mini|200px|Wappen Ostfrieslands mit dem später hinzugefügten Wahlspruch

Eala Frya Fresena ist ein friesischer Wahlspruch und wird gelegentlich als zentraler Ausdruck der Friesischen Freiheit hervorgehoben. Er soll am Upstalsboom, einem mittelalterlichen Versammlungsplatz nahe Aurich, von den versammelten Friesen ausgerufen worden sein. Die Redeweise ist jedoch erst im 16. Jahrhundert belegt, und nur als Trinkspruch. Sie wurde im späten 18. Jahrhundert mit dem Upstalsboom in Verbindung gebracht.Tileman Dothias Wiarda: Von den Landtagen der Friesen in den mittlern Zeiten bey Upstalsboom. Aurich 1777, S. 118.

Trinkspruch Die historische Bezeugung des Satzes setzt erst spät ein, und zwar nicht in Ost-, sondern in Westfriesland (westlich der Lauwers). Nach dem Germanisten Pieter Sipma ist der offenbar sprachlich verderbte Spruch im Altfriesischen überhaupt nicht belegt, sondern soll zum ersten Mal 1588 bei Cornelius Kempius auftauchen.Karl von Richthofen: Altfriesisches Wörterbuch. Göttingen 1840, S. 703.Pieter Sipma: Eala Fria Fresena. In: De Pompeblêdden 19, 1948, S. 21–24. Dieser bezeugt, dass man in Friesland die Gäste mit einem vollen Trinkbecher begrüßt und sie zu einem Händedruck und einem Kuss einladet: Het ghildt eele ffrye ffryse („Es gilt Dir Heil, freier Friese!“ oder „Es gilt Dir, edler freier Friese!“). Der Gast sollte antworten: Ffaer wael ele vrye ffrise („Es gehe Dir wohl, edler freier Friese!“). Beim Zutrinken hätte man zudem nicht zwischen Männern und Frauen unterschieden. Es handelt sich zwar nicht um den ältesten Hinweis. Bereits Reyner Bogerman erwähnt in seiner Sprichwortsammlung aus 1551 den verkürzten Satz: ey ele Frese.Tjitze J. de Boer: Reyner Bogerman’s Friesche rijmspreuken. (PDF; 2,1 MB) In: De Vrije Friesch. 19, 1900, S. 207–279, 254, 261 (ele = „edle“). Dennoch ist die Überlieferung dünn.

Spätere Versionen sind ebenfalls kürzer, wie 1617 bei dem Juristen Sibrandus Siccama Ela fria Fresa! oder im Plural Ela fria Fresena!, verzeichnet in seiner Ausgabe der altfriesischen Gesetze.Sibrand Siccama: Lex Frisionum sive antiquæ Frisiorum leges, a reliquis veterum Germanorum legibus separatim ædita. Franeker 1617. S. 65. Laut Siccema war es bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die übliche Begrüßung, die aber unter die sächsische und geldrische Herrschaft nach 1498 außer Gebrauch gekommen war. Es wird vermutet, dass man schon in seiner Zeit die ursprüngliche Bedeutung der Wörter nicht mehr kannte, weshalb der Satz auf Lateinisch als nobiles liberi Frisones, d. h. „edle freie Friesen“ aufgefasst wurde.Hinrich Siuts: Bauern und Landhandwerker in Ostfriesland. Eine Darstellung aufgrund der Erhebungen von Bernhard Klocke 1979-1984. Cloppenburg 2004, S. 217. So auch: Tiede Roelofs Dijkstra: Zeden en gewoonten uit vroegeren tijd. In: Nieuwe Friesche Volks-Almanak 7, 1859, S. 154–160, hier S. 157. Siccama beruft sich zudem auf eine ungenannte holländische Chronik, in der die Friesen des „Keysers vrije“ genannt wurden, weil sie ihre Freiheit Karl des Großen verdankten.

Das Wort eal oder eel („edel“) ist im Westfriesischen des 19. Jahrhunderts relativ gut belegt.Wurdboek fan de Fryske taal / Woordenboek der Friese taal (WFT) Online, Stichwort: eal, var. eel und eabel. Vgl. jedoch das Stichwort: eala. Eine derartige (innerlich widersprüchliche) Standesbezeichnung ist jedoch aus dem Mittelalter nicht bekannt.Eine Ausnahme bietet der aus einem nordfriesischen Lied bekannte Terminus adlige Booiine, dass aber vom dänischen Odelsbonde („erbeigener Bauer“ oder „Freibauer“) stammt.

