mittleren 13. Jahrhundert, enthält eine der ältesten Überlieferungen in walisischer Sprache, das Gedicht Ymddiddan Myrddin a Thaliesin („Gespräch zwischen Merlin und Taliesin“), das möglicherweise aus dem 11. Jahrhundert stammen könnte.
Bei Giraldus Cambrensis (um 1188) ist Merlinus Celidonius ein Seher, der in der Schlacht von Arfderydd den Verstand verloren haben soll. Er kämpfte für König Gwenddoleu fab Ceidiaw gegen Rhydderch Hael, vor dem er schließlich nach Schottland floh.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur (= Kröners Taschenausgabe. Band 466). Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-46601-5. Dort erhält er in der Einsamkeit der Wälder die Gabe der Weissagung. Von Lloyd (1894) stammt der Vorschlag, dass die mittelalterliche walisische Tradition um Myrddin zwei Figuren vermischt, einen Myrddin Emrys, ursprünglich Ambrosius Aurelianus, und den Merlinus Celidonius oder Merlin Sylvestris aus Giraldus Cambrensis. Mit dem letzteren sei außerdem später (im 15. Jahrhundert) die Figur des Laleocen aus der Vita Sancti Kentigerni (12. Jahrhundert) vermischt worden zu Figur des Wilden Mannes Myrddin Lailoken oder Myrddin Wyllt.Lloyd, John Edward (1894). „Myrddin Wyllt“. In Lee, Sidney (ed.). Dictionary of National Biography. Vol. 40. London: Smith, Elder & Co.Public.Sylvia und Paul Botheroyd: Lexikon der keltischen Mythologie. Diederichs-Verlag, München 1992, ISBN 3-424-01077-4.
Eine der Walisischen Triaden von Iolo Morganwg (Edward Williams) (1801) nennt „Die drei besten Barden der Insel Britannien“: Merddin Emrys (Ambrosius), Merddin mab Morfryn („Merddin, Sohn des Morvyn“) und Thaliesin benn Beirdd („Taliesin, Haupt der Barden“).The Myvyrian Archaiology of Wales (Nachdruck in einem Band, 1870), S. 394: 92. Tri phrif fardd ynys Prydein Merddin Emrys, Merddin mab Morfryn a Thaliesin benn Beirdd.
Iolo Morganwg (Edward Williams) publizierte Y Myvyrian Archaiology 1801 aus teilweise eigenen Dichtungen, teilweise Dichtungen von walisischen Gelehrten des 16. bis 18. Jh. Hersart de la Villemarqué veröffentlichte 1839 mit Barzaz-Breiz: Chants populaires de la Bretagne (erweiterte Ausgaben 1845 und 1867) eine Sammlung bretonischer Volkslieder, ähnlich wie bei Williams eine Vermischung aus authentischer Folklore des frühen 19. Jh. und eigener Dichtung. Darin finden sich vier Texte über Merlin (Marzin), darunter die Ballade Marzin-Barz (Merlin der Barde)F. H. M. Le Saux, „Exorcising Exclusion: The Figure of Merlin in Hersart de la Villemarqué's 'Barzaz Breiz'“, Arthuriana 10.1 (2000), 43–54. Laurent (1974) kam nach Studium der Notizbücher Villemarqués zur Ansicht, dass die Ballade authentische Elemente enthalte.Donatien Laurent, La Villemarqué collecteur de chants populaires – Étude des sources du premier Barzaz-Breiz, 1974, Partie 2 (2), S. 475–484 , chant n° 182.
Artus-Epik mini|links|Zeugung des Zauberers Merlins durch einen Incubus.Miniatur aus der Handschrift BnF, ms. Français 95, f. 113v, Robert de Boron: L’Estoire du Graal, um 1280. Unterhalb der Miniatur ist zu lesen : « Mout fu iriés li anemis quant nostre sires ot esté en infer et il en ot gité Adan et Eve … » Sehr groß war der Zorn des Feindes [Teufels], als unser Herr in die Hölle gefahren ist und Adam und Eva herausgeholt hat … mini|Die Verführung Merlins durch Nimue Um 1135 übernimmt Geoffrey von Monmouth in seiner Historia Regum Britanniae Merlin als vaterlosen Knaben und die Sage um Vortigerns Burg, bezeichnet ihn aber als Sohn eines Inkubus und einer Nonne königlicher Abstammung.Meyers Großes Konversations-Lexikon. Directmedia Publ., Berlin 2004, DVD-ROM-Ausgabe, 6. Auflage 1905–1909, ISBN 3-89853-500-2, Band 13, S. 640 f. Hier scheint es sich um die Gestalt des Merlin Ambrosius zu handeln, der den jugendlichen Merlin widerspiegelt. In der um 1150 entstandenen Vita Merlini wird die Figur weiter ausgestaltet und dabei erstmals an die Artussage angebunden.
Durch die Übertragung der Historia regum Britanniae durch Wace im Roman de Brut 1155 gelangte der Sagenstoff in die französische Literatur, wo er unter anderem von Chrétien de Troyes aufgenommen wurde. Merlin erscheint jetzt als Zauberer und Ratgeber Artus’, der sich an seinem Lebensende aus der Welt zurückzieht. Robert de Boron baut 1210 im Versroman Histoire de Merlin die Erzählung aus. Er macht Merlin zu Artus’ Erzieher und führt sowohl die Tafelrunde als auch die Suche nach dem Gral auf Merlin zurück. Um 1225 entstand der Sagenzyklus Prose Lancelot, in der die Rolle Merlins als Berater des Artus und dessen Vater Uther Pendragon weiter ausgebaut wird. Im ersten Teil der Prose Lancelot, der Estoire del Saint Grail, wird der prophetische Merlin noch als dämonischer Charakter gezeichnet, während er in den späteren Teilen ab der Estoire de Merlin vor allem in Verbindung mit der Gralssuche erscheint. Auch hier geht sowohl die Tafelrunde als auch die Gralssuche auf ihn zurück, ebenfalls ist die Regelung für Uthers Nachfolge enthalten, nach der derjenige der neue König wird, der das Schwert Excalibur aus dem Stein ziehen kann. Thomas Malory stellte im 15. Jahrhundert verschiedene französische und englische Artuserzählungen in Le Morte d’Arthur zusammen, das 1485 von William Caxton publiziert wurde und als Vorlage für die meisten späteren Bearbeitungen des Stoffes diente.
Im Rahmen der Artussage wird ein weibliches Prinzip Merlin gegenübergestellt. Hierbei handelt es sich entweder um eine helfende Hand, welche als „Dame des Sees“, oft als Vivianne bezeichnet, auftritt und Merlin und seinen Schützling Artus unterstützt. Eine etwas verstärkte Variante bildet die Figur der Nimuë, die häufiger als Geliebte Merlins verstanden wird. Es wird auch erzählt, dass Merlin ihr verfalle und sie ihn töte oder auch einsperre. Ein drittes Prinzip ist oftmals in Morgana oder Morgue abgebildet, welche als Gegenspielerin und Feindin Merlins auftritt. Die Namen werden allerdings oft vertauscht und die Charaktergrenzen sind nicht immer klar abgegrenzt.Norris J. Lacy: Merlin – A Casebook. Routledge, New York 2003, ISBN 0-8153-0658-X.