Carl und Felicie Bernstein waren die ersten Sammler französischer impressionistischer Malerei in Deutschland.Anna-Dorothea Ludewig: „Haben Sie wirklich Geld für diesen Dreck gegeben?“ – Die Sammlung Carl und Felicie Bernstein, S. 90. Die Sammlung der Bernsteins wurde zunächst in ihrem literarischen Salon und später in der ersten deutschen Impressionisten-Ausstellung gezeigt und trug wesentlich zur Rezeption dieser Kunstrichtung in Deutschland bei. Der Salon der Bernsteins, den Felicie Bernstein nach dem Tod ihres Mannes fortführte, war für das künstlerische Leben in Berlin von den 1880er Jahren bis 1908 einer der wichtigsten Treffpunkte.Petra Wilhelmy-Dollinger: Die Berliner Salons, S. 309–311.
Leben mini|links|Max Liebermann: Bildnis Prof. Dr. Carl Bernstein1892, Privatsammlung mini|Felicie Bernstein Fotografie um 1872 Carl Bernstein kam am 13. Januar 1842 als Sohn des Kaufmanns Elias Bernstein und seiner Frau Chaja Clara, geborene Halberstamm, in Odessa zur Welt.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 16. Die Mutter starb kurz nach der Geburt. Wenig später heiratete der Vater in zweiter Ehe Emilie Landau. Carl Bernstein besuchte zunächst das Real-Gymnasium in Odessa und wechselte später an die Latina in Halle (Saale) und legte dort 1859 das Abitur ab. Anschließend studierte er Jura an den Universitäten Halle, Heidelberg und Berlin, wo er 1864 promovierte. Es folgte eine Ausbildungszeit im Justizdienst in Halle und Bitterfeld. Anschließend kehrte er nach Russland zurück und arbeitete zwei Jahre als Rechtsanwalt in Odessa. Weitere Studien führten ihn nach Sankt Petersburg. An der dortigen Kaiserlich-Russischen Universität erlangte er 1871 den Magistertitel für russisches Zivilrecht. Damit verbunden war die Befähigung, als Dozent an allen russischen Universitäten unterrichten zu können. Antisemitische Anfeindungen unter Bildungsminister Dmitri Andrejewitsch Tolstoi verhinderten dies jedoch.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 17.
Die am 7. September 1852 in Sankt Petersburg geborene Felicie Leonovna Rosenthalsiehe Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 373. war die Tochter des Bankiers Leon Rosenthal und seiner Frau Sara, geborene Neumark.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 131. Der Vater gehörte zum aufgeklärten Judentum, war Mitbegründer der Gesellschaft zur Förderung der Kultur unter den Juden Russlands, setzte sich für die säkulare Bildung ein, förderte hebräischsprachige Veröffentlichungen zu russischen Themen und war Unterstützer der Großen Choral-Synagoge. Nach dem Tod ihrer Mutter besuchte Felicie Bernstein ein Pensionat in Dresden.Anna-Dorothea Ludewig: „Haben Sie wirklich Geld für diesen Dreck gegeben?“ – Die Sammlung Carl und Felicie Bernstein, S. 94. Zurück in Sankt Petersburg übernahm die erst 18-Jährige in der Wohnung des Vaters die Rolle einer Gastgeberin. Gemeinsam empfingen sie dort mittwochs Gäste nach Vorbild eines französischen Salons. Bei einer dieser Zusammenkünfte lernte sie Carl Bernstein kennen.
Carl Bernstein und Felicie Rosenthal heirateten am 14. Januar 1872 im Stadttempel in Wien. Anschließend reisten sie durch Europa mit Stationen in Venedig und Florenz und besuchten zudem Algier. 1873 ließ sich das Paar in Berlin nieder und lebte zunächst in der Lennéstraße Nr. 2 im vornehmen Tiergartenviertel. Zur Ausstattung der Wohnung gehörten Möbel und Kunstgewerbe, die sie zuvor in Wien und Italien erworben hatten.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 132. Zudem verfügten die Bernsteins über eine umfangreiche Bibliothek mit deutschen Klassikern und französischen illustrierten Büchern des 18. Jahrhunderts.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 25. 1877 erfolgte der Umzug in die knapp 400 Quadratmeter große Präsidentenwohnung in der Straße In den Zelten Nr. 23.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 132. Die repräsentative Wohnung war als Spekulationsobjekt gebaut worden und sollte ursprünglich an den Reichstagspräsidenten vermietet werden, der sie jedoch nicht nutzte. Das Ehepaar lebte dort gemeinsam mit Carl Bernsteins Stiefmutter Emilie und seiner Halbschwester Therese.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 132. Später zog zudem Johanna von Rentzell bei den Bernsteins ein. Sie kam zum Studium der Musik nach Berlin und nahm im Laufe der Zeit für die kinderlosen Bernsteins die Rolle einer informellen Adoptivtochter ein.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 19.
1878 habilitierte Carl Bernstein im Römischen Recht und arbeitete zunächst als Privatdozent. 1885 wurde er außerordentlicher Professor für Römisches Recht.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 17. Zu seinen Veröffentlichungen gehören Zur Lehre vom alternativen Willen und den alternativen Rechtsgeschäften (1878) und Zur Lehre von der dotis dictio (1885). Seine Lehrtätigkeit gab Bernstein 1892 aus gesundheitlichen Gründen auf.
