mini|Personentriebwagen an der Endstation am Brasselsberg, 1962 Die Herkulesbahn war eine meterspurige Kleinbahn im Stadtgebiet von Kassel, die zwischen 1902 und 1966 betrieben wurde, ab 1961 als Straßenbahn. Ihre im Güter- und Personenverkehr bedienten Strecken erschlossen im Anschluss an die normalspurige Kasseler Straßenbahn den südlichen Teil von Kassel-Wilhelmshöhe und den Hohen Habichtswald mit dem Bergpark Wilhelmshöhe und der namensgebenden Herkulesstatue. Im Personenverkehr diente sie vor allem dem Ausflugsverkehr, das Güterverkehrsaufkommen wurde von der im Habichtswald in mehreren Zechen abgebauten Braunkohle sowie dem Habichtswälder Basalttuff bestimmt.
Überblick Die Bahn fuhr vom Kirchweg im Stadtteil Wehlheiden über die Kohlenstraße und die damals noch schmale, gepflasterte und steile Druseltalstraße hinauf bis in die Hochlagen des Habichtswalds. Man gelangte durch das waldreiche Tal der Drusel über den zum Stadtteil Wilhelmshöhe gehörenden Ortsbezirk Neu Holland und von dort entlang der Hüttenbergstraße hinauf bis nahe an den Herkules. Entlang der Hüttenbergstraße ist der ehemalige Verlauf der Gleise noch anhand eines zumeist gerade verlaufenden Spazier- und Wanderwegs zu erkennen (Stand 2024). Die Bergstation befand sich etwa 400 Meter südwestlich des Herkules auf etwa () nahe dem untersten der drei heutigen Parkplätze; unmittelbar östlich liegt der Drusel-Zufluss Sichelbach. Von der Endstation konnten die Fahrgäste zum Bergpark Wilhelmshöhe und zu den dortigen Wasserspielen gelangen.
Auf einer Nebenstrecke fuhren die Personentriebwagen vom Luisenhaus an der Druseltalstraße entlang des Habichtswalds beziehungsweise der Bergstraße (heute Konrad-Adenauer-Straße) bis zur Endstation unterhalb des Brasselsbergs im gleichnamigen Stadtteil. Eine weitere Nebenstrecke führte von Neu Holland aus am Ziegenkopf vorbei zum Hohen Gras, und eine dritte verlief zwischen der Haltestelle Dönche an der Druseltalstraße und dem Palmenbad, Kassels erstem Hallenbad.
Innerhalb des Habichtswalds bedienten die Gütertriebwagen mehrere Gleisanschlüsse, die das Abbaumaterial von den Zechen Alte Drusel, Herkules und Roter Stollen in Richtung Kassel transportierten. Die größte Steigung betrug 1:12,5 bzw. 80 ‰.
Geschichte Allgemeines mini|Gebäude der Endstation am Herkules um 1910 Im Habichtswald wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts an verschiedenen Stellen Braunkohle abgebaut (Nordhessisches Braunkohlerevier). Der Transport der Kohle, aber auch von Steinen aus den Steinbrüchen des Habichtswalds, insbesondere des dortigen Basalttuffs, war nur unter großen Mühen mit Pferdefuhrwerken möglich. Nachdem 1898 die Zeche Alte Drusel in den Besitz einer belgischen Gesellschaft, der Charbonnages de Cassel, übergegangen und stark erweitert worden war, sollte eine Drahtseilbahn die Kohle zum Bahnhof Wilhelmshöhe bringen.
Der Kasseler Industrielle Gustav Henkel regte in eigener Regie den Bau einer elektrischen Bahn an, die von seinem eigenen Elektrizitätswerk an der Hunrodstraße in Wilhelmshöhe gespeist werden sollte. Mit diesem Plan erhoffte er sich eine bessere Auslastung seines Kraftwerks, mehr Besucher für sein neben dem Kraftwerk liegendes Palmenbad und eine günstigere Verkehrsanbindung für die in Wilhelmshöhe befindliche Villenkolonie Mulang, in der er auch selber wohnte. Bereits 1897 hatte Henkel den Bau einer elektrischen Bergbahn vom Bahnhof Wilhelmshöhe zum Herkules beantragt, die im oberen Abschnitt als Zahnradbahn ausgeführt werden sollte. Diesen Antrag hatte jedoch das preußische Oberhofmarschallamt abgelehnt, das für das als Sommerresidenz der preußischen Könige und deutschen Kaiser genutzte Schloss Wilhelmshöhe zuständig war.
