Erleuchtung (von althochdeutsch irliuhten „erleuchten“, mittelhochdeutsch erliuhtunge „Aufleuchten“, „Erleuchtung“; lateinisch illuminatio), auch Illumination, bezeichnet eine religiös-spirituelle Erfahrung, bei der ein Mensch sein Alltagsbewusstsein überschritten hat und eine dauerhafte Einsicht in eine – wie auch immer ausgeprägte – gesamtheitliche Wirklichkeit aus Immanenz und Transzendenz erlangt. Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter „Erleuchtung“ gewöhnlich eine plötzliche Erkenntnis oder Eingebung.
Über die Vorgänge, die mit dem Begriff Erleuchtung im religiösen Sinn bezeichnet werden, und die Gründe ihres Auftretens gibt es unterschiedliche Auffassungen, die mit dem jeweiligen philosophischen oder religiösen Hintergrund des Beurteilenden zusammenhängen. In manchen Fällen wird Erleuchtung als spontan eingetretener Durchbruch oder als aus eigener Kraft erlangtes Endergebnis eines Prozesses geistiger Übung und Entwicklung aufgefasst, nach anderen Interpretationen ist sie göttlicher Gnade zu verdanken, und wieder andere konstatieren eine Verbindung von beidem. Gewöhnlich ist mit dem Erlebnis der Erleuchtung eine tiefgreifende und nachhaltige Veränderung der Persönlichkeit verbunden.
In den europäischen Traditionen wird Erleuchtung oft zu den mystischen Erfahrungen gezählt. In Christentum, Judentum und Islam wird zumeist der Begriff Erlösung verwendet, was eine eher passiv erfahrene Befreiung vom Leid bezeichnet, im Gegensatz zur aktiv „erarbeiteten“ Erleuchtung, die bspw. Hinduismus und Buddhismus betonen. In der Terminologie asiatischer Religionen kommen keine Ausdrücke vor, die genau dem europäischen Begriff „Erleuchtung“ entsprechen, doch spielen solche Konzepte in vielen östlichen Traditionen eine zentrale Rolle als Lebensziel jedes Individuums, bspw. im Hinduismus Moksha und im Buddhismus u. a. Nirwana, Bodhi oder Satori.
Begriffsgeschichte Antike Der Begriff „Erleuchtung“ stammt aus der antiken philosophischen Lichtmetaphorik. Den Ausgangspunkt seiner Entstehung bildeten Stellen in Platons Dialog Politeia und in dem Platon zugeschriebenen Siebten Brief. In der Politeia stellt Platon fest, es sei zuerst herauszufinden, worin die Gerechtigkeit im Staat besteht, und das Ergebnis dieser Untersuchung sei dann auf die Individuen zu übertragen. Man solle die staatliche und die individuelle Gerechtigkeitsbestimmung vergleichend betrachten und wie zwei Feuerhölzer gegeneinander reiben, dann werde man vielleicht die Gerechtigkeit wie einen Funken herausblitzen lassen, das heißt zur plötzlichen Erkenntnis ihres allgemeinen Wesens gelangen.Platon, Politeia 435a. Der Verfasser des Siebten Briefs schreibt, die Erkenntnis des Sinns von Platons „ungeschriebener Lehre“ sei eine Frucht häufiger gemeinsamer Bemühung der Philosophen, doch entstehe sie in der Seele nicht allmählich, sondern plötzlich, wie ein Feuer, das von einem übergesprungenen Funken entfacht wird. Dann nähre sie sich aus sich heraus weiter.Platon, Siebter Brief 341c–d. Man solle Benennungen, Erklärungen, Ansichten und Wahrnehmungen aneinander reiben und so prüfen, dann könnten Einsicht und Verständnis über jeden Gegenstand aufleuchten.Platon, Siebter Brief 344b. Das Aufleuchten bildet nach dem Siebten Brief den Abschluss eines fünfstufigen Erkenntnisprozesses, dessen erste vier Schritte diskursiv sind.
An diese Stellen und an die Lichtmetaphorik von Platons Sonnengleichnis und Höhlengleichnis knüpft die neuplatonische Metaphysik des Lichts an. Im 3. Jahrhundert entwickelte Plotin, der Begründer des Neuplatonismus, eine Lehre von der Schau des Lichts des Einen. Dabei tritt eine Erleuchtung des schauenden Philosophen im Sinne des noch heute gängigen religiösen Erleuchtungsbegriffs ein.