Englische Gegenstücke Es handelt sich um einen Spruch, der möglicherweise auf eine englische Sage bei Geoffrey von Monmouth zurückgeht, nach der die verräterische Rowena, Tochter des legendären Heerführers Hengest ihrem König Vortigern den Becher reichte mit den Wörtern: Lauerd King, waesseil! („Lord König, seid gesund!“). Dieser hätte den Pokal angenommen und den Segenswunsch mit einem Drichheil! („Trinke gesund!“) begegnet. Der in England weit verbreitete Trinkspruch lautete deshalb Waes hael!, worauf Drinc hael! geantwortet wurde. In niederländischen Texte wurde daraus im 16. Jahrhundert Wacht heyl! und Drinct heyl!

In der westfriesischen Geschichtsschreibung des späten 16. Jahrhunderts hat man Hengest für einen Friesen gehalten und seine vermeintliche Trinksitten als friesisch erkannt. Die Anlehnung am englische Trinkrituale wurde wohl dadurch gefördert, das man in England und Westfriesland ähnliche Trinkgefäße (in England die sogenannten Wassail-cups) und ähnliche Trinkhörner benutzte, um die Getränke herumzureichen.

Inwiefern der Satz tatsächlich zu den praktizierten Trinksitten gehörte, bevor er im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, ist ungewiss.

Sprachliches Die Übersetzung des Satzes ist umstritten. Die Autoren des 17. Jahrhunderts meinten, es handle sich um „edle freie Friesen“, doch seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Wort ela oder eala zunehmend als Interjektion („Wohlauf!“, „Seid gegrüßt!“, „Willkommen!“ „Ach!“ oder „O [freie Friesen]!“) aufgefasst.

Die Schreibweise Eala fria Fresena wurde erst 1746 vom ostfriesischen Regierungsrat Matthias von Wicht in Anlehnung an altenglische Beispiele eingeführt.Matthias von Wicht: Das ostfriesische Land-Recht nebst dem Deich- und Syhlrecht. Aurich 1746, S. 104 (Anm.). Von Ostfriesland aus hat sie sich sodann um 1840 in Westfriesland und später auch in Nordfriesland verbreitet.Joost Hiddes Halbertsma: Letterkundige naoogst. Deventer 1840, S. 161. Lexicon Frisicum. Bd. 1: A-Feer. Deventer 1872, Sp. 824 (hier als durchsuchbares Datenbestand mit friesische Übersetzung durch Anne Dykstra, Instituut voor de Nederlandse Taal, Leiden, 2018–2022). Nikolaus Outzen: Glossarium der friesischen Sprache. Kopenhagen 1837, S. 59.

Die Interjektion ēalā findet sich zwar im Altenglischen. Diese kann jedoch nicht unmittelbar mit Eala frya Fresena in eine direkte Beziehung gebracht werden, da der altenglische Diphthong ēa (wie bei brēad „Brot“) im Altfriesischen in der Regel einem gedehnten ā (brād) entspricht. Der Freudenruf hilla! („Juchhei!“) ist immerhin 1640 bei dem Dichter Gysbert Japicx bezeugt und entspricht einer ähnlichen Form im Englischen.Gysbert Japicx: Friesche rymlerye (1668). 2. Aufl. Leeuwarden 1681, S. 6 (Hilla! het Famke sjog ik dear?).Joost Hiddes Halbertsma, Lexicon Frisicum. Bd. 1: A-Feer. Deventer 1872, Sp. 824 (Online, Stichwörter heilla! (1), heilla! (2), hilla!). Oxford English Dictionary (OED), Stichwörter hilla und hillo. Als heila! oder hela! ist er spätestens seit 1684 im Niederländischen bezeugt.Philippe la Grue: Grammaire Flamande, contenant des regles solides, et les vrays fondamens …. Amsterdam 1684, S. 182. Es könnte sich sodann, nach Analogie mit dem Ausruf hol(l)a („Hallo da! Warte Mal! Pass auf!“), um eine Neubildung handeln, in der man den älteren Freudenruf ei, hé oder heah mit dem französischen Partikel -là („da“) verbunden hat.Michiel de Vaan: Hola. In: Neerlandistiek. Online-tijdschrift voor taal- en letterkunde, 4. Februar 2016. Halbertsma berichtet, man hätte zu seiner Zeit das holländische hola! („Pass auf!“) auf Friesisch als heilla! ausgesprochen, was leicht zu einer Verwirrung mit anderen fast gleichbedeutenden Homonymen geführt haben dürfte. Siehe auch: Wurdboek fan de Fryske taal / Woordenboek der Friese taal (WFT), Stichwörter eala, hela (var. hilla) und hola. Woordenboek der Nederlandsche Taal (WNT), Stichwörter eiII, he, heah, heiVII, heila, hela und hola. Eelco Verwijs und Jacob Verdam: Middelnederlandsch woordenboek (MNW). 1885–1929, Stichwort ey. Nachträglich dürfte man darin das altenglische ēalā erkannt haben.

