Bupropion (bis 2000 unter dem Internationalen Freinamen Amfebutamon bekannt, in Medikamenten als Bupropionhydrochlorid verwendet) ist ein Arzneistoff zur Behandlung von Depressionen, zur Raucherentwöhnung sowie zur Appetitzüglung. Der Wirkstoff gehört zur Gruppe der substituierten Cathinone, eine Untergruppe der Amphetamine, und ist daher zum Beispiel mit dem Anoretikum Amfepramon und dem Stimulanz Cathinon verwandt.
Bupropion wird vorrangig als selektiver Wiederaufnahmehemmer von Dopamin und Noradrenalin (SNDRI – Selektive Noradrenalin/Dopamin Reuptake Inhibitor) eingestuft. Die klinische Relevanz seiner dopaminergen Wirkung wird jedoch zunehmend angezweifelt. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass Bupropion direkt eine Dopamin- und Noradrenalin-Ausschüttung bewirkt (siehe Wirkungsweise).
Bupropion wurde 2021 in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation in der Gruppe der Psychopharmaka als „Medikament bei Suchterkrankungen“ aufgenommen.Mittel gegen Nikotinsucht "unverzichtbar" (Quelle nicht mehr online)
Anwendungsgebiete
Depression Bupropion ist seit 2007 in Deutschland unter dem Handelsnamen Elontril (Bupropionhydrochlorid) zur Behandlung von Depression zugelassen. In den USA wird Bupropion seit 1984 als Antidepressivum eingesetzt. In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass die Wirksamkeit von Bupropion mit der Wirksamkeit der Antidepressiva aus der Klasse der sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) vergleichbar ist. Bezogen auf Response und Remission wirkt es im Vergleich schlechter als Venlafaxin. Die unter der Behandlung mit vielen SSRI häufig auftretende sexuelle Dysfunktion (Post-SSRI Sexual Dysfunction – PSSD) kommt unter Bupropion seltener vor.Edith Holsboer-Trachsler, Florian Holsboer: Antidepressiva. In: Florian Holsboer, Gerhard Gründer, Otto Benkert (Hrsg.): Handbuch der Psychopharmakotherapie. Springer Verlag, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-20475-6, S. 525–527.Maurizio Fava, George I. Papakostas: Antidepressants. In: Theodore A. Stern, Jerrold F. Rosenbaum, Maurizio Fava u. a. (Hrsg.): Comprehensive Clinical Psychiatry. Mosby Elsevier, Philadelphia, 2008, ISBN 978-0-323-04743-2, S. 605.Papakostas u. a.: Efficacy of bupropion and the selective serotonin reuptake inhibitors in the treatment of major depressive disorder with high levels of anxiety (anxious depression): a pooled analysis of 10 studies. In: J Clin Psychiatry. 69(8), Aug 2008, S. 1287–1292. PMID 18605812.
Bupropion wirkt in der Zweitlinientherapiesiehe dazu: Erstlinientherapie nach Therapieversagen von Citalopram ähnlich gut wie Buspiron, Venlafaxin und Sertralin und führt bei etwa einem Viertel der Patienten zu einer Remission.Webseite der STAR*D-Studie (englisch).
In einer Veröffentlichung im New England Journal of Medicine wurde darauf hingewiesen, dass die US-Zulassung der SR-Retardformulierung von Bupropion (Wellbutrin SR) als Antidepressivum sich auf drei Wirksamkeitsstudien stützte, von denen die US-amerikanische Zulassungsbehörde für Arzneimittel (FDA) zwei als negativ beurteilte.E. H. Turner, A. M. Matthews u. a.: Selective publication of antidepressant trials and its influence on apparent efficacy. In: N Engl J Med. 358(3), 17 Jan 2008, S. 252–260. PMID 18199864.