Der neuplatonische Begriff eklampsis oder ellampsis („Hervorleuchten“)Siehe zu diesem Begriff Werner Beierwaltes: Denken des Einen, Frankfurt am Main 1985, S. 272 und Werner Beierwaltes: Proklos. Grundzüge seiner Metaphysik, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1979, S. 288–294, 378. wurde von den antiken Kirchenvätern aufgegriffen. Vor allem der sehr einflussreiche spätantike Kirchenvater Augustinus († 430) schuf aus dem neuplatonischen Gedankengut eine christliche Theorie der „Illumination“ (Erleuchtung). Für ihn ergibt sich die Erleuchtung aus der Präsenz des göttlichen Lichts in der Seele.
Mittelalter und Neuzeit Im Mittelhochdeutschen wurden die Wörter erliuhten und erliuhtunge sowohl im physischen als auch im übertragenen religiösen Sinn verwendet.Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, Bd. 1, Leipzig 1872, Nachdruck Stuttgart 1974, Sp. 652 f. Auch in der Frühen Neuzeit waren beide Bedeutungen von „erleuchten“ und „Erleuchtung“ geläufig.Beispiele bei Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Bd. 3, Leipzig 1862, Sp. 903 f.
Im allgemeinen Sprachgebrauch des 20. und 21. Jahrhunderts hat „Erleuchtung“ in erster Linie die Bedeutung „plötzliche Erkenntnis“, „Einfall“, „Gedankenblitz“, „Eingebung“ bzw. „Inspiration“. Diese Begriffsverwendung knüpft an die religiöse an, doch geht es oft um einen nichtreligiösen Zusammenhang. Es wird eine plötzliche, oft wunderbar anmutende Klarheit über eine Frage oder ein Problem erlangt, und die Eindrücklichkeit einer solchen blitzartigen Erkenntnis soll durch die Bezeichnung „Erleuchtung“, die an religiöse Erleuchtungserlebnisse erinnert, betont werden.Beispiele bei Ruth Klappenbach, Wolfgang Steinitz (Hrsg.): Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Bd. 2, 2. Auflage, Berlin 1968, S. 1121; Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in zehn Bänden, 3. Auflage, Bd. 3, Mannheim 1999, S. 1085.
20. und 21. Jahrhundert
Im allgemeinen Sprachgebrauch des 20. und 21. Jahrhunderts hat „Erleuchtung“ in erster Linie die Bedeutung, dass man ein „Allwissender“ wird.
Es gibt jedoch auch Kritiker, die argumentieren, dass der Begriff der Erleuchtung in der heutigen Zeit überbeansprucht und oft fehlerhaft verwendet wird. Einige behaupten, dass es unmöglich ist, alle Aspekte der Wirklichkeit zu erfassen und zu verstehen, und dass die Idee einer vollständigen Erleuchtung daher unrealistisch ist. Andere argumentieren, dass die Vorstellung, dass Erleuchtung nur der krönende Abschluss eines stetigen Bemühens ist, den Fokus auf das Ergebnis und nicht auf den Prozess legt und somit den Wert des persönlichen Wachstums und der Transformation reduziert, die während des Erleuchtungsprozesses auftreten können.
Trotz dieser Diskussionen bleibt die Idee der Erleuchtung ein faszinierendes Konzept, das von vielen Menschen auf der ganzen Welt angestrebt wird. Es gibt verschiedene Wege und Methoden, die zur Erleuchtung führen sollen, von religiösen Praktiken bis hin zu spirituellen Techniken und Selbsthilfe-Methoden. Einige glauben, dass Erleuchtung ein Zustand ist, der nur von wenigen erreicht werden kann, während andere glauben, dass es ein Ziel ist, das von jedem angestrebt werden kann.
Letztendlich bleibt die Bedeutung der Erleuchtung jedoch ein individuelles Konzept und kann von Person zu Person unterschiedlich sein. Egal ob als ein Abschluss eines stetigen Bemühens oder als eine plötzliche Erkenntnis verstanden wird, das Streben nach Erleuchtung kann eine Quelle der Inspiration, der Transformation und der spirituellen Entwicklung sein.
Buddhismus
Im Buddhismus hat der Begriff des Erwachens (sanskrit bodhi) eine zentrale Bedeutung. Er findet sich in den Wörtern „Buddha“ („der Erwachte“) und „Bodhisattva“ wieder. Bodhi kommt von der Sanskrit-Wurzel budh, die „aufwachen, erkennen, wahrnehmen, verstehen“ bedeutet. Als deutsche Übersetzung wird jedoch auch in buddhistischer Literatur sehr häufig „Erleuchtung“ gewählt, auch wenn dies der Etymologie weniger entspricht.Beispiel: Buchtitel Santideva: Eintritt in das Leben zur Erleuchtung Eugen Diderichs Verlag, München 1997. (Original: Bodhicaryvatara, aus dem Sanskrit übersetzt von Ernst Steinkellner). – Dalai Lama: Der Friede beginnt in dir. Herder Verlag, Freiburg 1998. (Ins Deutsche übersetzt von Corinna Chung, Sabine von Minden und Khyentse Jigme Rinpoche).