Immerhin ist es nicht ganz auszuschließen, dass es sich ursprünglich um das altfriesische Wort ēthel („adelig, edel“) gehandelt hat. Das Wort eel („edel“) ist seit 1503 im Niederländischen belegt.Woordenboek der Nederlandsche Taal (WNT), Stichwort edel. Das Westfriesischen eal oder eel ist erst im 19. Jahrhundert dokumentiert, doch war der entsprechende Personenname Eelka bereits im Spätmittelalter verbreitet.Wurdboek fan de Fryske taal / Woordenboek der Friese taal (WFT) Online, Stichwörter eal, var. eel und eabel.

Vor allem in Deutschland setzte sich seit dem 19. Jahrhundert die Interpretation durch, dass das Wort eala auch als „Heil“ verstanden werden könne. Sprachlich wäre das nicht unmöglich, doch gibt es dafür keine konkrete Hinweise.

Weshalb man die Form Fresena in dem (in diesem Zusammenhang selten belegten) Genitiv Plural wiedergegeben hat, ist nicht eindeutig geklärt. Laut des Sprachforschers Pieter Sipma gibt es einen Präzedenzfall (agene „Augen“).Pieter Sipma: Eala Fria Fresena. In: De Pompeblêdden 19, 1948, S. 21–24. Der Historiker Georg Sello glaubt zwar, man hätte den niederdeutschen (oder frühniederländischen) Nominativ Fresen durch Anhängung eines dem Altfriesischen entlehnten Plural-a „friesisch aufputzen“ wollen.Georg Sello: Vom Upstalsbom und vom Totius-Frisiae-Siegel. (PDF; 27 MB) in: Jahrbuch der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden 21, 1925, S. 65–137, hier S. 117. Vgl. Friedrich Ritter: Eala Frisa Fresena. In: Upstalsboom-Blätter 1, 1911/12, S. 4–7. Doch konnte Siccama zurückgreifen auf ein seitdem verschollenes altfriesisches Manuskript des 15. Jahrhunderts, in dem die korrumpierte Wortbildung bereits mehrfach vorhanden war.Sibrandus Siccama, Lex Frisionum sive antiquæ Frisiorum leges, a reliquis veterum Germanorum legibus separatim ædita. Franeker 1617, S. 75, 114, 123. Han Nijdam, Arjen Versloot und Henk D. Meijering: Kodeks Siccama. Spoaren fan in ferdwûn Aldwestfrysk rjochtshânskrift (PDF). In: Us Wurk 61, 2012, S. 1–56, hier S. 30, 48, 50.

Neubelebung im 19. und 20. Jahrhundert Der Spruch wurde in der Spätaufklärung wiederentdeckt und neubelebt. Das war vor allem dem ostfriesischen Historiker und Landschaftssekretär Tileman Dothias Wiarda zu verdanken, der seit 1777 seine Darstellung der mittelalterlichen Landtage am Upstalsboom mit einem romantisch gefärbten Gedanken über altherkömmliche Trinksitten, volkstümliche Bräuche und vermeintliche Freiheitsretorik verband. In einem 1818 abgefasstes Schrift heißt es:

Damit entwarf Wiarda, wohl von den politischen Ereignissen seiner eigenen Zeit beeindruckt, das Bild einer idealisierten Volksversammlung, der zugleich als Wunschbild für eine ersehnte demokratische Zukunft dienen konnte. Der Spruch bildete bei ihm einen Gegenstück zur zeitgenössischen Parole „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ (so Martin Tielke).Martin Tielke: Der Upstalsboom als Gedächtnisort. In: Hajo van Lengen (Hg.): Die Friesische Freiheit des Mittelalters. Leben und Legende. Aurich 2003, S. 436–461, hier S. 448.

Der überlieferte Satz Eala frya Fresena wurde im 19. Jahrhundert politisch instrumentalisiert und in den Westfriesland, Ostfriesland und Nordfriesland auf unterschiedlicher Weise eingesetzt. Ostfriesland