Am 28. Dezember 1901 erhielt Henkel schließlich die Konzession für den Bau einer meterspurigen elektrischen Kleinbahn für den Personen- und Güterverkehr. Zuvor hatte er einen Vertrag mit der belgischen Bergbaugesellschaft abgeschlossen, die damit auf ihre eigenen Baupläne verzichtete. Die Bauausführung oblag der Hannoverschen Bahnindustrie. mini|Herkulesbahn PlakatDie polizeiliche Abnahme für den Güterbetrieb fand am 7. November 1902 statt. Seitdem transportierte die Herkulesbahn mit eigens konstruierten Gütertriebwagen Braunkohle aus dem Druseltal zum Güterbahnhof Wilhelmshöhe in der Kohlenstraße und über einen Gleisanschluss zum Henkelschen E-Werk am Palmenbad. Ab 1905 wurde auch im Habichtswald abgebauter Basalt transportiert. Der Personenverkehr konnte am 27. April 1903 vom Palmenbad zum Herkules aufgenommen werden. Anfangs standen drei Personentriebwagen zur Verfügung. Am Palmenbad gab es einen Anschluss zur städtischen Kasseler Straßenbahn. Kurz nach der Eröffnung, im Dezember 1905, wurde die Herkulesbahn in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Ab 1909 baute die Gesellschaft ihre Strecke zwischen Güterbahnhof Wilhelmshöhe und Neu Holland abschnittsweise zweigleisig aus. In den Jahren 1912 bis 1915 beförderte die Bahn etwa 550.000 Personen, die höchste Beförderungsleistung an einem Tag war am 3. August 1913 mit 10.621 Fahrgästen. Zwischen 1920 und 1924 verkehrten die Kohlenzüge rund um die Uhr.
Zum 1. Januar 1927 übernahm die Große Kasseler Straßenbahn die Aktienmehrheit der Herkulesbahn, womit die Konkurrenzsituation zwischen den beiden Unternehmen endete. 1960 wurden beide Betriebe vereinigt und die Herkulesbahn AG aufgelöst. Nachdem der Bergbau im Habichtswald nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) stark zurückgegangen war, wurde der Güterverkehr unrentabel und im Juli 1961 eingestellt; bis dahin wurden täglich bis zu 500 Tonnen Ladung transportiert. Anschließend konnte die Strecke in eine Straßenbahn gemäß Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung (BOStrab) umgewidmet werden, der Betrieb nach der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung für Schmalspurbahnen (ESBO) war ohne den Güterverkehr nicht mehr notwendig. Außerdem bekam die Herkulesbahn damals Liniennummern im Anschluss an das Straßenbahnnetz zugeteilt. Fortan fuhren die Linie 12 nach Brasselsberg und die Linie 13 zum Herkules.
1962 beschloss der Aufsichtsrat der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG), des Nachfolgeunternehmens der Großen Kasseler Straßenbahn, die Herkulesbahn auf Normalspur umzuspuren und sie an der Straßenbahnendstelle Druseltal mit dem ebenfalls normalspurigen Straßenbahnnetz zu verbinden. Im oberen Teil der Strecke zum Herkules wurden hierzu bereits entsprechende Schwellen eingebaut. 1963 wurden Überlegungen der Bundeswehr bekannt, den Standortübungsplatz von der Dönche nach Ehlen zu verlegen und die Druseltalstraße als für Panzer geeignete Straße auszubauen. Nach Berechnungen der KVG war in diesem Fall der Omnibusbetrieb günstiger als die Umspurung und es wurde dem Magistrat der Stadt Kassel empfohlen, den Betrieb der Herkulesbahn mit dem Beginn des Ausbaus der Druseltalstraße einzustellen.
Schon bald nach der Stilllegung begann der Abbau von Strecke und Gebäuden und die Verschrottung aller Fahrzeuge, so dass heute nur noch wenig an die Herkulesbahn erinnert. Der ehemalige Streckenverlauf zum Brasselsberg ist teilweise als Fußweg erhalten, auch der ehemalige Streckenverlauf zwischen Neu-Holland und der Endhaltestelle Herkules ist noch zu erkennen.
Seit seiner Gründung am 3. Mai 2002 setzt sich der Förderverein Neue Herkulesbahn Kassel e. V. für eine Verlängerung der bestehenden Straßenbahnlinie – heute Linie 4, bis zum 25. März 2018 Linie 3 – zum Herkules ein. Die Trassierung soll weitestgehend der der ehemaligen Herkulesbahn entsprechen. Man verspricht sich dadurch vor allem eine bessere und zugleich schonendere touristische Erschließung des Bergparks Wilhelmshöhe. Ende Oktober 2018 haben die Stadtverordneten von Kassel beschlossen, dass für einen Neubau bzw. Reaktivierung der Herkulesbahn ein Verkehrskonzept entwickelt werden soll.