Kombinationstherapie Die Kombination von Bupropion mit anderen Antidepressiva (außer Citalopram und Desipramin), Benzodiazepinen (außer Diazepam) und Neuroleptika wurde nicht systematisch untersucht. Lediglich im Rahmen von Untersuchungen zur Wirkung von Bupropion auf von SSRI ausgelöste sexuelle Dysfunktionen wurden Kombinationen von Bupropion mit verschiedenen SSRI durchgeführt.P. S. Masand, A. K. Ashton, S. Gupta, B. Frank: Sustained-release bupropion for selective serotonin reuptake inhibitor-induced sexual dysfunction: a randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group study. In: Am J Psychiatry. 158(5), May 2001, S. 805–807. PMID 11329407.A. H. Clayton, J. K. Warnock, S. G. Kornstein, R. Pinkerton, A. Sheldon-Keller, E. L. McGarvey: A placebo-controlled trial of bupropion SR as an antidote for selective serotonin reuptake inhibitor-induced sexual dysfunction. In: J Clin Psychiatry. 65(1), Jan 2004, S. 62–67. PMID 14744170. Die Idee, eine sexuelle Dysfunktion aufgrund der Einnahme anderer Antidepressiva durch zusätzliche Gabe von Bupropion zu bessern, ist umstritten.P. S. Masand, A. K. Ashton, S. Gupta, B. Frank: Sustained-release bupropion for selective serotonin reuptake inhibitor-induced sexual dysfunction: a randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group study. In: The American Journal of Psychiatry. Band 158, Nummer 5, Mai 2001, S. 805–807, doi:10.1176/appi.ajp.158.5.805, PMID 11329407. Es wurde jedoch in einigen klinischen Studien eine deutliche Verbesserung von durch SSRI hervorgerufenen sexuellen Dysfunktion beobachtet.A. H. Clayton, J. K. Warnock, S. G. Kornstein, R. Pinkerton, A. Sheldon-Keller, E. L. McGarvey: A placebo-controlled trial of bupropion SR as an antidote for selective serotonin reuptake inhibitor-induced sexual dysfunction. In: The Journal of Clinical Psychiatry. Band 65, Nummer 1, Januar 2004, S. 62–67, PMID 14744170.
In Kombination mit anderen Antidepressiva soll Bupropion einige Nebenwirkungen dieser Stoffe ausgleichen. Unerwünschter Müdigkeit, die durch sedierende Antidepressiva (z. B. Mianserin und Mirtazapin) entsteht, kann gegebenenfalls durch die stimulierende Wirkung von Bupropion entgegengewirkt werden. Zur Besserung von Müdigkeitserscheinungen wird Bupropion am Beginn, das ermüdende Antidepressivum am Ende des Tages genommen.J. Schöpf: Moderne Antidepressiva – Wechseln, Kombinieren und Augmentieren. Steinkopf Verlag, Darmstadt 2003, ISBN 3-7985-1426-7.Brigitte Woggon: Behandlung mit Psychopharmaka. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag Hans Huber, Hogrefe, Bern 2005, ISBN 3-456-83538-8. Schlaffördernde oder sexuell dämpfende Antidepressiva wiederum können den durch Bupropion ausgelösten Schlafstörungen oder dem Priapismus entgegenwirken. Das Beheben von Nebenwirkungen anderer Antidepressiva ist keine zugelassene Indikation von Bupropion.
Raucherentwöhnung Die Substanz ist zur Raucherentwöhnung zugelassen und in Deutschland unter dem Namen Zyban erhältlich. In einer Metaanalyse von 31 Studien zeigte sich, dass unter der Behandlung mit Bupropion der Anteil von Patienten, die nach der Behandlung mindestens sechs Monate lang nicht rauchten, mit 19 % fast doppelt so hoch war, wie der von 10,3 % unter einer Placebo-Behandlung. Bupropion ist im direkten Vergleich ebenso wirksam wie Nikotinpflaster. Nikotinpflaster zusätzlich zu Bupropion verbesserten die Abstinenzrate nicht.J. R. Hughes, L. F. Stead, T. Lancaster: Antidepressants for smoking cessation. In: Cochrane Database of Systematic Reviews. Nr. 1, 2007, Art. No.: CD000031. Es gibt Hinweise darauf, dass Bupropion dem Vareniclin unterlegen ist.K. Cahill, L. F. Stead, T. Lancaster: Nicotine receptor partial agonists for smoking cessation. In: Cochrane Database of Systematic Reviews. Nr. 1, 2007, Art. No.: CD006103. doi:10.1002/14651858.CD006103.pub2. Die Therapie ist nur bei Trägern einer bestimmten, bei europäischstämmigen Menschen allerdings weit verbreiteten, Genvariante im Cytochrom-P450-System erfolgversprechend: Ungefähr 45 % aller Menschen europäischer Herkunft haben den Genotyp CYP2B6*6. 33 % der Träger dieser Genvariante konnten durch Bupropion mit dem Rauchen aufhören (bei den Probanden, die ein Placebo erhielten, waren es nur 14 %). Die Träger einer anderen Genvariante (Genotyp CYP2B6*1) hatten jedoch keinen Nutzen durch Bupropion.A. M. Lee, C. Jepson, E. Hoffmann, L. Epstein, L. W. Hawk, C. Lerman, R. F. Tyndale: CYP2B6 genotype alters abstinence rates in a bupropion smoking cessation trial. In: Biological psychiatry. Band 62, Nr. 6, September 2007, S. 635–641, doi:10.1016/j.biopsych.2006.10.005. PMID 17223085.aerzteblatt-studieren.de: vom 11. September 2007.