Es gibt zwei aufeinanderfolgende Stufen des buddhistischen Erwachens. Die erste stellt die individuelle Befreiung aus dem Leidenskreislauf der fühlenden Wesen, dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara), dar. Der Erwachte hat alle Ursachen des Leidens aus seinem Geist entfernt und erlebt nur noch Frieden. Dies wird „Erlangen des Nirvana“ genannt. Nach der Lehre des Mahayana-Buddhismus gibt es eine zweite Entwicklungsstufe, auf der das vollständige Erwachen eintritt, mit dem zusätzlich umfassendes Wissen erlangt wird.
Nach buddhistischer Überlieferung erlangte Siddhartha Gautama, der historische Buddha, in Bodhgaya den Zustand eines Erwachten, nachdem er viele Wochen unter einer Pappel-Feige meditiert hatte. Einige Zeit danach begann er seine Erkenntnis in Lehrreden mitzuteilen. Seine Lehre besagt, dass jedes Lebewesen das Potential habe, dauerhaften Frieden und Bodhi zu erlangen. Er lehrte etwa 45 Jahre und starb in hohem Alter. Nach der buddhistischen Tradition ging er in das Parinirvana ein.
Nach den Lehren des Theravada-Buddhismus strebt der buddhistische Übende Bodhi an, um den Leidenskreislauf der Wiedergeburten zu verlassen. Im Mahayana-Buddhismus hingegen geht es um die Entwicklung des Bodhi-Geistes (sanskrit bodhicitta, deutsch in der Regel als „Erleuchtungsgeist“ übersetzt). Das bedeutet, dass der Übende zum Nutzen aller fühlenden Wesen Bodhi erlangen will. Er will nicht ins Nirvana eintreten, solange nicht alle anderen fühlenden Wesen ebenfalls Bodhi erlangt haben. Dies wird im Bodhisattva-Gelübde ausgedrückt.
Es gibt zwei unterschiedliche Lehrmeinungen im Mahayana über bodhi: ein Konzept der spontanen Erleuchtung in der „Südlichen Schule“ und eines der allmählichen meditativen Selbstvollendung in der „Nördlichen Schule“.Ernst Schwarz (Übersetzer): Bi-Yän-Lu. Aufzeichnungen des Meisters vom Blauen Fels. Koan-Sammlung, München 1999, S. 24 f., 254, 311. Beide Meditationsstile werden so beschrieben:
Am 15. Januar 732 kam es zu einer großen Konferenz in der Provinz Hunan zwischen Anhängern des chinesischen Zen-Buddhismus, die sich um die Nachfolge des Sechsten Patriarchen Huineng drehte, aber auch den Meditationsstil betraf. Langfristig hat sich die Südschule durchgesetzt und vor allem in Japan Bedeutung erlangt (siehe Rinzai-shū).
Auch bei der spontanen Erleuchtung handelt es sich nach diesen Lehren nicht um einen einmaligen, abschließenden Vorgang. Vielmehr haben alle Meister ihre erlangte Einsicht jahrzehntelang, oft auch bei anderen Meistern, vertieft. Diese Auffassung entspricht der Vorstellung, eine blitzartige Erleuchtung sei der gelassenen, geduldigen meditativen Übung abträglich.
Der Zen-Buddhismus bezeichnet entsprechende Erfahrungen als Satori, aber auch der Begriff Kenshō gehört in dieses Umfeld.
Hinduismus Im Jnana Yoga wird für „höheres Wissen“ der Begriff Jnana verwendet. Dieses spirituelle Wissen beinhaltet in der Advaita-Philosophie die endgültige Erkenntnis der Einheit zwischen Atman (individueller Seele) und Brahman (absolutem Bewusstsein, Weltseele). Das Ziel ist die Erlösung (Moksha) aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara).
Im Raja Yoga ist die höchste Stufe Samadhi, die völlige Ruhe des Geistes. Das letztendlich angestrebte Stadium ist Nirvikalpa-Samadhi, der formlose Zustand, in dem es keine Unterscheidung mehr zwischen Subjekt und Objekt gibt und die Einheit mit Brahman erreicht ist. Nirvikalpa Samadhi wird jedoch von einigen als temporärer Zustand angesehen. Als permanenter Zustand der Nicht-Dualität gilt Sahaja-Samadhi, der natürliche Zustand, in dem das universelle Selbst während aller Aktivitäten verwirklicht ist, nachdem die Identifikation mit dem begrenzten Ego aufgehoben wurde.