Im September 2025 stellte der Kasseler Oberbürgermeister Schoeller eine Machbarkeitsstudie der KVG vor, die zum Ergebnis kommt, dass der Neubau einer neuen Herkulesbahn sowohl wirtschaftlich und technisch machbar als auch mit dem Weltkulturerbestatus des Bergpark Wilhelmshöhe kompatibel sei. Dazu wäre das Projekt durch öffentliche Mittel förderfähig. In der Studie wurden zwei Streckenvarianten vorgestellt – eine über die Streckenführung der historischen Herkulesbahn und eine Alternativroute.
Streckennetz mini|Streckennetz der Herkulesbahn Zu Beginn war das Netz der Herkulesbahn 6,5 Kilometer lang, davon wurden 4,6 Kilometer im Güterverkehr und 4,42 Kilometer im Personenverkehr betrieben. Bereits 1909 wurde eine 1,4 Kilometer lange Erweiterung bis zum Kirchweg an der Wilhelmshöher Allee eröffnet. Da aber die Stadt Kassel hierfür die Genehmigung erteilen musste und eine Konkurrenz für den städtischen Straßenbahnbetrieb befürchtete, verzögerte sich die Eröffnung bis 1909. Fortan konnten die Fahrgäste vom Kirchweg aus in weniger als einer halben Stunde den Herkules erreichen.
1911 konnte das Angebot für den Personenverkehr durch die Eröffnung der 1,5 Kilometer langen Strecke zur Gartenstadt Brasselsberg abermals erweitert werden. Es war geplant und schon von allen Instanzen genehmigt, die Strecke von der Kohlenstraße bis an die Karlsaue zu führen, doch aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs (1914–1918) wurden die Pläne nicht weiter ausgeführt. Durch den erhöhten Rohstoffbedarf im Krieg wurden weitere Zechen an das Netz der Herkulesbahn angeschlossen. Ein kleiner Abzweig zur bei Neu Holland gelegenen Zeche Herkules wurde 1916 fertiggestellt.
1917/18 ließen die Betreiber der Zeche Roter Stollen eine Strecke von der Zeche Herkules vorbei am Ziegenkopf mit der Zeche Roter Stollen zum Hohen Gras bauen. Diese Verlängerung war 2,25 Kilometer lang und wurde hauptsächlich von Kriegsgefangenen errichtet. Zwischen 1922 und ihrer Stilllegung am 31. Dezember 1940 wurden auf ihr auch Personen befördert. Nach Eröffnung dieser Teilstrecke erreichte das Netz 1920 mit 11,24 Kilometern seine größte Ausdehnung.
Mehrere Faktoren führten 1923 zur Einstellung des Personenverkehrs zum Palmenbad. Zum einen wurden bereits 1918 das Bad und das in diesem Jahr von der Stadt übernommene Elektrizitätswerk stillgelegt, zum anderen expandierte die Große Kasseler Straßenbahn, und ein neuer Anknüpfungspunkt der Netze im Druseltal war vorhanden. Die Strecke wurde auf Normalspur umgebaut und diente seither als Verbindung vom Depot der Herkulesbahn zur Hauptwerkstatt im Betriebshof Wilhelmshöhe der Großen Kasseler Straßenbahn.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Zechen Herkules (31. Dezember 1940) und Roter Stollen (1941) und somit der Streckenabschnitt zum Hohen Gras stillgelegt. In den frühen 1950er Jahren war geplant, die Strecke vom Brasselsberg bis in die Nachbargemeinde Elgershausen (heute Ortsteil der Gemeinde Schauenburg) zu verlängern, was jedoch scheiterte.
Nachdem bereits am 1. Dezember 1965 die Verbindung vom Luisenhaus zum Brasselsberg auf Omnibusbetrieb umgestellt worden war, fuhr am 11. April 1966 kurz nach 23:00 Uhr letztmals ein Triebwagen vom Herkules talwärts. Seit dem Folgetag, dem 12. April, war auch der Herkules mit dem Kirchweg durch Busse verbunden.
Übersicht der Stilllegungen mini|Personen- (hinten) und Gütertriebwagen (vorne) in der Druseltalstraße, um 1910 StilllegungStreckenabschnitt 31. Dezember 1925 Kassel Palmenbad–Kassel Dönche 31. Dezember 1940 Zeche Herkules–Hohes Gras 31. Dezember 1940 Neu Holland–Zeche Herkules 30. November 1965 Kirchweg–Brasselsberg 11. April 1966 Luisenhaus–Herkules
Fahrzeugpark
Güterverkehr