Weitere Indikationen Bupropion kann gegen ADHS verwendet werden, wobei die Substanz dafür keine Zulassung besitzt und an Patienten unter 18 Jahren nicht auf Wirksamkeit und Sicherheit geprüft wurde., GSK 02/2007.
Bupropion kann auch zu Verminderung des Appetites und zu Gewichtsverlust führen, war aber zu diesem Zweck zunächst nicht zugelassen.t-nation.com: In einer herstellerfinanzierten 48-wöchigen Studie verloren die mit Bupropion behandelten Patienten etwas mehr Gewicht (bis 5,1 %) als diejenigen, die ein Scheinmedikament (Placebo) einnahmen. Das entspräche etwa der Wirkung anderer Schlankmacher.J. W. Anderson, F. L. Greenway, K. Fujioka, K. M. Gadde, J. McKenney, P. M. O'Neil: Bupropion SR enhances weight loss: a 48-week double-blind, placebo- controlled trial. In: Obesity research. Band 10, Nr. 7, Juli 2002, S. 633–641, doi:10.1038/oby.2002.86. PMID 12105285. Ob das Körpergewicht nach Absetzen – wie von ähnlichen Substanzen wie Sibutramin bekannt – wieder ansteigt (Jojo-Effekt), ist bislang nicht geklärt.Kishore M Gadde, Glen L Xiong: Bupropion for weight reduction. In: Expert Review of Neurotherapeutics. 7, 2007, S. 17, doi:10.1586/14737175.7.1.17. Ein Kombinationspräparat aus Bupropion und Naltrexon hat sich in klinischen Studien als eine wirksame Methode zur Gewichtsabnahme für Adipositas-Patienten erwiesen.professional.diabetes.org: Es ist seit 2018 in Deutschland unter dem Markennamen Mysimba erhältlich. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis wurde in der Deutschen Apothekerzeitung als ungünstig bewertetGefährliche Diätpille: Pharmakologie-Experte rät von Mysimba ab in: Deutsche Apothekerzeitung online, 27. Februar 2018, abgerufen am 7. August 2020., ebenfalls existiert zwischenzeitlich ein Rote-Hand-Brief zu dem (auf www.docmorris.de letztens nicht mehr als GKV-erstattungsfähig gelisteten) Mischpräparat Mysimba (Stand: 15. September 2026).
Geschichte Die Zulassung von Bupropion als Antidepressivum bestand in den USA seit 1984, wurde jedoch wegen wiederholter Meldungen von Krampfanfällen, die teilweise tödlich endeten, 1986 wieder entzogen. Nach darauffolgenden zusätzlichen Studien wurde festgestellt, dass Krampfanfälle eine seltene und dosisabhängige Nebenwirkung sind. Daraufhin wurde die Zulassung in den USA 1989 in niedrigerer Dosierung wieder erteilt. 1996 wurde von der Food and Drug Administration (FDA) eine Retard-Formulierung (SR, sustained release) zugelassen, die zweimal tägliche Gabe erlaubt; 2003 dann eine (XL oder XR, extended release), die einmal tägliche Gabe erlaubt.
In Deutschland wurde die Zulassung als Antidepressivum in einer retardierten Präparatform unter der Bezeichnung Elontril zum 2. April 2007 erteilt. Bupropion wurde auch schon vor der amtlichen Zulassung off-label als Antidepressivum angewendet.
In der Schweiz war der Wirkstoff anfangs nur zur Raucherentwöhnung (Zyban) registriert. Seit Dezember 2007 ist Bupropion als Antidepressivum unter dem Handelsnamen Wellbutrin XR zu 150 mg und 300 mg zugelassen. Es wurde in die Spezialitätenliste aufgenommen und wird somit von der Grundversicherung der Krankenkasse vergütet. Es besteht eine Limitatio: Behandlung von depressiven Episoden; die Einleitung der Therapie muss durch einen Psychiater oder Neurologen erfolgen.
Pharmakologie Chemisch ist Bupropion ein β-Ketoamphetamin-Derivat und gehört zur Gruppe der Cathinone. Allgemein ist es den Phenethylaminen zuzuordnen und dort der Untergruppe der Amphetamine. Es ist daher möglich, dass während der Behandlung ein urinaler Drogentest bezüglich Amphetamin und Methamphetamin positiv ausfällt.