Die Mittwochabende gestalteten das Paar zusammen mit Therese Bernstein als Literarischen Salon, in dem zahlreiche Intellektuelle der Kaiserzeit verkehrten. Hierbei fungierte Felicie Bernstein als heitere und geistvolle Salonnière, während Therese Bernstein in der Tradition der précieuses streng über die Etikette wachte. Zum wöchentlichen Jour fixe erschienen Musiker wie Joseph Joachim und Richard Strauss, Maler wie Max Klinger, Adolph von Menzel und Max Liebermann, der Archäologe Adolf Furtwängler, der Theaterleiter Otto Brahm, die Historiker Ernst Curtius und Theodor Mommsen sowie die Kunsthistoriker Georg Treu, Wilhelm von Bode, Friedrich Lippmann, Hugo von Tschudi und Woldemar von Seidlitz.
Im Sommer 1882 reisten die Bernsteins nach Paris, wo sie Charles Ephrussi trafen, den Herausgeber der Kunstzeitschrift Gazette des Beaux-Arts. Er war ein Neffe von Carl Bernsteins Stiefmutter und beriet das Sammlerpaar beim Ankauf impressionistischer Gemälde. Die neuen Werke der Sammlung waren nicht nur Gesprächsthema im Salon der Bernsteins, sondern erhielten wenig später bei einer öffentlichen Präsentation überwiegend negative Kritiken. Positiv hingegen äußerte sich der Kunstschriftsteller Jules Laforgue, vormaliger Assistent von Ephrussi und in Berlin als französischer Vorleser der Kaiserin Augusta tätig. Zugleich lobte er im Dezember 1883 die Bernsteins, sie seien nicht nur „liebenswürdig“, sondern in Berlin „die künstlerischsten Leute“.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 37.
Carl Bernstein wurde 1892 von Max Liebermann porträtiert, der den Salon der Bernsteins als „wiederauferstandenen Salon der Frau Henriette Herz“ bezeichnete.Max Liebermann: Meine Erinnerungen an die Familie Bernstein. In: Carl und Felicie Bernstein: Erinnerungen ihrer Freunde. Dresden 1914 (Digitalisat). Bedingt durch die Krankheit Carl Bernsteins gaben die Bernsteins 1891 die Wohnung In den Zelten und ihren Salon auf.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 46. Das Paar befand sich fortan auf Reisen und besuchte Meran, Florenz und Rom. Zudem verbrachten sie einige Monate bei Charles Ephrussi in Paris oder am Vierwaldstättersee in der Schweiz. In Berlin hielten sie sich nur gelegentlich auf und wohnten dann im Hotel Kaiserhof. Dort starb Carl Bernstein 1894. Seine Sammlung französischer illustrierter Bücher schenkte Felicie Bernstein dem Berliner Kupferstichkabinett. 1895 folgten mehr als 100 Radierungen, meist französischer Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 47.
Im April 1896 zog Felicie Bernstein zusammen mit ihrer Schwägerin Therese Bernstein in die Stülerstraße Nr. 6 und führte dort wieder einen regelmäßigen Salon.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 50–51. Hierzu gehörten auch Empfänge, die von einem musikalischen Rahmenprogramm begleitet wurden. Beispielsweise trugen an einem Abend Richard Strauss und seine Frau Pauline Lieder im Hause Bernstein vor.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 51. Neben Max Liebermann gehörten nun auch die Künstler Sabine und Reinhold Lepsius, Curt Herrmann, Walter Leistikow und Louis Tuaillon zu den Gästen. Nach dem Tod von Therese Bernstein 1902 unternahm Felicie Bernstein ausgedehnte Reisen mit ihrer Freundin Emma Dohme (1854–1918), Witwe des Kunsthistorikers Robert Dohme. Zusammen gingen sie auf Schiffsreise nach Norwegen und besuchten Spitzbergen; eine andere Reise führte sie nach Sizilien und Nordafrika. Zudem besuchte Felicie Bernstein Familienangehörige in Paris, der Schweiz und an der französischen Mittelmeerküste. Wiederholt traf sie auf Reisen mit bedeutenden Geistesgrößen zusammen. In Florenz gehörten Charles Ephrussi und Théodore Reinach, beide Cousins ihres verstorbenen Mannes, zu ihrer Begleitung, während der Kunsthistoriker Bernard Berenson sie bei einem Rundgang durch die Uffizien begleitete. Bei einem Abendessen im Savoy Hotel in London traf sie die Kunsthistoriker Hugo von Tschudi, Friedrich Lippmann, Woldemar von Seidlitz und Georg Treu. Als sie sich 1900 zur Weltausstellung in Paris aufhielt, nahm sie bei Charles und seinem Bruder Jules Ephrussi an einem Abendessen teil, bei dem sowohl der Sammler Moïse de Camondo wie auch der Schriftsteller Émile Zola zu den Gästen zählten.Emily D. Bilski, Viktoria Krieger, Chana Schütz, Evelyn Wöldicke: Berlin. Cosmopolite: Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein, S. 52.